NZZ Folio 12/07 - Thema: Rätsel   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Viel Geld für wenig Kummer

© Patrick Rohner
Kummerbund, Seidensatin (Vorderteil), PKZ, 139 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Am Kummerbund lässt sich der Niedergang westlicher Bekleidungs- und Textilfertigungskultur anschaulich zeigen. Das beginnt schon beim Einkauf – nur eine Handvoll spezialisierter Herrenausstatter führen die seidene Leibbinde, die man zum Smoking trägt, noch im Sortiment. Verkäufer bei Discountern oder in Warenhäusern wissen dagegen oft nicht einmal mehr, wofür das Wort Kummerbund steht. «Kummer was?» lautete vielerorts die erstaunte Rückfrage. Wenn das nicht bekümmernd ist!

Doch der Kummerbund hat wenig mit Kummer zu tun. Der Begriff ist abgeleitet vom indischen «Kamarband», was einen Hüftgürtel aus edlen Stoffen bezeichnet. Daraus machten die englischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert den «cummerbund» und die Deutschen in den 1930er Jahren den Kummerbund, der seither statt einer Weste zum einreihigen Smoking getragen wird. Zum Smoking sollte der Kummerbund heute (wie auch die Fliege) immer schwarz sein.

Wer einen traditionellen Kummerbund aus den 1950ern untersucht, wird feststellen, dass dieses Accessoire früher genähte statt nur gelegte Horizontalfalten und in der ersten der nach oben zeigenden Falten eine versteckte Tasche für Theater- oder Opernkarten hatte. Der Kummerbund erfüllte also einen ästhetischen und einen praktischen Zweck. Auch hatte er einst sorgfältig gearbeitete Schliessen aus Metall, mit denen sich die Bundweite stufenlos verstellen liess. Heute werden oft schnöde, dem abendlichen Chic völlig unangemessene Klettverschlüsse verwendet.

Der hier zerlegte Kummerbund, gekauft beim Schweizer Herrenausstatter PKZ, rettet einige traditionelle Merkmale – etwa die Schliesse (von Gutos im süddeutschen Neulingen) – ins 21. Jahrhundert hinüber, zeigt aber auch, wie heute an allen Ecken und Enden gespart wird. So suggeriert das markenlose Stück, dass es aus «Reiner Seide/Pure Silk» gefertigt wurde. Die Brennprobe am zerlegten Kummerbund zeigt jedoch, dass dies zwar für den Vorderstoff, nicht aber für die verwendeten Futterteile zutrifft.

Das Vorderteil aus schwerem Seidensatin wird in drei 1,7 cm tiefe Falten gelegt, wobei die unterste auf einer brettig-papierenen Webeinlage festgenäht und in Form gebügelt wird. Rückseitig wird das Stück mit dünner Kunstseide gefüttert. Ein handtellergrosses aufgenähtes Taschenfach (ohne versäuberte Nahtkanten) ersetzt die Faltentasche – immerhin. Die mit einer Vlieseinlage verstärkten Seitenteile, welche die Falten fixieren, halten auch das Gummiband fest, an dem die Schliesse eingehakt wird. Das kleine «Schlupfloch» im Rückteil, durch das das Stück am Ende des Fertigungsprozesses gewendet wird, war beim gekauften Exemplar noch nicht einmal zugenäht.

Nüchtern betrachtet: Das Material für dieses Accessoire kostet vermutlich keine 10 Franken und die Verarbeitung etwa gleich viel. Marketingkosten entstehen keine, denn der Kummerbund hat noch nicht einmal ein Markenetikett. Weil er aber am Ende dennoch für 139 Franken über den Ladentisch geht, darf er zu den heimlichen Margenstars der Männerkonfektion gezählt werden.

Von Jeroen van Rooijen ist  Moderedaktor bei der NZZ.



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