NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Bitte Berühren

Im Technorama erfährt man Wissenschaft mit allen Sinnen.

Von Michael T. Ganz

Die jüngste Anschaffung ist ein Stück Maschendraht, Meterware aus dem Hobbymarkt. Der Museumsdirektor betrachtet das Drahtnetz genau, streicht mit den Händen prüfend darüber und ist begeistert. «Wunderbar! So muss es sein!», ruft er in den Lärm der Drehbank. Das Souterrain des Technoramas in Winterthur ähnelt einer Theaterwerkstatt: Auf langen Regalen stehen höchst seltsame Dinge - grosse Spiegel, bunte Lampen, ein altes Autogetriebe, das Skelett eines Hometrainers -, unter den Kellerfenstern Maschinen, Prüfstände, Messgeräte. Männer und Frauen in Overalls sägen, schleifen, löten.

«So muss es sein», wiederholt Remo Besio. Ich schaue ihn und den Maschendraht verständnislos an. «Daraus», sagt Besio, «machen wir die <Samthände>. Probieren Sie's selber mal!» Ich folge seinem Beispiel und lasse meine Hände beidseits des Gitters auf und ab gleiten. Verrückt! Wenn sich die Handflächen durch die Öffnungen im Netz berühren, fühlen sie sich an wie ein Kinderpo. «Die <Samthände> sind nichts Neues», erklärt Besio, «nur hatten wir den idealen Maschendraht bisher nicht gefunden. Der hier ist wunderbar, damit werden wir das alte Exponat verbessern.»

Die «Samthände» sind eine von rund fünfhundert Erlebnisstationen im Technorama, Versuchsanordnungen, die allerlei Phänomene der Physik, der Mathematik und der menschlichen Wahrnehmung zeigen. Klug wird dabei nur, wer die Exponate anfasst und bewegt. «Bitte berühren»: Die Umkehrung dessen, was in jedem Museum erstes Gebot ist, wird im Technorama zum Motto gemacht. Ziehen, Stossen und Drehen, Ausprobieren, ja sogar Falschmachen ist erwünscht. «Wenn ihr Mütter und Väter seht, die ihre Kinder herumbefehlen, dann versucht um Gottes Willen, sie unschädlich zu machen - das predige ich meinen Betreuerinnen und Betreuern immer und immer wieder», sagt Remo Besio.

1990 übernahm Besio die Direktion des Technoramas. Exponenten der Winterthurer Industrie hatten das Haus 1982 als Technikmuseum im herkömmlichen Sinn gegründet und sich, wie böse Zungen behaupten, damit ein Denkmal gesetzt. Nach acht Jahren waren die zweifellos gut gemeinten Exponate mit musealem Staub bedeckt, das Technorama brauchte dringend frischen Wind. Den brachte Remo Besio, vormals Marketingbeauftragter eines Werkzeugmaschinenkonzerns mit gänzlich unmusealem Hintergrund. Besio präsentierte den Winterthurern ein ungewöhnliches, für Schweizer Begriffe revolutionäres Ausstellungskonzept und war erstaunt, dass die Herren im grauen Anzug dazu bloss nickten. So warf er denn den Begriff «Museum» ein für allemal über Bord und machte das Technorama im Handumdrehen zu etwas, für das die deutsche Sprache bisher kein Wort kennt: zu einem Science Center.

Die Erfindung der Science Centers kommt aus den USA; sie hat entfernt mit dem Bau der Atombombe zu tun und ist das Produkt einer tragischen Lebensgeschichte. Frank Oppenheimer war 1912 als Sohn deutsch-jüdischer Eltern in New York zur Welt gekommen und beschäftigte sich, genau wie sein älterer Bruder Robert, schon in jungen Jahren mit Physik. Beide studierten in Europa, beide forschten danach in Kalifornien auf dem Gebiet der Quantenmechanik und der Radioaktivität.

Die Nachricht, dass es Wissenschaftern im nationalsozialistischen Deutschland gelungen war, den Kern des Uranium-Atoms zu spalten, schlug wie ein Blitz ein, und die amerikanische Wissenschaft machte unverzüglich mobil. Robert Oppenheimer leitete die Entwicklung und den Bau der Plutoniumbombe, Frank war in seinem Team dabei. Am 16. Juli 1945 lagen die beiden Brüder Seite an Seite in einem Bunker und verfolgten den ersten Detonationstest; drei Wochen später fielen die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Frank Oppenheimers Einsatz für die atomare Rüstung gründete - so paradox dies heute klingen mag - in seinem Glauben an die Wissenschaft als eine fundamental humanistische Disziplin. Aus humanistischen Überlegungen war Frank für kurze Zeit auch Mitglied der kommunistischen Partei Kaliforniens gewesen und hatte mit den Genossen gegen den Faschismus in Europa gekämpft. 1949, in den ersten Jahren des Kalten Kriegs, wurde Oppenheimer die alte Episode zum Verhängnis. Wegen «unamerikanischer Umtriebe» wurde ihm, dem Miterfinder der amerikanischen Atombombe und mittlerweile anerkannten Physikprofessor, jede weitere akademische Tätigkeit untersagt. Mit seiner Frau Jackie und seinen Kindern zog Frank auf eine Ranch in Colorado und lebte zehn Jahre lang als Rinderzüchter im Exil. Bisweilen half er in der Dorfschule aus und erhielt schliesslich eine Anstellung als Kleinstadtlehrer.

Hier, gewissermassen aus der Not heraus, entwickelte Frank Oppenheimer die Idee der Science Centers. Mangels Anschauungsmaterials machte sich der ausgebootete Forscher für seinen Schulunterricht nämlich alles zunutze, was gerade vor der Tür lag. Er zog mit seinen Schülern auf die Müllhalde der Stadt hinaus, liess sie Teile von Autowracks sammeln, um daran die Prinzipien von Mechanik und Elektrik aufzuzeigen.

Mit seiner ungewöhnlichen Pädagogik machte Frank bald einmal von sich reden, und als das Wettrennen im Weltraum begann und Amerika seine besten Naturwissenschafter plötzlich wieder brauchte, gab man auch Oppenheimer erneut einen Lehrstuhl. Frank behielt seine unorthodoxen Methoden bei. In der Dachkammer des Universitätsgebäudes richtete er für seine Studenten eine Library of Experiments ein, ein Labor mit Versuchsanordnungen und Modellen, die einen spielerischen Zugang zu den Gesetzen der Natur erlaubten. Die Library of Experiments war der Prototyp der Science Centers und wurde von Professoren auf dem gesamten amerikanischen Kontinent dutzendfach kopiert.

Während einer einjährigen Lehrtätigkeit in Europa besuchten die Oppenheimers Technikmuseen, darunter auch das Deutsche Museum in München. Hier kam ihnen die Erleuchtung. Zurück in den Staaten, das wussten Frank und Jackie nun, würden sie ein Museum gründen, kein herkömmliches Technikmuseum allerdings, sondern eines, das die Idee der Library of Experiments einem breiten Publikum, Schulkindern vor allem auch, nahebringen sollte. Es gelang ihnen, die Stadt San Francisco und private Geldgeber für die Sache zu gewinnen. Im Sommer 1969 parkten Frank und Jackie ihren Wohnwagen unter der gigantischen Kuppel des Palace of Fine Arts, eines leer stehenden Ausstellungsgebäudes von 1915. Hier richteten sie mit dem Segen der Stadt das erste Science Center der Welt ein und gaben ihm den Namen Exploratorium.

Weit über eine halbe Million Menschen besuchen heute jährlich das Exploratorium von San Francisco. Als Urmutter aller Science Centers gab es den Anstoss zur Gründung ähnlicher Institutionen weltweit; das Technorama Winterthur ist nur eines von vielen Beispielen, allerdings eines der prominentesten. Denn Remo Besio hat sich beim Aufbau seines Hauses stark am Oppenheimer'schen Vorbild orientiert; ein Grossteil der Exploratorium-Exponate sind - oft in modernisierter und schweizerisch-perfektionierter Form - auch im Technorama zu sehen. Einige der Erlebnisstationen stammen aus den Manufakturen anderer Science Centers, andere lässt Besio von künstlerisch veranlagten Ingenieuren oder ingeniösen Künstlern bauen, viele entstehen in der hauseigenen Werkstatt im Souterrain des Technoramas.

Zum Beispiel der «Rodeokreisel», eine motorgetriebene und beweglich gelagerte Kreiselanlage, die einen Sattel zum Mitreiten trägt. Ein Physikprofessor in den USA hatte das Gerät in primitiver Form aus Autorädern zusammengebaut, mit dem Ziel, seine Studentinnen und Studenten die ungeheuren Kräfte des Drehimpulses am eigenen Leib spüren zu lassen. Remo Besio entdeckte den Beschrieb der Versuchsanordnung im «American Journal of Physics». Er liess seine Hausphysiker rechnen und heuerte einen Maschinenbauer an; es galt, eine besuchertaugliche Version des Kreisels herzustellen. Die Sache ging erst mal schief: Bei Testläufen im Keller zerstörte sich der Rodeokreisel gleich zweimal selbst. «Beide Male brach die Welle», erzählt Remo Besio, «und die Kreiselscheibe sauste weg. Wir hatten die Kräfte schlicht unterschätzt» - einhundert Kilo Schwungmasse, sechshundert Umdrehungen pro Minute und das Gewicht eines menschlichen Körpers, das alledem entgegenwirkt.

Nach drei Monaten war der Rodeokreisel schliesslich perfekt, die Kreiselmechanik sichtbar, aber dennoch so gut verpackt, dass sich kein Kind die Finger einklemmen konnte. Der Bau von interaktiven Exponaten, die den Misshandlungen durch Tausende trotzen und gleichzeitig niemanden in Gefahr bringen sollen, ist eine knifflige Aufgabe. «Unsere Geräte müssen so konstruiert sein, dass sie starke Beanspruchung aushalten, aber im Notfall, wenn die Kräfte zu gross werden, auch ausklinken», erklärt Remo Besio. Auf diese Weise bleibt das Unfallrisiko minim. «Es ist im Technorama jedenfalls viel, viel kleiner als auf einem Kinderspielplatz.»

Mehr Sorgen macht ihm der Vandalismus. Absichtlich aufgeschlitztes Gewebe in der Abteilung Textil, mit Schneidwerkzeug durchtrennte Glasfaserkabel in der Abteilung Licht. «Und dann», sagt Besio, «gibt es auch immer wieder solche, die sich mit ihrem ganzen Gewicht an irgendetwas dranhängen, mit ihrer ganzen Kraft auf irgendetwas einwirken - und es ist gar nicht immer die übermütige Jugend, die da wütet, oft sind es gestandene Männer wie Sie und ich.» Rund eine halbe Million Franken wendet das Technorama jährlich für den Unterhalt seiner Exponate auf; ohne mutwillige Zerstörungen, schätzt Remo Besio, wäre die Summe um ein Drittel kleiner.

Das Technorama Winterthur ist das erste und einzige Science Center der Schweiz und bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Familien, vor allem aber auch Schulklassen reisen von weit her an, um in die Welt der Naturphänomene und der menschlichen Wahrnehmung einzutauchen. «Wir haben zum Beispiel ein Exponat, das die Existenz der Photonen nachweist», sagt Remo Besio. «Kein Lehrer kann das in der Schule einfach so zeigen, die Schüler müssen es ihm blindlings glauben.» Das Technorama dient deshalb Lehrerinnen und Lehrern als willkommene Erweiterung ihres Klassenzimmers, und genau so hatte sich Frank Oppenheimer, der Erfinder der Science Centers, das gedacht.

Freilich, Oppenheimer war nicht der Erste und Einzige, der die Idee des Experimentierens, die Idee des erweiterten Klassenzimmers oder Pröbel-Labors, in öffentliche Häuser brachte. Bereits 1837 hatte eine internationale Ausstellung im Palais de la Découverte von Paris Modelle gezeigt, mit deren Hilfe sich physikalische, chemische und astronomische Vorgänge erklären liessen. Auch im Crystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 gab es Geräte zum Anfassen - «Hands-on»-Exponate, wie sie heute heissen. Ab 1889 besass die Berliner Urania einen Experimentiersaal mit autodidaktischen Versuchsanlagen für alle; Thomas Edison und Albert Einstein sollen ihn benutzt haben.

Ähnliches versuchte das 1925 eröffnete Deutsche Museum in München: Während traditionelle Technikmuseen jener Zeit die technologischen Errungenschaften der Weltgeschichte priesen, stellte das Deutsche Museum die Entwicklung naturwissenschaftlicher Ideen anhand einfachster Funktionsmodelle dar. In den sechziger Jahren schliesslich zog der Wahrnehmungsphilosoph und Umweltgestalter Hugo Kükelhaus mit seiner Wanderausstellung «Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne» durch Deutschland und die Schweiz. An gut dreissig Experimentierstationen - Kükelhaus nannte sie Phänobjekte - liess sich die Funktionsweise des menschlichen Organismus in Beziehung zur Umwelt erleben. Die interaktive Freilichtausstellung «Phänomena» am Ufer des Zürichsees versuchte 1984 mehr schlecht als recht, das Kükelhaus'sche Erfahrungsfeld zu kopieren.

So gab es auch in Europa immer wieder Ansätze zu Museumserlebnissen, die den Blick durchs trübe Vitrinenglas wenn nicht ersetzen, so doch ergänzen sollten. Noch heute finden sich in herkömmlichen Technikmuseen «Knopfdruck-Exponate», die einen Versuch in Richtung Interaktivität darstellen. Auf Interaktion ausgelegt sind aber auch moderne Erlebnisparks. Das Oppenheimer'sche Science Center, die konsequente Umsetzung der «Hands-on»-Idee, liegt also irgendwo zwischen dem Verkehrshaus Luzern und Disneyland.

Wo sind die Grenzen? Ganz eindeutig lässt sich das nicht sagen. Bei Disney jedenfalls liegt der Reiz in der Erfahrung des Unechten, beim Science Center in jener des Echten. In einem klassischen Technikmuseum wie dem Verkehrshaus Luzern wiederum fehlt das Experiment weitgehend. Zwar hängt die Decke voller herrlicher Flugmaschinen, doch wer sagt mir, wer lässt mich «be-greifen», wie ein Flugzeug fliegt? «Aus dem Anschauen allein erschliesst sich nicht zwingend der Gebrauch», ist einer von Remo Besios Lieblingssätzen.

Technikmuseen wie das Verkehrshaus Luzern indes werden nicht verschwinden. Die Errungenschaften von Forschung und Industrie behalten ihre Faszination; kein Video, keine Computersimulation kann das Gefühl ersetzen, auf dem Führerstand einer Museumslok mit all ihren öligen Gerüchen zu stehen. Doch das klassische Technikmuseum wird in der Tat nur dem Teil eines Ganzen gerecht. Denn um Technik zu verstehen, muss ich die Gedankengänge derer kennen, die Technik nutzten und nutzen, und um diese Gedankengänge zu kennen, muss ich wiederum die Gesetze der Natur verstehen, die zu den Gedankengängen Anlass gaben. Und da sich die Vielseitigkeit körperlicher Wahrnehmungen zum Verstehen solcher Phänomene weitaus besser eignet als Augen und Hirn allein, versuchen Science Centers, Phänomene sinnlich erlebbar zu machen.

Das Konzept entspricht ganz offensichtlich einem Bedürfnis. In den USA gibt es heute mehr als fünfhundert Science Centers oder Museen mit angegliederten Experimentierlabors. In Europa kennt man neben dem Winterthurer Technorama das Experimentarium von Kopenhagen, Tom Tit's in Stockholm oder La Villette in Paris; aber auch Helsinki, Flensburg, London und Barcelona haben technische Museen, die keine Museen sind. Deutschland plant zurzeit vier, England gleich zehn neue Science Centers, und auch in Japan und in Indien liegen sie im Trend.

Zudem greift die Oppenheimer'sche Philosophie auf herkömmliche Institutionen über: «Hands-on»-Exponate, wie sie im Exploratorium oder im Technorama stehen, findet man heute vermehrt auch in traditionellen naturwissenschaftlichen Museen - etwa im Bereich der Geologie, wo sie beispielsweise die Entstehung von Dünen- oder Vulkanlandschaften zeigen. Vitrine, Bildschirm und Knopfdruck-Modell allein reichen eben oft nicht aus. Oder wie Frank Oppenheimer es formuliert hat: Man kann keinem das Schwimmen beibringen, wenn man ihn nicht ans Wasser lässt.

Michael T. Ganz ist freier Journalist in Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.