Jacques Herzog wurde 1950 in Basel geboren. Er studierte an der ETH in Zürich Architektur, wo er namentlich von Aldo Rossi und Dolf Schnebli beeinflusst wurde. Drei Jahre nach dem Diplom gründete er mit seinem Partner Pierre de Meuron ein Architekturbüro in Basel. Über Wettbewerbe und aktive Teilnahme an der in Basel besonders lebhaften Architekturdiskussion haben Herzog und de Meuron sich zu einem international beachteten Architektenteam entwickelt. Wichtige Projekte werden im Ausland realisiert, unter anderem der Masterplan für die Universität Dijon, die Siedlung Pilotengasse in Wien, ein privates Kunstmuseum in Houston, Texas. Jacques Herzogs Interesse galt immer auch der bildenden Kunst. Er war Gastprofessor an der Harvard University. Heute ist Herzog einer der Protagonisten einer intellektuell geprägten Architekturauffassung, die aber besonderen Wert auf die sinnliche Wahrnehmung legt.
Jacques Herzog, in Architektenkreisen hört man oft die Klage über zu hohe Regeldichte. Gibt es zu viele Bauvorschriften?
Es gab natürlich schon Projekte, bei denen wir uns durch die Vorschriften eingeengt fühlten. Doch der Beruf des Architekten bringt es mit sich, dass man sich an Einschränkungen gewöhnt. Ich habe mehr Mühe mit der Art, wie die Einschränkungen zustande kommen, als mit den Einschränkungen als solchen.
Gelegentlich wird ja auch die Ansicht vertreten, Einschränkungen ? ob nun finanzieller Art oder von den Vorschriften her begründet ? seien gerade ein Ansporn für gute architektonische Lösungen. Was meinen Sie dazu?
Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass die meisten Architekten gar nicht fähig sind, mit einer Tabula-rasa-Situation etwas anzufangen. Die Einschränkungen und Vorgaben sind für die meisten Architekten das, woran sie sich mangels Fähigkeiten festhalten und woran sie ihr Ding festmachen können.
Vorschriften als Rettungsanker?
Wir haben oft mit bildenden Künstlern zu tun; da höre ich immer wieder, was für eine Not es bedeute, vor der leeren Leinwand zu stehen. Die Maler müssen mit jedem Bild die Welt neu erfinden. Dieses Problem hat der Architekt an sich nicht; er baut in einer gebauten Welt . . .
. . . die seiner Freiheit von vornherein Grenzen setzt.
In welchem Mass, hängt ganz vom Ort des architektonischen Eingriffs ab. Die schweizerischen Innenstädte etwa sind von der Blockrandbebauung des 19. Jahrhunderts und der Parzellenstruktur aus dem Mittelalter geprägt. Hier werden heute von keiner Seite Forderungen nach radikalem Umbau gestellt. In diesem Umfeld stecken die Bauvorschriften einen Rahmen ab, der sowohl mittelmässige als auch gute Architektur möglich macht.
Eine untere Linie sozusagen?
Genau, weil ja hier das Einzelgebäude vor der Gesamtwirkung des Strassenraums zurücktritt; ein gutes Gebäude fällt nicht besonders auf, ein schlechtes nicht besonders ab. Ausserhalb dieser geschlossenen Baugebiete, in der Agglomeration, ist die Situation viel schwieriger. Da sind die Einschränkungen vor allem in der Schweiz gross.
In ländlichen Gemeinden werden ja Fenstersprossen, Dachmaterialien, Fassadenfarben und ähnliche Details vorgeschrieben.
Hier müsste man radikal durchgreifen. Ausserhalb der Kernstädte, etwa in der städtischen Agglomeration, sollte man sich auf rein nachbarrechtliche Vorschriften beschränken: Grenzabstände, Gebäudehöhen und Nutzungsdichten. Alle weiteren Auflagen ? betreffen sie nun die Form, das Baumaterial, die Fenster oder das Dach ? sind fehl am Platz.
Wenn Sie in ländlichen Siedlungen auf solche Auflagen verzichten wollen: Ist das nicht ein versteckter Angriff auf eines unserer Nationalheiligtümer, das Dorf?
Wenn Sie so wollen. Nur existiert das Dorf längst nicht mehr, baulich nicht und schon gar nicht in seiner Funktion. Das Problem ist, dass wir hierzulande eine nur schwach entwickelte urbane Kultur haben. Wir haben im Bauboom der sechziger Jahre zwar zu einer urbanisierten Schweiz Ja gesagt, und alle wollten am grossen Boom mitverdienen. Damals ist die Schweiz als Ganzes zur modernen Grossstadt geworden. Das ist eine Tatsache. Doch man will diese Grossstadt nicht zur Kenntnis nehmen.
Ist die Reglementierung Ausdruck einer instinktiven Abwehrhaltung?
Ja, die Vorschriften sind ein Abwehrmechanismus, eine antistädtische Reaktion. Wo sie das Bauen nicht verhindern können, sollen sie es wenigstens verstecken. Was neu ist, soll möglichst unsichtbar sein, darum sind wir auch so erfinderisch im Eingraben und Versenken von Gebäuden. Die wahre Schweizer Architektur ist unterirdisch und hat kein Selbstbewusstsein. Die Schweizer, unlängst noch ein Volk von Bauern, haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie Land der agrarischen Nutzung entziehen, wenn ein Dorf von der Funktion her kein Dorf mehr, sondern Teil der Stadt Schweiz wird. Sie haben noch nicht begriffen, dass man das Land auch kultiviert, indem man es bebaut. Das meine ich mit Mangel an urbanem Bewusstsein; weder die Politiker haben es noch die Bauherren . . .
. . . noch die Architekten?
. . . die meisten Architekten wahrscheinlich auch nicht.
Aber reden Sie damit nicht einfach einer ungehemmten Zersiedelung das Wort?
Nein, ich meine, dass man einen neuen Raster über die Schweiz legen müsste, der auf eine konzentrierte Verdichtung abzielt.
Einen Erfolg hatte das Raumplanungsgesetz ja: es ist gelungen, das Baugebiet vom Nichtbaugebiet zu unterscheiden. Würden Sie an dieser Trennung festhalten?
Ich würde sie verschärfen und einen entsprechenden Raster auch für bereits bebautes Gebiet erstellen. Zum Beispiel haben wir in den städtebaulichen Studien, die wir für Basel, Dijon, Stuttgart ausgearbeitet haben, stets als erstes zwischen «bebaubaren» und «nichtbebaubaren» Zonen unterschieden. Wir haben damit festgelegt, wo ausgedünnt und wo verdichtet werden sollte. Wir glauben, dass das ein wichtiges Feld für den Städtebau der Zukunft ist.
Sind Nutzungsvorschriften nötig?
Nein, ich sehe darin keinen Vorteil. Einzig das Wohnen sollte überall möglich sein und mit andern Nutzungen kombiniert werden können. Der wahre Mangel der aus der Moderne stammenden Nutzungstrennung ist die Separierung des Wohnens. Auch das hat mit dem Mangel an urbanem Bewusstsein zu tun: Zwar arbeite ich in einer urbanen Welt, wohnen will ich aber in der heilen Welt, in einer antiquierten und ghettoisierten Siedlung auf dem Land.
Es war, wenn ich mich recht erinnere, der Tessiner Architekt Luigi Snozzi, der für die vollständige Abschaffung der Bauvorschriften plädierte. Statt dessen solle ein Gremium von Fachleuten nach architektonischen und städtebaulichen Kriterien über die Angemessenheit von Bauprojekten entscheiden. Wäre das eine Lösung?
Luigi Snozzi vertritt, was auch ich vertrete. Aus einer Analyse des Ortes ergeben sich die «Bauvorschriften» wie von selbst. Die Regeln des Aufbaus und die Typologie eines Ortes müssen herausgearbeitet und weitergeführt werden, das heisst: für Innenstädte und für die Agglomeration völlig unterschiedlich. Aber in beiden Fällen muss etwas Neues darin Platz haben, städtebauliche Akzente oder Verdichtungen zum Beispiel. Das wären allerdings Elemente, die nur im Konsens mit einer Stadtbildkommission in Frage kämen. Überhaupt ist der Konsens die zentrale Frage im heutigen Städtebau, und wenn ich Städtebau sage, so meine ich nicht bloss die Innenstädte, sondern die gesamte Stadt Schweiz.
Aber sind denn nicht gerade die Bauvorschriften Ausdruck dieses ? festgeschriebenen ? Konsenses?
Schauen Sie sich die bestehenden Bauvorschriften doch einmal an! Da steckt oft nicht allzu viel an architektonischer und städtebaulicher Überlegung drin, dafür um so mehr an Vorurteilen und spiessiger Moral. Es wäre an der Zeit, das endlich einmal aufzudecken und zu entlarven. Sehr deutlich wird das wiederum im «Dorf». Dort sind die Auflagen am ausgeprägtesten und bösartigsten. Ein junger Architekt zum Beispiel, der sein erstes Einfamilienhaus baut, steht eines Abends in der Turnhalle einer Kommission gegenüber und ist Werturteilen ausgeliefert, die allein auf deren Weltbild gründen. Das ist unhaltbar. Da wird statt Architektur eine Lebenshaltung vorgeschrieben: Wer hier leben will, der soll sein Haus gefälligst anständig bauen, so wie die anderen Dörfler auch, und selbstverständlich auch anständig leben. Bauherr und Architekt haben die Werthierarchie der Nachbarn anzuerkennen und baulich darzustellen. Das ist zutiefst undemokratisch.
Wie erklären Sie das einem ländlich-sittlichen Gemeinderat, der in einer solchen Kommission sitzt?
Darauf weiss ich auch keine schnelle Antwort. Wahrscheinlich würde es schon genügen, wenn jene Leute, die beim Bau ihrer Industrie-, Dienstleistungs- und Gewerbebauten relativ grosszügige Massstäbe anlegen, diese auch in bezug auf ihr Wohnumfeld beibehalten würden. Die Kluft, die da besteht ? hier selbstbewusstes, modernes Bauen, dort das introvertierte «dörfliche» Idyll ?, beschäftigt mich seit langem. Es ist, als könnten die Manager ihre Ausgesetztheit im Beruf psychisch und intellektuell nicht verkraften und als dürfte daher nichts davon in ihr Privatleben dringen. Die Architektur der Industrie und des Dienstleistungssektors hat sich viel stärker entwickelt als die der Wohnbauten.
Ist nicht die Sehnsucht nach dem Dorf eben auch die Sehnsucht nach Sicherheit, Beständigkeit, nach einem Stück Heimat?
Sicher, und jeder von uns spürt dieses Bedürfnis in sich. Doch wir verändern die Welt so oder so, ob wir unsere Bauten nun nach den Vorstellungen des Gemeinderats oder anders gestalten. Die Frage ist, wem man eher das Recht zugestehen soll, sich auszudrücken.
Kehren wir zum durchschnittlichen Architekten vom Anfang unseres Gesprächs zurück. Kämen sich er und seine Bauherrschaft nicht etwas verloren vor, falls der Verzicht auf Vorschriften Vorschrift würde, wie Sie es vorschlagen?
Um das zu beantworten, muss ich den Begriff der Tradition ins Spiel bringen. In einer traditionellen Kultur musste niemand fragen, wie man ein Haus baut. Das war durch die Technik, das Material und die Wirtschaftsform gegeben. Und es führte auch zu bewundernswerten Ergebnissen. Es gibt auf der ganzen Welt keine traditionelle Architektur, die nicht ökonomisch und ökologisch wäre, kurz, die nicht stimmte. Anstelle der Tradition haben wir nun eine Vielzahl von Bauvorschriften. Sie sollen die wirren Individualismen bändigen. Ich ziehe aber wirre Individualismen einer erzwungenen Konformität vor, weil sie die Möglichkeit offen lassen, Tradition neu zu formulieren. Die Konformität simuliert zwar die Tradition, aber sie unterminiert gleichzeitig sämtliche Überlegungen, wie man sie wiederfinden könnte.