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NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf Inhaltsverzeichnis
Sprachlese -- Ein schiefes Ideal
© Grafikpraxis Luzern
Von Wolf Schneider
SELBSTVERWIRKLICHUNG»: Das ist immer eine Anmassung, meistens ein Missverständnis und manchmal eine Katastrophe. Wörtlich genommen wäre sie irgendwo zwischen Luxus, Dynamit und Unsinn anzusiedeln; tröstlich also, dass die Sache nicht so verbreitet ist wie das Wort dafür – ein Götze, den wir vom Sockel stossen sollten.
Sich selbst verwirklicht haben nach ihren eigenen Worten Harald Naegeli mit seinen Spraybildern auf Zürichs Häuserwänden, Reinhold Messner auf dem Mount Everest und der Wiener «Aktionist» Otto Muehl, indem er nackte Frauen mit Schweinsgedärm und frisch Erbrochenem zum Kunstwerk verknetete. Von Selbstverwirklichung schwärmen neuerdings die jungen Kapitalisten in Shanghai. Einer, der nicht von ihr sprach, aber sie ohne Zweifel bis zum Exzess betrieben hat, hiess Adolf Hitler.
Es gibt also Grund genug, das modische Ideal mit scharfem Skalpell zu sezieren. Das Erste, worauf wir dabei stossen, ist die Anmassung. Unsere bäuerlichen Ahnen, lebenslang eingebunden in die Sippe und die Plage, hatten natürlich niemals die geringste Chance, sich ihre individuellen Wünsche zu erfüllen oder gar ihre Talente zu entfalten, und ebenso ergeht es noch heute den armen Teufeln in aller Welt, zwei Dritteln der Menschheit ungefähr.
Einen Lebensweg nach eigener Wahl einzuschlagen – das konnte und kann sich nur jene Minderheit leisten, die viel Zeit hat, viel Geld hat und dazu genügend Hilfskräfte für die niederen Dienste: einst die Sklaven, heute in Amerika ihre Nachkommen, in Europas reichen Ländern die Gastarbeiter.
Sklavenhalter waren die Griechen, denen der Lyriker Pindar vor 2500 Jahren sein «Werde, der du bist!» zurief; Seneca war es auch, der Philosoph und Lehrer des Kaisers Nero. Er verkündete: «Glücklich ist der Mensch, der seiner eigenen Natur entsprechend lebt.» Doch da kam zur Anmassung das Missverständnis: In Senecas Behauptung laufen zwei Unterstellungen mit, die von der Lebenserfahrung geohrfeigt werden.
Die erste: Was heisst «eigene Natur»? «Zwei Seelen wohnen, ach…», das ist doch nicht auf Faust beschränkt. Goethe selbst bezeichnete als seine eigentliche Tat die «Farbenlehre»; auf seine Leistung als Poet bilde er sich gar nichts ein, sprach er zu Eckermann. Gottfried Keller wollte sich zunächst als Maler verwirklichen; Johann Strauss gierte nach der Oper und nannte seine Operetten «gemeine Dudelei», Wilhelm Busch fand es «peinlich und ekelhaft», dass nicht seine Gemälde ihm den Ruhm eintrugen, sondern seine Bildergeschichten. Und als was hat sich der Rabbi Saulus verwirklicht, der als der Apostel Paulus starb?
Die zweite Unterstellung bei Seneca: Nach der «eigenen Natur» zu leben, finde jedermann erstrebenswert. Mozart neigte zur Faulheit und arbeitete oft nur unter dem Druck seiner Finanznot oder seines Fürstbischofs; Paganini wurde von seinem Vater zum Geigen gezwungen mit Prügeln und mit Essensentzug.
Es ist nämlich anstrengend, nach der eigenen Natur zu leben – jedenfalls wenn es sich um ein Selbst handelt, das die Verwirklichung lohnt. Viele der grossartigsten Menschenwerke sind in schierer Plackerei entstanden.
War Michelangelo «glücklich» in den sieben Jahren, in denen er, auf haushohen, farbbekleckerten Gerüsten stehend, sitzend, kniend, liegend, das 19 Meter hohe «Jüngste Gericht» an die Altarwand der Sixtinischen Kapelle pinselte? Oder van Gogh, als er in den letzten 69 Tagen seines Lebens 82 Gemälde auf die Leinwand schleuderte?
Selbstverwirklichung heisst also gerade nicht: allen Launen nachgehen oder im Schilf mit den Lämmerwölkchen plaudern. Als modische Münze ist sie entweder ein Irrtum oder ein Tarn- und Schmeichelwort für Faulheit, Egozentrik, Nabelschau und den Hass auf alle Pflichten. «Fit for fun» wollen wir sein, nach dem entlarvenden Titel einer deutschen Zeitschrift; Spass ist unser Lebenszweck.
Über drei Gefahren, die daraus entspringen, wird wenig nachgedacht. Zum Ersten: Wie viel Aggression entsteht, wie viel Spass bleibt übrig, wenn hundert Menschen etwas Spass macht, was nur einer haben kann – Olympiasieger werden beispielsweise? Zum Zweiten: Selbstverwirklichung von Diktatoren und Kriminellen ist der schrecklichste der Schrecken; ohne ethische Einschränkung also wäre das Modewort nicht nur läppisch, sondern seinerseits kriminell.
Und zum Dritten: In Massen befolgt, würde dieses schiefe Ideal jede Volkswirtschaft ruinieren. Was geschähe denn, wenn aus der Summe aller Selbstverwirklichungen eines Landes nicht nur keine Krankenpfleger hervorgingen (wie überwiegend schon heute), sondern auch keine Lehrer oder keine Polizisten? Und vielleicht keine Kinder mehr?
Trost bleibt nicht aus. Wer in einer Bewerbung die «Selbstverwirklichung» als Berufsziel angäbe, hätte auf der Stelle ausgespielt. So viel Freiheit ist für die meisten von uns nicht vorgesehen. «Freiheit», ach ja! Auch so eine Wundertüte. Wir leeren sie beim nächsten Mal.
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