NZZ Folio 09/03 - Thema: Diplomaten   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Kinderliebende Giftzwerge

Von Herbert Cerutti

FINGERBEEREN- bis daumenklein sind die Mitglieder einer Froschfamilie, die sich bei den Mitbewohnern im tropischen Regenwald grössten Respekt verschafft hat. Die Pfeilgiftfrösche gehören zu den giftigsten Tieren überhaupt – beim Phyllobates terribilis, dem Gelben Giftfrosch, genügen bereits 100 seiner insgesamt 1900 Mikrogramm Batrachotoxin, um einen Menschen ins Jenseits zu befördern.

Die Begegnung mit dem Giftzwerg ist allerdings meist harmlos, denn der Frosch trägt das giftige Sekret als passive Waffe auf der Haut. Man müsste deshalb mit einer offenen Wunde das Tier berühren, um den gefährlichen Stoff in die Blutbahn zu bekommen.

Die Choco-Indianer im Urwald von Westkolumbien nutzen das Gift, um mit dem Blasrohr Vögel und Affen aus den Wipfeln zu holen; daher hat die Froschfamilie ihren Namen. Der Jäger streicht mit der Pfeilspitze über den Rücken der goldglänzenden Amphibie. Dies liefert bereits genügend Gift für eine tödliche Muskel- und Atemlähmung der Beute. Da auch der Indianer kein Gegengift gegen das Batrachotoxin kennt, geht er mit der gefährlichen Ware sehr vorsichtig um.

Der gelbe Jagdgehilfe der Indianer ist nur eine von 135 Arten von Pfeilgiftfröschen, deren Lebensraum sich im südlichen und zentralen Amerika von Brasilien bis nach Nicaragua erstreckt.

Stark giftig ist nur knapp die Hälfte der Arten. Alle tragen aber ein äusserst auffälliges Kleid in den prächtigsten Neonfarben. So brilliert Dendrobates pumilio, der Erdbeerfrosch, mit einer leuchtend roten Haut mit schwarzen Punkten. Dendrobates azureus, der Blaue Pfeilgiftfrosch, schimmert wie eine Lagune im Sonnenlicht.

Die Ästhetik ist nicht Selbstzweck, sondern eine im Dämmerlicht des Regenwaldes nicht zu übersehende Warnung: Wer mich frisst, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Ein noch unerfahrener Fressfeind hat insofern eine Chance, als das Gift Zunge und Maul ätzt und ein rasches Ausspucken ihn allenfalls vor der fatalen Vergiftung schützt. Wer jedoch das Fröschchen gierig verschlingt, hat nichts mehr zu lernen.

Die Biochemiker interessierten sich schon früh für die potente Abwehr. Jede Pfeilgiftfroschart sondert mit den Hautdrüsen einen spezifischen Giftcocktail ab. Als Giftstoffe hat man mittlerweile dreihundert verschiedene Alkaloide identifiziert. Es sind organische Verbindungen, ähnlich wie Kokain, Morphin, Koffein, Nikotin oder Curare, die von manchen Pflanzen zum Schutz vor dem Gefressenwerden synthetisiert werden und dem naschenden Tier buchstäblich auf die Nerven gehen. Massvoll konsumiert, kann die stimulierende Wirkung gewisser Alkaloide jedoch angenehm sein, was sich der Mensch bald einmal zunutzen machte.

Dass die Pfeilgiftfrösche ihre Alkaloide nicht selber herstellen, sondern aus der Natur holen, zeigt folgende Beobachtung: Hält man Pfeilgiftfrösche im Terrarium, fern ihrer Urwaldkost, werden sie mit der Zeit immer weniger giftig; der in Gefangenschaft geborene Nachwuchs schliesslich ist ungiftig.

Einige der Froschgifte haben das Interesse der Pharmakologen gefunden, etwa die auf die Herztätigkeit wirkenden Pumiliotoxine des Erdbeerfrosches oder das Epibatidin des ecuadorianischen Epipedobates tricolor, das eine zweihundertmal stärkere analgetische Wirkung hat als Morphin. Mit ihren Hautgiften wehren sich die Frösche nicht nur gegen die mächtigen Fressfeinde, sondern ebenfalls gegen Pilze und Bakterien, die eine ungeschützte feuchte Haut rasch befallen. Mit einer Fusspilzsalbe auf der Basis solcher Gifte hat die Pharmakologie auch hier die Natur imitiert.

So abschreckend die Pfeilgiftfrösche für andere Tiere sind, ihren Kindern sind sie liebevolle Eltern. Bei den Pfeilgiftfröschen der Gattung Dendrobates (Baumsteiger) versteckt das Weibchen die befruchteten Eier in einem feuchten Blätterhaufen. Sind die Larven aus dem Gelege geschlüpft, lässt der Vater die Brut auf seinen Rücken klettern und trägt sie hoch auf einen Baum. Dort sucht er nach einem wassergefüllten Blatttrichter, gleitet mit dem Hinterteil in den Pool und entlässt eine erste Kaulquappe ins Nass. Für jedes weitere Kind findet er eine eigene Wasserwiege. So kommen sich die Kleinen, die sich untereinander oft schlecht vertragen, nicht ins Gehege, und das Verteilen auf viele Kinderstuben verbessert die Chancen, dass einige der Kaulquappen von Feinden unentdeckt zu Fröschchen werden können.

Bei manchen Arten übernimmt die Mutter die Klettertour. Sie gibt der Brut zusätzliche Entwicklungshilfe, indem sie alle paar Tage erneut zu den Planschbecken hochkraxelt und einige unbefruchtete Eier als Nahrungszustupf ins Wasser legt. Dank solcher Brutfürsorge kommen Pfeilgiftfrösche mit kleinen Gelegen aus, während andere Froschlurche bis zu 35 000 Eier brauchen, damit ihre Art überlebt.


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