Warum werden manche Künste ernst genommen und andere nicht? Die Fotografie benötigte ein Jahrhundert, um die höheren Weihen der Anerkennung zu erlangen: Bücher, Rezensionen, Auktionen, Museen, Sammler, Universitätskarrieren. Erst als immermehr Leute ihre eigenen Schnappschüsse zu stapeln begannen, wurde auch dem letzten klar, dass gute Fotos nicht einfach vom Himmel fallen.
Definiert man Kunst als etwas, das sowohl schwierig wie schön ist, gehört die Parfumerie eindeutig dazu. Aber da sie nicht zum Hobby taugt, macht sich kaum jemand eine Vorstellung davon, wie heikel sie ist. Die Evolution ist ein grossartiger Duftkünstler (Gardenien!), und viele meinen, ein Parfumeur ahme nur die Natur nach. Kommt hinzu, dass Parfums heute so vergänglich sind wie Kleidermoden, und schon sind die Voraussetzungen für die Geringschätzung der Kunst erfüllt.
Der Mangel an Parfummuseen ist dafür ein untrügliches Zeichen. Die meisten von ihnen (in Paris gibt es eines, in Grasse mehrere) bestehen aus Ansammlungen von Fläschchen und enden in einem Laden. Dort fallen die frustrierten Besucher, die eine halbe Stunde lang nichts riechen durften, über ein Arsenal vielfarbiger Seifen her, mit denen sie zu Hause die Verwandten und andere ungeliebte Personen beschenken. Im grössten Museum von Grasse konnte man früher durch eine Glaswand einem Parfumeur bei der Arbeit zusehen, als sei er ein Pandabär im Zoo. Und genau wie ein Panda verkroch sich der arme Kerl die meiste Zeit im Hinterzimmer.
Die Osmothèque in Versailles ist eine Ausnahme. Sie wurde 1990 von der französischen Gesellschaft der Parfumeure gegründet und beherbergt die abenteuerliche Zahl von 334 ausgestorbenen Düften – von Berühmtheiten wie Cotys Le Styx ( 1911) bis hin zu vergessenen Meisterwerken wie Nicky Verfaillies Grain de Sable ( 1980). Ob sich ein Besuch lohnt? Nun ja, die Osmothèque ist eigentlich nur ein Kühlraum im Keller der Parfumerieschule, und nur Mitglieder der Gesellschaft dürfen an Parfums riechen. Es gibt jedoch öffentliche Führungen, bei denen eine Auswahl an Düften präsentiert wird. Kaufen kann man sie natürlich nicht.
Auf einem Parfumeriekongress besuchte ich letztens den bescheiden in einer Ecke versteckten Stand der Osmothèque. Nur eine Handvoll der mehrere tausend Parfumeure interessierten sich dafür. Ist es nicht erstaunlich, wie wenig Geld man für die Geschichte einer Industrie übrig hat, die zum Stolze Frankreichs zählt? Wenn die Osmothèque nur über ein Hundertstel des Budgets von Pierre Boulez’ IRCAM verfügte, sähe die Sache ganz anders aus. Ein Vorschlag wäre, alle postseriellen Nichtigkeiten in einen kühlen Keller in Versailles zu verbannen und vis-à-vis des Centre Pompidou ein Parfummuseum zu eröffnen.