Georg Kreisler wurde 1922 in Wien geboren. Als Jugendlicher emigrierte er in die USA, wo er sich als Musiker durchschlug und nach dem Krieg als Entertainer durch die Bars tingelte. 1955 kehrte er nach Europa zurück. Er lebt heute in Basel. Berühmt geworden ist Kreisler mit seinen selbstgetexteten, selbstkomponierten Liedern, die er auch selber vorträgt. Sie wurden als rabenschwarz und bitterbös empfunden, weil sie Bosheit, Dummheit und falsche Idylle entlarven. Daneben schrieb Kreisler Romane und Theaterstücke, ausserdem arbeitete er fürs Fernsehen. («Fehlt dem Theater die Beziehung zum Volk, so fehlt dem Fernsehen die Beziehung zur Elite. Meine Texte fürs Fernsehen waren ein Protest gegen das Fernsehen. Das Ganze war vergeblich und dauerte fast ein Jahr.») Kreislers Lieder «Geh'n ma Tauben vergiften im Park», «Der guate alte Franz» oder «Hurra, wir sterben!» sind weitherum bekannt, sein schwarzer Humor ebenso. Aus Everblacks wurden Evergreens. Kreisler ist ein Klassiker geworden. Und das heisst: Er wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.
Den Versuch eines Interviews mit Georg Kreisler unternahm Ursula von Arx.
10. Mai 1998
Liebe Frau von Arx,
vielen Dank für Ihr Verständnis für meinen Wunsch, die Fragen schriftlich zu erhalten. Ich glaube, es hat sich gelohnt. Wenn wir miteinander gesprochen hätten, hätte es viel länger gedauert, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hier meine Antworten:
Ich glaube, Sie sehen mich falsch. Ich betrachte mich höchstens nebenberuflich als Entertainer. Eigentlich wollte ich Dirigent werden, aber als 16jähriger Flüchtling in Hollywood musste ich Geld verdienen, also wurde ich Klavierlehrer, Korrepetitor, Aushilfsmusiker beim Film. Dann kam der Krieg, ich musste einrücken und kam als amerikanischer Soldat nach Europa zurück. Um gefährlichere Pflichten zu vermeiden, inszenierte ich Shows für die Truppen und schrieb dabei auch Lieder für mich selbst. Ende 1945 kam ich zurück nach Hollywood. Ich war bettelarm, und meine einzige Chance, Geld zu verdienen, brachte mich wieder zu untergeordneten musikalischen Diensten beim Film. Damals, in den Vierzigern, gab es in Hollywood überhaupt nur Film, kein Theater, kein Fernsehen, kein Radio, kaum Buchverlage, nur Film. Also war wieder nichts mit dirigieren und komponieren, und so ging ich nach einem Jahr mit einem Musical unterm Arm nach New York.
Auch aus dem Musical wurde nichts, denn Amerika ist ein harter Boden, besonders für Künstler, die nicht dort geboren sind. Und so kam ich als Entertainer in die Nachtlokale - aber gegen meinen Willen. Ich war überhaupt nicht erfolgreich, tingelte durch Bars in ganz Amerika, wurde überall sehr schnell wieder hinausgeworfen und landete nach fünf Jahren endlich in einer New Yorker Bar, wo man mich mochte, wo auch das Publikum mich mochte und wo ich ein wenig aufatmen konnte. Ich blieb dort vier Jahre lang und versuchte nach wie vor, ins Theater vorzustossen, fürs Fernsehen zu schreiben, anspruchsvollere Dinge zu tun, hatte aber nur selten die Gelegenheit dazu.
1955 kehrte ich nach Europa zurück, zunächst nach Wien, wo ich meine Kindheit verbracht hatte. Da ich überhaupt niemanden kannte und auch kein besonderes Durchsetzungsvermögen besitze, landete ich dort wieder in einem Nachtlokal. Trotzdem: Allmählich konnte ich intelligentere Dinge schreiben, und nach drei Jahren Wiener Nachtleben war es Schluss mit den Bars.
Entertainer? Meine Stücke «Polterabend», «Der tote Playboy», «Hölle auf Erden», «Oben» und so weiter wurden und werden im gesamten deutschen Sprachbereich aufgeführt, «Lola Blau» wurde in sechs Sprachen übersetzt und schaffte es bis Australien, meine Bearbeitungen von «Lumpazivagabundus», «Der Vogelhändler», «Das Orchester», um nur einige zu erwähnen, wurden bei den Salzburger Festspielen und auch im Fernsehen aufgeführt, ich habe Romane und Kurzgeschichten geschrieben, die Musik zu einer Operette und und und. Dass andere als «Autoren» bekannter sind als ich, liegt teilweise daran, dass sie nicht auch Entertainer sind.
Sicher, ich gebe auch Abende mit Chansons, aber Ihre Frage, ob ich «ein intelligenter Rex Gildo» sei, scheint mir doch etwas weit hergeholt. Ich möchte damit überhaupt keine Wertung vornehmen. Aber mit Schlagern hatte ich nie das geringste zu tun. Das ist eine ganz andere Branche.
Ich versuche auch nie «zu schockieren». Nichts liegt mir ferner. Ich bin auch überzeugt davon, dass ich kaum jemanden schockiere, ausser vielleicht Medienmenschen, die der Meinung sind, man müsse das Publikum unterschätzen, und schockiert darüber sind, dass mir das nicht liegt. Denen fällt dann nichts anderes ein, als mich einen «Taubenvergifter» zu nennen. Missverstehen Sie mich nicht! Ich bin überhaupt nicht böse darüber, dass es Leute gibt, denen nichts Originelleres oder «Wahres» einfällt. Das gehört zum Beruf.
In bezug auf meine Bühnenarbeit fragen Sie, ob ich mir manchmal nicht wie eine Spieluhr vorkomme. Die Antwort ist, dass ich genau das mache, was jeder professionelle Schauspieler macht: Ich studiere etwas möglichst perfekt ein, dann kommt etwas dazu, was man «Spielfreude» nennt, und dadurch wird jede Vorstellung zu einem neuen Erlebnis. Indem man sich mit dem, was man darstellt, jeden Abend neu identifiziert, entdeckt man auch jeden Abend neue Facetten seines zweiten Ichs. Von einer Spieluhr kann daher keine Rede sein. Der Beruf des Schauspielers, und bis zu einem gewissen Grad auch der des Entertainers, ist viel differenzierter und komplizierter, als sich die Publikums- oder Journalistenweisheit träumen lässt.
Ihre Fragen über Kabarett finde ich schwer zu beantworten. Es hat immer mehr schlechte als gute Kunst gegeben, und das ist auch beim Kabarett so. Im Fernsehen gibt es eigentlich nur schlechtes. Das kommt daher, dass sich die Fernsehmacher davor scheuen, auf dem Gebiet der Unterhaltung ebenso progressiv zu sein, wie sie es oft auf dem Gebiet der Dokumentarsendungen sind. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, teilweise tiefenpsychologisch, teilweise politisch erklärbar, und es würde zu weit führen, hier auf sie einzugehen. Tatsache bleibt, dass die Fernsehunterhaltung primitiv ist, weil die Macher das so wollen, ausser manchmal spät nachts, und dass sich einige Kabarettisten dem beugen - gelegentlich auch ich. Leider ist dadurch das Publikum anspruchsloser geworden als früher. Man nimmt, was man bekommt, und wenn man den Markt bekommt, statt Qualität, nimmt man eben den Markt. Das ist bedauerlich, aber es wird sich wieder ändern - hoffentlich bald.
Ihre persönlichen Fragen: Woran freue ich mich? An meiner Frau, Barbara Peters, sowohl erotisch als auch an der Zusammenarbeit mit ihr. Und natürlich an schönen Reisen, guten Büchern und aufregender Kunst.
Was inspiriert mich? Nichts Äusserliches. Ich schreibe, wie ich komponiere, also nicht mit dem Hirn, sondern mit dem Unbewussten. Meine Ideen entstehen am Schreibtisch oder am Klavier dadurch, dass ich mich hinsetze und meiner Phantasie freien Lauf lasse. Die Phantasie wird natürlich auch dadurch angeregt, dass ich versuche, auf allen Gebieten möglichst informiert zu bleiben.
Was mich treibt? Die Freude an meiner Arbeit, und das heisst: mein Bemühen, verbunden mit dem Wissen, dass alles, was ich schreibe, verbesserungsfähig ist. Das mag prosaisch klingen, aber das ist es nur für den Laien. Wir sind letzten Endes idealistische Handwerker.
Warum lebe ich in der Schweiz? Ich war seit 1960 sehr häufig in der Schweiz, vielleicht häufiger als mancher Schweizer. Der jüdische Flüchtling Armin Berg soll bei der Ankunft in Amerika gesagt haben: «Warum ich hier bin, weiss ich. Aber warum sind so viele Amerikaner hier?» So ähnlich geht es mir mit der Schweiz.
Wie ist es, wenn man älter wird? Man hat keine Wahl, also bleibt man, wie man ist, nämlich jünger, als die Jungen glauben. Der Körper versagt bisweilen, aber der Geist bleibt rege, auch bei Senilität. Kein alter Irrer ist so irr wie die jungen Irren, die ihn für irr halten.
Beste Grüsse Georg Kreisler
27. Mai 1998
Liebe Frau von Arx,
die Fragen, die ich nicht beantwortet habe, habe ich nicht etwa übersehen, sondern ich fand es fast unmöglich, sie umfassend zu beantworten, denn Teilantworten und Binsenweisheiten liegen mir nicht.
Sie fragen, was sich in den Jahren verändert hat, und das ist natürlich sehr viel. Wo soll man da anfangen? Allerdings: Im Kabarett hat sich kaum etwas verändert. 1968 sagte man kurz: «Aha!» Aber ein paar Jahre später sagte man: «Aha, es bleibt also alles beim alten.» Die meisten Kabarettisten wandeln in Hildebrandts Fussstapfen, wogegen nichts zu sagen ist, aber das ist kein Kabarett, es heisst nur so. Hildebrandt ist und war immer SPD, also Lafontaine, nicht Dutschke. Natürlich leuchtet hie und da ein Kabarettstern auf, der anders ist, bis er irgendwann vergeht, aber das war schon immer so. Man soll auch nicht vergessen, dass die meisten Kabarett-Theater subventioniert werden, also brav sind, sein müssen!
Es stimmt, dass viele Kabarettisten verzweifelt sind, wie andere denkende Menschen auch, aber Verzweiflung ist nicht bühnenwirksam, also lässt man es. Sie fragen: «Wo gibt es heute gutes Kabarett»? Ich antworte: «Soweit ich weiss, nirgends.» Sie fragen: «Was macht es aus?» Ich antworte: «Der gute Kabarettist, den es nirgends gibt.» Das bringt mich zu Ihrer Frage: «Was sind heute noch Tabus?» Das ist eine Frage, die sich in den eigenen Schwanz beisst, denn Tabus kriegt man ja naturgemäss nicht zu sehen oder zu hören, eben weil sie tabu sind. Tabus sind störend oder verletzend - wer will denn das? Wer darf denn das? Die paar Jungregisseure, die versuchen zu schockieren, verletzen keine Tabus, denn auf Tabus kommt man nur, wenn man nachdenkt, und sie denken nur über das Schockieren nach und natürlich auch an ihre Karriere. Sie haben ja auch meistens gute Kritiken, weil die Kritiker genauso denkfaul sind wie sie, von gefühlfaul zu schweigen. Tabus haben viel mit Gefühlen zu tun. Sie stören nicht einmal so sehr, man versteht sie einfach nicht, deswegen lehnt man sie ab. Man darf Tabus nicht mit Zensur verwechseln. Wenn ich heute sage, dass der deutsche Bundespräsident ein Dummkopf ist, werde ich zensuriert oder verklagt, aber es ist kein Tabu. Ein Tabu war es, beispielsweise, als vor ein paar Jahren jemand einen Hund auf der Bühne einschläfern wollte. Das ging damals nicht, obwohl es ja ausserhalb der Bühne jeden Tag mehrfach geschieht und obwohl in manchen arabischen Ländern Hunderte zusehen, wie ein Mensch zu Tode gesteinigt wird.
Zu anderen Fragen: Was betrachte ich als meine grössten Erfolge? Gegenfrage: Bei wem? Beim Publikum? Bei der Bank? Bei mir? Bei meiner Frau? Als Schriftsteller? Auf der Bühne? Sie sehen: Grosse Erfolge muss man klassifizieren, relativieren, aber am allerbesten: übersehen.
Eine weitere Frage: Wollen Sie bei Ihrem Publikum etwas erreichen? Ich bin vor allem gezwungen, zu erreichen, dass das Publikum mich versteht, denn sonst brauchte ich ja gar nicht aufzutreten. Damit mich aber das Publikum versteht, muss ich Einschränkungen machen, Kompromisse schliessen, das Publikum manipulieren. Das ist legitim, aber ist es richtig? Ich bin nicht sicher. Am schönsten arbeitet man, wenn man das Publikum ignoriert. Aber ob das richtig ist, weiss ich auch nicht. Es hält sich also die Waage. Gelegentlich sagt man: Das muss ich ändern, das versteht niemand. Und gelegentlich sagt man: Es ist mir egal, ob man es versteht oder nicht, ich finde es richtig und gut.
Was habe ich verändert? Wie soll ich das wissen? Manchmal sagen mir Leute, dass ich ihr Leben verändert habe, aber wie ernst darf man das nehmen? Man verändert ein Leben nur, wenn es der Betreffende selbst verändern will. Hat Mozart mein Leben verändert? Sicher, aber wenn es Mozart nicht gegeben hätte, hätte es ein anderer verändert, Beethoven oder Nietzsche oder mein Freund Poldi.
Gibt es jemanden, den ich bewundere? Natürlich! Alle, von denen ich gelernt habe oder noch immer lerne.
Wer ist mein grösster Feind? Ich habe viele Feinde, aber die sind alle so schrecklich klein.
Sähe das deutsche Kabarett heute anders aus ohne mich? Nein. Das deutsche Kabarett ist ein Denkmal, und Denkmäler ändern sich nicht.
Die Antwort auf die drei Bücher für die einsame Insel lasse ich aus. Meine Lieblingsbücher habe ich im Kopf.
Beste Grüsse Georg Kreisler