CYANGUGU, NOVEMBER 1996. Die rwandischen Offiziere auf der Hotelterrasse sind in ausgelassener Stimmung, und die Bierbüchsen sind schnell leer. Vor wenigen Tagen haben hier noch Granaten eingeschlagen, abgefeuert von «drüben» im zairischen Bukavu. Von wem genau, weiss niemand, aber der rwandischen Armee war der Beschuss ein willkommener Anlass, in aller Öffentlichkeit ein paar Kompanien «hinüberzuschicken», um den Spuk zu beenden. Das Biergelage ist ein wenig auch Siegesfeier. Mit am Tisch sitzen zwei weisse Männer, Militärattachés. Doch anders als noch vor wenigen Jahren sind es keine Franzosen, sondern ein Amerikaner und ein Deutscher, die mit den Offizieren nicht französisch, sondern englisch sprechen.
Eine kurze Autofahrt durch die rwandische Hauptstadt Kigali genügt, um weitere Anzeichen für jenes Phänomen zu finden, das gerne zum Leitmotiv der Krise an Afrikas grossen Seen erhoben wird. Die Mehrzahl der Reklametafeln entlang der grossen Verkehrsachsen sind englisch untertitelt, ob sie nun neue Biermarken oder Dienstleistungen anpreisen. Ein oft gehörtes Urteil scheint sich zu bestätigen: Die Grande Nation, ihre Sprache und Kultur werden verdrängt von einer anglophonen Verschwörung, die Guinness-Bier, Hollywood und Internet ins Land bringt, sich aber vor allem die reichlich vorhandenen Rohstoffe in der Subregion sichern will. Dunkle Mächte, so will es die Legende, hecken in Hinterzimmern von Ministerien oder Präsidentenämtern in Paris und Washington Pläne aus, die von ugandischen, rwandischen, burundischen und zairischen Militärs und Milizionären in die Tat umgesetzt werden.
In der nördlichen Welt ist man es sich gewohnt, für alle Vorgänge in Afrika externe Drahtzieher zu vermuten; dass die regionalen Akteure selber die Initiative ergreifen könnten, wird diesen kaum zugetraut. Gerade der Konflikt an Afrikas grossen Seen zeigt jedoch, dass die Verhältnisse wesentlich komplizierter sind. Natürlich sind das Erbe der kolonialen Herrschaft, Grossmachtpolitik und globale wirtschaftliche Interessen auch diesmal nicht auszuklammern; zu verstehen ist der Konflikt jedoch nur, wenn man sich auch die Mühe macht, sich mit den lokalen Gegebenheiten und Machtstrukturen, mit der jüngeren Geschichte von Rwanda, Burundi, Uganda und Zaire auseinanderzusetzen.
RWANDA, ENDE DER FÜNFZIGER JAHRE. Für die Geschicke des kleinen, stark übervölkerten Landes war seit der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg Belgien zuständig, wie auch für Burundi, den anderen Zwerg südlich von Rwanda, und für Belgisch-Kongo, den Riesen im Westen, das heutige Zaire. Rwanda war nach gut sechzig Jahren Kolonisierung - zuerst durch die Deutschen, dann durch die Belgier - ein Land mit einer heillos zerrissenen Gesellschaft. Das komplexe politisch-religiöse Geflecht der Klassen in der vorkolonialen Monarchie war mit Hilfe der Rassentheorien, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in Europa Mode waren, auseinandergerissen worden. Die Tutsi, oder Watussi, wie sie einst genannt wurden, schlanke, hochgewachsene Menschen mit feinen Gesichtszügen, galten als zum Herrschen geboren. Sie wurden zu den idealen Statthaltern der Kolonialmacht. Die Hutu dagegen, von eher gedrungener Gestalt, mit breiteren, flachen Nasen und wulstigen Lippen, fand man geschaffen zur Feldarbeit in den Tee- und Kaffeeplantagen und zur Arbeit in den Minen und Plantagen in den angrenzenden Kivuprovinzen des belgischen Kongos.
Die Europäer waren über das, was sie in den tausend Hügeln und Tälern östlich des Kivusees vorfanden, entzückt: eine durchorganisierte Hierarchie, der man nur noch die Weissen aufzupfropfen brauchte, und eine quasi alttestamentarische monotheistische Religion mit dem Gott Imana, an die nur noch Jesus Christus anzukoppeln war, was allen voran die katholische Kirche mit grosser Inbrunst in Angriff nahm. Dass es eben diese europäischen Einflüsse waren, die die vorgefundenen Strukturen zerstörten und damit den Weg zu einer rassisch geprägten Staatsideologie nach der Kolonialherrschaft bereiteten, wollte zu jener Zeit niemand wissen. Es gab praktischere Probleme: Rwanda, massiv übervölkert, wurde immer wieder von Hungersnöten heimgesucht.
Der Blick der Belgier schweifte über den Horizont nach Westen und blieb in den Kivuprovinzen hängen, so wie mehr als hundert Jahre zuvor Viehzüchter rwandischer Sprache (Banyarwanda) ihren Blick auf diese dünn besiedelten, lieblichen Landschaften gerichtet und sich da niedergelassen hatten. Die Belgier fanden in Rwanda die dringend benötigten Arbeitskräfte für ihre Plantagen und Minen im Ostkongo. Zwischen den dreissiger und fünfziger Jahren siedelten sie Zehntausende von Rwandern, Tutsi und Hutu, in den belgischen Kongo um.
1960 wurden Rwanda, Burundi und Belgisch-Kongo unabhängig. Die Belgier, bis kurz davor überzeugt, noch auf Jahrzehnte hinaus die Geschicke dieser Staaten bestimmen zu können, und noch mehr die betroffenen Völker hatten sich mehr schlecht als recht darauf vorbereitet. In Rwanda hatte Brüssel in den fünfziger Jahren sogar noch versucht, den von den Eliten immer lauter vorgebrachten Ruf nach Unabhängigkeit zu unterlaufen, indem sie die Bauern, die Hutu, intensiv förderten - ein Versuch, der sich als dramatischer Fehlschlag erwies. Unter der Mehrheitsbevölkerung der Hutu begann nun erst recht das Bewusstsein zu keimen, von den Tutsi unterdrückt zu werden. Auch das Entstehen einer Hutu-Mittelschicht bewirkte, dass nicht mehr nach dem sozialen Status, sondern zunehmend nach ethnischen Gesichtspunkten unterschieden wurde.
Bereits ein Jahr vor der Unabhängigkeit war es zu einer blutigen Revolution gekommen, in deren Verlauf die Tutsi ebenfalls eher als Rasse denn als Klasse attackiert, teilweise vertrieben oder sogar umgebracht wurden. Im unabhängigen Rwanda übernahmen die Hutu, die 85 Prozent der Bevölkerung ausmachten, die Macht und erhoben die Ideologie der Hutu-Power zur eigentlichen Staatsideologie. In regelmässigen Abständen kam es zu immer eindeutiger ethnisch begründeten Pogromen gegen die Tutsi. Rund um das kleine Land bildeten sich in Zaire, Burundi, Tansania und Uganda Inseln einer Tutsi-Diaspora mit weltumspannenden Ablegern. Der zunehmend autoritäre Charakter der rwandischen Regierung liess aber auch eine wachsende Zahl von Hutu das Land verlassen. Wer nicht zum Clan des Herrschaftszirkels gehörte und trotzdem seine Rechte reklamierte, riskierte sein Leben.
In ihren Gastländern übernahmen die Tutsi, denen der Ruf besonderer Agilität anhing, bald einmal wichtige Funktionen in Wirtschaft, Verwaltung und Schulen. Ausser einigen Schwärmern dachte kaum ein Auswanderer an die Rückkehr in die blutbefleckte Heimat. Doch in den späten achtziger Jahren änderte sich die Lage abrupt.
UGANDA 1986. Nach fast zwei Jahrzehnten blutiger Wirren in der einstigen «Perle Ostafrikas» übernahm Yoweri Museveni die Macht. Museveni konnte auf die Dienste zahlreicher rwandischsprachiger Einwanderer zählen, die in seiner Bewegung, dem National Resistance Movement, und in seiner Armee, der National Resistance Army, viele Schlüsselpositionen besetzten. Musevenis Gefolgschaft galt als ausserordentlich diszipliniert, sowohl auf dem Schlachtfeld als auch in der zivilen Verwaltung. Museveni trat an zu beweisen, dass Afrikaner sehr wohl wussten, ihre Geschicke selber in die Hand zu nehmen. Ugandas Wirtschaftspolitik bekam Vorbildcharakter.
Aber der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Im Norden und Nordwesten des Landes hielten sich zäh bewaffnete Rebellen, die vor jeder Offensive des Militärs nach Sudan oder Zaire auswichen, wo sie sich in Ruhe neu sammeln und bewaffnen konnten. In Uganda, dessen Kultur während der vorangegangenen Wirren von ethnischen Rivalitäten vergiftet worden war, keimten zudem starke Antipathien gegen die Sieger des Bürgerkriegs, gegen Musevenis Volk der Ankole und noch mehr gegen die Banyarwanda, die rwandischsprachigen Einwanderer. Die Banyarwanda sahen ihr Gastrecht mehr und mehr bedroht. Nun waren es nicht mehr unverbesserliche Schwärmer, die in die Heimat zurückkehren wollten, sondern jene Leute, die sich eine überdurchschnittliche Bildung und Berufserfahrung angeeignet hatten und auch mit ihrer militärischen Expertise entscheidend daran beteiligt gewesen waren, dass Museveni den Bürgerkrieg in Uganda gewinnen konnte. Die Rwandische Patriotische Front (RPF) entstand. Sie verstärkte den politischen Druck auf das rwandische Hutu-Regime, um den Exilierten die Rückkehr zu ermöglichen, und bereitete sich gleichzeitig im Untergrund auf eine militärische Offensive mit dem gleichen Ziel vor. 1990 schlug die RPF mit einer militärischen Invasion im Norden Rwandas erstmals zu. Ihr Überraschungsangriff endete nach Anfangserfolgen jedoch im Chaos, und ihr Chef, Fred Rwigyema, fiel in den ersten Zusammenstössen mit der rwandischen Regierungsarmee.
ZAIRE, ANFANG DER NEUNZIGER JAHRE. Nach dem Zusammenbruch der Blöcke in der nördlichen Hemisphäre wehte der viel gerühmte «Wind of change» über den Schwarzen Kontinent. Viele afrikanische Länder sahen sich plötzlich ihrer geostrategischen Rolle beraubt; für ihre einstigen Mäzene in Ost und West wurden sie zu teuren Altlasten. Nun wollte man in Afrika nur noch eins: nach den Gesetzen des Markts Geschäfte machen. Dafür brauchte es Stabilität, und diese wollte man mit der Einführung demokratischer Strukturen erreichen. Die Botschaft fiel bei der Bevölkerung der autoritär geführten Staaten auf fruchtbaren Boden; der Enthusiasmus, der Wille zum Aufbruch, zu einem Neuanfang war überbordend. Doch die Gründerpräsidenten, Landesväter und Präsidenten «auf Lebzeiten» waren zäher und zynischer als erwartet. Um zu beweisen, dass die Demokratie nach westlichem Muster für afrikanische Gesellschaften untauglich ist, brachten sie die Ethnien gegeneinander auf.
Mobutu Sese Seko, der Diktator Zaires, erwies sich als ein Meister politischer Winkelzüge und als eigentliches Stehaufmännchen. Von der Demokratisierungswelle in die Ecke gedrängt, schürte auch er im Land ethnische Konflikte. Im Osten, an der Grenze zu Uganda, Rwanda und Burundi, richtete sich diese Kampagne vor allem gegen die Banyarwanda, die teils seit Jahrhunderten dort ansässig waren, teils von den Belgiern dorthin umgesiedelt worden oder nach der Unabhängigkeit vor dem Rassenhass in Rwanda dorthin geflohen waren. Es kam zu ersten Pogromen der einheimischen Bantu-Bevölkerung gegen die rwandisch sprechenden Tutsi.
BURUNDI 1993. Die Demokratisierungsbewegung schien hier zunächst erfolgreich zu sein. Der wie schon sein Vorgänger durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Präsident Pierre Buyoya liess sich 1993 unter dem Druck aus dem In- und Ausland zu demokratischen Wahlen bewegen, in der irrigen Annahme, diese zu gewinnen. Aus der Wahl ging aber die Front für die Demokratie in Burundi (Frodebu), in der sich neben echten Demokraten auch Hutu-Rassenideologen nach rwandischem Vorbild sammelten, als Siegerin hervor. Das Establishment der Tutsi, das während Jahrzehnten die Geschicke in Burundi mit blutiger Repression gegen die Hutu bestimmt und vom lukrativen Handel mit Kaffee, Gold und Diamanten profitiert hatte, sah mit ungläubiger Wut, wie sich die «Bauern» in den vormals geschützten Jagdgründen breitmachten. Die Konterrevolution liess nicht lange auf sich warten. Im Oktober wurde der charismatische Frodebu-Präsident Melchior Ndadaye während eines Putschversuches ermordet. Es begann, was sich im Sommer 1996 mit der Wiedereinsetzung Buyoyas durch das Militär vollendete: die Rückeroberung der politischen Macht durch das Establishment.
Doch die Konterrevolution lief nicht so ab, wie es ihre Drahtzieher von früheren Episoden in Burundi gewohnt waren. Frodebu-Kader riefen nach der Ermordung ihres Präsidenten zum bewaffneten Widerstand auf, und ihre Anhänger organisierten sich in Milizen. Ihnen stand als bewährtes Machtinstrument des Establishments die Armee gegenüber. Gegen den Widerstand der Demokraten auf beiden Seiten gewann der Rassenhass an Terrain. In den Kämpfen nach dem Putschversuch kamen weit über 100 000 Menschen ums Leben, zumeist in Massakern an der Zivilbevölkerung. Frodebu-Milizen wüteten unter den Tutsi und die Armee unter den Hutu.
Immer mehr Frodebu-Kader setzten sich zusammen mit Zehntausenden von Flüchtlingen ins Ausland ab, um von dort den bewaffneten Widerstand zu organisieren und zu koordinieren. Ihre Basen errichteten sie vor allem im ostzairischen Südkivu, wo zwischen Uvira und Bukavu die Flüchtlingslager wie Pilze aus dem Boden schossen. Die dortigen Behörden, für jeden schnellen Dollar empfänglich, gewährten den bewaffneten Exilanten grosszügig Unterstützung. In Burundi glimmt der Bürgerkrieg bis heute weiter. Jeden Tag fallen ihm laut den wenigen Berichten, die noch ins Ausland dringen, gegen fünfzig Menschen zum Opfer.
RWANDA, APRIL 1994. Der Putschversuch in Burundi im Oktober 1993 war das Fanal für die rwandischen Rassisten. Auch hier hatte die herrschende Clique um Präsident Habyarimana zuvor auf inneren und äusseren Druck hin Zugeständnisse zu machen. Das Einparteisystem wurde aufgehoben, und es zeichnete sich ab, dass die Verhandlungen mit der inneren Opposition und der RPF zu einer Machtteilung führen würden. Als Präsident Habyarimana am 6. April 1994 von einer weiteren Verhandlungsrunde im tansanischen Provinzstädtchen Arusha zurückkehrte, wurde sein Flugzeug abgeschossen. Verdächtig schnell organisierten extremistische Milizen, die unter den Fittichen der Armee ausgebildet und bewaffnet worden waren, Strassensperren und Todesschwadronen. Wer als Hutu nicht dem politischen Lager Habyarimanas angehörte, bezahlte mit dem Leben. Tutsi galten grundsätzlich und ohne Ausnahme als Sympathisanten der RPF, der Kakerlaken, wie sie die Hutu-Propaganda nannte.
Ein Blutbad ohnegleichen begann, das erst durch den Vormarsch der RPF-Truppen gestoppt wurde. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die Uno, klammerte sich an diplomatische Floskeln und forderte vergeblich einen Waffenstillstand. Sie brauchte mehrere Monate, um zu begreifen, dass der Krieg mit der RPF der Regierung den Anlass lieferte, die gesamte Opposition in Rwanda auszumerzen.
Nie wird jemand mit Gewissheit sagen können, wie viele Tutsi in der Blutorgie zwischen April und Juni 1994 in Rwanda erschossen, erschlagen, in Stücke gehackt, ertränkt, lebendig begraben oder auf andere bestialische Art umgebracht wurden. Und wie viele weitere verstümmelt, vergewaltigt, gedemütigt wurden. Zahlen zwischen einer halben Million und über einer Million Todesopfer werden genannt. All diesen Schätzungen haftet allerdings der Makel an, dass mit ihnen politische Absichten verfolgt werden. Aber eines ist klar: So etwas hatte es in Afrika noch nie gegeben. Klar ist auch: Unter den Hunderttausenden von Toten waren jene, die der Vergeltung von RPF-Soldaten oder von Überlebenden der Massaker zum Opfer fielen, eine verschwindende Minderheit. Was blieb, war ein in seinem Selbstverständnis schwer gestörtes Volk.
Im Juli 1994 übernahm die RPF in Rwanda die Macht. Die Hutu-Extremisten wurden sich ihrer Niederlage schon Monate zuvor bewusst und trieben zwischen Mai und Juli rund zwei Millionen Menschen vor sich her über die Grenzen nach Ostzaire, Tansania und Burundi. Die grossen Lager entstanden, in denen die Anführer der Massaker weiterhin uneingeschränkt herrschten, sich die Masse der Lagerbewohner gleichsam als Geiseln hielten und die internationale Hilfsgemeinschaft systematisch an der Nase herumführten. In den Lagern in Ostzaire bereiteten sich militärische Formationen auf eine Rückeroberung vor und lancierten über die rwandische Grenze hinweg Terroranschläge.
Sämtliche Versuche, so es ernsthafte überhaupt gab, die Geiseln von ihren Entführern zu trennen und zur friedlichen Rückkehr nach Rwanda zu bewegen, scheiterten jämmerlich. Die Weltgemeinschaft beschränkte sich aufs blindwütige Helfen. Im Gegensatz zum Genozid in Rwanda standen hier, wo in den ersten Wochen nach dem Exodus Zehntausende jämmerlich an einer Choleraepidemie zugrunde gingen, die Fernsehkameras bereit, um das Elend in die Stuben der nördlichen Hemisphäre zu tragen. Für politische Schritte hingegen fehlte die Einigkeit. Frankreich hielt eisern daran fest, dass der Genozid in Rwanda, falls er überhaupt stattgefunden habe, von einer anglophonen Verschwörung provoziert worden sei, die in der ugandisch inspirierten Invasion der RPF gegen ein souveränes Land gegipfelt habe. Paris ermöglichte nicht nur mit einer militärischen Intervention unter humanitärer Flagge («Opération Turquoise») Tausenden von Mördern den Rückzug ins - teils französische - Exil und war damit tief in die Wiederbewaffnung der geschlagenen rwandischen Regierungsarmee verwickelt, sondern es führte auch an vorderster Front den Kampf gegen die neuen «Menschenrechtsverletzungen in Rwanda».
Die Vereinigten Staaten leckten noch die Wunden ihrer verunglückten Intervention in Somalia. Also wurden die humanitären Armeen losgeschickt. Eine Unzahl von Hilfsorganisationen gaben die üppig strömenden Spendengelder aus. Allen war klar, dass von der Hilfe an die Geiseln vor allem die Geiselnehmer profitierten. Dennoch blühte das humanitäre Geschäft wie nie zuvor.
Im Südkivu, in den Lagern zwischen Bukavu und Uvira, kam es im Laufe des Jahres 1995 zum Schulterschluss zwischen der burundischen und der rwandischen Hutu-Guerilla. Die Regierungen in Kigali und in Bujumbura stimmten nun in einem Punkt überein: Die Lager an der Grenze mussten weg. Doch die rwandische Führung war beim Wiederaufbau der völlig zerstörten Verwaltung noch nicht weit genug vorangekommen und von einer wirklichen Kontrolle der im Land verbliebenen Hutu-Bevölkerungsmehrheit noch weit entfernt. Das sollte sich ein Jahr später grundlegend verändern.
OSTZAIRE, HERBST 1996. Die Zeichen standen auf Sturm. Hunderttausende von Rwandern und Burundiern lebten in den Lagern an der Grenze zu ihren Heimatländern, von wo aus ein Krieg gegen die Regierungen entfacht wurde, der immer heftiger wurde. Und Uganda vermochte der von Zaire und dem Sudan unterstützten Rebellen im eigenen Land nicht Herr zu werden. In Kinshasa unterlief die Clique um Präsident Mobutu seit sechs Jahren sämtliche Versuche der Opposition, eine demokratische Republik zu etablieren. Im Rahmen der Abwehrstrategie der «Mobutisten» wurden wiederum ethnische Konflikte geschürt. In den Kivu-Provinzen richtete sich diese Politik gegen rwandischsprachige Immigranten - nicht zu verwechseln mit den «Flüchtlingen» von 1994 -, denen rückwirkend die zairische Staatsbürgerschaft abgesprochen wurde. Nachdem die Vertreibungspolitik im Nordkivu zur Flucht von Zehntausenden von Banyarwanda nach Rwanda geführt hatte, richtete sich der Zorn der zairischen «Patrioten» gegen jene Banyarwanda, die sich im Südkivu bei Uvira, Fizi und Mwenga niedergelassen hatten, die Banyamulenge. Diese waren aber gewarnt. Sie gingen zum Gegenangriff über und eroberten in wenigen Tagen den Grenzstreifen zwischen Fizi und Bukavu.
Fast gleichzeitig eröffneten aufständische Tutsi im Nordkivu an der ugandischen Grenze eine zweite Front. Sie stiessen in Windeseile südwärts nach Goma vor. Nach wenigen Wochen gab es die Lager im Kivu nicht mehr. Einige hunderttausend Rwander und Burundier flohen zusammen mit den zairischen Truppen westwärts ins zairische Hinterland, angetrieben von ihren politischen Führern und deren bewaffneten Truppen, für die eine Rückkehr nach Rwanda oder Burundi nicht in Frage kam. Andere, gegen eine Million Menschen, entrissen sich unter dem Beschuss der Aufständischen der Kontrolle ihrer Führer und kehrten vor allem nach Rwanda zurück. Der Vorstoss der Aufständischen zielte nun nach Norden, und Anfang 1997 besetzten sie die ostzairischen Grenzgebiete bis hinauf ins Dreiländereck zu Sudan und zur Zentralafrikanischen Republik. Uganda, Rwanda und Burundi hatten innert ein paar Monaten eines ihrer drängendsten Probleme gelöst: Ihre Westgrenzen waren weitgehend befriedet.
KISANGANI, MITTE MÄRZ 1997. Der Aufstand im Osten Zaires entwickelte eine ungeahnte Dynamik. Selbst die ugandischen, rwandischen und burundischen Stellen, die an Planung und Organisation der Rebellion beteiligt waren, mussten vom Mangel an Widerstand überrascht sein. Die Allianz demokratischer Kräfte zur Befreiung Kongo-Zaires (AFDL) übernahm als Zusammenschluss mehrerer Oppositionsparteien gegen aussen und für das zairische Publikum die Schirmherrschaft über die Rebellion und verschaffte diesen die Legitimation für den weiteren Vormarsch nach Westen und Süden. Die AFDL stiess meist nur in Gelände vor, das schon von der zairischen Armee geräumt und geplündert war. Kisangani, Operationsbasis der im Januar angekündigten, aber nie erfolgten «totalen und vernichtenden Gegenoffensive» der zairischen Armee, fiel ebenfalls fast ohne Gegenwehr; die Bevölkerung bereitete den Aufständischen vielerorts einen triumphalen Empfang.
Die rwandischen Exilkräfte - die frühere Regierungsarmee und die extremistischen Hutu-Milizen - waren fast die einzigen, die sich noch wehrten. Der Aufstand entwickelte sich immer mehr zu einer innerzairischen Angelegenheit, obwohl die vordersten Einheiten der AFDL laut zuverlässigen Berichten kein Französisch, dafür aber Kiswaheli, Kinyarwanda oder Englisch sprachen. Von nun an wurde die Rebellion von zwei Paar Flügeln getragen. Zum einen wollten die Rwander das Problem der bewaffneten Exilanten ein für allemal lösen und diese liquidieren. «Mitgegangen, mitgehangen» galt für jene, die weiterhin mit diesen Kräften nach Westen flohen. Zum andern wollten die zairischen Aufständischen die Gunst der Stunde zum Sturz Mobutus und seiner Clique nutzen. Sie konzentrierten sich nun auf die südlichen Provinzen Shaba (Katanga) und Kasai, wo der grösste Teil des zairischen Reichtums - Diamanten, Kobalt und Kupfer - in der Erde liegt. Anfang Mai blieb dem Mobutu-Regime nur noch wenig Terrain rund um die Hauptstadt Kinshasa. Die Schlinge um seinen Hals zog sich unerbittlich zusammen.
Was der Gewittersturm in Zentralafrika, der seinen Ausgangspunkt an den grossen Seen hatte, noch alles erfassen und hinwegfegen wird, ist ungewiss. Sicher ist nur eines: Die Wettermacher sitzen für einmal nicht in den Hauptstädten der nördlichen Hemisphäre, sondern in Kampala, Kigali oder Bujumbura. Überraschend haben regionale Akteure die Initiative ergriffen und die Revolution in Zentralafrika ausgelöst. Möglicherweise gibt es für die traditionellen, nördlichen Mächte nur noch eins zu tun: dabei mitzuhelfen, dass der Umbruch künftig möglichst ohne grösseres Blutvergiessen erfolgt.
Peter Winkler, Nairobi, ist Afrika-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung.