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Menschen & Räume -- Frau Peters Zwischenstation
© Christian Känzig, Zürich
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| Die Journalistin Charlotte Peter, langjährige <Elle>-Chefredaktorin, mit 77 Jahren noch Reiseleiterin und Reisende, wohnt bei ihren Zwischenhalten in Zürich in ihrem Haus im Seefeld. |
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Von Lilli Binzegger
«DAS HAUS STAMMT von Ende 19. Jahrhundert. Bevor wir hierher zogen, hatte ein Onkel es bewohnt. Er war sehr lärmempfindlich und schickte der NZZ die wildesten Leserbriefe gegen den Lärm. Er hielt nicht einmal das Picken der Vögel aus, wenn meine Tante Körner ausstreute. Einmal zog er in einem Brief über die Sadisten her, die zum blossen Vergnügen ein Flugzeug benutzten. Zu diesen Sadisten gehörte ich natürlich auch. Da habe ich in einem Leserbrief geantwortet, wenn jemand nach Athen fliege, dann wecke er ein paar Leute in Kloten und ein paar in Athen auf, wenn er aber mit dem Auto hinunterbrause, dann wecke er halb Europa. Dieser Brief wurde auch abgedruckt, worauf jemand von der Swissair das las und fand, ich wäre vielleicht noch eine, die für die Swissair schreiben könnte. So kam ich via Leserbrief zu einem Job. Das war irgendwann in den 60er Jahren. Der Onkel zog dann noch mehrmals um, aber es war ihm nirgends ruhig genug.
Ich war an sehr vielen Orten in der Welt, am stärksten hat es mich aber immer in den Fernen Osten gezogen. Ich glaube, die Himmelsrichtung ist einem angeboren. Wie oft genau ich in China war, kann ich nicht sagen, ich habe vor Jahren bei 75 zu zählen aufgehört. Zum ersten Mal war ich vor bald 40 Jahren dort, da hatte man noch drei Jahre auf das Visum zu warten. Die ersten Jahre wohnte ich meistens in staatlichen Gästehäusern. Da musste ich im Speisesaal jeweils hinter einem Wandschirm essen. Ich weiss bis heute nicht, ob ich die Chinesen gestört habe oder ob sie annahmen, sie störten mich. Chinesisch kann ich so viel, dass ich die Stationen und Strassenschilder lesen kann. Leider gab es in meiner Jugend in Zürich noch keinen Lehrstuhl für Sinologie. So habe ich Geschichte, Kunstgeschichte und Wirtschaftsgeschichte studiert.
Es amüsiert mich immer ein wenig, wenn die Leute sagen, der Tourismus verderbe China. 1,3 Milliarden Chinesen lassen sich nicht so leicht verderben. Die Touristen konzentrieren sich ja auf ein Dutzend Orte: Chinesische Mauer, Himmelstempel und noch ein paar andere Musts. Dann gehen sie eine Pekingente essen und fliegen wieder nach Hause.
Jetzt muss ich leider wieder zweieinhalb Wochen warten, bis ich wegkann, mit einer Reisegruppe nach Laos, China, Vietnam und Kambodscha. Letzte Woche bin ich aus Burma zurückgekommen, zuvor war ich in Japan. Im Juni will ich nach Tokio und im Juli nach China und nach Tibet, im September mache ich mit einer Gruppe die Burmastrasse, und im Oktober geht es nach Brasilien. Dazwischen wird sonst noch das eine oder andere sein - und dann natürlich immer wieder Paris, wo ich ein Studio habe. Und so kann es dann halt schon passieren, dass ich’s nicht merke, wenn hier die Hausglocke nicht funktioniert.
Die Schweiz? Oje, die kenne ich gar nicht gut! Wenn ich mal zu Hause bin, dann gehe ich natürlich nicht noch Skifahren und Wandern. Dann igle ich mich ein, sitze auf dem Sofa oder auf dem Boden und lese. Natürlich Reiseführer, dann aber auch Literatur aus dem Land, das ich gerade bereist habe, zum Beispiel habe ich "La chine littéraire" abonniert. Im Moment lese ich gerade Naipauls "Islamische Reise". Ich lebe allein in dem Haus, in dem man ausser dem Zug in Wirklichkeit kaum etwas hört. Da habe ich schön Platz für meine Bücher, ein Fernsehstübli, sehe auf den See. Das Haus ist sehr günstig gelegen, immer 08 und 38 hat es einen Zug zum Flughafen Kloten.
Fliegen ist eine wunderbare Altersbeschäftigung. Ich steige ins Flugzeug, lese die Zeitung, nehme einen Apéro, dann gibt es ein nettes Essen, dann mache ich ein Schläfchen, oft hat es noch interessante Leute. Und nach acht Stunden bin ich in Peking oder sonstwo. Heute geht das Reisen so leicht, dass ich manchmal denke, ich hätte Flügel. Jetlag? Ich tue einfach so, als gäbe es keine Zeitverschiebung. Ich habe es wie die Araber: ich liebe alles, was mich davonträgt, Schiffe, Pferde, Kamele, bei mir sind es halt auch noch Flugzeuge.
Schlafen kann ich überall gut, im Zelt in Tibet, in einer Berghütte oder im staatlichen Gästehaus. Ich mag es aber auch gern, wenn alles super gestylt ist wie etwa im Hotel Al Bustan in Muscat. Ich bin nicht pingelig, es gibt Leute, die können sich wahnsinnig über ein Hotelzimmer aufregen. Mühe habe ich erst, wenn es Ungeziefer hat. Was ich allerdings nicht verputzen kann: wenn ich in einem lausigen Hotel bin und gleich daneben ist ein schönes. Und was mir gar nicht liegt, ist die Pension Alpenrösli, wo man mich am Morgen fragt, ob ich gut geschlafen habe. Ein Problem kann für Alleinreisende sein, dass in vielen Hotels die Einzelzimmer teuer und schlecht sind. Manchmal mache ich etwas, was mir eigentlich peinlich ist: Ich unterschreibe die Reservation mit Dr. Ch. Peter. Dann denken die, ich sei ein Mann, und ich bekomme das bessere Zimmer.
Ich glaube, ich bin der geborene Single. Ich war einmal verlobt, und eine Woche vor der Hochzeit merkte ich, dass das doch nicht das Richtige war. Das wäre ja auch nicht gut gegangen, ich bin ja schon während meiner Berufstätigkeit sehr viel gereist. Als Chefredaktorin der "Elle" ging ich immer mit, wenn wir Modeaufnahmen round the world machten, in Bali, Indien, Ceylon, wo auch immer, und habe die Texte zu den Bildern gemacht. Ich habe auch Reisebücher geschrieben und kam so überallhin. Ferien habe ich nie gemacht, ich bin immer nur gereist. Ich war nie länger als einen halben Tag an einem Badestrand.
Wie lange ich noch reisen werde? Ich sage immer: solange ich noch ins Flugzeug komme. Und wenn ich einmal nicht mehr reisen kann, dann sage ich mir: Inschallah! dann krame ich halt in den Erinnerungen.»
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