NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Die unerträgliche Lustigkeit des Seins

Von Joni Müller

HEUTE WERDEN, hört man oft sagen, die Kinder früher erwachsen. Eine Behauptung, die höchstens dann stimmt, wenn man Erwachsensein nur als hormonelle Befindlichkeit definiert. Zwar bekommen die Mädchen ihre Regel in der Regel früher als noch vor einigen Jahrzehnten und die Jungen ihre Pickel ebenfalls. Doch daraus zu schliessen, sie würden früher reif, ist blanker Unsinn.

Vielmehr ist Gegenteiliges festzustellen. Nämlich die Tatsache, dass der zivilisierte Mensch im ausklingenden 20. Jahrhundert zwar irgendwann mal geschlechtsreif wird, aber kaum je erwachsen. Die Pubertät fängt früher an und hört gar nie mehr auf. Es grassiert eine bemerkenswerte Infantilisierung breitester Bevölkerungsschichten, und die Politiker schauen wie so oft tatenlos zu beziehungsweise weg. Anders lässt sich jedenfalls die überaus grosse Beliebtheit humoriger Glückwunsch-, Dank- und Gratulationskarten kaum erklären und ebensowenig die ihnen immanente Denkungsart.

In jedem Warenhaus sind sie auf langen Gestellen in unzähligen Varianten und Formaten für alle möglichen Gelegenheiten zu finden: Geburtstag, Verlobung, Hochzeit und andere Prüfungen sowie Dank und Verzeihung für dieses und jenes - für alles gibt's die passende Karte, gerne mit Elefant oder bewährten Anzüglichkeiten aller Art. Besonders lustig sind auch besonders grosse Karten, weshalb bezüglich des Formats eine eigentliche Inflation stattfindet. Unter A4 entlarvt sich der Sender heute bereits als spiessig und zudem geizig, denn Grösse hat ihren Preis und auch ihr Porto.

Vorzugsweise in Fussgängerzonen gibt es sogar Läden, die sich ganz auf solch lustige Erzeugnisse spezialisiert haben und ausser Juxkarten höchstens noch Schaumbad in Schnapsflaschen sowie Tassen und Schlüsselanhänger mit sämtlichen Vornamen feilbieten. Anders als im Warenhaus fehlt in solchen Pseudopapeterien meistens die Kartenkategorie, die als einzige vom Humor verschont geblieben ist: die Beileids- oder Trauerkarte. Was eigentlich unverständlich ist, denn gerade einem traurigen Empfänger wäre doch etwas Aufheiterung am meisten zu gönnen.


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