NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Angst vor dem Erfolg

© Robert Bucher, Genf
Stolz auf den Erfolg: Hotelpionier Franz Josef Bucher, der erste Obwaldner Millionär, zeigt 1892, was er hat. Linktext
Lieber tüfteln als Geld verdienen: Jungunternehmer in der Schweiz.

Von Heinrich Christen

Die Schweiz ist ein gutes Land für Unternehmer. Renommierte Studien wie der «Global Entrepreneurship Monitor» bestätigen jährlich die hohe unternehmerische Aktivität in der Schweiz auf ebenso hohem Niveau. Auch schaffen es im internationalen Vergleich relativ viele Schweizer Jungunternehmer, sich langfristig zu etablieren. Von den 110 seit 1991 aus der ETH Lausanne hervorgegangenen Spin-offs beispielsweise existierten im Jahre 2005 noch 90 Prozent. Über das Ganze betrachtet, gilt die Faustregel, dass etwa die Hälfte aller Neugründungen die ersten fünf Jahre überleben. Doch auch in der anderen Hälfte kann es Erfolge geben, denn oft floriert eine unternehmerische Idee erst im Rahmen einer Übernahme oder Fusion.

Meine Einschätzung deckt sich mit diesen Studien. Seit 1998 interviewen wir für unseren Unternehmerwettbewerb «Entrepreneur of the Year» jedes Jahr Dutzende von Jungunternehmern der Schweizer Start-up-Szene. In der Regel treffen wir dabei auf sehr engagierte und bestens ausgebildete Leute. Auch das Umfeld, in dem die Unternehmen operieren, lässt wenig zu wünschen übrig. Die Schweiz ist für Jungunternehmer attraktiv; Infrastruktur und Bildungsniveau sind erstklassig, die Steuern tief.

Gleichzeitig mache ich im Geschäftsalltag zunehmend die Beobachtung, dass relativ wenige Jungunternehmer den nötigen Biss haben, um unternehmerisch im grossen Stil erfolgreich zu sein. Es fehlt der Wille, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, das Arbeitsplätze generiert und – sagen wir’s ganz offen – dem Gründer viel Geld einbringt. Selbst nach Jahren sind viele Jungunternehmer kaum vorangekommen, sowohl in Bezug auf den Umsatz als auch auf die Zahl der Arbeitsplätze. Fast macht es den Eindruck, dass sie sich scheuten, richtig Erfolg zu haben.

Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz aus dem Jahr 2005 zeigt, dass Start-ups nach rund vier Jahren im Durchschnitt 4 bis 5 Mitarbeiter einschliesslich des Gründers beschäftigen. Lediglich 1,4 Prozent aller Firmen beschäftigen 50 und mehr Mitarbeiter. Frage ich Jungunternehmer, warum sie nicht (schneller) wachsen, indem sie beispielsweise Risikokapitalgeber an Bord holen oder Allianzen mit industriellen Partnern eingehen, höre ich Antworten wie: «Schnelles Wachstum ist risikoreich», «Uns ist es wohl in einer überschaubaren Grösse», «Viele Mitarbeiter bringen nur viele Probleme». Oder: «Ich will die Kontrolle über mein Unternehmen nicht verlieren.» Ganz anders verlaufen Gespräche mit Start-up-Unternehmern in den USA, wo oft mit einer atemberaubenden Offenheit (Schweizer würden sagen: Naivität) ehrgeizigste Wachstumsziele präsentiert – und oft auch erreicht – werden.

Der Weg vieler Schweizer Jungunternehmer in die Stagnation lässt sich mit folgendem Beispiel illustrieren: Ein Jungunternehmer verbringt seine Studien- und Forschungsjahre an einer technischen Hochschule, erstklassig betreut von Professoren und Forschungsassistenten. Nachdem er sich einzigartiges Wissen erarbeitet hat – ohne wesentliche Kontakte mit der Industrie –, keimt in ihm die Idee, dieses Wissen unternehmerisch zu nutzen. Also gründet er ein Unternehmen, das von der Hochschule finanziell unterstützt und oft auch beherbergt wird. Daneben wird das Unternehmen mit ergänzenden Mitteln der öffentlichen Hand gefördert, damit der Jungunternehmer die ersten drei Jahre ohne finanzielle Sorgen arbeiten kann. Während dieser Zeit versucht er ausserdem, in einem Privatinvestor einen Geschäftspartner zu finden, der sowohl mit der Technologie als auch mit den Märkten vertraut ist.

Und hier beisst die Realität oft ein erstes Mal zu: Ein Investor verlangt, dass sein Kapital langsam, aber sicher Rendite abwirft. Zunächst ermutigt er den Jungunternehmer sanft, Umsatz zu generieren. Da dies nach zwei weiteren Jahren immer noch nicht der Fall ist, zieht sich der Investor zurück. Dem Jungunternehmer gelingt es, weitere Entwicklungsarbeiten mit Beiträgen technischer Hochschulen und aus Förderprogrammen des Bundes zu finanzieren. Sein Forschungsteam besteht aus ehemaligen Studienkollegen, die allesamt über keine industrielle Berufserfahrung verfügen. Bewerber aus der Industrie werden nicht angestellt, denn die erwarten ein marktgerechtes Salär und drängen auf Resultate. Beides kann oder will der Jungunternehmer nicht bieten. Er erhält jedoch einen staatlich finanzierten Coach an seine Seite gestellt, einen «Mann der Wirtschaft» mit gutem Leistungsausweis. Auch diese Zusammenarbeit wird nach einem Jahr wegen unterschiedlicher Ansichten über die Ausrichtung des Geschäfts beendet. Der Jungunternehmer bleibt felsenfest überzeugt, in einigen Jahren den Durchbruch zu schaffen.

Natürlich gibt es andere Beispiele. Aber Leidensgeschichten wie diese sind alles andere als Einzelfälle. Gründe dafür gibt es eine ganze Reihe.

Erstens: kein Flair für den Markt. Viele Jungunternehmer haben ein exzellentes technologisches Wissen, sie wissen aber kaum etwas über den Markt: potentielle Kunden, Konkurrenz, mögliche Partner, Preissetzungs- und Finanzierungsstrukturen. Trotz diesem Defizit legen viele Jungunternehmer Wert darauf, ihr Unternehmen allein zu führen. Fremdkapitalgeber, die Einsitz in den Verwaltungsrat nehmen und etwas vom Geschäft verstehen, werden oft als Störenfriede empfunden. Zweitens: staatliche Starthilfe als Dauerzustand. In der Schweiz fördern Bund und Kantone zunehmend die Gründung von Jungunternehmen. So wird zum Beispiel die KTI, die Förderagentur für Technologie und Innovation des Bundes, Start-ups in den Jahren 2008 bis 2011 mit 44 Millionen Franken unterstützen. Aber staatliche Starthilfe müsste vor allem zeitlich begrenzt erteilt werden, und es sollten nicht ständig neue Quellen angezapft werden können. In der föderalistischen Schweiz versucht jeder Landesteil, jede Fachhochschule, eigene Förderprogramme durchzuführen und eigene «Schwerpunktsetzungen» vorzunehmen.

Drittens: fehlende Managementerfahrung. Unternehmensgründer, die bereits Managementerfahrungen gesammelt haben, verfügen über wesentlich höhere Erfolgschancen als Studienabgänger. Aus einem einfachen Grund: Sie haben gelernt, in Strukturen zu arbeiten, Prozesse zu managen, Teams zu bilden, zu motivieren und zu führen. Und vor allem kennen sie Kunden und ihre Bedürfnisse. Sie haben auch gelernt, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und ihrem Zeitbudget ökonomisch umzugehen. So hat eine Studie der Universität St. Gallen 2003 gezeigt, dass sich erfolgreiche Jungunternehmer detaillierter mit der Gründungs- und Finanzplanung ihres Unternehmens auseinandersetzen als weniger erfolgreiche.

Was wäre zu tun? Der Jungunternehmer sollte einsehen, dass eine gute Idee, ein neues Produkt oder eine neue Technologie keine Erfolgsgarantie sind. Darum sollte er nicht nur tüfteln, sondern sich schon früh mit den Gegebenheiten des Marktes befassen. Er sollte offen sein für alles, auch für breit abgestützte Unternehmensführung und -finanzierung. Und er sollte einen möglichst grossen Rucksack an Managementerfahrung mitbringen. Die Suche nach privatem Kapital kann für einen Jungunternehmer nervenaufreibend sein, doch er kann allein schon von den dabei entstehenden Gesprächen und Kontakten enorm profitieren. Eine überzeugende Unternehmerpersönlichkeit mit einer halbwegs überzeugenden Geschäftsidee wird – das ist meine Erfahrung – in der Schweiz immer Kapital finden, und sei es zunächst auch «nur» von FFF: friends, family and fools.

Schliesslich würde eine andere Einstellung zum unternehmerischen Erfolg, zum Reichwerden der Schweiz ganz gut tun. Zwar wird es hierzulande akzeptiert, dass einer, der exzellent einen Ball treten oder über ein Netz schlagen kann, Millionen verdient. Erfolgreiche Unternehmer (und Manager) hingegen wecken Neid und Empörung. Mag sein, dass dies in unseren agrarischen Wurzeln begründet liegt. So wie der Bauer einst den grösseren und moderneren Hof des Nachbarn beargwöhnte, steht heute wirtschaftlicher Erfolg unter dem Generalverdacht unlauteren Schaffens. Stimulierend wäre die Haltung «Toll, das will ich auch erreichen!».

Heinrich Christen ist Partner beim Beratungsunternehmen Ernst & Young AG, Zürich, und Leiter des Wettbewerbs «Entrepreneur of the Year».


Leserbriefe:

Zu Angst vor dem Erfolg - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Erfolg hat auch mit Unvoreingenommenheit zu tun Gerade dies scheint aber nicht die Stärke von Heinrich Christen, dem Autor des Artikels "Angst vor dem Erfolg" zu sein. Nach langem Zitieren von vielen Studien über den Erfolg und Misserfolg von Start-ups gipfelt sein Artikel darin, dass die für den Autor agrarisch begründete Neidökonomie Schuld an vielen erfolglosen Jungunternehmen sei. Treu dem Motto, dem heute leider viele sogenannte Führer unserer Wirtschaft huldigen: zum Glück gibt's den Bauern, dann haben wir immer einen Sündenbock griffbereit. Während der Autor die anderen Fakten mit Studien belegt, entspringt diese Aussage seinem eigenen Vorurteil. Etwas, das sich eigentlich gar nicht mit dem Thema des Artikels verträgt. Vielleicht ist gerade Voreingenommenheit auch ein Faktor, der den Erfolg in der Schweiz hemmt.
Peter Brügger, Langendorf



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.