Es ist eine gigantische Liebesmaschine mit fast 535 000 Anschlussstellen (Stand: 10. Januar 2004, 12 Uhr), Tag für Tag ein paar hundert neuen Beziehungswilligen, vermutlich Zigtausenden gestifteten Bekanntschaften, Liebschaften und sogar Ehen. Seit drei Jahren rotiert die – nach eigenen Angaben – «grösste Online-Partneragentur für langfristige Beziehungen» ebenso leise wie effektiv, und angeworfen hat sie Professor Hugo Schmale.
Schmale, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Hamburg, knobelt seit über 30 Jahren an der rätselhaften Frage, was Männer und Frauen trennt und zusammenbringt. Am Anfang standen von Schmale entwickelte Persönlichkeitstests, mit denen Partnersuchende herausfinden konnten, wie sie sich erstens für die Liebe und zweitens füreinander eigneten. Diese Tests erschienen zunächst in der Kultzeitschrift «Twen», später erfolgreich in «Marie Claire», «Freundin» und «Play boy». 1999 dann klingelte der Holtzbrinck-Verlag bei dem Psychologen: Ob er sich vorstellen könne, seinen Test wiederzubeleben und weiterzuentwickeln? Für eine Partnerschafts-Site im Netz? Schmale konnte. So entstand Parship.
«Unser Erfolg», sagt Schmale, ein kleiner, kräftiger Wissenschafter mit grossem Sinn für Humor, «kam keineswegs überraschend. Es ist einfach extrem attraktiv, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Hause sitzend und fast anonym herausfinden zu können: Was bin ich eigentlich für ein Partner? Welche Chancen hätte ich mit meinen Eigenschaften am Markt? Und wer ist da draussen, der sich möglicherweise für mich interessiert?» Für die Partnersuche, so Schmale, sei das Internet deshalb das optimale Medium.
Für die Liebesmaschinisten ist es ein glänzendes Geschäftsmodell. Nach einer aufwendigen Phase der Konstruktion (über ein Jahr benötigten Schmale und mehrere seiner Doktoranden, um den Test und seine 600 Auswertungsbausteine zu komponieren) läuft ihre Maschine mittlerweile quasi von allein. Im Prinzip müssen die Parship-Gesellschafter Holtzbrinck Networks und «Die Zeit» nur noch die Beiträge von 149 Euro, in der Schweiz (etwa bei nzz.parship.ch) 235 Franken, für eine sechsmonatige Mitgliedschaft kassieren. Und Hugo Schmale, ebenfalls mit ein paar Prozenten an der Parship GmbH beteiligt, bekommt alle paar Monate einen Packen Fragebogenauswertungen auf den Schreibtisch.
Dieser Fragebogen ist das Herzstück seiner Parship-Maschine. 93 Fragen lang, basierend auf den Erkenntnissen von Freud, Jung und anderen Psychologen, soll er binnen 30 Minuten in das Innere des Users vordringen. Er fragt ihn nach der Raumtemperatur, bei der er sich am wohlsten fühlt und ob er bei offenem Fenster schlafe. Er will wissen, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf sei und wie man reagiere, wenn man auf einer Bananenschale ausrutsche. Er zeigt einem abstrakte Bilder und analysiert, wie man auf sie anspricht. Es ist ein ausgeklügeltes System aus Frageketten, Szenen- und Bildassoziationen, die sich zu einem Profil des Partnersuchenden zusammensetzen.
Ohne dass der es überhaupt merkt, setzt die Maschine zeitgleich aus einer halben Million Parship-Profilen potentielle Paare zusammen und macht sie per E-Mail miteinander bekannt. «Wir drehen das klassische Kennenlernritual einfach um», erklärt Schmale, «den Smalltalk und das ganze übliche Balzverhalten überspringen wir. Dabei werden ja dem anderen völlig falsche Signale übermittelt: Man präsentiert sich immer so, wie man glaubt, dass der andere einen mögen könnte. Weil niemand so ein Schauspiel auf Dauer durchhält, gehen so viele Beziehungen in die Brüche.» Bei Parship ist das anders: Dort bekommt man den potentiellen Partner gleich inklusive psychologisch fundierten Persönlichkeitsprofils, Präferenzen und Macken präsentiert. Harte Fakten statt softe Romantik, sozusagen. Die kommt später. Vielleicht.
Dennoch sei das elektronische Matching, wie die Methode genannt wird, beileibe nicht das Ende von Romantik und Zauber. «Unser Test ist ja nur ein Anfang. Eine hohe Übereinstimmungsrate bedeutet zwar eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung funktionieren könnte. Wenn es aber zwischen den beiden nicht funkt, nützt auch die höchste Matchingzahl nichts.» Gefunkt, glaubt der 73-Jährige, hat es zwischen Parshippern bis heute geschätzte 40 000 Male. Ja, natürlich sei es «ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, dass man so viele Beziehungen gestiftet hat. Ohne das Internet wäre das niemals so leicht, so schnell, so unkompliziert möglich gewesen. Deswegen hat das Internet eine grosse Zukunft beim Beziehungsstiften.»
Seine eigene Partnerin hat der Professor übrigens ganz konventionell an der Universität kennengelernt. Sie hat sich bisher strikt geweigert, den Parship-Test spasseshalber auszufüllen. «Sie will einfach nicht. Sie befürchtet, dass zu viel über sie herauskommen würde.»
Harald Willenbrock ist Journalist und Autor in Hamburg.