NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Flüchtlingsgespräch

Von Manfred Papst

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

In einem höhlenartigen Kellerraum. Die Deckenwölbung ist rauchgeschwärzt, ihr Kalkbewurf abgefallen. Den Wänden entlang sitzen oder liegen elende Gestalten auf Pritschen. Man hört Stöhnen, Husten, Fluchen. B, ein stiernackiger junger Mann mit vernarbtem Nasenflügel, bastelt mit plumpen Händen an einer Mausefalle herum. Es klopft. A, mit Wanderstab und Ranzen, am Gürtel Kochtopf und Teekanne, tritt ein.

B: (für sich) Jawoll, det is och man wieder so'n Jeschäft zum Vahungern. Wenn ick mit Streichhölzern handeln du, denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von. (singt) Unser janzet Leben lang / von det eene Ristorang / in det andre Ristorang . . .  

A: Gott zum Gruss! (sieht sich um) Ich weiss auch Spitzbuben zu achten. Ein Floh, mein' ich, ist so gut wie der andere: alle sind schwarz, und alle hopsen. Wo darf ich mich hier einquartieren?  

B: Da sieh mal eener an! Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin, aber wenn't jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir.

A: Ich verstehe nicht recht . . .  

B: Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da ma bessara Lausch an. Sonst is es mich wahaftig Pomade.  

A: Ein warmes Eckchen  - das ist für einen alten Mann die Hauptsache. Sind wir nicht alle Pilger hier auf Erden? Man sagt sogar, dass auch unsere Erde nur eine Pilgerin ist im Himmelsraum.  

B: Kann sind, det de in Koppe nich ganz richtig bist. (zieht seine Brieftasche) Nich ma'n dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmulje drin. Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in Tierjarten platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. Pinke musste mich jeben!  

A: Darf man gegen einen Menschen so rücksichtslos sein? Was du auch anstellst, wie du dich auch aufspielst - als Mensch bist du geboren, und als Mensch wirst du sterben . . .  

B: Wat wiste mit det barmherzige Jesumse. Ick brauche Märker und Pfenniche. Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller  meent, det ick an liebsten muss ieber de russische Jrenze jehn!  

A: Gut so! Ein schönes Land. Sibirien! Ein goldenes Land! Wer gut bei Kräften ist und nicht auf den Kopf gefallen, der fühlt sich dort wie die Gurke im Frühbeet!  

B: (hat nicht recht zugehört) Und wenn det och nich klappt, mache ick Bammelmann, und denn ha'm se uf Charité wieder ma wat zum Sezieren!  

A: Und der Herr wird dich mild und freundlich anschauen und sagen: Ich kenne diesen B! Der Tod, sag ich dir, ist für uns wie eine Mutter für ihre kleinen Kinder.  

B: Jewiss doch, dat weess ick ja allens! Aber so eenfach schiebt sich det nu eemal nu eben nich. Wat wiste? Ick weess, ick bin mit'n Ast uf'n Pukkel un nich in Zangzuzih uf de Welt jekomm. Ick muss sehn un mir mit mein Ast mang mang helfen.  

A: Hör, mein Junge, was ich dir sage: das Weib, das halte dir vom Leibe! Sieh mich an. Ganz kahlköpfig bin ich . . . und wovon? Einzig und allein von den Weibern. Hab ihrer vielleicht mehr gekannt, als ich Haare auf dem Kopfe hatte. Der Mensch soll sich selber achten, ein neues Leben anfangen . . .  

B: (freundlicher) Wacht ma. Hier hab ich noch'n Hufeisen. Det ha ick jefunden! Det bringt Glück! Ick brauche ihm nich.

B horcht plötzlich auf, wittert Gefahr, ist Augenblicke später lautlos verschwunden. A sieht ihm besorgt nach: als wüsste er schon, dass auch er selbst alsbald wird weiterfliehen müssen und dass am Ende ihrer beider Geschichten jemand Hand an sich legen wird.

Wer und wer? A ist der Pilger Luka aus Maxim Gorkis «Nachtasyl» (1902) ; B ist Bruno Mechelke aus Gerhart Hauptmanns Drama «Die Ratten» (1911).


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