NZZ Folio 10/91 - Thema: Über Bücher   Inhaltsverzeichnis

Samisdat, Samisdat!

Erinnerungen an den Untergrund.

Von Jewgeni Popow

Im sommerlichen Moskau des Jahres 1991 ist es um Lebensmittel sehr schlecht bestellt, gut dagegen um Freiheit und Bücher. Die Gefahr eines totalitären Umsturzes schwebt, einem Wölkchen gleich, oben am Julihimmel, während unten im Fussgängertunnel am Puschkinplatz, dem sowjetischen Hydepark, und noch an Dutzenden anderen Orten lebhaft mit ehemaligem Samisdat gehandelt wird. Heute publiziert man ihn legal, manchmal in Auflagen von hunderttausend oder mehr Exemplaren. Awtorchanow, Axjonow, Berdjajew, Freud, Joyce, Kafka, Orwell, Solschenizyn . . . Nicht einmal eines Blickes gewürdigt werden die Händler vom Milizionär, der träge mit seinem Gummiknüppel schlenkert, dem sogenannten Demokratisator.

O Samisdat, Samisdat! Ein Wort, das unübersetzt in fremde Sprachen eingegangen ist, gleich sputnik, gulag, perestroika. Das Kunstwort verweist wie ein Vexierspiegel auf diesen ganzen Sowjetschwulst mit seinem idiotischen Jargon der totalitären Abkürzungen; es stellt den logischen Abschluss und das letzte Glied jener ideologischen Kette dar, die die russischen Schriftsteller und Leser mehr als siebzig Jahre gefesselt hielt. gossidat für «Staatsverlag», politisdat für «Verlag politischen Schrifttums», wojenisdat für «Militärverlag», samisdat für «Selbstverlag» und so weiter - profisdat, sowchos, kolchos, sssr . . . Herrgott, vergib uns! Wir haben die russische Sprache verunstaltet, sie ist schwer krank.

Es gibt da in Ostnepal, im Vorgebirge des Himalaja, so ein kleines, doch tapferes Volk: die Sherpas. Diese Sherpas begleiten Bergsteiger, die den Mount Everest, den höchsten Gipfel der Welt, bezwingen wollen, sind dann aber oft gezwungen, die «Bezwinger» wie kleine Kinder auf ihren Schultern zu tragen. Ich denke manchmal über die Sherpas nach. Was für Menschen sind es? Haben sie Hilfsmittel, um das Gewicht der Last zu mildern, die auf ihre schwachen Schultern drückt? Sind sie fröhlich, oder leiden sie unter Anfällen von Melancholie? Haben sie eine Zukunft? Ich nehme an, dass das Interesse westlicher Intellektueller am Samisdat meinem Interesse an den Sherpa vergleichbar ist. Es hat keinen praktischen Nährwert, beschäftigt aber den besseren Teil der Seele, und schon allein das ist ja gut und gottgefällig.

Viele Leute meinen, der Begriff Samisdat sei aus dem Nichts entstanden, ebenso wie Wasser, Erde oder Läuse aus dem Nichts entstanden sind. Dies ist ein Irrtum. In Moskau lebte einst der Dichter Nikolai Glaskow. Kinogänger kennen ihn vielleicht aus Tarkowskis «Andrei Rubljow», wo er jenen metaphorischen Luftschwimmer spielte, der im mittelalterlichen Russland einen Heissluftballon zu bauen versucht hatte. «Ich fliege! Ich fliege!» schrie er freudig, während er schon kopfüber in den Sumpf stürzte.

Dieser Glaskow, dem der Ruhm des verkannten Genies nachging, erfand Ende der fünfziger Jahre das Wort Samisdat, er war es, der seine von den Verlagen abgewiesenen Gedichte zu dünnen Broschüren zusammenfasste und erstmals auf den Umschlag das parodistisch-offizielle Wort Samisdat setzte, und ebendieser Begriff war es dann, mit dem dieses Unikum der neusten Geschichte, nämlich die individuelle, aber massenhafte Produktion, Verbreitung und Konsumtion von unzensierter freier Literatur, bezeichnet wurde.

Ende der fünfziger Jahre ging ich in Sibirien zur Schule, und mit Freunden, die schon studierten, beschloss ich, eine Literaturzeitschrift zu gründen; schliesslich tönten die Massenmedien allenthalben, dass mit den Grauen des Stalinismus nun Schluss sei und eine neue Ära heraufziehe, an deren Ende «die heutige Generation der Sowjetmenschen unterm Kommunismus leben» werde.

Wir stellten also unsere Gedichte und Erzählungen zusammen, schrieben sie in einer Auflage von 16 Stück mit der Maschine ab und versahen das Ganze mit Reproduktionen von Bildern westlicher Maler sowie einem Motto aus der Lyrik des hauptstädtischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko: «Frische Luft, frische Luft, mich verlangt nach frischer Luft!»; dann verteilten wir die Zeitschrift an Freunde und Bekannte und sahen erwartungsvoll dem Ruhm entgegen. Der Ruhm kam nicht gleich, erst nach der dritten und leider auch letzten Nummer. In der Stadt fing man an, über uns zu reden. Eine Versammlung des städtischen Komsomolkomitees wurde einberufen, auf der man uns halben Kindern eröffnete, unsere Zeitschrift sei eine fürchterliche ideologische Diversion, die dem Feind - dem amerikanischen Imperialismus - in die Hände spiele. Der Chefredakteur wurde von der Hochschule verwiesen und ich, sein Stellvertreter, aus dem Komsomol ausgeschlossen, wo ich im übrigen nie Mitglied gewesen war, was die ideologischen Saubermänner im Eifer des Gefechts übersehen hatten.

Unzensierte Literatur hat es in Russland von jeher gegeben. Man braucht nur, was das 19. Jahrhundert betrifft, an die Werke des Philosophen Tschaadajew zu erinnern, die in Abschriften im Umlauf waren, an die erotischen Gedichte von Puschkin und Lermontow oder an Radischtschews antifeudalistische «Reise von Petersburg nach Moskau». Oder an das 17. Jahrhundert, als der rebellische Protopope Awwakum die offizielle Kirche und die Regierung entlarvte. Oder, wenn man noch tiefer in die Fluten der Lethe hinabtaucht, an die Texte der Skomorochen, der fahrenden Gaukler, die die Poetik des Absurden, des schwarzen Humors und der sexuellen Revolution um ein paar Jahrhunderte vorwegnahmen. Dennoch behaupte ich, dass allein der Totalitarismus, dieses geschlechtslose, brutale Untier, sowohl Vater wie Mutter des Samisdat ist.

Denn der Schuss des Kreuzers «Aurora», das Signal zum bolschewistischen Umsturz von 1917, war noch kaum verhallt, da erliess die neue Regierung schon ihr «Dekret über die Presse», das die nach dem Fall der Monarchie aufgehobene Zensur erneut einführte.

Und los ging der Tanz! Publikationsverbot, Verbot von Zeitschriften und Zeitungen, auch wenn so loyale Leute wie Maxim Gorki sie herausgaben, der Busenfreund der Bolschewiken und von Lenin persönlich; physische Vernichtung, Verhaftungen, Ausweisung von führenden Köpfen des Kulturlebens . . .

Zur anschaulichen Verkörperung des Totalitarismus wurde in der Literatur der erstarrte Block des sogenannten «sozialistischen Realismus», der als einzig wahre Methode zur Darstellung unserer alles überstrahlenden Wirklichkeit deklariert wurde und über den Witzbolde sich folgende Definition ausdachten: «Frage: Was ist sozialistischer Realismus? Antwort: Eine Danksagung an Partei und Regierung, abgefasst in einer für diese verständlichen Form.»

Nun wurden jedoch, so paradox das auch klingen mag, eben in jenen Jahren, unter gewaltigem Druck und begleitet von Angst und Terror, literarische Meisterwerke geschaffen, die heute der Stolz unserer Literatur sind. «Der Meister und Margarita» von Michail Bulgakow, «Requiem» von Anna Achmatowa oder Andrei Platonows «Tschewengur», ein Roman, der für die russische Literatur die gleiche Bedeutung hat wie «Ulysses» von Joyce für die angelsächsische - dies alles wurde trotz dem System geschaffen, und obwohl es rein künstlerische Produktion war, rein äusserlich die bestehende Ordnung nicht antastete, lag es jahrelang in den Schreibtischschubladen fest, wurde in Geheimfächern versteckt oder von Eingeweihten, engsten Freunden der Autoren und Gleichgesinnten, auswendig gelernt.

Heftiger Kritik ausgesetzt waren Soschtschenko, Babel und Pilnjak, deren Bücher praktisch aus dem Verkehr gezogen wurden. Nur im Manuskript und mündlich existierte das Werk von Ossip Mandelstam sowie das der ersten russisch-sowjetischen Absurden Wwedenski, Olejnikow und Daniil Charms, dessen Theaterstück «Jelisaweta Bam» mehr als zwanzig Jahre vor Becketts «Warten auf Godot» entstanden ist.

Viele dieser Menschen kamen in den stalinistischen Konzentrationslagern um, aber fast alle Werke, die sie geschrieben hatten, wurden zu Klassikern des Samisdat, nachdem 1953 der blatternarbige kommunistische Götze Stalin gestorben war und jene Zeit anbrach, die den treffenden Namen «Tauwetter» bekam, das heisst, kein richtiges Frühjahr, sondern nur eine Pause zwischen den Frostperioden.

Die Entstalinisierung, die der fröhliche Kommunist Nikita Chruschtschew in Gang gesetzt hatte, tat jedoch ihre historische Wirkung. Der Geist war aus der Flasche entwichen, und bald sollte sich herausstellen, dass er sich nicht wieder hineinjagen liess.

Es war während des «Tauwetters», dass der Samisdat Züge einer Massenkultur annahm, vor allem für die jüngere, nachstalinistische Generation, die anfangs keine Angst kannte. Die Angst kam später, während der erneuten Stagnation, als viele Samisdat-Leute - Schriftsteller, Leser oder unbeteiligte Augenzeugen - intensiv mit dem «dreiköpfigen Ungeheuer» Partei, Staat und kgb zu tun bekamen. Nun musste jeder selbst seine Wahl treffen, wie dies beispielsweise der in der ganzen Welt bekannte Menschenrechtskämpfer und langjährige Lagerhäftling Wladimir Bukowski tat, dessen «Karriere» mit der Organisation inoffizieller Lesungen von Samisdat-Lyrik am Moskauer Majakowski-Denkmal begonnen hatte.

Verbreitet wurden Briefe und Dokumente der aufkommenden Menschenrechtsbewegung, Lyrik und Prosa, auch seltener Werke der Jahrhundertwende, historische Studien, Kunstaufsätze, Übersetzungen westlicher Autoren und die Literatur der russischen Emigration. Ein Autor, dem offizielle Publikationsorgane nie und nimmer Zutritt gewährt hätten, konnte im Handumdrehn ungeahnte Popularität erringen, wie dies mit dem - nun in den USA lebenden - Dichter Joseph Brodsky der Fall war, und zwar lange bevor er den Nobelpreis erhielt. Einzelne Veröffentlichungen begabter und ehrlicher Autoren in den offiziellen Organen waren jene Ausnahmen, die die Regel bestätigen: für unbefugte zutritt verboten.

Samisdat ist eher ein moralischer als ein technischer Begriff. Dennoch lässt sich der Samisdat wie jede lebendige Struktur systematisieren und beschreiben.

Von Anfang an war er unterteilt in den Samisdat für Hörer und den Samisdat für Leser.

Beim Samisdat für Hörer handelte es sich um Tonbänder, später Kassetten mit Aufnahmen von Lyriklesungen und den Auftritten von Barden, die eigene Lieder zur Gitarre sangen.

Die «Tonbandrevolution» bewirkte, dass die Lieder von Bulat Okudschawa, Alexander Galitsch, Wladimir Wyssozki und Juli Kim, tausendfach kopiert, sich «von Moskau bis in den hintersten Zipfel» ausbreiteten, wie es in einem populären sowjetischen Schlager heisst. Bei den inoffiziellen oder halboffiziellen Auftritten irgendwo im kleinen Klub eines Forschungsinstituts sassen in der ersten Reihe immer Fans mit Tonband, und ein Lied, das heute in Moskau erklungen war, konnte man eine Woche später schon im fernen Osten hören.

Ihre Nachfolger, die Liedersänger des Samisdat, schufen Lieder zu Gedichten von Achmatowa, Gumiljow, Brodsky, Zwetajewa oder Sabolozki, Dichtern also, die von der offiziellen Presse damals nicht gerade geschätzt wurden. Praktisch in allen grossen Städten des Landes gab es «Autorenlied-Klubs», aus ihnen ist eine ganze Reihe der heutigen Stars in der Unterhaltungsmusik hervorgegangen.

Der Samisdat für Leser existierte in drei Formen: als Fotografie, als Typoskript oder als Fotokopie bzw. «Xerox», wie man auf russisch sagt, nach dem Namen der populären Vervielfältigungstechnik, die Anfang der siebziger Jahre in grösserem Umfang in die UdSSR eingeführt und in Büros und Instituten aufgestellt wurde.

Für den ersten Samisdat-Typ wurde das Manuskript oder Buch abfotografiert, und mit Hilfe eines primitiven Vergrösserungsapparates erhielt man einen Stapel sperriger Blätter aus dickem Fotopapier.

«Die <Erika> schafft vier Kopien . . .» So besang Alexander Galitsch die Schreibmaschine, die wichtigste Technik des Samisdat. Aus den vier Kopien wurden im Handumdrehn sechzehn, worauf der Schneeball durchs Land rollte und grösser und grösser wurde. Die Schreibmaschinen wurden bei Haussuchungen besonders gern konfisziert; wenn die KGB-Leute weiter nichts Inkriminierendes in der Wohnung finden konnten, nahmen sie doch auf jeden Fall die Schreibmaschine mit, um wenigstens dadurch den Samisdat-Mann in Bedrängnis zu bringen. Selten wurden diese Schreibmaschinen zurückgegeben, viel häufiger wurden ihre Besitzer in die Verbannung, ins Lager oder Irrenhaus geschickt oder in die Emigration getrieben.

Die Fotokopiergeräte standen bis vor kurzem unter strengster Kontrolle, was allerdings jene einfachen Menschen, die diese westliche Technik bedienten und andauernd über die Unstatthaftigkeit von deren Nutzung zur persönlichen Bereicherung instruiert wurden, nicht daran hinderte, andauernd diese Verbote zu übertreten, und zwar für den mässigen Preis von sieben bis zehn Kopeken pro Seite zu kopierenden Textes, welcher ihnen von Liebhabern verbotener Lektüre oder professionellen Samisdat-Leuten geboten wurde. Schwach ist der Mensch, der auf Gewinn aus ist, doch diese Schwäche war schliesslich stärker als ein ganzes System.

Die «Profis», die mit den Büchern Handel trieben, versahen sie auch mit Einbänden und entsprechend respektablem Aussehen. Ich habe solide Ausgaben - Hardcover mit Goldschnitt - von Nabokow, Solschenizyn und vielen anderen «Bestsellerautoren» der inoffiziellen Literatur gesehen. Meist wurden sie «über Bekannte» gekauft, seltener auf dem Schwarzmarkt, wo man immer mal an einen Provokateur geraten konnte. Viele Literaten hielten sich einen solchen Lieferanten verbotener Lektüre, einen Bücherschwarzhändler dieser neuerlichen vorgutenbergischen Ära, der jedes den Auftraggeber interessierende Werk «besorgen» konnte.

Deshalb muss ich lachen, wenn ich gebildete Landsleute von mir heute sagen höre, dass erst die Perestroika ihnen die Augen geöffnet hätte: Verbotene Bücher nicht gelesen hat in jenen Jahren höchstens ein überaus träger oder ein überaus vorsichtiger Mensch. Man bekam sie zum Geburtstag geschenkt, man tauschte, kaufte und verkaufte sie. Praktisch in jeder gebildeten Familie und jeder Stadt, nicht nur in Moskau und Leningrad, gab es Samisdat, und Samisdat-Bestseller wie Solschenizyns «Archipel Gulag» oder «Die Reise nach Petuschki» von Wenedikt Jerofejew erreichten bestimmt die Auflagenhöhe ihrer heutigen «legalen» Ausgaben.

Der August 1968, als sowjetische Panzer in Prag eindrangen, markiert nämlich einen Wendepunkt im gesellschaftlichen Bewusstsein. Wer nach diesem Datum noch irgendwelche Illusionen bezüglich der «lichten Zukunft» des Sowjetvolks hegte, war entweder ein ausgemachter Dummkopf oder ein Mensch, der Nutzen daraus zog, solche Illusionen zu nähren.

Allmählich vergreisten und verkalkten die Machthaber, verlor die Partei den Verstand, verbürokratisierten die Strafverfolgungsbehörden; es begann die massenhafte Emigration aus der UdSSR, neue Emigrantenzeitschriften entstanden, die Kontakte mit Ausländern nahmen zu, und aktiv tätig waren die auf russisch sendenden westlichen Rundfunkstationen, die «Stimmen», die trotz den Störsendern bis in die entferntesten Winkel unseres Landes drangen.

Der Samisdat erhielt eine kräftige Blutzufuhr durch den tamisdat, das heisst durch Bücher, die im Ausland auf russisch erschienen; über die «Stimmen» der Rundfunksender kehrten sie in die UdSSR zurück, Enthusiasten nahmen die Sendungen auf Tonband auf und tippten sie ab, womit der Kreis sich wieder schloss. An der Grenze beschlagnahmten Zöllner sowohl Samisdat wie auch Tamisdat, sie suchten danach wie nach Waffen oder Drogen, aber immer fanden sich Menschen, die das Risiko auf sich nahmen, und der illegale «Kulturaustausch» ging weiter. Sowjetbürger wie Ausländer - Touristen, Wissenschafter, Journalisten, Schriftsteller, Künstler - waren an diesem sich ständig ausweitenden Prozess beteiligt.

Der 1979 geschaffene Almanach «Metropol», der 25 «offizielle» und «nichtoffizielle» Autoren der verschiedensten Altersgruppen, Bekanntheitsgrade und ästhetischen sowie ethischen Richtungen vereinte, wurde zum Anlass für den letzten grossen Literaturskandal der Breschnew-Ära.

Die Autoren und ihre freiwilligen Helfer aus dem Kreis der Literaturliebhaber stellten von Hand zwölf Kopien des Almanachs her, deren jede rund 1000 maschinengeschriebene Seiten umfasste. Jeweils vier Seiten wurden auf dickes Zeichenpapier geklebt und alles zusammen in einen riesigen Ordner aus Karton gelegt, der mit marmoriertem Papier beklebt war, wodurch das gewaltige Werk provozierend ironisch bzw. symbolisch wirkte, denn es erinnerte entfernt an einen 90×50 cm grossen Grabstein.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Almanach von den massgeblichen Literaturbürokraten, die die schlichte Forderung nach ungekürzter Veröffentlichung für eine unerhörte Frechheit hielten, zwar umgehend abgelehnt wurde, dass eben diese Bürokraten ihn jedoch in fünfzig Exemplaren vervielfältigten und sowjetischen Schriftstellern aushändigten, damit diese ihn in der nachfolgenden lautstarken Kampagne unter dem Motto metropol - pornographie des geistes vorbehaltlos verdammen konnten. Kein Wunder, dass der Almanach schon bald in Moskauer Literaturkreisen heftig zirkulierte, zweimal in den USA veröffentlicht und ins Englische und Französische übersetzt wurde. Nun, nach Ablauf von zwölf Jahren, möchte ich als einer der Herausgeber jenen Literaturmagnaten meinen Dank abstatten, denn diese Dummköpfe haben für unser bescheidenes Produkt grossartig Reklame gemacht.

Jedenfalls war der Almanach der erste, misslungene Versuch, vom Samisdat und Tamisdat zum sdesisdat überzugehen: Wir wollten offiziell in der Heimat veröffentlichen, was die Heimat offiziell ablehnte, und in diesem Sinn bekannten wir uns zur Devise der französischen Studenten aus der 68er Revolution: seid realisten, fordert das unmögliche.

Etwas anderes sind die klassischen Samisdat-Zeitschriften mit Namen wie «Die Uhr», «Umleitungskanal» (so heisst eine Strasse in Leningrad), «37», «Wetsche», «Suche», «Hoffnung» oder «Mitjas Zeitschrift», die sich um alles Offizielle überhaupt nicht scherten. Ich kann bezeugen, dass der Inhalt dieser Blätter mit einer Auflage von zehn bis zwanzig Exemplaren und vielleicht einem Dutzend Abonnenten, von deren Geld die Schreibkraft bezahlt wurde, jeder offiziellen Zeitschrift mit riesigem Mitarbeiterstab alle Ehre gemacht hätte, denn das einzige Auswahlkriterium war Qualität und Geschmack, das einzige Honorar eine Vorladung beim KGB oder eine Haussuchung in den ärmlichen Wohnungen der Herausgeber und Autoren. Eben in diesen Blättern sind viele der Texte, die nun den perestroikaerneuerten Zeitschriften zur Zierde gereichen, erstmals gedruckt worden.

Natürlich waren die Machthaber durch das Informationsnetz ihrer Spitzel über den Umfang des Samisdat im Bilde und benutzten dieses Wissen, um jeden zu verfolgen, auf den aus irgendeinem Grund ihre Wahl fiel.

Besonders eifrig wurde der Samisdat in der Provinz verfolgt, wo Geheimpolizisten, die sich langweilten und ihre Existenzberechtigung nachweisen wollten, spektakuläre Prozesse gegen Bücherschwarzhändler veranstalteten und den natürlichen Drang des Menschen zum freien Wort mit der ganzen Bandbreite des Strafrechts ahndeten. Der Historiker Andrei Amalrik wurde verhaftet, weil irgendwo im Ural eine Kopie seines Samisdat-Buchs «Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?» entdeckt worden war; wegen «Aufbewahrung und Weitergabe» des «Doktor Schiwago» verlor mein Freund, der vielversprechende Astrophysiker Wladimir Neschumow, seine Arbeit und musste die Stadt, in der er lebte, innerhalb von 24 Stunden verlassen.

Was ist nun in der Ära von Glasnost und Perestroika aus Samisdat geworden? Die Szenen im Fussgängertunnel am Puschkinplatz und an Dutzenden anderen Orten habe ich bereits beschrieben. Ich will die Beschreibung mit ein paar Zahlen aus der Zeitung «Argumenty i fakty» untermauern (Nr. 14 von 1991):

«Bis heute sind unionsweit 1773 Periodika registriert, die Hälfte davon Neuerscheinungen. 803 gehören staatlichen Organisationen, 233 Redaktionen und Verlagen, 291 gesellschaftlichen Institutionen, 27 den Parteien und 19 religiösen Vereinigungen; ausserdem gibt es Aktiengesellschaften, Kooperativen und Joint ventures unter den Eigentümern. 241 Periodika gehören Privatpersonen.»

Unter diesen «Privatpersonen» befinden sich viele ehemalige Samisdat-Leute, die nun legale Verleger sind und unter den neuen Konjunkturbedingungen existieren müssen, wo die ernstzunehmende Literatur mit Unterhaltung und Pornographie konkurriert. Die überwiegende Zahl der Samisdat-Leute jedoch, die ehemaligen Schüler, Studenten, jungen Ingenieure und Geisteswissenschafter, sind einfach Literaturliebhaber geblieben. Reifer geworden und um bittere Erfahrungen reicher, haben sie ihre Samisdat-Bücher aus den Geheimfächern geholt und auf ihre Bücherregale gestellt, aber das erst 1990, im fünften Jahr der Perestroika, ungefähr zu jener Zeit, als im Literaturmuseum die erste Samisdat-Ausstellung veranstaltet wurde.

samisdat + tamisdat = sdesisdat, also Selbstverlag plus Auslandsproduktionen gleich Inlandproduktionen - davon kann man sich bei einem Spaziergang durch das sommerliche Moskau des Jahres 1991 überzeugen, wo es um Lebensmittel sehr schlecht bestellt ist, gut dagegen um Freiheit und Bücher. Doch wie ein russisches Sprichwort sagt: Werden wir leben, werden wir sehen.

Werden wir also sehen, wenn wir leben werden. Unterdessen wollen wir jedoch der literarischen Sherpas gedenken, jener unbekannten Samisdat-Mitarbeiter, die auf ihren Schultern die Kultur zu ungewissen Höhen trugen. Sie hatten wenig Hilfsmittel, um das Gewicht der Last zu mildern, die auf ihre schwachen Schultern drückte. Ich spreche nicht von den Schriftstellern, Dichtern und Verlegern, deren Namen jetzt in aller Munde sind, sondern von einfachen Menschen wie der bescheidenen Schreibkraft Tanja, die viele Jahre lang Samisdat abgetippt hatte. Unter Druck gesetzt und in die Enge getrieben, verlor sie den Verstand und beging Selbstmord, und das während der Sommerolympiade 1980, als farbenprächtige Feuerwerke knatternd in der Moskauer Nachtluft zerstoben und im ganzen Land das Bild des netten olympischen Bären Mischka herumgeisterte, dessen Physiognomie so erstaunlich dem aufgedunsenen Anlitz des verlöschenden Leonid Breschnew glich.

Jewgeni Popow ist Schriftsteller und lebt in Moskau. Sein Roman «Das Herz des Patrioten» ist im September erschienen.


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