NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Titinos Pfeifchen

Der Kiosk im Bahnhof Brignole und jener an der Piazza Cavour.

Von Sebastiano Vassalli

In meiner Kindheit war das Angebot unserer Kioske höchst beschränkt. Raucherwaren gab es auf der italienischen Halbinsel schon damals ausschliesslich in den staatlich konzessionierten Läden für die sogenannten Valori bollati, Süssigkeiten waren Mangelware, der Lesestoff war dürftig. Dennoch sind mir die Kioske, das heisst die Zeitungsstände, in frischer Erinnerung geblieben. Um genau zu sein, waren es deren zwei: der Kiosk an der Piazza Giuseppe Verdi vor dem Bahnhof Brignole in Genua und jener an der Piazza Cavour in Novara.

In meiner Kindheit war Krieg, und die Zeitungen waren dünn, so dünn, dass die Stapel mit einem Stein beschwert werden mussten, damit der Wind die Blätter nicht davontrug. Eigentlich bestanden die Zeitungen ja bloss aus einem einzigen Blatt. Zu Beginn des Krieges war dieses gefaltet, was vier Seiten ergab. Später, nach dem Fall des Faschismus und der Invasion der Alliierten im Süden und der deutschen Wehrmacht im Norden, wurde aus dem Blatt ein einfaches Blatt mit zwei Seiten. Auf der ersten Seite standen die offiziellen Verlautbarungen zum Kriegsgeschehen und auf der zweiten Seite die jeweiligen Kommentare. Es gab keine Vermischten Meldungen, keinen Sport, keine Werbung. Nur die Witze vermochten zu überleben, versteckt in einer Ecke der Zeitung. Als die Situation immer schlimmer wurde, verschwanden auch sie. Der Humor der Kriegszeit war, nebenbei bemerkt, fast noch trostloser als die Realität. Auch nach über einem halben Jahrhundert erinnere ich mich an eine Zeichnung, die zwei Klatschbasen zeigte, von denen die eine zur andern sagte: «Wenn ich eine Omelette zubereite, gebe ich immer ein Ei dazu. Es wird besser so.»

Nach dem Krieg erwachten die Kioske in Genua und Novara und mit ihnen alle Kioske Italiens zu neuem Leben. Mit dem Wohlstand wuchsen Zahl und Umfang der Zeitungen. Nun hörte man auf der Strasse wieder die Strilloni, die Zeitungsverkäufer. Sowohl der Kiosk von Genua als auch jener von Novara befand sich - und befindet sich noch immer - vor einem Bahnhof und musste jeden Morgen gegen die Konkurrenz jener Verkäufer bestehen, die aus Leibeskräften schrien und sich geschickt immer dort aufstellten, wo der Passantenstrom gerade durchfloss.

Im Laufe des Tages normalisierte sich die Situation. Die Strilloni folgten ihrer nach Nachrichten dürstenden Kundschaft ins Stadtzentrum, auf die Märkte und in die Bars, und wir Kinder konnten nun in Ruhe Fussballerbildchen kaufen und unsere Mütter und Grossmütter Zeitschriften mit Strick- und Häkelarbeiten. Tags darauf entzündete sich der Wettbewerb erneut, bis zum letzten Passanten und bis zum letzten Zeitungsexemplar.

Lange Zeit war der Zeitungshandel in Italien eine ziemlich bewegte Angelegenheit. Bereits im 19. Jahrhundert hatten die mobilen Händler den Zeitungsständen Konkurrenz gemacht, indem sie jede Art von Periodika feilboten. In Neapel und in den Städten des Südens gab es sogar Leute, die sich mit dem Vermieten von Zeitungen - zum Beispiel an Passanten, die sich auf der Strasse rasieren liessen - den Lebensunterhalt verdienten. Die Kioske ihrerseits dehnten sich entlang den Häusermauern aus, um ihre Ware besser darbieten zu können. Wie Wäsche wurden die Zeitungen an Leinen aufgehängt, und auf historischen Bildern sieht man denn auch ganze Trauben von Müssiggängern, die sich an diesen Kiosken zur Lektüre und natürlich zum Palaver trafen.

Ein Treffpunkt des öffentlichen Lebens ist der Kiosk noch heute. Nur die Strilloni sind für immer verschwunden. Schade, denn viele waren begnadete Schauspieler auf der Bühne des Alltags. Unabhängig von Schlagzeilen oder gar von der politischen Ausrichtung ihres Blattes verstanden sie es, allein mit Tüchtigkeit und Witz ihre Ware loszuschlagen.

Wer mein Alter hat, sieht diese Verkäufer in voller Aktion noch vor sich, jenen Zeitungsverkäufer zum Beispiel, der in Zeiten des Faschismus berühmt wurde mit Sätzen wie: «Der Duce hat vom Balkon verkündet: Heute ist Freitag, und ich verspreche euch, dass morgen Samstag ist!» Später, in den Jahren nach dem Krieg, verkaufte er in Novara die «Gazzetta del popolo» mit Meldungen, die er frei erfunden hatte. «Das Letzte der Nacht: Mücke sticht Reisbäuerin in den Hintern», hiess eine seiner Schlagzeilen. Eine andere: «Die Titina hat das Pfeifchen ihres Titino berührt. Alle Einzelheiten in den Vermischten Meldungen!»

Der Schriftsteller Sebastiano Vassalli lebt in Novara, Italien. Als letztes Buch auf deutsch ist 1996 «Der Schwan» bei Piper erschienen.


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