HERMAN KAHN Der Physiker und Mathematiker Herman Kahn (1922-1983), Gründer und Direktor des Hudson Institute, war der international wohl bekannteste und erfolgreichste Vertreter einer Gross-Futurologie, die sich auf einen gewaltigen ökonomischen und wissenschaftlichen Apparat mit einem Stab von Mitarbeitern stützen kann. Berater verschiedener Regierungsbehörden, war Kahn beteiligt an den Entscheidungsprozessen der mächtigsten Nation der Erde. Seine Hauptarbeitsgebiete waren Fragen der nationalen und globalen Sicherheit, die zukünftige ökonomische und politische Entwicklung sowie strategische Zukunftsplanung.
Anders als beispielsweise Bertrand de Jouvenel, der als Theoretiker der Struktur der Voraussage und des politischen Handelns sich einen Namen machte, war Kahn ein Mann, der zwar theoretische Aspekte nicht vernachlässigte, aber vornehmlich mit Zahlenmaterial und mathematischen Kurven reich bestückte und von Überraschungen freie Szenarien entwarf, in denen gegenwärtige Tendenzen in die Zukunft verlängert wurden.
Seine Weltanschauung war entschieden optimistisch: «Vor 200 Jahren lebten auf der Welt relativ wenige Menschen. Sie waren arm und den Naturgewalten hilflos ausgeliefert, dagegen können wir erwarten, dass die Menschen in den nächsten 200 Jahren nahezu überall zahlreich, wohlhabend und Beherrscher der Naturkräfte sein werden.» Dieser Optimismus zeigt sich bereits in den Titeln seiner Bestseller: «Ihr werdet es erleben - Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahr 2000» (mit Anthony J. Wiener, 1968), «Angriff auf die Zukunft» (1972) oder «Vor uns die guten Jahre» (mit W. M. Brown und L. C. Martel, 1977).
Kahn war durchaus nicht blind für Gefahren wie die drohende Überbevölkerung der Erde, aber im Gegensatz etwa zu dem Ökologen Paul Ehrlich war er überzeugt, dass der Planet noch viel mehr Menschen als derzeit ernähren könne. Er glaubte an die Fähigkeit des Menschen, rechtzeitig Lösungen zu finden.
ROBERT JUNGK Robert Jungk (1913-1994), der populärste deutsche Futurologe, kann geradezu als Gegenpol zu Herman Kahn gelten. Jungk setzte, im Gefolge von E. F. Schumacher und Leopold Kohr, auf «small is beautiful», auf sanfte und alternative Technologien. Insbesondere war er ein dezidierter Gegner auch der friedlichen Nutzung der Atomkraft, weil er deren Gefahren für nicht kontrollierbar hielt. Der Schutz der Atomanlagen werde neue Methoden der Überprüfung und der Überwachung erfordern, was nicht ohne Verletzung der Grundrechte und der bürgerlichen Freiheiten ginge, schrieb er in «Der Atom-Staat. Vom Fortschritt der Unmenschlichkeit» (1977). Niemand wisse, wohin mit den radioaktiven Abfällen, den verstrahlten Werkstoffen und den anfallenden Unmengen von spaltbarem Material wie hochgiftigem Plutonium. Es sei nicht zu verhindern, dass Atommaterial in die falschen Hände gerate und von unverantwortlichen Regierungen oder terroristischen Gruppen zu Erpressungsaktionen benutzt werde.
Schon in seinen ersten Büchern, die ihn als kritischen Publizisten bekannt machten wie «Die Zukunft hat schon begonnen» (1952), «Heller als tausend Sonnen» (1956) und «Strahlen aus der Asche» (1959), warnte Jungk vor der atomaren Gefahr und beschrieb die Gewissenskonflikte der Wissenschafter, die Kräfte geweckt hatten, deren Konsequenzen sie nicht abzusehen vermochten. Jungk war in seiner Kritik nicht so kompromisslos und pessimistisch wie Günther Anders («Die Antiquiertheit des Menschen», 1956), aber von ähnlichem Misstrauen gegen staatliche Macht erfüllt und ein Verfechter individualistischer und demokratischer Überzeugungen.
Jungk betonte die soziale Seite der Futurologie. Seine Bücher sind ein oft leidenschaftliches Plädoyer für Offenheit, demokratische Entscheidungsprozesse und gesellschaftliche Verantwortung, getragen von einem Glauben an die Kreativität und die politische Reife des Menschen («Der Jahrtausend-Mensch. Bericht aus Werkstätten der neuen Gesellschaft», 1973).
IGOR BESTUSCHEW-LADA Als Leiter der Abteilung für gesellschaftliche Prognosen im Institut für Sozialwissenschaften der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften und als Direktor des Instituts für soziale Prognostik der sowjetischen soziologischen Gesellschaft war Igor Bestuschew-Lada, der heute in Moskau lebt, die sowjetische Antwort auf die bürgerliche Futurologie. Im Westen erschienen nur kürzere Aufsätze von ihm, nicht aber sein Buch «Fenster in die Zukunft» (1970). Darin betont er die sozialen Aspekte der Futurologie; es sei der Marxismus gewesen, der das Studium von Gesellschaftskonzepten der Zukunft erstmals wissenschaftlich fundiert habe. Wie Marx und Engels kämpfte Bestuschew-Lada an zwei Fronten: gegen den sozialistischen Utopismus einerseits und gegen Positivismus und empirische Erkenntnistheorie andererseits.
Im Unterschied zur bürgerlichen Futurologie stehe die marxistisch-leninistische Gesellschaftsprognostik auf der soliden Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus, der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus. Zu Bestuschew-Ladas Pech ist die Basis des «sozialistischen Produktionssystems» inzwischen zusammengebrochen, wodurch viele Möglichkeiten für eine «geplante Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes» verschlossen blieben. Bestuschew-Lada polemisierte gegen die Überbewertung wirtschaftlicher Faktoren wie des Bruttosozialproduktes und setzte im übrigen auf Fortschritte in der Automatisierung von Industrie, Landwirtschaft, Transport- und Kommunikationswesen sowie auf die Erschliessung neuer Energiequellen.
Er prophezeite vollautomatische Viehzuchtfarmen und Feldwirtschaften und die Automatisierung des Hoch- und Tiefbaus. Maschinen, so meinte er, werden den Menschen die ganze Last der körperlichen und einen Grossteil der gewöhnlichen geistigen Arbeit abnehmen und ihm helfen, nicht nur das Sonnensystem, sondern auch die Galaxis und die Metagalaxis zu erschliessen.