NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Das grosse Schweigen

John Francis hat 17 Jahre geschwiegen und 22 Jahre kein motorisiertes Verkehrsmittel benutzt: Von einem, der seinen Weg machte – bis nach Hollywood.

Von Peter Haffner

«Schön, dass ihr da seid.» Es war kein besonderer Satz. Das Besondere war, dass er überhaupt etwas sagte nach siebzehn Jahren, in denen kein Wort über seine Lippen gekommen war, er mit nichts und niemandem geredet hatte, nicht einmal mit sich selber.

Familie und Freunde waren gerührt. Dass er weiterhin in kein Auto steigen würde, war Nebensache. Zweiundzwanzig Jahre sollte er sich weigern, ein motorisiertes Verkehrsmittel zu benutzen. Wollte er etwas sehen, jemanden treffen, ging er zu Fuss hin. Erst waren es nur ein paar Kilometer, dann Dutzende, Hunderte, schliesslich Tausende, quer durch den Kontinent, vom Pazifik zum Atlantik; den Weg zurück, den einst die Siedler genommen hatten auf ihrem Treck nach Westen.

John Francis hat mit dem in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verbrieften Freiheitsrecht des Individuums, «nach seinem Glück zu streben», auf seine Weise Ernst gemacht. Wenn man ihn sieht mit seiner hochschwangeren jungen weissen Frau, dem hübschen fünfjährigen Buben, muss man ihm glauben, dass er es gefunden hat. Er ist sesshaft, fährt Auto, redet wieder; doch die Bedachtheit, mit der er die Worte wählt, verrät den früheren Pilger, den Mönch ohne Kloster. Wäre nicht das Grauweiss des Dreitagebartes, der wie eine Salzkruste auf der tiefschwarzen Haut liegt, glaubte man ihm die sechzig Jahre nicht; so jung sind die Gesichtszüge, so zügig ist sein Gang selbst hier im weichen Sand am Limantour Beach von Point Reyes in Kalifornien, jener Wildnis mitten in der Störzone des St.-Andreas-Grabens, wo sich See-Elefanten tummeln, Falken vom Himmel stechen und im Winter die Wale vorüberziehen wie grosse, übermütige Schiffe.

Es war an dieser Küste gewesen, wo er den Entschluss gefasst hatte, aufs Auto zu verzichten. 1971 waren in San Francisco zwei Öltanker kollidiert, die schwarze Masse hatte den Seevögeln die Schwingen verklebt, und was erst ein von Marihuana beflügeltes Hirngespinst war, holte er auf den Boden, indem er diesen unter die Füsse nahm. John Francis, ein schwarzer Hippie, geht zu Fuss an eine Party (30 Kilometer), ins Kino (40 Kilometer), zu einem Termin nach Sacramento (160 Kilometer), wo er sich vor dem Senatsausschuss beschwert, weil jemand ihn, den bekannten Sonderling, fotografiert hat, ohne zu fragen. Da er mittlerweile nicht mehr redet, verständigt er sich mit Pantomime, unterstützt von einer Bekannten, die übersetzt. Er macht sich auf in die Wildnis nach Oregon (800 Kilometer), und fortan gibt es kein Zurück mehr. Er übernachtet am Strassenrand, im Zelt, in Garagen, Scheunen und Jugendherbergen, selten im Motel, wo er sich sicher weiss vor Bären, Kojoten und Klapperschlangen.

Dass er unterwegs alle Angebote zum Mitfahren ausschlägt, verwundert in einem Land, in dem die Kinder den Führerschein machen, bevor sie laufen lernen. Manche verärgert es; der Typ im blauen Pick-up, der ihm die Pistole an die Schläfe hält und meint, «Nigger» hätten hier nichts zu suchen, ist nur einer von denen, die seine Andersartigkeit nicht ertragen. Die Begegnung bestätigt John, was ihm der Tod eines Nachbarn und der Verdacht auf eine Krebserkrankung bewusstgemacht hatten: Es gibt kein Leben ausser dem, das man hier und heute hat.

Sein Banjo ist ihm Einkommensquelle und Stimme. Der Klang des afrikanischen Instruments, von den Sklaven der Südstaaten bis zu den Troubadouren der 1960er Jahre gezupft, verzaubert die Zuhörer – wie jenen Polizisten der Highway Patrol, der John stoppt, damit er ihm etwas vorspiele. Und der dann per Funk weitergibt, ein wundersamer Musikant sei unterwegs, worauf eine Streife nach der anderen den stummen Wandersmann anhält, um sein Spiel zu hören.

John Francis geht durch ein Amerika, das keiner kennt, trifft etwa ein altes Paar in einer Goldmine, das auf einem unermesslichen Schatz sitzt, doch nur so viel schürft, wie es zum Leben braucht – die Antithese zur Gier der Goldsucher, die so viele Landschaften verwüstet und Leben zerstört hat. Perry, der Mann, ist es auch, der John sagt, auf was er, John, in Wirklichkeit aus sei. Wie der Mensch im Embryonalstadium Kiemen und einen Schwanz habe, die auf frühere Stufen der Evolution verwiesen, so gehe auch er zurück in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, um schliesslich zu werden, was er sei. «Da erst wurde mir bewusst, was ich eigentlich mache», sagt John.

Gewiss werde er einmal in ihre Gemeinschaft kommen wollen, meinen später die Mönche eines Trappistenklosters, doch John ist sich nicht so sicher und überdies amüsiert, dass die gerade mit Dachreparaturen beschäftigten Novizen Radio hören – Mick Jagger, der sich lautstark beschwert, dass er keine Befriedigung finde. «No, no, no – no satisfaction!» ruft John mit rollendem Lachen gegen die sich brechenden Wellen. Er hat immer wieder eine Frau an seiner Seite gehabt; Enthaltsamkeit war nicht seine Sache.

Es war an seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag gewesen, als John sich vorgenommen hatte, einen Tag stumm zu bleiben. Was er der Freundin mitteilte, indem er einfach nichts mehr sagte. Es hatte ihn gestört, dass er ständig mit jedermann in Streit geriet, wenn er seinen Entschluss verteidigte, nur noch zu Fuss zu gehen, und dass das Echo solcher Dispute in seinem Kopf forthallte und seine Gedanken gefangen hielt. Als er schwieg, wurden die Stimmen zunächst noch lauter, doch dann immer leiser und verstummten schliesslich am Rand jenes inneren Raumes, der so unermesslich ist wie das lautlose Universum.

Die spirituelle Erfahrung kann nur teilen, wer sie macht. Dass sie ihn verändert hat, zeigt sich nicht zuletzt in der Art, wie er zuhört. Erst sein Schweigen, meint John, habe ihm bewusstgemacht, dass er früher nur so lange zugehört habe, wie ihn jemand in seiner eigenen Meinung bestätigte. Mehr noch als die Weigerung, sich motorisiert fortzubewegen, hatte seine frei gewählte Stummheit verunsichert. Er verständigte sich in Zeichensprache. Missverständnisse blieben nicht aus – wie jenes, als er dem Verdursten nahe in einem Haus um Wasser bat und die hingestreckte leere Flasche zurückbekam mit einer Dollarnote drin.

Einmal, es war im Winter in einem Schneesturm, war er so verzweifelt, dass er auf einen Zettel kritzelte: «Ich brauche Hilfe.» Doch selbst ein schmerzendes Fussgelenk und die Hammerzehen, die er operieren lassen musste, konnten ihn nicht abhalten, weiterzumachen. Nur ganz am Anfang, als er in den Redwoods in schweren Regen geriet, nicht wusste, wo er übernachten sollte und in der Ferne einen Lastwagen anhalten sah, erlag er der Versuchung. Mitfahren bis zum nächsten Motel, unter die warme Decke kriechen, alles vergessen. Noch ein paar Schritte – da fuhr der Laster los, ohne ihn. «Da wollte mir wohl jemand einen Wink geben», meint John heute, möchte es aber nicht im religiösen Sinne verstanden haben.

Im Gehen verändere man, sagt er, «seine Welt Schritt für Schritt». Während längerer Zwischenaufenthalte lernt er, wie man ein Boot baut oder eine Druckmaschine bedient – alles, ohne auch nur ein Wort mit dem jeweiligen Lehrmeister zu wechseln. Er macht den Collegeabschluss und studiert Umweltwissenschaften. Schliesslich doktoriert er. Referate hält er in Pantomime, ergänzt mit Notizen an der Wandtafel, und in Seminaren debattiert er dergestalt nicht minder engagiert als seine Mitstudenten. Die Begegnungen mit den Bildungsbehörden, denen er seine Studienpläne unterbreitet, gehören zu den erhellendsten Passagen seines Buches «Planetwalker», in dem John Francis sein Wanderleben schildert. Die Bereitschaft, dem entschlossenen Einzelgänger bürokratische Hindernisse aus dem Weg zu räumen, ist beeindruckend, wenn auch nicht ganz ungewöhnlich in einem Land, dessen pädagogisches Motto lautet: «to make a difference» – sich von der Masse abheben. Und mag seine Fortbewegungsart auch archaisch sein – das «Unterwegssein» ist dem genetischen Code Amerikas eingeschrieben, von den Pionieren, die das Land besiedelten, über Forscher wie Lewis und Clark, die es erkundeten, bis zu den Nachfahren, die wie Jack Kerouac «on the road» waren und im Verharren, nicht in der Bewegung, eine Anomalität des menschlichen Daseins gesehen hatten.

Selbst die amerikanische Küstenwache, nicht eben der Ort für jene Sorte von Sensibelchen, die Grünzeug futtern und Bäume umarmen, hat sich um die Expertise von John Francis bemüht, dem einstigen Vietnamkriegsprotestler, jetzigen Umweltaktivisten und Friedensmarschierer. In ihrem Auftrag hat er an der Gesetzgebung für Ölkatastrophen mitgeschrieben, und da er die Stelle nicht unmittelbar antreten konnte, weil er sich weigerte, das Flugzeug zu nehmen, hat man halt zwei Monate gewartet, bis er mit dem Fahrrad in Washington angekommen war.

War es auch ein Zeichen, dass er just nach dem Tag, als er sein Schweigen beendete, von einem Auto angefahren wurde? Er hatte Mühe, die Ambulanz zu überzeugen, dass er sich nicht ins Spital fahren lasse, sondern zu Fuss gehe. «Nun lass mal deine Prinzipien für fünf Minuten sausen, Süsser», hatte die Sanitäterin gerufen, «und wir karren deinen Hintern in die Notaufnahme!» Vergeblich – nachdem er eine Erklärung unterschrieben hatte, er mache niemanden für die Folgen seines Entschlusses haftbar, musste sie ihn gehen lassen. Doch John Francis will kein Prinzipienreiter sein. Jetzt fährt er Auto und steigt ins Flugzeug, weil er der Sache, der er dient, so mehr nützen kann. Das Schweigen hat ihn gelehrt, dass wir in der Debatte über die Umwelt nicht weiterkommen, wenn wir nicht sehen, dass diese nichts ist als die Welt, in der wir leben. Wie wir miteinander umgehen, ist die wichtigste aller Umweltfragen; je mehr und je einflussreicheren Leuten er das vermitteln kann, desto besser. In seiner verblüffend sanften Stimme liegt eine Kraft, deren Suggestion man sich schwer entziehen kann.
Nun ist John Francis erneut auf Wanderschaft, diesmal von der Ost- an die Westküste. Er macht es der Familie wegen in Etappen, an die Ausgangsorte fliegt er. Organisationen wie der Rotary Club finanzieren das Unternehmen, er hält Vorträge in den Lokalgruppen. Zeitungen berichten über ihn, das Fernsehen hat ihn porträtiert, und nun hat sich gar Hollywood gemeldet. Tom Shadyac («Bruce Almighty») will sein Leben verfilmen, und Morgan Freeman ist im Gespräch als Darsteller von Johns Vater. Jenem Vater, der Elektromonteur war und meinte, die Schwarzen hätten schon genug Probleme und mit seinem Starrsinn werde es der Sohn zu gar nichts bringen. Demselben Vater aber auch, der immer wieder ins Flugzeug stieg und jede Gelegenheit nutzte, ihn zu treffen – vordergründig, um ihm die Leviten zu lesen, in Wirklichkeit, um ihm seine Liebe zu zeigen.

Für den Vater wäre es wohl der Triumph gewesen, hätte er noch miterleben können, wie John nach Beverly Hills eingeladen wurde, man in einem vornehmen Restaurant über das Filmprojekt redete und ihn schliesslich fragte, welches Auto er denn gerne hätte, nun, da er wieder welche benutzte. Kurz darauf stand der rote Toyota Prius, ein Wagen mit Hybridantrieb, vor Johns Garage. «Ist das nicht schön?» sagt John lächelnd und scheint sich selber ein bisschen zu wundern, wohin ihn die Lebensreise geführt hat.

Weitere Informationen zu John Francis’ Projekten: www.planetwalk.org

Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien.

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