NZZ Folio 08/04 - Thema: Olympia   Inhaltsverzeichnis

Die Schenkelentblösserinnen

Frauen durften an den Wettkämpfen in Olympia nicht teilnehmen. Fürchtete man um die Moral? Im benachbarten Sparta trainierten die Mädchen nackt mit den Knaben.

Von Tony Perrottet

Die alten Olympischen Spiele waren der Höhepunkt griechischer Männerbündelei. Ledige Frauen waren als Zuschauerinnen zu den Spielen zwar zugelassen, und es streiften auch Prostituierte durch die Zeltstadt, doch nur eine einzige verheiratete Frau durfte das Heiligtum während der Spiele betreten: die Priesterin der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, die auf einem steinernen Thron an der Nordseite des Stadions sass. Dieses Amt war unter den Frauen der griechischen Oberklasse begehrt. Im 2. Jahrhundert n. Chr. beispielsweise wurde es von Regilla eingenommen, der Gattin des Philanthropen Herodes Atticus, der gewaltige Summen in die Renovation von Olympia investiert hatte.

Jeder anderen verheirateten Frau, die es wagte, «die Spiele durch ihre Gegenwart zu entweihen», drohte, von einem nahe gelegenen Felsen zu Tode gestürzt zu werden – eine Strafe, die allerdings nie vollzogen wurde, nicht einmal in jenem berüchtigten Fall aus dem Jahr 404 v. Chr., als eine Mutter aus Rhodos sich die Haare schor und im Gewand eines Trainers ins Stadion schlich, um ihrem Sohn beim Wettkampf zuzusehen. Als sie vor lauter Begeisterung über seinen Sieg über die Absperrung sprang, blieb sie mit den Fransen ihrer Tunika hängen. Die Richter liessen es bei einer Verwarnung bewenden, weil die Frau aus einer berühmten Sportlerfamilie stammte – ihr Mann und ihr Vater waren Olympiasieger. Ganz leer gingen die verheirateten Frauen und Mütter allerdings nicht aus: Von der Südseite des Flusses Alpheios aus konnte man das Stadion einsehen.

Frauen war es verboten, sich als Wettkämpferinnen an den Spielen des Zeus zu beteiligen, aber es gab für griechische Mädchen (wahrscheinlich im Alter von 12 bis 18 Jahren) ein eigenes, der Gemahlin des Zeus, Hera, geweihtes Sportereignis, das ebenfalls in Olympia stattfand und bei dem die Mädchen in kurzen Tuniken und mit unbedeckter rechter Brust um die Wette liefen. Die einzige erhaltene Beschreibung dieser aussergewöhnlichen Veranstaltung, die wie ein Nachhall auf voreheliche Initiationsriten in anderen Teilen Griechenlands klingt, findet sich in Pausanias’ Reiseberichten, aber auch dort erfahren wir nur frustrierend wenige Details.

Wir wissen, dass sich diese Wettkämpfe auf Wettläufe zwischen Jungfrauen dreier Altersklassen beschränkten. Die Mädchen liefen auf derselben Spur im olympischen Stadion wie die Männer, nur dass die Strecke um einen Sechstel auf 160 Meter verkürzt wurde. Die Historiker spekulieren darüber, ob ihre ungewöhnliche Bekleidung, die die eine Brust frei liess, als Reminiszenz an die mythischen Amazonen gedacht war. Von diesen ausserordentlich kriegerischen Frauen, die angeblich in Kleinasien in der Nähe des Schwarzen Meeres lebten, hiess es, sie amputierten sich ihre rechte Brust, damit sie sie nicht beim Speerwerfen behindere.

Auch die Ursprünge der Spiele der Hera, der sogenannten Heraien, verlieren sich im Dunkel volkstümlicher Überlieferung. Pausanias berichtet, die schöne Hippodameia habe das Fest vor langer Zeit ins Leben gerufen, um sich bei Hera für die Hochzeit mit dem Heroen Pelops zu bedanken. Hippodameia habe das Sportfest mit Hilfe von 16 Frauen organisiert, und seit jener Zeit würden die Festspiele der Hera von den verheirateten Frauen von Elis ausgerichtet. Die 16 ehrwürdigsten unter ihnen waren dazu ausersehen, das Festkleid zu weben, das die Statue der Göttin Hera im Tempel zu Olympia trug. Dieses Kollegium von Grandes Dames veranstaltete ausserdem in Elis die Feste für Dionysos, den Gott der erwachsenen Frauen, sowie Chöre für verschiedene lokale Heldinnen.

Manche Elemente der Festspiele der Hera, die ungefähr 580 v. Chr. formell in einem Vertrag von den Eleern festgeschrieben wurden, waren den Spielen der Männer nachgebildet: Die Heraien wurden alle vier Jahre in Olympia veranstaltet. Die Siegerinnen wurden mit einem geweihten Olivenzweig bekränzt und erhielten beim abschliessenden Festmahl einen Teil der geopferten Kuh. Es war ihnen gestattet, sich im Heiligtum zu verewigen, wenn auch in der Regel nicht mit einer Statue, sondern mit einem gemalten Portrait im Tempel der Hera. Die Eltern der Gewinnerinnen durften Siegeshymnen in Auftrag geben.

Abgesehen von diesen bruchstückhaften Informationen bleiben diese Festspiele für uns rätselhaft. Weder wissen wir, zu welcher Jahreszeit sie abgehalten wurden, noch, wie lange sie dauerten. Einige Historiker mutmassten sogar, die Heraien hätten zur selben Zeit stattgefunden wie die Olympischen Spiele der Männer.

Ausserhalb Olympias wurde den Frauen eine bedeutendere Rolle im Sport zugebilligt. Die jugendlichen Mädchen von Kyrene zum Beispiel liefen zu Hause mit den Knaben um die Wette, und auf der Insel Chios beteiligten sich die Mädchen am Ringkampf. Die Teilnahme von Frauen an den leichtathletischen Disziplinen scheint zur Zeit der Römer weiter zugenommen zu haben: Die meisten städtischen Sportfeste boten auch Frauenwettkämpfe an, und selbst die heiligen Spiele von Korinth, Delphi und Nemea wurden in wachsendem Masse von Frauen infiltriert.

In einer Mauerinschrift aus dem Jahr 45 n. Chr. prahlt ein stolzer Vater damit, dass seine drei Töchter namens Typhora, Hedla und Dionysia eine Reihe von Wettläufen in Delphi und Korinth gewonnen hätten. Nur Olympia blieb konservativ und hielt bis zuletzt am Ausschluss von Athletinnen und verheirateten Zuschauerinnen fest. Während 1200 Jahren gab es nur ein einziges Hintertürchen, das Frauen die Teilnahme an Wettkämpfen ermöglichte: Als Besitzerin eines Pferdes war einer Frau die Teilnahme an den Pferdewettkämpfen erlaubt.

Die lebenslustige spartanische Prinzessin Kyniska machte sich die Lücke in den Bestimmungen als erste zunutze und setzte sich selbst lautstark ein Denkmal: «Ein Bildnis setze ich mir hier / und ich verkünde stolz / dass ich von allen Frauen Griechenlands / als erste den olympischen Kranz trug.» In den späteren Jahrhunderten der olympischen Geschichte dürfte der Ausschluss verheirateter Zuschauerinnen vor allem die römischen Besucherinnen Griechenlands verärgert haben, die zu Hause neben ihren Männern auf der Tribüne des Circus maximus Platz nehmen durften und denen bei den Gladiatorenkämpfen im Colosseum eine eigene Sektion zugewiesen wurde.

Es gab in der Antike nur einen Ort, wo Mädchen in den Genuss einer vollumfänglichen Leibeserziehung kamen: Sparta. Seit seinen Anfängen legte der im Zentrum des Peloponnes gelegene militaristische Stadtstaat grossen Wert auf gesunde Frauen. Die Mädchen wurden, wie ihre Brüder, im Alter von sieben Jahren aus ihren Familie herausgenommen und einem straffen Regime unterworfen, das auf ihre körperliche Vervollkommnung abzielte. Sie wurden in sämtlichen griechischen Sportarten unterrichtet, einschliesslich des Speerwerfens, Diskuswerfens und Ringens, was sie «von aller Anmut und Weiblichkeit befreite», wie ein zeitgenössischer griechischer Autor befand.

Die Mädchen trainierten mit nacktem, eingeöltem Körper neben den Knaben im Gymnasion und traten bei städtischen Wettkämpfen als Ringerinnen gegeneinander an. Sie waren in ganz Griechenland für ihre muskulösen Körper und für ihre Unverblümtheit verschrien. Spartanische Frauen pflegten ihre Männer und Söhne vor der Schlacht zu ermahnen, sie sollten entweder «mit ihrem Schild oder auf ihm» nach Hause zurückkehren.

Ihre Schamlosigkeit schockierte die misogynen Griechen. Die «demokratischen» Athener etwa sperrten ihre Mädchen wie Gefangene ohne die geringste Ausbildung in ihren Häusern ein; nur radikale Denker wie Platon kamen auf die Idee, dass Frauen eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielen könnten.

Selbst wenn die spartanischen Mädchen nicht nackt über die Felder rannten, so war doch schon der Anblick ihrer kurzen Tunika, unter der sie keine Unterwäsche trugen, für die Athener Moralisten schwer zu ertragen. Der Dichter Ibykos gab ihnen im 6. Jahrhundert v. Chr. den Spitznamen «phainomerides», was so viel heisst wie «Schenkelentblösserinnen». Der Schenkel war ein Euphemismus für die weiblichen Geschlechtsteile. Die Frauen standen im Ruf einer schamlosen Promiskuität – und war nicht die berühmteste Spartanerin der Literatur, Helena aus Troia, eine treulose Abtrünnige?

Entsprechend beklagt sich einer von Aristophanes’ Charakteren bei einem Spartaner über die Unbändigkeit spartanischer junger Mädchen: «Sie verlassen ihr Zuhause und gehen mit baren Schenkeln und offenen Gewändern mit jungen Männern aus und veranstalten Ringkämpfe und Wettrennen mit ihnen! Dergleichen würde ich nicht hinnehmen! Kann es da verwundern, dass ihr Spartaner keine keuschen Frauen grosszieht?»

Natürlich darf man daraus nicht schliessen, dass Sparta ein frühes feministisches Paradies gewesen sei. Der einzige Zweck des Trainings bestand in der körperlichen Ertüchtigung künftiger Mütter, die auf diese Weise zur Aufzucht übermenschlicher, kräftiger männlicher Soldaten beitragen sollten. «Die Ehe ist dem Mädchen, was dem Knaben der Krieg», lautete ein spartanisches Sprichwort; das Ziel der weiblichen Leibesertüchtigung bestand also darin, wie ein Beobachter bemerkte, den Nachkommen «einen kräftigen Anfang in einem kräftigen Körper» zu garantieren.

Die Frauen selbst hatten jedoch keine Wahl, denn sechs zwielichtige «Frauenkommissare» sorgten dafür, dass das Fliessband der familiären Reproduktion nicht durch Widerspenstige, die sich vor ihren sozialen Pflichten drücken wollten, zum Stillstand kam. Das Nackttraining war zugleich eine erotische Werbeveranstaltung, um potentielle Ehemänner anzulocken, und jedes Mädchen, das der Heirat zu entkommen versuchte, wurde schwer bestraft. All das gehörte zu einem skrupellosen eugenischen System, das bei den Nazis später grosse Bewunderung fand: Jedes spartanische Kind wurde nach Geburt einem – ausschliesslich männlichen – Gremium zur Begutachtung vorgelegt: Alle körperlich minderwertigen Babies warf man in eine Schlucht.

Bevor wir jedoch voreilig den Stab über die Griechen brechen, sollten wir uns klarmachen, dass auch in den modernen Olympischen Spielen die Gleichstellung der Frauen lange Zeit auf sich warten liess. Der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, Baron Pierre de Coubertin, war grundsätzlich gegen die Teilnahme von Frauen. Bei den Spielen von 1896 in Athen waren keine Frauen dabei; 1900 beschränkte sich ihre Teilnahme an den Wettkämpfen auf Tennis; 1904 wurde Tennis fallengelassen und durch Bogenschiessen ersetzt. Erst 1928 bei den Spielen in Amsterdam wurden Frauen zu verschiedenen Leichtathletikdisziplinen zugelassen. Langstreckenläufe für Frauen sind erst 1960 in Rom zum festen Bestandteil der Spiele geworden und der Frauenmarathon erst 1984 in Los Angeles.

Tony Perrottet ist Journalist und lebt in New York. Er ist Autor von «In Troja ist kein Zimmer frei» (Blessing 2002) über Bildungs- und Vergnügungsreisen in der Antike. Der vorliegende Artikel stammt aus seinem neusten Buch, «The Naked Olympics» (Random House 2004).
Erstübersetzung: Robin Cackett , Berlin.


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