NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Unter Verdacht

Ein Hund, ein Traum, drei Objekte und die Frage: Kitsch oder Kult oder was? Jury: die Modemacherin Christa de Carouge, der Schriftsteller Peter Stamm, die Politikerin Min Li Marti und der Parfumexperte Luca Turin.

Von Christa de Carouge

MINI COOPER. Der neue Mini wurde von BMW entwickelt und wird seit 2001 in den englischen BMW-Werken in Oxford gebaut. Das Auto kostet in der Grundausstattung 23 400 Franken.

Christa de Carouge: Ich bin ein grosser Fan dieses Autos, für mich ist es Kult schlechthin. Ich hatte mir immer gewünscht, das kleinste Auto der Welt zu fahren. Und nachdem ich 1963 die Fahrprüfung gemacht hatte, war dies mein erstes Auto: ein roter Mini Cooper, eine Occasion. Ich schwöre heute noch auf den Mini, ich würde sofort wieder einen kaufen. Er ist ein Schmuckstück, innen wie aussen. Da stimmt einfach alles. Es spielt keine Rolle, dass er neu hergestellt wird, die Veränderungen stören mich nicht. Warum sollte man nichts am Original ändern dürfen? Es gibt ja immer auch Verbesserungen. Die Kleider, die ich entwerfe, sehen auch aus, als ob sie immer gleich wären, obwohl es kleine Veränderungen gibt. Der neue Mini wurde im Stil des alten weitergedacht – im Unterschied zum neuen VW Käfer, der in eine krass falsche Form geraten ist.

Peter Stamm: Der Mini wurde 1959 als Reaktion auf den VW Käfer als billiges und energiesparendes Auto entwickelt. Glaubt man dem Hersteller, ist der re-edierte Mini «der direkte Nachfolger des Klassikers». Das billigste Modell hat einen durchschnittlichen Benzinverbrauch von 6,6 l. Für einen modernen Kleinwagen ist das nicht wenig. Hätten sich die Entwickler wirklich auf die «traditionellen Mini-Werte» besonnen und nicht bloss das Äussere des Vorbildes kopiert, wäre wohl eher eine Art Smart herausgekommen. Kitschverdacht besteht. Andererseits wirkt der Wagen recht schlicht, mit Ausnahme der weissen Rückspiegel. Die Designer haben sich zwar vom klassischen Mini inspirie ren lassen, verleugnen aber nicht die Zeit, in der die Re-edition entstanden ist. Alles in allem: nicht sehr kitschig.

Min Li Marti: Moderne Autos sind hässlich. Früher waren Autos noch elegant, hatten schön geschwungene Formen, heute sind es funktionale Kisten. Das ist mir zwar eigentlich egal, ich habe kein Auto und will auch keins. Hässliche Krawatten kümmern mich schliesslich auch nicht, ich muss sie ja nicht tragen. Der reedierte Mini Cooper ist die Ausnahme von der Regel. Klar, vielleicht ist der neue Mini etwas zu angestrengt auf Kult getrimmt. Aber er ist ungleich gelungener als etwa der hässliche neue VW Käfer. Nur sanft wurde das klassische Design angepasst. Vergleichbar ist der Mini mit dem Mac-Computer «Cube»: ein teures Ding, das nicht besonders viel konnte, aber einfach gut aussah. Als Accessoire für Menschen, die kein Auto brauchen, ist der neue Mini chic. Denn brauchbar ist das Auto kaum: Die Ikea-Sofas und der Hausrat passen nicht rein, für längere Strecken scheint er klaustrophobisch eng. Der neue Mini ist trotzdem Kult: zwar nicht billig, sieht aber definitiv gut aus.

Luca Turin: Wie Brian de Palmas «Obsession», so verkörpert auch der neue Mini den Wunsch des mittelalterlichen Mannes, seine vertane Jugend noch einmal in neu geschnittener Fassung zu durchleben, zum Beispiel, indem er seine neunzehnjährige Freundin zurückerhält, aber diesmal nach kieferorthopädischer Behandlung. Und wie der Film deutlich zeigt, enden solche Versuche entweder in Erpressung oder im Inzest. Was den ursprünglichen Mini so reizvoll machte, war das, was ihm fehlte: Armaturen, Schalensitze, ein brauchbarer Kofferraum und ein guter Motor. Diese Vorzüge sind jetzt alle behoben. Entsetzlicher Kitsch.


LASSIE. Mit dem Film «Lassie Come Home» von Fred M. Wilcox begann 1943 die Karriere des Collies Lassie (an der Seite des Hundes spielte die elfjährige Elizabeth Taylor). Ab 1954 war Lassie in 588 Folgen einer Fernsehserie zu sehen. 1997 wurde in Kanada eine neue «Lassie»-TV-Serie mit 52 Episoden ausgestrahlt.

Christa de Carouge: Jeder kennt Lassie, hat die Geschichte gelesen, die Filme gesehen. Lassie ist eine Kindheitserinnerung, die unwillkürlich hochkommt, wenn man einen solchen Hund auf der Strasse sieht. Als Kind träumte ich davon, einen Collie zu haben. Lassie war ein grosser Hund, den man gern berührte, ich hatte das Gefühl, zu dem kann man sich hinlegen, der beisst mich nicht, der beschützt mich, der rettet mich, der nimmt mich in Obhut. Lassie war fast so nah wie ein Bruder oder eine Schwester. Eigentlich ist Lassie ein menschliches Tier. Würde ich heute einen Lassie-Film sehen, käme er mir bestimmt furchtbar kitschig vor. Aber Lassie ist für mich kein Kitsch. Das Tier ist eine Kultfigur.

Peter Stamm: Es gibt keine objektiven Kriterien für Kitsch. Kitschig sind nicht Objekte, sondern die Beziehung, die wir zu ihnen haben. Kitschig ist das falsche Gefühl, mit dem etwas produziert oder konsumiert wird. Die Lassie-Filme wurden für Kinder gemacht und funktionieren als Kinderfilme. Kitschig könnten sie allenfalls sein, wenn sie zu Kultfilmen für Erwachsene würden. Kitschig ist die Ironie, mit der heute oft vermeintlich Kitschiges betrachtet und ausgestellt wird. Der Ironie-Kitsch ist inzwischen schon fast zu einem eigenen Industriezweig geworden (Ostalgie, Acapickels usw.). Die Diddel-Maus ist immer geschmacklos, kitschig ist sie aber nur, wenn sie ironisch verwendet wird. Selbst die blinkende Maria ist nicht kitschig, wenn sie für ihren Besitzer Ausdruck echter Frömmigkeit ist. Zum Kitsch (nicht zur Blasphemie) wird sie erst in der Toilette eines In-Lokals.

Min Li Marti: Nicht der Mensch soll den Hund gezähmt haben, sondern der Hund den Menschen; davon sind immer mehr Forscher überzeugt. Das leuchtet auch ein: Ein kluger Hund wie Lassie weiss, dass es doch viel netter und bequemer ist, von Herrchen gefüttert und gehegt zu werden, als den mühseligen Kampf ums Überleben in freier Wildbahn auszufechten. Lassie ist wohl mit Abstand der klügste Fernsehhund. Aber trotzdem etwas kitschig. Das liegt wohl an der Rasse. Collies mit ihren langen Haaren sind ein bisschen die Blondinen der Hunderassen. Das zeigt der Vergleich mit anderen Fernsehhunden: Eddie zum Beispiel, der Jack-Russell-Terrier aus «Frasier», ist nicht kitschig, mögen noch so viele Hollywood-Damen einen Jack Russell im Handtäschchen mitführen. Auch nicht kitschig ist «Kommissar Rex», obwohl ein Schäferhund mit dem Namen Rex schon ein arges Klischee ist. Doch der Fairness halber muss man zugestehen, dass ein Polizeipudel mit Namen Fifi in der Verbrechensbekämpfung wohl nicht ganz so effektiv wäre. Das beantwortet zwar nicht die Frage, warum alle Polizistinnen blond sind, und auch nicht, warum gerade Collies nicht als Polizeihunde genutzt werden. Aber vielleicht ist Lassie eben zu klug dafür.

Luca Turin: Die Zeit ist nicht mehr fern, da Tiere die letzten Unschuldigen auf dieser Erde sein werden. Dann wird sich Lassie nicht mehr von Dostojewskis Fürst Myschkin unterscheiden: verständnislose Ergebenheit, verkannte Intelligenz, stummes Leiden. In dieser Hinsicht ist Lassies Auferstehung vielleicht doch für einige Überraschungen gut, und wer Lassie für Kitsch hält, wird eine gnädige Ewigkeit Zeit haben, es im Rachen der Hölle zu bereuen.


ALESSI-ZITRUSPRESSE. Die 1990 von Alessi auf den Markt gebrachte Zitruspresse «Juicy Salif» wurde von Philippe Starck kreiert. Sie ist eines der populärsten Designobjekte aus dieser Zeit und fand auch Eingang in das Museum of Modern Art in New York. «Juicy Salif» kostet 82 Franken, die vergoldete Spezialedition 240.

Christa de Carouge: Dieses Ding ist unbrauchbarer Kitsch. Ich habe es bei Freunden ausprobiert, es ist eine Fehlkonstruktion. Wenn man eine Zitrone ausdrückt, kippt es gleich um, oder man muss so gezielt pressen, dass es einem verleidet. Das Ding ist weder schön noch brauchbar, darum gehört es in den Müll. Es ist auch kein Objekt, bei dem ich zur Not sagen könnte, es sei eine Skulptur. Es sieht aus wie eine Spinne, und wer mag schon Spinnen – grausliche Tiere, die ich nie in meiner Küche sehen möchte. Diese Zitronenpresse ist ein Paradebeispiel für modernen Designkitsch. Philippe Starck wollte immer klare Formen und brauchbare Sachen machen, nach dem Motto von Mies van der Rohe, «Less is more», aber das hat er nie wirklich geschafft.

Peter Stamm: Die Marke Alessi ist in den letzten Jahren leider zu einem Synonym für Kitsch geworden. Mit einiger Wehmut erinnert man sich an die Zeiten der wunderschönen Fruchtschalen, die noch heute modern wirken. Die Starck-Zitruspresse wirkt auf den ersten Blick funktional, die Form ist einfach, der Saft fliesst direkt ins Glas und – dank den abgewinkelten Beinen – nicht auf die Arbeitsfläche. Allerdings dürfte es schwierig sein, die Presse bei der Arbeit festzuhalten. Und auch das Problem der herunterfallenden Kerne scheint nicht gelöst zu sein. Die klassischen Zitruspressen aus Glas oder Plastic, die seit Ewigkeiten gleich aussehen und für ein paar Franken in jedem Warenhaus zu kaufen sind, dürften wesentlich praktischer sein. Die Presse von Starck ist als Ausstellungsstück entworfen worden. Sie passt ohnehin in keinen Schrank. Die Form folgt nicht der Funktion. Würde sie als Skulptur verkauft, wäre sie zwar nicht schöner, aber sie wäre weniger kitschig.

Min Li Marti: Vorurteile sind bekanntlich etwas Schlechtes. Und dennoch hat man sie. Zum Beispiel habe ich grundsätzlich Vorbehalte gegen Menschen, deren Küchen mit Alessi-Utensilien ausgestattet sind. Diese lustigen Salzstreuer, diese lachenden Flaschenöffner – fürchterlich. Solche Menschen müssen einfach Privatradio-Morgensendung-Lustigfinder sein, und im «Züri Date» geben sie an, sie seien spontan und aufgestellt. Nun hat aber Philippe Starck für Alessi eine Zitronenpresse mit reichlich martialischem Design gestaltet. Diese Zitronenpresse, stellt man sich vor, wür den H. R. Gigers Aliens benutzen, wenn sie ihren Freun den ein Zitronenhuhn zubereiten. Die Zitronenpresse ist zwar eine radikale Abkehr vom sonstigen Gute-Laune-Alessi-Stil. Kitschig ist sie trotzdem. Denn auch der Gothic-Chic mit Totenköpfen und keltischen Symbolen ist letztlich kitschig, sogar grauenerregend kitschig.

Luca Turin: Wir beurteilen häusliche Objekte zu Recht nicht nur nach dem, was sie tun, sondern auch nach dem, was sie dem Anschein nach tun könnten : Beim Anblick lasergeschliffener Käsereiben juckt es uns vor Erwartung in den Knöcheln, während wir in Gegenwart von Keramikmessern unwillkürlich die Hände hinter dem Rücken verschränken. Dieses Alessi-Ungetüm legt es offensichtlich darauf an, uns zu demütigen: Es kreischt über den Marmor wie Kreide über Wandtafeln, und wenn man beim Auspressen zu fest drückt, flitscht es unten weg. Selbst im Ruhezustand zeigt es seine Bösartigkeit, weil es alles in seinem Umfeld, einschliesslich seines Besitzers, zu klein aussehen lässt. Unzweifelhaft Kult.


HERMÈS-FOULARD. Das Seidenfoulard «Astrologie» ist ein Klassiker des französischen Traditionshauses, das 1837 von Thierry Hermès ursprünglich als Sattlerei gegründet worden war. Das Foulard «Astrologie» wurde 1963 von der Designerin Françoise Faconnet entworfen und ist noch heute eines der meistverkauften Modelle. Die Carrés kosten 370 Franken.

Christa de Carouge: Hermès-Foulards sind grundsätzlich Kult. Das hier ist eines der klassischen, die man heute noch sieht. Gold-Schwarz-Weiss hat eine klare Aussage: Eleganz. Das ist ein Markenzeichen. Es gibt ja viele berühmte Hermès-Designs, die meisten verwenden mehr und andere Farbtöne. Da könnte man vielleicht eher sagen, sie seien kitschig. Aber bei Hermès ist das Wort heikel, denn die Marke ist eindeutig eine Kultmarke. Die könnten auch ein Mineralwasser produzieren, das würde getrunken. All die Japanerinnen, die sich auf diese Foulards stürzen! Die kaufen ein Symbol: Hermès, Paris … Persönlich mag ich das nicht, aber es ist Kult (in Klammern könnte man doch noch hinzufügen: und zugleich Kitsch).

Peter Stamm: «Kitsch ist, was jedermann gehört», sagt Moshe in Katharina Hackers Buch «Eine Art Liebe». Allein schon durch den hohen Preis wird das Hermès-Foulard nie jedermann gehören. Aber der Stil der Zeichnung hat etwas Beliebiges, Unpersönliches. Ich kann mir den Künstler nicht vorstellen, der das Foulard entworfen hat. Das Design wirkt ältlich, erinnert zugleich an die achtziger Jahre, an Hans Erni und die Renaissancekunst, aber auch an Comiczeichnungen. Die dreidimensional gezeichneten Elemente auf dem zweidimensionalen Tierkreis wirken unehrlich, der Schattenwurf und das falsche Gold abgeschmackt. Kitschig ist das Gefälle zwischen dem edlen Material und dem billigen Design. Ehrlicher und also weniger kitschig wäre das Foulard, wenn es aus Polyester hergestellt wäre und auf einem Wühltisch der Epa verkauft würde. Kaufen würde ich es allerdings auch dort nicht.

Min Li Marti: Einige etwas angestaubte Edelmarken haben sich in den letzten Jahren ein frischeres Image zugelegt. Burberry, einst bekannt für Trenchcoats, die zwar aussahen wie der von Inspektor Columbo, aber einiges teurer waren, wird nun sogar vom Hip-Hopper Puff Daddy getragen. Louis Vuitton, eine Ikone aus den achtziger Jahren, ist wieder voll im Trend. Nur Hermès scheint sich dieser Entwicklung zu verweigern, hat keinen Jungdesigner angestellt, der den jungen Leuten Omas Mode schmackhaft machen soll. Hermès, so scheint es, bleibt die Marke für ältere Damen, die im «Sprüngli» am Paradeplatz sitzen und sich über ihre nächste Reise an die Côte d’Azur unterhalten. Und das ist gut so. Schliesslich will man ja mit 66 Jahren, selbst wenn das Leben dann erst anfängt, nicht mehr den Modetorheiten und -diktaten ausgeliefert sein. Nein, dann will man keine Micro-Minis, dann kann man getrost die Nase rümpfen, wenn Leggins wieder Trend werden, und kann die Finger lassen von Pumphosen, die ausser an Kylie Minogue an allen Frauen unvorteilhaft aussehen. Dann lehnt man sich im «Sprüngli» lässig zurück, diskutiert über die letzte Opernpremiere und die Vorzüge eines Hermès-Tuchs. Das ist wahrer Kult.

Luca Turin: Hermès wurde am falschen Ort geboren und hat seine wahre Berufung verfehlt: Hawaiihemden aus Seide. Glänzende Oberflächen, satte Farben, sorgfältige Säume, vorgetäuschte Fülle – wer könnte einem so freigebigen schlechten Geschmack widerstehen? Stattdessen bietet man uns den armseligen Chic kleiner Mätressen, den die Franzosen hartnäckig als Luxus bezeichnen. Tagtäglich werden juwelenberingte Hände mit angemalten Nägeln diese nutzlosen Dinger um deftige Schultern drapieren und dabei im trostlosesten aller Trostgedanken Entspannung finden: dergleichen Hässlichkeit können sich nur die wenigsten leisten. Noch nicht einmal Kitsch.


DIE EINSAME INSEL. Es gibt sie zwar auch in der Wirklichkeit, aber die einsame Insel ist weniger ein Begriff der Geographie als der Imagination: Sie ist ein Ort der zivilisationsmüden Sehnsucht, ein Fluchtpunkt des Fernwehs, ein Traum. Dem vielleicht nicht ganz zu trauen ist, denn drei Dinge wollen die meisten auf die Insel mitnehmen.

Christa de Carouge: Ich bin nicht der Typ, der auf eine einsame Insel geht. Wenn schon, zieht es mich eher auf einen Berg. Ich bin nicht Robinson. Bei mir weckt das Bild der einsamen Insel Kitschvorstellungen: Baströcklein, Tingeltangel, Hawaiimusik. Die Insel ist mir auch zu weit weg. Das Palmengeflatter hat einen kitschigen Anstrich, die Ambiance, die das Bild evoziert, ist kitschig. Es erinnert mich auch an Bilder aus der Werbung. Und an diese doofen Robinson-Fernsehshows.

Peter Stamm: Die einsame Insel auf dem Bild ist nicht kitschig. Natur ist nie kitschig. Kitschig könnte allenfalls unsere Vorstellung von einem Leben auf dieser Insel sein. Kitsch, schrieb Milan Kundera, sei die «Negation der Scheisse». Auf der einsamen Insel würde man nicht nur die Toiletten vergeblich suchen. William Somerset Maugham hat schön über die vermeintlichen Paradiesinseln geschrieben, die sich als lebensfeindliche Hölle entpuppen, sobald man an Land gegangen ist. Andererseits ist die einsame Insel in der Phantasie wenig konkret. Sicher ist nur, dass es darauf drei Bücher gibt und genug Zeit, um diese zu lesen. Sie steht für ein ruhiges, ungestörtes Leben fern von allem, für den Rückzug auf sich selbst. Als Metapher entzieht sie sich ästhetischen Kriterien und also auch dem Kitschverdacht.

Min Li Marti: Bei einsamen Inseln denke ich immer an die beliebte Interviewfrage, was man denn auf die besagte Insel mitnehmen würde. Allein der Gedanke, ich könnte jemals berühmt genug werden, um die Inselfrage möglichst originell beantworten zu müssen, vermiest mir die Tagträume von Ruhm und Ehre. Natürlich, so ein Postkartensujet mit weissem Sand und hohen Palmen ist ganz verlockend. Schirmchenbewehrte Cocktails schlürfen und sich vom strammen Bademeister retten lassen. Und man sollte ja noch mal auf die Seychellen, bevor sie versinken, oder sind es nicht doch die Malediven? Aber vor dem inneren Auge tauchen dann auch schon die Bewohner der Inselshow «Robinson» auf, und dann vergeht einem die Lust. Denn einsame Inseln mit einsamen Stränden sind kitschig. Dann doch lieber Ferien auf Balkonien. Wenn man denn einen Balkon hätte.

Luca Turin: Die Idee der einsamen Insel scheitert an der Tatsache, dass die Bar am Ende des Strands stets den Namen eines anderen, vergleichbaren Ortes trägt. Und wenn es keine Bar gibt, macht das die Sache nur noch schlimmer: ohne Hässlichkeit keine Schönheit. Wenn Inseln funktionieren würden, hätte Napoleon auf St. Helena Ferien gemacht.

Christa de Carouge, 67, arbeitet seit 1965 als Modedesignerin. Ihre Kleider zeichnen sich durch die strenge Reduktion der Formen und Farben aus. Die Modemacherin lebt in Zürich und in Carouge-Genf.

Peter Stamm, 40, ist Schriftsteller und Journalist. Er hat einst Parodien auf Groschenromane geschrieben, den Durchbruch als ernsthafter Literat schaffte er 1998 mit seinem ersten Roman, «Agnes». Dieses Jahr erschien der Erzählband «In fremden Gärten». Stamm lebt in Winterthur.

Min Li Marti, 29, studierte Soziologie und war Kolumnistin bei der Gratiszeitung «20 Minuten». Sie ist Parteisekretärin der Sozialdemokratischen Partei Zürich. Seit 2002 gehört sie im Zürcher Gemeinderat der SP-Fraktion an. Sie lebt in Zürich.

Luca Turin, 50, wuchs in Frankreich, Italien und England auf. Bis 2000 lehrte er als Biophysiker am University College London. Mit seiner Firma Flexitral hat er sich auf die Geruchsforschung spezialisiert. 1994 publizierte er einen vielbeachteten Parfumführer, für NZZ-Folio schreibt er monatlich eine Parfumkritik. Er lebt in London.


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