NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Der Ernst des Lebens -- Der unerschrockene Dramatiker Rudolph Vogel

Von Otto A. Böhmer

NEIN. Vermutlich war es doch keine gute Idee gewesen, einen solch bescheidenen Tag in den Städtischen Bühnen ausklingen zu lassen. Der bekannte Dramatiker Heinz-Rudolph (mit ph!) Vogel, der vor einigen Jahren den umstrittenen Einakter «Plotin meets Platon. Ein Plagiat» zur Aufführung gebracht hatte, sass in der zweiten Reihe und hatte (leider!) beste Sicht auf das Bühnengeschehen. An diesem Abend wurde ein metaphysisch gemeintes Trauerspiel gegeben - eine Parabel von höherer Liebe, mittlerer Entsagung und niederstem Begehren.

Dass dieses Werk tatsächlich als Trauerspiel durchgehen konnte, machten vor allem die Schauspieler deutlich, die abenteuerlich schlecht agierten. Besonders die Kontny tat sich dabei hervor, eine in die Jahre gekommene Diseuse, deren Bemühungen ebenso erbarmungswürdig wie komisch waren. Das ist er wohl, dachte Vogel, der Ernst des Lebens. Diese Frau führt ihn uns vor - in einer spielerisch-quälerischen Variante.

Neben dem Dramatiker sassen jedoch zwei Herren, die sich durch ihre Bemerkungen als unerbittliche Verehrer der Kontny zu erkennen gaben. Mit grimmigem Gesicht lauschte Vogel ihren Lobpreisungen. Schliesslich wurden die Herren auf ihn aufmerksam und begannen in einer Weise zu tuscheln, die unmissverständlich war. Allerlei Grobheiten bekam Vogel da zu hören, und ihm platzte, letztlich, der Kragen. «Meine Herren», rief er, «ich bin Heinz-Rudolph Vogel, falls Ihnen der Name etwas sagt. Ich hätte gute Lust, Sie ein paar Stunden lang zu ohrfeigen, was ich aber nicht tue, weil jene Dame dort das für Szenenapplaus halten könnte. Ciao!»


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