ACH, DIESE DATEN. Da ist immer wer, dem sie keine Freude machen. Sie kommen nackt auf die Welt, deshalb findet sie der Layouter obszön. Und das investigative Meisterstück, das der Redaktor liefert, ist aus der Sicht des Webmasters bloss eine amorphe Portion Datensalat. Alle mühen sich, doch der User bekommt trotzdem nur Heuhaufen, wenn er nach einer Nadel sucht. Inhalt, Struktur und Erscheinung sind in der Computerwelt natürliche Feinde. Gemeinsam bilden sie ein Bermuda-Dreieck, in dem stets jemand abstürzt.
Erst seit kurzem trägt man auf den Kommandobrücken des Informationszeitalters den Kopf wieder hoch, hebt die Daumen und betet einander lächelnd drei Buchstaben vor: «XML!» Das steht für «Extended Markup Language» und Erlösung. Grob gesprochen besteht das kommende Glück darin, alles Wissen der Welt zwischen sogenannte Tags zu rücken: <erklaerung> Tags sind intelligente Bemerkungen in spitzen Klammern, die den offensichtlichen Sinn des Inhalts so strukturieren, <witz> dass ihn alle verstehen, sogar ein Computer </witz> </erklaerung>.
Das klingt einfach, wirkt aber Wunder: Handys können plötzlich Zeitung lesen (WML - Wireless Markup Language), Informationen wissen, ob sie Spreu oder Weizen sind (RDF - Resource Description Format), und Bilder machen sowohl im Display einer Armbanduhr als auch auf der Kinoleinwand gute Figur (SVG - Scaleable Vector Graphics).
Dank XML darf jeder so viele Tags erfinden, wie er will. Doch XML hat nicht nur Format, es hat auch Methode: Die Tags müssen alles tun, worauf ihr Programmierer besteht. Und da XML auch Stil ist, nehmen die Daten eine Gestalt an, die dem jeweils kühnsten Traum des Grafikers entspricht. So kann jeder nach seiner Façon mit XML glücklich werden, und wenn sich die Daten verstehen, verstehen sich auch die Menschen.
Zum Kleingedruckten gehört, dass die Einzelheiten in rätselhaften Metasprachen deutlich gemacht werden müssen. Doch mit jeder neuen Drei-Buchstaben-Abkürzung erwirtschaftet sich der digitale Mittelbau ein weiteres Distinktionsmerkmal, und der breiten Masse ist trotzdem Sinnentnahme auf jedem Niveau möglich. Die Computergesellschaft, laut dem holländischen Mathematikprofessor Edsger W. Dijkstra ein «Geheimbund zur Schaffung und Bewahrung künstlicher Komplexität», hat ihr Geschäft erstmals so geordnet, dass es einfach aussieht. Angesichts des Zwecks ist das zweifellos ein Fortschritt.