Als die Aristokratie ihre Schlösser im 19. Jahrhundert nicht mehr anständig bedienen konnte, weil die gottgegebenen Latifundien von der bürgerlichen Mehrwertmaschine der aufstrebenden Industrie untergraben wurden, entstanden die Paläste der neuen Herrscher, die Grand-Hotels der Bourgeoisie, in denen die Illusion der Höfe zelebriert wurde, bis hin zu den falschen Bildern grosser Meister, die rührend gespreizt, von Bogenlämpchen beleuchtet, in den Gängen und Hallen ihre rasende Unwichtigkeit verstrahlen und den neuen Potentaten Kunst vorgaukeln, mit der man sich bitte schön zu umgeben hat, wenn man sich den Luxus der beiläufigen Erbauung leisten kann.
«Palace» nannten die Schausteller des neuen Industriezweigs ihre Hotels, weil die ersten Gäste, die hier nicht die Mühsal der Alpenüberquerung unterbrachen, sondern for the hell of it herkamen, Engländer waren, die der Langeweile der Kolonialmacht England entflohen, um das Matterhorn zu besteigen, Bobsleigh und Skeleton zu erfinden und freiwillig einen Tiefschneehang runterzurutschen.
Badrutt, Ritz und Seiler hiessen die waghalsigen Unternehmer, die ihre verschnörkelten Paläste in gottverlassene Landschaften stellten, die kurz vorher kein Mensch freiwillig besuchte, und schon gar nicht im Winter. Während in Neuschwanstein das absolutistisch subjektive Prinzip der Schönheit sich in gigantischem Zuckerguss ein letztes Mal aufbäumte und als Narretei eines spätgeborenen Potentaten zu dessen Entmündigung führte, baute Badrutt in St. Moritz seinen neugotischen Bergtempel und machte ihn zum Zentrum des europäischen Müssiggangs, wo sich bis auf den heutigen Tag grosses Geld und grosse Schieber bei präzisem Luxus ein alpines Stelldichein geben. Keiner kann vorgeben, zufällig und transit hier zu sein, für jeden ist der Tempel die Endstation, und das Sein reduziert und erhöht zum Hiersein, und sonst gar nichts.
Badrutts «Palace» ist ein Gesamtkunstwerk, ein Kosmos, ein Basar, ein Schiff, ein Welttheater, ein Brennspiegel und für all jene, die das Spiel nicht geniessen, eine Herausforderung, der sie sich geharnischt immer wieder ausliefern. Hochstapler können hier prüfen, welchen Grad der Weisheit sie auf dem Weg zur letzten Lockerung schon erreicht haben, Normalverbraucher sitzen, gezeichnet von der Anstrengung, gut auszusehen, in der Prunkhalle, und auch der professionelle Dandy hat seine liebe Mühe, die kunstvoll ungebügelte Hose in die Renaissance-Bar zu steuern und damit eine klare Distanz zu signalisieren zu den Uniformen des Wohlstandes.
Im Speisesaal herrscht ein eisernes Kastenwesen. Wer warum wo sitzt, lässt sich nur ahnen, und auch grössere Trinkgelder verändern die Sitzordnung nur unwesentlich.
Als Hans Badrutt, der dem Hotel Schliff und Joie de grandeur verlieh, in den zwanziger Jahren von einer Reise auf einem der grossen Oceanliner aus den USA zurückkam, entschied er, den Speisesaal nach dem Vorbild der grossen Passagierdampfer umzubauen. Die privilegierten Plätze sind in der ersten Abteilung bis cirka 20 Meter nach dem Eingang, wo sich der Speisewillige auf einer kleinen Kanzel, ohne zu wollen, präsentiert, bis er vom Zeremonienmeister an seinen Tisch begleitet wird. Mehr oder weniger offensichtlich wird jeder Ankömmling gemustert und ist willkommener Anlass, die Theorien der Ästhetik des Alltags an praktischen Beispielen zu studieren. Das Schöne, weil Klare am Auftritt in Badrutts Speisesaal ist die Tatsache, dass hier weder dem texanischen Ölmagnaten noch der deutschen Wasch- und Backpulver-Witwe die Nonchalance der letzten Lockerung, mit der die grossen Zen-Meister ihre Pfeile ins Ziel schiessen, immer gelingt. Nein, im «Palace» öffnen sich die Bruchstellen von Sein und Schein. Jeder zeigt, was er hat, und sei es, dass er es nicht nötig hat, es zu zeigen.
Für Meier-Voyeurissimo ist es ein kompliziertes Vergnügen zu beobachten, wie die verschiedenen Damen und Herren aus aller Welt sich der Tortur des Placiertwerdens ausliefern und mit welchen Tricks sie den peinlichen Marsch in die Halbverdammung an einen mittelmässigen Tisch überspielen.
Ganz gleich wie die Gäste arbeiten sich auch die Kellner von der Hölle ganz hinten ins mittlere Nebenschiff bis in den Serail nahe bei der Tür vor, wo man zwar alle Gäste ihren Auftritt hinter sich bringen sieht, selber aber keinen machen muss. Auch für den geübtesten Spiessrutenläufer ist es immer wieder eine Herausforderung, gemustert zu werden. Der Palast zieht stets neue Knappen heran, die bei zivilen Preisen in verdammt kleinen Kojen ihre Karriere als Gast beginnen. So ist das «Palace» nicht nur die beste Hotellerie der Welt, sondern auch eine Schule des Lebens, und Meier-Latour lässt sich zum Schluss seiner Hymne zu einem Aufruf hinreissen, den er durchaus unzynisch und ernst meint: Eltern, schickt euere Kinder ins «Palace», verhandelt mit dem Chefkassier einen guten Preis, und eure Sprösslinge erleben ein Welttheater, dem Salzburgs «Jedermann» und Frischs «Biedermann» nicht einmal das Futter gibt.