NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

A wie Adel

Von Wolfgang Büscher und Leonhard Horowski

Analyse. Nach der politischen Wende in Moskau wurden fünf in einem flachen Grab bei Jekaterinburg im Ural verscharrte Leichen gefunden. Die Vermutung, es handle sich um die von Lenins Leuten exekutierte Zarenfamilie, hat sich jetzt erhärtet. Eine britisch-russische Forschergruppe entnahm den Skeletten Proben und untersuchte per Gensonden deren Erbmaterial. Die Analyse der Desoxyribonukleinsäure (DNS) aus den Mitochondrien, den Zell-«Kraftwerken», ergab: Alle weiblichen Toten waren eng verwandt. Im Vergleich mit dem Erbmaterial einer noch lebenden Verwandten der Zarin konnten die Wissenschafter genetische Übereinstimmungen mit den Jekaterinburger Toten beweisen. Überdies zeigt die DNS des Toten, von dem man annimmt, er sei Nikolaus II., dieselben Besonderheiten, die sich auch bei lebenden Nachkommen der Zarenfamilie finden. Dies alles bestätigt die Vermutungen, dass in dem Jekaterinburger Grab tatsächlich die Romanows liegen.

Anastasia. Festzustellen, ob die unlängst verstorbene Anastasia wirklich die Tochter des letzten russischen Zaren ist, wäre nach der erwähnten Analyse möglich, wenn von ihr eine Blutprobe existierte.

Apanage. Der Erstgeborene erbt Titel und Besitz, also alles, seine jüngeren Geschwister erben nichts. Um den Ausschluss der Zweit- und Drittgeborenen adliger Häuser von der Erbfolge zu kompensieren und ihnen ein standesgemässes Leben zu ermöglichen, wird ihnen eine Apanage ausgesetzt: eine ertragreiche Herrschaft, ein minderer Titel, Geld oder geldwerte Vorteile. Manchem gelang es durch geschickte Heirat, sein Erbteil zu vervielfachen. Eine Apanage auf Zeit gibt es bis heute für thronfolgende Prinzen im Wartestand. In Frankreich war die Herrschaft über die Dauphiné (daher der Name Dauphin für die Kronprinzen), in England sind das Herzogtum Cornwall und der Titel des Prince of Wales dafür reserviert.

Alter Adel. Um das Jahr 1350 herum liegt die Wasserscheide zwischen Uradel und Briefadel, französisch «noblesse de race» und «noblesse de lettre». Ab jener Zeit pflegten Kaiser und Könige ihre Getreuen per Adelsbrief zu nobilitieren. Europäische Familien, die seither nobilitiert wurden, haben ihren Adel zwar mit Brief und Siegel, aber in den Augen des Uradels erst seit gestern. Ein standesbewusster Uradliger, der seine Adelsqualität qua Ahnentafel etwa von der Abstammung von Karl dem Grossen herleitete, war zumindest in feudalistischer Zeit bestrebt, seinesgleichen zu heiraten. Der jüngere Briefadel war dem Uradel nicht ebenbürtig. Auch waren gewisse öffentliche Ämter dem Uradel vorbehalten. Heute wird dieser Unterschied weniger betont.

Abstand halten. Adel ist Distanz. Ein System sich verfestigender und verfeinernder Distanzen. Ein solcher Stand hält auch in sich auf Abstand. Monarch über Adel. Hochadel über niederem Adel. Erbadel über Dienstadel. Reichsadel (vom deutschen Kaiser bewirkt) über landsässigem Adel (von einem kleineren Landesherren bewirkt). Hofadel (Pairs in Frankreich und Peers in England) über dem Rest. Und in jüngerer, republikanischer Zeit stehen regierende über nicht mehr regierenden Häusern. Die Reihe liesse sich fortführen. Allen diesen komplizierten, sich vielfach überschneidenden inneraristokratischen Grenzen, scharf bewacht und oft genug mit Kabale und Schwert neu gezogen, entsprachen ideelle und materielle Privilegien. Es waren mehr oder weniger schiefe Machtbalancen auf Zeit.

Adelsdämmerung. Wie Adel entsteht, führte am Beginn der europäischen Adelsdämmerung noch einmal klassisch der kleine Herr Napoleone Buonaparte aus Korsika vor, der sich nun Kaiser der Franzosen, König von Italien, Stifter und Protektor des Rheinischen Bundes, Grossherzog von Berg und Médiateur de la Confédération Suisse nannte. Er hatte sich emporgekämpft vom republikanischen Soldaten zum erfolgreichen General und Konsul. Fünfzehn Jahre nach dem Sturm auf die Bastille krönte er sich zum erblichen Kaiser und seine Frau, die Witwe eines guillotinierten Vicomte, zur Kaiserin.

Adelsrang. Zum Hochadel zählen, mit gewissen nationalen Besonderheiten, Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und zum Teil Grafen. Der niedere Adel führt vom Grafen über den Freiherrn und den Ritter herab bis zum untitulierten Adel, dem lediglich ein «von» vor dem Namen, aber eben kein Titel eignet. Letzterem entspricht die englische «landed Gentry», deren Mitglieder zwar nicht dem Namen nach, wohl aber nach Grundbesitz und sozialer Stellung noch heute eindeutig vom Bürgertum unterschieden werden können. Vor allem in England versteckt sich unter scheinbar bürgerlichen Namen ein grosser Teil des immer noch überproportional einflussreichen Adels.

Arme Maggie. In England verfünffachte sich die Zahl der Peers mit Oberhaussitz von rund zweihundert Ende des 18. Jahrhunderts auf etwa tausend heute. Was früher königliche Geldnot bewirkte, besorgten später die Parteien: die von ihnen gestellten Regierungen schlagen die zu Nobilitierenden vor. Pikanterweise sorgte vor allem die Labour Party für die Vermehrung der Lords aus ihren Reihen. Um die Inflation erblicher Peers zu stoppen, werden fast nur noch Titel auf Lebenszeit verliehen. Lady Thatcher etwa wurde zur nicht erblichen Baroness geadelt, ihr Mann Denis zum tiefer rangierenden, jedoch erblichen Baronet. Künftige Thatchers werden also adlig sein, aber ins Oberhaus kommt nur eine aus der Familie - die Eiserne Lady.

Angebot und Nachfrage. Der Handel mit Titeln ist älter als Konsul Weyer und seine Branche. Er ist vermutlich so alt wie der Adel. Zwar gehörte es zu dessen Selbstverständnis, sich über Gelddinge und blosse Geldmenschen erhaben zu fühlen. In Preussen etwa konnte ein Adliger nicht bankrott gehen, selbst wenn er es war. Das Fideikommiss-Recht erklärte seine Güter einfach für unverkäuflich. Vor allem Monarchen waren oft bettelarm. Deutsche Kaiser liessen bei den Bankiers Fugger anschreiben oder verpfändeten die Kronjuwelen. Karl V. nannte sich Herr der Welt, doch Herren über seine Finanzen waren andere. Von den Schulden seiner Kaiserwahl - über eine Million Gulden - kam er zeitlebens nicht herunter. Kein Wunder also, wenn immer wieder reiche Bürger die schiefe Ebene zur geldbedürftigen Elite hinaufrutschen und für ihre Verdienste um König und Staat das begehrte «von», «de» oder «of» an ihre und die Namen ihrer Kinder hefteten.

Aufstieg. Apropos Konsul Weyer: Eine seiner Exfreundinnen mochte nicht als einzige im Bekanntenkreis untituliert bleiben und schloss mit einem gut 30 Jahre jüngeren und milde unzurechnungsfähigen Prinzen aus der süddeutsch-katholischen Linie der Hohenzollern (die Braut laut «Spiegel»: ein «Depp») 1991 den «Bund fürs Leben», dadurch das fürstliche Haus zu einer Serie von Prozessen motivierend, deren einen es mit der Ungültigerklärung der Ehe soeben gewonnen hat.

A perfectly ordinary English family. Jeder nationale Adel hat seine Legende. Meist führt er sich auf ein überlegenes Eroberervolk zurück. Der englische Adel auf die Normannen, die 1066 die Insel eroberten, der französische auf die im Unterschied zu den mit den Römern vermischten Galliern reinblütig gebliebenen Franken. Entsprechend streng waren und sind die Versuche, solches Blut rein zu erhalten. Im europäischen Hochadel, in den regierenden Häusern vor allem, ist die Verwandtenheirat bis heute die Regel - ohne dass man im Zeitalter der Volkstümlichkeit allzu viele Worte davon macht. Als etwa Viscount Linley, Sohn von Prinzessin Margaret, in Thomas Gottschalks «Late Night Show» nach der Herkunft seiner Verlobten Serena Stanhope, der Tochter eines Viscount und Enkelin eines Earl aus seit 1616 adeligem Hause, gefragt wurde, sprach er von einer «perfectly ordinary English family».

Aderscheinig. Die Rede vom blauen Blut findet diverse Erläuterungen, darunter eine spanische. Spaniens Adel stamme, heisst es, von den Westgoten ab. Während sich das übrige Volk in der Zeit der maurischen Herrschaft mit den Arabern gemischt habe, sei der Adel an seiner weissen germanischen Haut zu erkennen, durch die das in blauen Adern fliessende Blut schimmere. Eben das blaue Blut.

Ach, könnten Sie bitte . . . einen Moment auf meinen Wagen aufpassen. Prinzessin Diana versprach, bald wieder dazusein. Sie hatte Einkäufe zu tätigen und - es war Samstag in Londons City - keinen legalen Parkplatz gefunden, was vielen so geht. Da nahm Diana eben einen illegalen. Auch das tut mancher. Die Prinzessin bat die beiden herbeigeeilten Polizisten, doch eine Notiz an der Windschutzscheibe ihres Wagens anzubringen, damit sie keinen Strafzettel erhalte, und die zwei mochten ihr das nicht abschlagen. Leider erwischte ein missgünstiger Labour-Abgeordneter das Trio. Die Polizisten wurden von ihrem Vorgesetzten gerügt und die Prinzessin wieder einmal des skandalösen Verhaltens geziehen. Soweit ist es gekommen.

Aufgeadelt. Damit ein uneheliches Kind adelig wird, muss der Souverän des jeweiligen Landes es nobilitieren; oder die Eltern des unehelichen Kindes müssen nachträglich heiraten. Wo es um die Sicherung der Erbfolge ging, war der Adel um Lösungen nie verlegen. Fürst Rainier von Monaco, der Vater von Stefanie, die selber Mutter eines unehelichen Kindes ist, ist der Sohn einer unehelichen Tochter des letzten Fürsten des monegassischen Hauses Grimaldi und, wie man sieht, trotzdem Fürst im sonnigen Monaco, während der rechtmässige Erbe (Herzog von Urach) in seinem unbeheizbaren Schloss auf der Schwäbischen Alb sitzen bleiben muss.

Adelsrechts-Ausschuss. In Deutschland regeln hochadlige Häuser ihre Familienangelegenheiten per Hausgesetz, und der Deutsche Adelsrechts-Ausschuss wacht über die Einhaltung eben dieses in der umgebenden Welt nicht mehr geltenden, also uneinklagbaren, also fiktiven Rechts. Er begutachtet zum Beispiel, ob Adoptionen adelsrechtlich in Ordnung sind. Er agiert somit, auch in seinem Selbstverständnis, in Vertretung des zurzeit nicht existenten Kaisers und Königs. Allerdings kann er nicht Neu-Nobilitierungen vornehmen wie dieser. Dies verbietet das geltende Recht. Das alles funktioniert so lange, wie alle Beteiligten freiwillig mittun. So wie ein Verein der Zwei-Meter-Menschen verabredet, nur solche Individuen zuzulassen oder zu heiraten oder zu adoptieren. Allerdings übersteigen die Nachteile eines Ausschlusses aus einem hochadligen Familienverband jene des Rausschmisses aus dem Zwei-Meter-Verein bei weitem.

Abweichungsversuche. Auch in der Namensgebung regiert noch in vielen Adelsgeschlechtern die Tradition: Seit vor 800 Jahren Kaiser Heinrich VI. dem Hause Reuss eine Schenkung machte, heissen alle männlichen Reuss Heinrich. Bis heute ist keiner davon abgewichen. Zögerliche Abweichungsversuche sind nicht über Henry und Henrik hinausgekommen.

Adoption. In feudaler Zeit war sie das letzte Mittel vom Aussterben bedrohter Häuser, eben dieses zu verhindern. In der Regel adoptierte der letzte des Hauses einen mehr oder weniger entfernten Verwandten, der König erhob ihn in den Adelsstand, und Besitz und Titel lebten fort. Heute ist Adoption der Schrecken der Fürstenhäuser. Eine völlig verarmte Prinzessin von Anhalt adoptiert, für eine Handvoll Dollar, den Mann von Zsa Zsa Gabor, und der lässt es nicht dabei bewenden, als Frédéric Prinz von Anhalt durch die Talk-Shows zu touren, sondern setzt das Adoptionswerk grosszügig fort (weswegen das genealogische Handbuch des Adels die Familie seit 1961 nicht mehr erwähnt; sie bestünde ja fast nur noch aus kleinzudruckenden Adoptierten). Der Adoptierte bekommt nach bürgerlichem Recht den Namen dessen, der ihn adoptiert, und der Titel ist Teil des Namens. Indem er diese Auffassung durchsetzte, rettete der deutsche Adel 1919 seine Titel. Heute wird Adoption einigen Häusern zum Fluch.

Abkunftsreihe. In Frankreich und Deutschland existieren die royalen Häuser fort und wahren Stil, Erbfolge, Tradition. Man weiss ja nie, wozu es einmal gut sein kann. Die Exkönige sind um einen Rang heruntergestuft - der König von Sachsen zum Markgrafen von Meissen, die Könige von Württemberg und Hannover zu Herzögen, und der Nachfahre des letzten deutschen Kaisers nennt sich Prinz Louis Ferdinand. Auch in Frankreich ist der Königstitel verboten. Für die verschiedenen Bourbonen-Linien, die von Ludwig XIV. abstammen, stehen mehrere potentielle Thronanwärter bereit. Der eine Nebenlinie vertretende Graf von Paris scheint die Sympathie der meisten Royalisten zu haben. Bourbonischer als alle anderen Bourbonen ist er jedenfalls, entstammen doch seine Frau, beide Eltern, alle vier Urgrosseltern und vier der acht Ururgrosseltern (Normalbürger ohne Inzuchtlinie haben 16 davon) der eigenen Familie, ohne dass diese davon freilich profitiert hätte: Einem seiner Söhne etwa bescheinigte nach einem Fernsehauftritt der Berliner «Tagesspiegel» die «intellektuelle Ausstrahlung einer verlöschenden Glühbirne» . . . Ein Nachkomme der spanischen Linie wirbt für sich als Ludwig XX. im französischen BXT-System, seit sein Vater im Revolutionsjubiläumsjahr 1989 einen echten Bourbonentod starb: beim Skifahren enthauptete ihn eine zu niedrig gezogene Telegrafenleitung. Carlos Hugo Herzog von Bourbon-Parma hat seine Legitimation sogar schriftlich. Ein französisch-republikanisches (!) Gericht entschied einen Streit unter Thronanwärtern zu seinen Gunsten.

Anspruch auf den englischen Thron. Weil es in den letzten 1000 Jahren bei der Verteilung von Macht immer wieder einmal etwas ungesetzlich zugegangen ist und weil verbindliche Erbregelungen oft erst spät definiert wurden, ist ganz Europa mit theoretischen Thronansprüchen überzogen. Auf jedes Königreich kommen ein Dutzend Prätendenten. Mit den unzählbaren Rechtsbrüchen des 15. Jahrhunderts beispielsweise liesse sich in England das Haus Windsor problemlos zugunsten besser Berechtigter wegprozessieren. Wirklich hartgesottene Royalisten betrachten dort sowieso alle als Usurpatoren, die seit der Ausschliessung der Katholiken vom englischen Thron (1702) regiert haben, und lenken ihre sehnsüchtigen Blicke auf den rechtmässigen Stuart-Nachfolger Herzog Albrecht in Bayern bzw. seine voraussichtliche Erbin und Enkelin, die Erbprinzessin von Liechtenstein. Theoretisch könnte jeder der Tausenden katholischer Stuart-Nachkommen zum Protestantismus übertreten und hätte dann bessere Rechte auf den Thron als die Queen.

Abwartende Könige. Nicht erst seit 1918 gibt es das Problem der Könige ohne Land, bewahrt doch etwa der italienische Kronprinz Viktor Emanuel bis heute den Anspruch seines Hauses auf das 1291 eingegangene Kreuzfahrer-Königreich Jerusalem; es ist derselbe, der seinerzeit mit einem im Streit um ein Paddelboot abgefeuerten Schuss von seiner Kreuzfahrtjacht aus einen unbeteiligten deutschen Touristen tötete und dann vor Gericht eine unangenehme Figur abgab. Vor allem aber Osteuropa erinnert sich, im Angesicht der Traditionswüste, die der Kommunismus hinterlassen hat, seiner vertriebenen Könige, und einige wären durchaus zur Rückkehr bereit. Michael I. von Rumänien, 1921 geboren, wurde mit sechs Jahren König, mit neun Jahren von seinem diktatorischen und profaschistischen Vater abgesetzt, setzte seinerseits 1940 den Vater ab und wurde 1947 ein zweitesmal entthront, diesmal von den Kommunisten. Seinen Anspruch auf den Thron hat er nie aufgegeben. Dass der im Kanton Genf lebende König nur Töchter hat, dürfte in einem dynastisch gefestigten Land wie Rumänien kaum Probleme bereiten. Bereit steht auch Simeon II., Zar von Bulgarien. Er kam 1943 als Sechsjähriger für kurze Zeit auf den Thron, lebt in Madrid und hat vier Söhne. In Madrid ist auch Leka I. ansässig, der nach dem Tod seines Vaters 1961 zum König von Albanien proklamiert wurde. Nicht zu vergessen Nikola Prinz Petrowitsch Njegosch, der Prätendent von Montenegro, Architekt in Paris und Ehemann einer Stilistin. Einen geeigneten russischen Zaren zu finden dürfte schwieriger sein. Denn die meisten Romanows sind in den Weiten amerikanischer Normalität verschwunden und bürgerlich liiert.


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