ER IST 15 JAHRE ALT, Gymnasiast, Raubkopierer. Darum will er nicht, dass sein Name erscheint. «Nenn mich Gordal», sagt er, «nordische Namen sind cool.» In seinem Zimmer herrscht fröhliche Unordnung, in einer Ecke steht dominierend der Computer. Gordal ist gerade dabei, eine CD zu brennen, «dauert nur zwanzig Minuten».
Seit fünf Jahren hat Gordal einen Internetanschluss, aber ein Surfer ist er nicht. «Surfen ist scheisslangweilig», sagt er verächtlich, während seine Finger flink über die Tastatur huschen. Klar, zu Beginn ist auch er im Netz herumgeturnt, aber es ging nicht lange, da geriet er in einem Chatroom an einen, der auf seiner Website illegal kopierte Computerspiele zum Herunterladen anbot.
Gordal war elektrisiert. Er war ein passionierter Spieler, Dutzende von Games hatte er sich gekauft. Und jetzt fand er sie alle gratis im Netz. Dass die Sache verboten war, darin lag der «verschärfte Reiz». Am Anfang war es allerdings «scheissmühsam», Gordal musste sich alles selber beibringen. Aber er ist hartnäckig, schnell und clever. Nächtelang hat er heruntergeladen, für ein Game dauerte das drei Stunden.
Er beschaffte sich einen CD-Brenner und speicherte die Games auf silbernen Scheiben. Aber spielen tut er kaum noch: «Zwei Tage ist ein gutes Game fun, dann ist es fad. Ein schlechtes spiele ich nur fünf Minuten.» Die Games sind Trophäen, Beute, die für den Jäger schon beim Herunterladen aufhört, interessant zu sein. Der Kick besteht darin, an sie heranzukommen.
Als Gordal vor zwei Jahren auf MP3 aufmerksam wurde, dachte er zuerst, dahinter verberge sich irgendwelcher «Pornoshit». Bis er eines Tages auf einer koreanischen Site landete, die Musikstück um Musikstück auflistete - zum Herunterladen als MP3-Dateien. «Da bin ich völlig ausgerastet.»
MP3 komprimiert Musik von einer CD ohne nennenswerte Qualitätseinbusse um das Zwölffache. Die Daten können gespeichert und am Computer mit einem Player abgespielt, als CD gebrannt oder auf einen MP3-Walkman geladen werden. Das Format ist so populär, dass es in den Suchmaschinen zeitweise «Sex» vom ersten Platz verdrängt hat. Gegen die grassierende MP3-Piraterie unternimmt die Musikindustrie rechtliche Schritte. Letzten November wurde ein 22jähriger Student in Oregon zu zwei Jahren bedingt verurteilt.
Für Gordal war MP3 «eine Erleuchtung». Wie wild lud er Songs herunter und bot auf einer eigenen Website seine Sammlung an. Die war so gut, dass er, ein Jugendlicher aus der Schweiz, einen Vertrag mit einer Web-Werbeagentur in den USA abschliessen konnte: Sie placierte Werbung auf seiner Site und zahlte ihm für jeden Besucher ein paar Cents. So kam mancher Dollar zusammen, den Gordal in seine Hardware investierte. Bis ihm letzten Sommer eine anonyme E-Mail mit einer Anzeige drohte. Da fuhr er seinen Server schleunigst herunter.
Aber inzwischen hatte Gordal sowieso schon andere Pläne. Er wollte in ein höheres Level aufsteigen, dorthin, wo sich die Cracks tummeln. Ein paar MP3-Dateien feilbieten kann jeder, aber Insider-FTP-Ringe gibt es nur eine Handvoll, und dank der Qualität seines Angebots wurde Gordal als Mitglied zugelassen. Diese Ringe sind nicht öffentlich, die Mitglieder tauschen Dateien untereinander aus und sichern ihre FTP-Sites gegen unbefugte Eindringlinge wirksam ab.
«Jetzt bin ich big im Business.» Damit meint Gordal, dass er zum Kreis der MP3-Profis gehört. Er erhält neue Songs spätestens am Tag, an dem sie auf den Markt kommen, und sorgt für die zuverlässige weitere Distribution - zum Beispiel über einen Studenten in Albanien, der Zugang zu einem schnellen Universitäts-Server hat.
Zwei Stunden täglich verbringt Gordal am Computer. «Im Moment habe ich alles gut organisiert.» Aber schon plant er seinen Aufstieg in einen höheren MP3-Zirkel. «Wenn ich da reinkomme, habe ich ausgesorgt.» Nicht materiell, natürlich. An der Spitze zählen sportlicher Ehrgeiz und Hingabe an die Sache, Geschäftemacher sind verpönt.