NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Warum Dreifärber weiblich sind

Von Heini Hofmann

Die Rede ist von Katzen, und zwar von Mausekatzen auf dem Bauernhof. Unter allen domestizierten Tieren haben sie das sonderbarste Verhältnis zu ihrem Herrn: Sie liessen sich nicht zum eigentlichen Nutztier, bloss zum nützlichen Wesen machen. Wohl sind sie unter sein Dach gekommen, doch haben sie ihre Selbstbestimmung weitgehend gewahrt. Sie hängen zwar am Haus, aber meist nicht am Menschen und sind somit das eigentlichste aller Haustiere.

Goethe nannte sie die heruntergekommenen Prinzessinnen aus dem Löwengeschlecht. womit er nicht unrecht hatte. Denn in jedem Schnurrtier steckt ein Quentchen Prinzessinnenallüre, und es bringt jeden Menschen so weit, ihm den Hof zu machen. Durch ihr in jeder Lebenssituation graziles Benehmen weiss die Katze auch unmissverständlich kundzutun, dass sie von vornehmerer Abstammung ist als der Hund. Das gibt sie ihm auch mit Fauchen und Kratzen zu spüren.

Es sei denn, der Hund betrage sich manierlich (wie Bauernhofhunde das Katzen gegenüber meist zu tun pflegen); dann kann die Urfeindschaft auch in Freundschaft umschlagen. Doch auf dem Hof, wo die Tiere ihre natürlichen Instinkte bewahrt haben, ist es stets die Katze, die bestimmt, wann Krieg und wann Frieden herrscht. Und nie gibt sie sich dem Menschen gegenüber so devot wie der Hund. Dieser ist immer ganz Ohr für seinen Meister, allzeit bereit, Wünsche zu erfüllen. Nicht so die Katze. Sie kann auch die Beleidigte markieren, den Menschen richtiggehend und willentlich ignorieren. Trotzdem möchte man sie nicht missen, denn ein Bauernhof ohne Katzen ist wie eine Suppe ohne Salz. Wo sie nicht schnurrend umherstreichen, die Pfötchen lecken, sich wohlig in der Sonne räkeln oder auf dem Feld einer Maus auflauern, da fehlt ein Stück Bauernkultur.

Auf dem Bauernhof werden die weiblichen den männlichen Katzen vorgezogen. Einmal deshalb, weil Kätzinnen die fleissigeren Mäusejäger sind. Das sind sie, weil sie ein- und manchmal sogar zweimal im Jahr zusätzlich für ihre Jungen Futter beschaffen müssen.

Dann ist da aber noch ein weiterer Grund. Sind Kater erwachsen und gibt es deren mehrere auf dem Hof, führt dies zu Rivalität und pfotenfestem Krach. Der älteste macht den Nebenbuhlern das Leben schwer. Das sind ganz normale Rangordnungskämpfe, doch solche Unruhe schätzt man nicht. Die Menschen erwarten von den Tieren, dass sie immer lieb und nett zueinander sind.

Kätzinnen benehmen sich in dieser Hinsicht diskreter. Das macht sie beliebter. Und noch ein Grund spricht für sie: Weil Weibchen oft Junge haben, können sie nicht gross auf die Walz. Anders die Kater. Die entfernen sich weit weg vom Hof, sowohl zum Mausen als auch, um ihr Revier zu markieren. Zudem wollen sie wissen, wo sich rammlige Weibchen aufhalten.

All das kann zu Ärger führen, mit den Nachbarn oder mit dem Wildhüter; denn eine Katze, die im Wald gesehen wird, ist, selbst wenn sie nicht jagt, vogelfrei. Und dies, obschon Magenuntersuchungen verwilderter Katzen gezeigt haben, dass sie sich praktisch nur an Abfälle und Kleinsäuger halten, seltener als man annimmt an Vögel oder Insekten, und nur ganz vereinzelt an Niederwild.

Weil also auf dem Bauernhof im allgemeinen weibliche Katzen bevorzugt werden, ergibt sich von selbst, dass dort so viele Dreifärber sind; denn die dreifarbigen Katzen sind immer weiblichen Geschlechts. Das hat mit einer Gesetzmässigkeit in der Vererbung zu tun: Bei den Säugetieren - inklusive Mensch - ist der männliche Partner der geschlechtsbestimmende Faktor. Biologische Ungerechtigkeit? Nur scheinbar; denn der Kater besitzt umgekehrt nur gerade ein Geschlechtschromosom, die Kätzin jedoch zwei. Und dies erweist sich in mancherlei Hinsicht als vorteilhafter. Zum Beispiel bezüglich der Fellfarbe.

Auf den Geschlechtschromosomen bei Katze und Kater ist die Anlage für gelbe und schwarze Farbflecken (auf weisser Grundfarbe) enthalten. Deshalb ergibt sich für den Kater als Zusatzfarbe zur Grundfarbe nur die Variante Gelb oder Schwarz. Anders bei der Kätzin: Sie kann - mit zwei Geschlechtschromosomen - zusätzlich Gelb-Schwarz aufs Fell zaubern, was mit dem Weiss der Grundfarbe Dreifarbigkeit ergibt.

Doch keine Regel ohne Ausnahme, und das trifft selbst für die sonst so strengen Gesetze der Natur zu. So kann es denn unter tausend und mehr Dreifärbern auch einmal einen Kater geben. Der ist dann allerdings nicht zeugungsfähig. Auch mit den roten und rotweissen Katzen hat es etwas auf sich. Sie sind auffallend oft männlichen Geschlechts - dies ebenso auf Grund geschlechtsgebundener Vererbung.


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