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Schlagschatten -- Franz Kafka, gequälte Seele
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Kaum je hat ein Mensch mehr unter sich und der Welt gelitten als der Versicherungsjurist Dr. Franz Kafka aus Prag – und nie hat eine gequälte Seele ihre Albträume mit so glasklaren Sätzen in so unheimliche Literatur verwandelt. An internationaler Geltung ist Kafka unter den Dichtern deutscher Sprache längst Bert Brecht und Thomas Mann voraus; genannt wird er meist direkt nach Goethe.
1883 kam er zur Welt, Sohn eines vierschrötigen Kaufmanns, der seine Angestellten als «Hunde und bezahlte Schweine» beschimpfte und seine Familie unter der Knute hielt. Den Franz verachtete der Vater, weil der schwächlich, lesewütig und noch dazu Vegetarier war; wenn der Sohn später trotzdem Fleisch ass, wurde ihm davon so übel, schrieb er einem Freund, «dass ich den missbrauchten und gestraften Körper wie eine fremde Schweinerei in meinem Bette fühlte». Da sehen wir sie beisammen: die Lust an der Selbstquälerei – und die pralle Sprache, die jeden erreicht, den es reizt, über den Rand eines Abgrunds zu blicken.
Dabei war das Deutsche nur eine der drei Sprachen, in die Kafka hineinwuchs, Tschechisch und Jiddisch die anderen. Einen «Halbdeutschen» nannte er sich, Schriftsteller wollte er werden, aber Jura musste er studieren an der Deutschen Universität, der Vater verlangte es für den sozialen Aufstieg der Familie. Von 1908 bis 1917 war Franz Kafka ein lustloser Beamter der Prager Arbeiterunfallversicherung.
Seine erste Erzählung sah er 1908 gedruckt, nur fürs Schreiben lebte er, ein Besessener. Dem Schreiben zuliebe liess er «alle Fähigkeiten leerstehen, die sich auf die Freuden des Geschlechts, des Essens, des Trinkens richteten», notierte er 1912; «ich magerte nach allen diesen Richtungen ab». Im selben Jahr lernte er in Prag die Berlinerin Felice Bauer kennen. Im Juni 1914 verlobte er sich mit ihr, aber nur bis Juli; 1917 dasselbe noch einmal, diesmal von Juli bis Dezember. Felice wolle «die behagliche Wohnung, Schlaf von 11 Uhr abends an» (und er schrieb doch nachts!). «Ich lasse nicht von meiner Forderung nach einem phantastischen, nur für meine Arbeit berechneten Leben.»
Aus diesem dreijährigen Kampf sind seine mehr als 500 Briefe an Felice hervorgegangen, bis zu fünf schrieb er an einem Tag, wie ein Rasender schrieb er ihr von Liebe, Verzweiflung und Angst. «Es ist etwas von Irrenhaus in meinem Leben», schrieb er, oder: «Meine elende Natur kennt nur dreierlei: losspringen, zusammenfallen und hinsiechen.»
Dazu aber Sätze wie dieser: «Ich erschrecke, wenn ich höre, dass Du mich liebst, und wenn ich es nicht hören sollte, wollte ich sterben.» Wo er in seinen Romanen ein bisschen Liebe zulässt, da liest sie sich so: «Wie Hunde verzweifelt im Boden scharren, so scharrten sie an ihren Körpern, und hilflos fuhren manchmal ihre Zungen breit über des anderen Gesicht.» («Das Schloss»)
1915 erschien Kafkas berühmteste Erzählung, «Die Verwandlung»: «Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.» Und nun erzählt Kafka völlig unaufgeregt und in klassischem, schön dahinströmendem Deutsch von den Versuchen des Riesenkäfers, sich in dem neuen Leben einzurichten, vom Entsetzen der Familie, von ihrer Angst, das Ungeziefer könnte den Untermietern unter die Augen kommen, vom Ekel der Schwester, wenn sie ihm etwas zu essen hinstellt, schliesslich vom Vater, der den Käfer mit Äpfeln bombardiert, bis er stirbt. Der Vater!
Die Tuberkulose offenbarte sich 1917 mit einem Blutsturz. Kafka lebte noch sieben Jahre, schrieb wie eh und je, darunter den Roman «Das Schloss», in dem sich eine unentwirrbare Bürokratie eingerichtet hat, «alle Wände sind von aufeinander gestapelten Aktenbündeln verdeckt, und da immerfort Akten entnommen und eingefügt werden, stürzen diese Säulen immerfort zusammen»; das Krachen hallt durch das Gemäuer.
In seinem letzten Winter verbrachte Kafka in Berlin ein paar erstaunlich entspannte, ja mitunter fröhliche Monate mit der hübschen Polin Dora Diamant. Ihren Vater bat er um ihre Hand, der zog den Rabbi zu Rate, und der sagte Nein. Mit Dora zusammen verbrannte Kafka – niemand weiss, warum – viele seiner unveröffentlichten Werke, und was übrigblieb, sollte sein Freund Max Brod «restlos und ungelesen verbrennen».
In einem Sanatorium bei Wien erlosch am 3. Juni 1924 der Tumult in dieser Seele. Brod widersetzte sich der letzten Weisung und rettete so drei Viertel dessen, was noch vorhanden war – «Der Prozess» darunter, einer der berühmtesten Romane des Jahrhunderts: «Jemand musste Josef K. verleumdet haben», setzt er ein, und ohne dass Josef K. den Grund seiner Verhaftung je erfahren hätte, wird er schliesslich von zwei höflichen Herren im Gehrock mit einem Fleischermesser hingerichtet.
«Was bedeuten Kafkas Geschichten?» fragt Peter von Matt. Das saugen sie dem, der sie liest, «aus dem lebendigen Leib»! Kafka selbst hatte 1921 die Angst seines Lebens in den Satz gedrängt: «Die Welt ist nicht geheizt.»
Wolf Schneider ist Schriftsteller und lebt in Starnberg (D)
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