NZZ Folio 05/10 - Thema: Handy   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Chic ins Bett

© Patrick Rohner, Zürich
Schlafanzug, 100% Schweizer Baumwolle, Christian Fischbacher, 597 Franken. Linktext
Männer können zum Schlafen auch etwas anderes tragen als ausgeleierte Boxershorts und ein altes ­T-Shirt; ein gut gearbeitetes Herrenpyjama hat allerdings seinen Preis.

Von Jeroen van Rooijen

Manchmal wünscht man sich, über die Wortgewalt des Captain Haddock aus «Tim und Struppi» zu verfügen. Dann fände man vielleicht Worte, die geeignet wären, das Sentiment zu beschreiben, das einen erfasst, wenn man erkennt, wie gut Kleidung gemacht sein könnte – und wie lausig sie doch meist gefertigt ist. Im Fall des hier zerlegten Schlafanzugs des Schweizer Bettwäschespezialisten Christian Fischbacher trifft das erste zu: Dieses klassische Herrenpyjama ist in jedem Detail so hervorragend gemacht, dass es zum Schlafen fast zu schade ist.

Das Aha-Erlebnis beginnt beim Stoff, einem silbergrauen Baumwollbatist von Alumo aus Appenzell, dessen Webstreifen abwechselnd satiniert und halbtransparent sind. Dadurch ist das Material leicht und atmungsaktiv, was bei Nachtwäsche eine entscheidende Rolle spielt. Der Zuschnitt des Materials muss mit allerhöchster Präzision ausgeführt worden sein: Linke und rechte Hälfte der zerlegten Teile zeigen nicht die geringste Formabweichung oder Ungenauigkeit. Vernäht werden die Teile mit eleganten Kappnähten. Sie sind flacher und dauerhafter als mit einer Overlock-Naht versäuberte Nähte.

Die Hose ist ohne Seitennaht geschnitten und hat einen elastischen Bund, dessen flaches Gummiband komplett vom Oberstoff eingefasst ist. Der Hosenlatz ist ohne Knöpfe und relativ kurz, aber makellos gearbeitet. Das ­Oberteil hat auf der linken Brust eine aufgesetzte Tasche. Der angestürzte Umlegekragen ist ebenso ohne Einlagen verarbeitet wie die Ärmelmanschetten.

Vorbildlich verarbeitet ist auch der komplett abgesteppte Knopfbesatz mit den sorgfältig gemachten Knopflöchern und den vier flachen Perlmuttknöpfen, die von Hand mit einem kleinen «Hals» festgenäht sind, damit sie besser halten. Alle Säume an Hose und Hemd sind doppelt eingeschlagen und abgesteppt. Sogar die Haken zum Aufhängen sind aus einem feinen Streifen des verstürzten Oberstoffs. Verbessert werden kann nur wenig: Vielleicht wäre ein Knopf am Hosenlatz nicht falsch oder ein feiner, kon­trastierender Keder an der Knopfleisten- und Kragenkante des Oberteils.

Entworfen werden die Luxuspyjamas, die für den in sechster Generation familiengeführten Bettwäschespezialisten Christian Fischbacher eher ein «Zubrot» sind, in St. Gallen. Sie sind kein saisonales Produkt, sondern bleiben über längere Zeit in der Kollektion, sagt Monika Fähnrich, die die Nachtwäsche von Christian Fischbacher betreut. Design, Stoffauswahl und Vermarktung geschehen in der Schweiz – nur das Nähen nicht, denn gefertigt wird das Pyjama in einem Produktionsbetrieb eines ehemaligen Fischbacher-Mitarbeiters im Ausland.

Ein solch exquisites Schlafvergnügen kostet natürlich etwas mehr als die ausgeleierten Boxershorts und das alte T-Shirt vom Grümpelturnier, in dem die meisten Schweizer Männer zu Bett gehen: Die Hose kostet 199 Franken, das Oberteil 398 Franken. Dafür hat so ein klassisches Pyjama aber auch den hundertfachen Chic.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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