Beretta. Ein Name, der Erinnerungen weckt: Man denkt an Cops ohne Furcht in den Strassenschluchten Manhattans, an unsterbliche Agenten und rastlose Detektive, an Jäger des organisierten Verbrechens und an Mafiabosse in Nadelstreifenanzügen, den Borsalino tief ins Gesicht gezogen, die grosskalibrige Waffe locker im Schulterhafter. «Dann griff er zu seiner Beretta . . .» - das ist schon fast ein literarischer Topos, ein Signal für höchste Spannung, die alles andere einen Augenblick lang vergessen lässt.
Die Wirklichkeit ist anders: nicht weniger spannend zwar, doch ungleich komplizierter. Und heikle Fragen stellen sich, etwa die nach der Moral des Waffengebrauchs, nach der Ethik des Waffengeschäfts, die Frage nach den Opfern, mit denen der Weg einer Waffenfabrik gepflastert ist.
Die in Val Gardone del Trompia bei Brescia beheimatete Firma Beretta gehört zu den vier weltweit führenden Herstellern von Schusswaffen und zeigt sich zunächst von derlei Zweifeln völlig unbeleckt. Mit einigem Stolz vermerkt sie statt dessen, dass Polizei und Armee Italiens mit einer Beretta der Serie 92, dem Prunkstück der Waffenschmiede, ausgerüstet sind und dass die gleiche Pistole auch von der französischen Gendarmerie, der Polizei verschiedener amerikanischer Bundesstaaten sowie von den Offizieren der US-Army, der Navy und der Air Force getragen wird. Zu den Abnehmern von Gewehren und Faustfeuerwaffen gehören die Armeen von Malaysia, Jordanien, Argentinien sowie einer Reihe weiterer Staaten. Rund 30 Prozent der Produktion werden von staatlichen Institutionen aufgekauft; der Rest bleibt für die sogenannte Privatkundschaft reserviert. Das einzigartige Sortiment, das Sportgewehre, Jagdflinten und Pistolen unterschiedlichster Kaliber umfasst, lässt keine Wünsche offen; und mögen auch einige dieser Werkzeuge in die Hände von schlecht beleumundeten Gesellen geraten - es gehört zum Risiko des Geschäftes.
Wie das Waffengeschäft in der Hitze der Konflikte erblüht und wie es im Frieden welkt: auch davon legt die Geschichte der Beretta reiches Zeugnis ab. Beretta ist einer der ältesten Familien-Industriebetriebe der Welt und möglicherweise die älteste noch existierende Waffenschmiede überhaupt. Im Staatsarchiv von Brescia lagert ein Schriftstück, das belegt, dass bereits Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts ein gewisser Bartolomeo Beretta, Zeitgenosse von Leonardo da Vinci, in Gardone Val Trompia eine kleine Schmiede besass, in der er Gewehrläufe herstellte. Bartolomeo Beretta übergab Hammer und Amboss seinem Sohn Giovannino. Es folgten Giovanni Antonio, Jacomo und Lodovico. Nach einigen Generationen waren die Berettas über die Region hinaus bekannt als «Maestri di canne» und verkauften Gewehrläufe in ganz Norditalien. «Wir sind Bergler, in der Schmiede sind wir aufgewachsen, das Eisen ist unser Lebensinhalt», schrieb Giovanni Beretta 1683 in einer Korrespondenz. «Wir arbeiten mit dem Amboss und dem schweren Hammer, und unser Haupt ist von Glut gebräunt.» Die Nachfrageschwankungen, je nachdem, ob in Mitteleuropa Krieg oder Frieden herrschte, veranlassten Cavaliere Pietro Beretta I. in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Produktion in die Sparte der Jagdwaffen zu diversifizieren.
Der Durchbruch zur europäischen Spitze der Faustfeuerwaffenproduzenten gelang Beretta mit der Entwicklung der ersten halbautomatischen Handfeuerwaffe während des Ersten Weltkrieges. Beretta produzierte jetzt auch Maschinengewehre, die auf Mussolinis Äthiopienfeldzug traurige Berühmtheit erlangen sollten. Der Zweite Weltkrieg endlich brachte Aufträge in einmaliger Zahl, bis 1945 die Alliierten die Fabrik in Schutt und Asche legten. Pietro Beretta II. sollte es darauf gelingen - nach einem schnellen Arrangement mit den Siegermächten -, die Waffenfabrik zum international operierenden Unternehmen aufzubauen. Zu Niederlassungen in Spanien, Frankreich und Griechenland kam 1978 ein Produktionsbetrieb in den USA.
Mittlerweile wird das traditionsreiche Unternehmen nun von Familienmitgliedern in der 12., 13. und 14. Generation geleitet. Der 86jährige Pier Giuseppe Beretta firmiert als Verwaltungsratspräsident, sein Neffe Ugo Gussalli Beretta zeichnet als Delegierter und trägt, da ein direkter männlicher Nachkomme fehlt, die Verantwortung fürs Tagesgeschäft. Ihm zur Hand gehen seine beiden Söhne.
Ugo Gussalli Beretta spricht viel von Familientradition, was bei einem Unternehmen mit fast 500jähriger Geschichte ja auch nicht abwegig ist. Beinahe gutmütig schaut dabei der Capo der Firma aus den goldumrandeten Gläsern seiner Pilotenbrille. An den Handgelenken des Chefs blinken ein Armreif und eine massive Uhr. Streift das Gespräch indes das Geschäftliche, gibt sich der Neffe wortkarg, und schliesslich brummt er wie Marlon Brando, der «Pate»: «Ecco, das Ende des kalten Krieges macht uns natürlich zu schaffen . . . Und neue Märkte, zum Beispiel in Afrika, sind nicht einfach zu bearbeiten . . . Auch die Opposition gegen die Jagd in Italien sehen wir natürlich gar nicht gerne . . .» Die «widrigen Umstände» hatten zur Folge, dass im Stammhaus der Beretta in den letzten Jahren der Personalbestand von 1500 Mitarbeitern auf rund 1000 abgebaut werden musste. Der Umsatz stagniert - bei einem Reingewinn von 4 Millionen Franken - bei rund 200 Millionen Franken. Die über die Jahrhunderte gebildeten Reserven, dazu gehört vor allem der Liegenschaftsbesitz, machen allerdings auch solche «rundum unerfreuliche» Zeiten einigermassen erträglich.
Allein die Fabrikationshallen bedecken eine Fläche von 60 000 Quadratmetern. Auf der Sonnenseite des Tals thront der Firmensitz, ein herrschaftliches Anwesen mit gepflegter Parkanlage, das die Büros und ein Museum beherbergt. Auf der Schattenseite fressen sich, ähnlich einer Talsperre, die gesichtslosen Fabrikhallen in Dorf und Landschaft. Industrieroboter verrichten hier ihre Arbeit: vollautomatische Maschinen bohren und hämmern Gewehr- und Pistolenläufe, fräsen die einzelnen Bestandteile aus - Verschlussstück, Schlagbolzen, Griffstück, Ausstosser, Hahn und Hahnklappe, Hahnenklappenbolzen und Hahnenklappfedern, Abzug und Abzugheber. Die Präzision bei der Fertigung der Einzelteile, das Metall (Stahl mit erhöhtem Nickelgehalt) sowie die speziellen Legierungen gelten als Erfolgsgeheimnis der Beretta-Waffen, die computergestützte Produktion als Garant für gleichmässige Qualität. Von Hand montiert werden dann die über 30 Einzelteile einer Pistole.
Alte Büchsenmacherkunst kommt so nur noch bei der Herstellung von Luxusjagdgewehren zur Anwendung. Bei solchen Spezialanfertigungen kann der Kunde die Grösse des Schaftes (feinstes Nussbaumholz!) bestimmen und das Motiv auswählen, das dann kunstvoll und in tagelanger Arbeit um den Verschluss ins Metall ziseliert wird. Der Preis einer solchen Flinte beläuft sich freilich schnell einmal auf über 50 000 Franken; sie ist somit für eine ganz spezielle, immer seltener werdende Kundschaft reserviert.