IM FRÜHJAHR 1987 entdeckten ein paar junge deutsche Computerenthusiasten zwei bedeutsame Dinge: einen Fehler im Betriebssystem eines Computers, der in vielen Rechenzentren eingesetzt wird; und ein Netz, das diese Computer mit anderen zu einem transkontinentalen Informationsbewässerungssystem verbindet - ein Netz, das die Welt noch nicht gesehen hatte.
Keiner der neugierigen Jungs hatte eine Ahnung, in welche Dimensionen sie vorgestossen waren, bis einer von ihnen eine elektronische Liste mit Netzadressen fand. Neben einer Reihe abstrakter Kürzel waren darauf zwei mythische Einträge verzeichnet: «Castor» und «Pollux». Nach Anwahl der beiden Brüder aus der griechischen Sage erschien auf dem Bildschirm der Begrüssungstext «Welcome to the Nasa Headquarters». Castor und Pollux waren die Leitrechner des Goddard Space Flight Center der Nasa in Florida.
Der Betriebssystemfehler gestattete es den Datenreisenden, im Lauf des Sommers in über 120 Rechenzentren, die verstreut über die westliche Welt am Netz teilhatten, Trojanische Pferde zu installieren - kleine Programme, die ihnen jederzeit unbemerkt Zugriff auf sämtliche Systemressourcen erlaubten.
Im September desselben Jahres traten die Hacker mit ihrem Knowhow an die Öffentlichkeit. Das staunende Medienpublikum erfuhr erstmals von der Existenz weltumspannender Computernetze. Obschon keine Daten beschädigt oder entwendet worden waren, löste der «Nasa-Hack» eine internationale Polizeiaktion aus. Beamte des deutschen Bundeskriminalamts, der französischen Staatsanwaltschaft und von Interpol gingen gegen Mitglieder des Hamburger Chaos Computer Clubs vor, der vermittelnden Instanz zwischen den Hackern und den Medien.
Was war geschehen? Einige junge Leute waren mit jenem magischen Gewebe in Berührung gekommen, das heute Internet heisst. Zwar hingen, wie sich herausstellte, neben Raumfahrtzentren auch Rüstungsbetriebe am Netz; der wahre Grund für die drastische Reaktion der Behörden aber lag zweifellos tiefer. Die abenteuerlustigen Hacker waren in ein paradoxes Machtvakuum im Herzen der Macht vorgestossen. Sicherheitsbehörden und Politiker standen dem Online-Universum, das sich offenbar unerkannt im Inneren des akademischen und militärisch-industriellen Komplexes zu entfalten begonnen hatte, sprachlos gegenüber und reagierten brachial.
Die Zeiten ändern sich. Was vor acht Jahren ein Sakrileg war, ist heute gleichsam vornehmste Bürgerpflicht geworden: am Netz zu sein. In hellen Scharen erlösen PC-Besitzer nun ihre Geräte aus dem schnöden Inseldasein am Schreibtisch und gehen online. Die Computervernetzung hat eine kollektive, die Erde umrauschende Faszination ausgelöst. Nun soll das Internet die Weltwirtschaft retten und der Menschheit eine goldene Zukunft bescheren. Sind wir alle Hacker geworden, oder ist niemand mehr einer? DIE ONLINE-REVOLUTION: Was manchem als ein gewaltiger Plan für den Weg der Zivilisation ins 21. Jahrhundert erscheint, ist in Wahrheit nichts weiter als die unbeabsichtigte Folge von ein paar Pannen. Als in den sechziger Jahren in Amerika die ersten Versuche mit Computerfernverbindungen durchgeführt wurden, vermochte niemand sich vorzustellen, dass es dereinst Computerkapazität für jedermann geben würde.
Die erste massgebliche Panne war, dass das von der Advanced Research Projects Agency (Arpa) des US-Verteidigungsministeriums entworfene erste militärische Computernetz Arpanet, der Vorläufer des Internet, mehr und mehr von zivilen Universitäten genutzt wurde. Die zweite Panne war die Entwicklung des Personal Computers Ende der siebziger Jahre. Die Idee, dass jeder Mensch ein Gerät besitzen sollte, mit dem bis dahin vor allem feindliche Funksprüche decodiert und Geschossflugbahnen berechnet worden waren, war vollkommen verrückt. Sie hat die Welt verändert.
Die Panne schlechthin aber war, dass das Netz als ein moralisches Vakuum angelegt wurde. Es basiert auf militärischen Erfordernissen. Ziel war die Schaffung eines Kommunikations- und Kommandosystems - etwa für Interkontinentalraketen -, das keine verwundbare Zentrale mehr hat und das, auch wenn beliebige Teile des Systems zerstört sind, weiter funktioniert, indem die Daten sich ihren Weg durch das Netz selbst suchen. Im Sinne militärischer Logik ist ein Feuerleitsystem aus Computernetzknoten gegenüber einer Befehlskette aus menschlichen Gliedern ein Fortschritt. Die Maschine kennt keine Skrupel und reagiert ohne Zeitverzug. In seinem Buch «Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft» beschreibt der MIT-Computerwissenschafter Joseph Weizenbaum, wie während des Vietnamkriegs die Daten aus Aufklärungsflugzeugen an Computer im Verteidigungsministerium weitergeleitet wurden und am anderen Ende Zielpunkte für Bombardements herauskamen. Das eigentlich Beunruhigende an der elektronischen Kriegführung ist die Diffusion von Verantwortung. Wer ist verantwortlich für einen Napalm-Angriff, den ein Computerprogramm angeordnet hat? Das Bedienungspersonal am Computer? Der Kampfjägerkommandeur? Die Programmierer?
In den frühen Jahren des Netzes gab es kein Ethos, sondern elitäres Denken. Die Academic Community wollte in ihren vernetzten Elektronengehirnen ungestört bleiben. «Zugang zum Internet ist ein Privileg und sollte als solches von allen Usern des Netzes gewürdigt werden», hiess es noch vor nicht langer Zeit in einem Internet-Memorandum. In den Anfängen des PC-Zeitalters gab es für Nichtakademiker praktisch keine Möglichkeit, auf legitime Weise am Netz teilzunehmen, man war also wohl oder übel ein Eindringling. Als moralische Campingausrüstung brachten die Hacker einen Satz von Regeln mit in die Welt der Netze, die vor allem Sorgfalt und Respekt beim Umgang mit fremden Daten verlangten. Inzwischen gehören zur Netiquette - dem Netzwerk-Knigge - Verhaltenshinweise wie: Bedenke immer, dass auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt; oder: Sei stolz auf deine Texte; oder: Wenn du auf eine Frage viele Antworten bekommen hast, gib eine Zusammenfassung deines neugewonnenen Wissens zurück ins Netz.
Natürlich sind Hacker keine Engel, der Begriff ist ambivalent. Hacker im klassischen Sinn sind nicht destruktiv. Die zerstörerischen Zeitgenossen heissen «Cracker», die Telefonspezis «Phreaks», die CyberKleptomanen «Pirates», die toughen Romantiker mit Lederjacke, verspiegelter Sonnenbrille und Powerbook «Cyberpunks», die Juniorverschlüssler «Cypherpunks».
Und natürlich gibt es auch im Online-Universum ganz gewöhnliche Kriminalität in neuen Formen. «Data Diddler» schaffen Geld beiseite durch Überweisungen an Karteileichen oder das millionenfache Abbuchen von Pfennigbeträgen. Mit «Sniffing»-Programmen werden Passwörter oder Kreditkartennummern aus dem Datenstrom geangelt, beim «Spoofing» die Identitäten von Nachrichten gefälscht, beim «Social Engineering» gibt man sich, bevorzugt am Telefon, kunstvoll als jemand anderer aus, um an Informationen zu kommen. Cracker eröffnen geheime Depots mit digitalen Einbruchwerkzeugen («rootkit»), Raubkopierer legen Sammlungen von Cyber-Diebesgut («warez») an, und Telefongebührenmarder füllen virtuelle Lagerräume mit Passwörtern und den Codes von Calling Cards («codez»).
Den grössten Schaden richten jedoch nach wie vor Computerkriminelle an, die nicht übers Netz kommen - betrügerische, geldgierige oder rachsüchtige Angestellte. Auf etwa 50 Millionen Mark beziffert der Computerexperte Dieter Brehde den Betrag, den deutsche Versicherer jährlich auszahlen müssen, weil Firmenangehörige digitale Delikte begehen; die Dunkelziffer liegt etwa beim zehn- bis zwanzigfachen Betrag. ANFANG DER NEUNZIGER JAHRE brach ein Krieg zwischen zwei amerikanischen Hacker-Gangs aus, den Masters of Deception (Mod) und der Legion of Doom (Lod). Ein Lod-Mitglied aus Texas fuhr bei einer illegalen Telefonkonferenz von sieben Hackern den schwarzen New Yorker John Lee an: «Geh aus der Leitung, Nigger.» Lee und seine Mods entfesselten daraufhin einen automatisierten Telefonterror gegen die Lod-Leute, blockierten ihre Anschlüsse durch programmgesteuerte Daueranrufe und beleidigten sie mit Hilfe synthetisierter Stimmen, die ertönten, sobald der Hörer abgenommen wurde. Dann drangen sie in die zentralen Rechner der Telefonvermittlung vor und programmierten sie so um, dass die Lods keine Anrufe mehr bekommen konnten.
Rassisten und Neofaschisten im Netz gehören zu jenen Lieblingsthemen, mit denen in den Medien gern versucht wird, dem Cyberspace Skandalöses und Spektakuläres abzuringen. Vielleicht, um die befürchtete neue Konkurrenz zu diskreditieren? In leicht veränderter Form tauchen immer wieder dieselben Themen auf, die in Netzkreisen mittlerweile «die vier Apokalyptischen Reiter» heissen: (Kinder-)Pornographie, Neonazipropaganda, Terroristen-Bombenbauanleitungen und organisierte Kriminalität - Mafia, Drogendealer usw.
Im September 1993 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin «Focus» einen Artikel über ein Mailbox-Netz bundesdeutscher Neonazis mit dem Namen «Thule», in dem rechtsradikale Propaganda verbreitet wird. Im Bericht, so Burkhard Schröder in einer umfassenden Analyse mit dem Titel «Neonazis und Computernetze», «wurde der nachweislich falsche Eindruck erweckt, dass die Neonazis in ihrem Netz konspirative Aktionen aushecken». Als eine Art linkes Pendant dem Thule-Netz gleichgestellt wurde das seit zehn Jahren bestehende deutschsprachige Z-Netz. Darin tauschen sich etwa 30 000 Teilnehmer aus ganz Europa miteinander aus, und darüber wurden unter anderem alternative Kommunikationswege zwischen den verfeindeten Landesteilen im ehemaligen Jugoslawien aufgebaut.
Im Monat darauf erschien im «Spiegel» eine Kurzmeldung, betitelt «Bombenbasteln am Computer»: Auf einer Diskettenzeitschrift namens «Endsieg» gebe es ein «Handbuch für improvisierte Sprengtechnik» und einen Bildschirmschoner mit Hakenkreuzmotiv. Eine Lawine weiterer Zeitungs- und Fernsehberichte brach los, in denen, schreibt Schröder, «stets ohne Belege bevorzugt auf angebliche Bombenbauanleitungen Bezug genommen wurde».
Was tatsächlich geschehen war: Die Rechten hatten in ihrem Netz eine Nachricht aus einem anderen Netz zitiert. Darin wurden die Ingredienzen zur Herstellung verschiedener Sprengstoffe beschrieben, und zwar ohne Mengenangaben und in der Art von Jungs, die ein paar Experimente über ihren Chemiekasten hinaus durchführen wollen. «Die Angaben», vermerkte das bayrische Landeskriminalamt in einem Gutachten, «gehen jedoch nicht wesentlich über die Informationen hinaus, die in frei zugänglichen Lehrbüchern und Lexika enthalten sind.» Der Autor der brisanten Nachricht, ein siebzehnjähriger Schüler, händigte bei einer Hausdurchsuchung den Staatsschutzbeamten seine Quelle aus: sein Chemielehrbuch. Im übrigen lassen sich einige Textstellen auf der «Endsieg»-Diskette auf das Buch eines Major von Dach zurückführen: «Der totale Widerstand - Kleinkriegsanleitung für jedermann», bis vor kurzem zu beziehen beim Generalsekretariat des Schweizerischen Unteroffiziersverbandes in Biel und heute im Zürcher Waffengeschäft Swiss Fire Arms Trade erhältlich. Das Buch enthält detaillierte Hinweise, wie die Schweizer Bevölkerung sich im Fall einer Okkupation des Landes zu verhalten und zu wehren habe.
Dem regen Medieninteresse an den vorgeblich brisanten Bombenbauanleitungen in rechten Computernetzen war es zu verdanken, dass das «Thule-Netz» wochenlang im Gespräch war - ein PR-Coup. Das Fazit: Es geht nicht darum, wie Sprengstoffrezepte über Computernetze verbreitet, sondern wie Informationen explosiv gemacht werden können. GLEICHERMASSEN ERREGT Pornographie im Netz die Öffentlichkeit. Wirtschaft und Politik haben, kaum haben sie das Internet entdeckt, gleich ein Schreckgespenst geortet: Sex. Alles Leben auf dieser Erde mit Ausnahme der Engländer nimmt am Erotischen Anteil. Die Amerikaner dagegen verwenden eine virtuelle Form dessen, was in der islamischen Welt der Schleier ist: Sie hüllen sich in Prüderie und erfinden dafür sonderbare Surrogate wie Telefonsex und Cybersex.
Im Sommer 1995 wurde eine Untersuchung des Studenten Martin Rimm von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburg («Die Vermarktung von Pornographie auf dem Information Superhighway») zur Grundlage einer vielbeachteten «Time»-Titelgeschichte über Cyberporno. Der renommierte Computerjournalist Phillip Elmer-DeWitt hatte Rimms Daten ungeprüft übernommen. Ein Sturm der Entrüstung fegte durchs Internet.
Der Kardinalfehler der Rimm-Studie liegt in der Verwechslung von - zumeist kommerziell betriebenen - Erwachsenen-Mailboxen mit dem Internet. Im übrigen sind zwar etwa 80 Prozent aller Bilder im Usenet - im Nachrichtenbereich des Internet - pornographischer Natur, aber die Usenet-Rubriken («Newsgroups») mit Bildern machen nur einen geringen Teil der insgesamt etwa 6000 Usenet-Rubriken aus; und das Usenet wiederum macht nur einen kleinen Prozentsatz des gesamten Internet-Datenverkehrs aus.
«Wir müssen fragen, weshalb Pornographen das Recht haben, eine Quelle zu vergiften, aus der wir alle trinken», sorgt sich das amerikanische Marketing-Fachblatt «Advertising Age». Die Unternehmen, die nun ins Netz gehen und Geschäfte machen möchten Geschäfte mit allen Mitgliedern der Familie -, versuchen durch freiwillige Selbstkontrolle und die Entwicklung kindersicherer Internet-Software bestehende Jugendschutzstandards nach Cyberland zu transferieren. Programme wie KidCode, CyberPatrol oder SurfWatch sollen Eltern helfen, ihre Kinder von den Rotlichtregionen des Netzes fernzuhalten. SurfWatch beispielsweise vergleicht eine angewählte Internetadresse (Site) mit einer Liste verbotener Sites. Firmenchef Jay Friedland räumt allerdings ein: «Wenn du ein 16jähriger guter Hacker bist, kannst du uns möglicherweise austricksen.»
Zu Weihnachten 1995 sperrte der Online-Dienst Compuserve für seine Kunden den Zugriff auf 200 nach Ansicht der bayrischen Staatsanwaltschaft sittlich suspekte Newsgroups. Dabei kamen auch Diskussionsbereiche unter die Räder, in denen Behinderte oder Homosexuelle sich beraten. Der bayrische Jugendschutz gilt nun bis auf weiteres auch für die Compuserve-Teilnehmer in 140 anderen Ländern, da die Steuerungssoftware keine national differenzierten Zugriffe erlaubt. IM MAI 1994 pflasterten Mitarbeiter der Anwaltskanzlei Canter & Siegel aus Scottsdale, Arizona, etwa 4000 Usenet-Newsgroups mit einem Beratungsangebot zur Teilnahme an der US Green Card Lottery zu. Die automatisch vervielfältigte Aussendung wurde zum Sündenfall: Es war die erste wilde Werbeaktion auf dem Internet. «Spam» - Gesülze - nennen die Netizens so etwas seither. Das Canter-&-Siegel-Gesülze löste die bisher grösste und erbittertste Nachrichtenlawine in der Geschichte des Netzes aus. Der nachfolgende «Flame War» - Kaskaden flammender Missfallenskundgebungen - war von durchschlagender Heftigkeit. Sämtliche Kommunikationseinrichtungen der Kanzlei wurden von erbosten Internet-Teilnehmern durch permanente Belagerung tagelang ausser Betrieb gesetzt. Der norwegische Informatikstudent Olaf Gulbrandson schrieb schliesslich ein Programm, das als Cancelbot (Löschroboter) in die junge Historie der Kommunikationswaffen einging. Es bewegt sich selbständig durchs Netz und sucht nach Nachrichten, welche die Absenderkennung von Canter & Siegel tragen. Findet es eine solche, wird sie gelöscht.
Kommunikationswaffen werden zu unterschiedlichsten Zwecken eingesetzt. Real-Time-Nervensägen schicken bei Online-Unterhaltungen per Knopfdruck redundante Textblöcke («paste bombing») oder Steuerzeichen, die den Warnton auslösen («ping storms»). Gegen Gesülze in E-Mail und Newsgroups empfehlen sich lokale Filterprogramme («killfiles») in der Art des Cancelbot, mit denen sich strapaziöse Zeitgenossen einfach ausblenden lassen. Andererseits stellen die teils raffiniert einstellbaren Filterprogramme auch vorzügliche Hilfen bei der Bewältigung der Informationsflut dar.
Während die Alteingesessenen das Internet als Raum, in dem man nicht als Konsument behandelt wird, bewahren möchten, suchen die Avantgardisten der Wirtschaft bereits nach der Killerapplikation für das Cybermarketing von morgen. So hat etwa Michael Schrage, Forschungsassistent am MIT Media Lab, Werbeviren entworfen, die sich autonom durchs Netz bewegen und ihre Konsumbotschaften epidemisch verbreiten.
Als Metro Goldwyn Mayer / United Artists für ihren Film «Hackers» im Netz Promotion betrieben, machten sich ein paar echte Cyberpunks über den Rechner her, malten den Gesichtern der Stars rosa Haare und Bärte auf, und statt «Hackers» hiess der Film nun «Not Hackers». Die Filmgesellschaft verwandelte den Zugriff der virtuellen Vandalen so geschickt und erfolgreich in neuerliche PR, dass manche mutmassen, das Studio habe die Freaks selbst angeheuert. DIE DIREKTIVE TS-3600.1 des amerikanischen Verteidigungsministeriums vom 21. Dezember 1992 definiert den Krieg im Informationszeitalter als «militärische Strategie, die sich der Informationskriegführung auf dem Schlachtfeld bedient und auch die physische Zerstörung einschliesst. Ihr Ziel ist es, die feindliche Kommandostruktur zu enthaupten, sie vom Körper der kämpfenden Truppe abzutrennen.» Informationskriegführung reicht vom Auslösen periodischer Systemabstürze über Datenfehler, Informationsdiebstahl, verdeckte Systemauswertung, das Einfügen falscher Nachrichten, Datenzugriff zum Zweck der Erpressung bis hin zur totalen Paralysierung eines Systems oder Netzes.
Und nicht nur Soldaten werden von immer intelligenterem Rüstwerk umgeben, das mit dem Online-Universum verbunden ist. In einer auf eng vernetzte Metropolen zugeschnittenen Horrorvision legen digitale Attentäter die Lifts in einem Büroturm lahm, stoppen die Belüftung und fahren die Heizung in den roten Bereich. Die in den Aufzügen eingeschlossenen Angestellten würden braten wie im Backofen.
Zu einer Heilsvorstellung gewendet findet sich der Horror in Entwürfen für Architekturen, die in den sich ausbreitenden Todeszonen amerikanischer Grossstädte - South Central, Los Angeles; South Bronx, New York - realisiert werden sollen. Geplant sind Gebäude, die in der Lage sein sollen, Probleme - vom Amoklauf bis zum Massenaufstand - selbständig zu lösen: Gewalttäter in Aufzügen oder Fluren einzuschliessen, Brände zu löschen, anrückenden Einsatzkräften ein genaues Bild der Ereignisse zu vermitteln und gegebenenfalls Nebel oder Beruhigungsmittel zu verbreiten.
Peter Glaser ist Schriftsteller; er lebt in Hamburg. Bei Zweitausendundeins ist von ihm kürzlich erschienen «24 Stunden im 21. Jahrhundert. Onlinesein. Zu Besuch in der Neuesten Welt».