SEIT DEM 17. JAHRHUNDERT kursierten immer wieder Gerüchte von haarigen, blutrünstigen Tiermenschen, die in den Urwäldern Afrikas nahe dem Äquator leben, Elefanten mit dem Knüppel niederstrecken und Frauen in den Urwald schleppen und vergewaltigen. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wiesen Naturforscher vermehrt darauf hin, dass es sich bei den Monstern um eine weitere Menschenaffenart neben den bereits bekannten Schimpansen handeln könnte. Baron Georges Cuvier, eine grosse Autorität auf dem Feld der Zoologie, vertrat 1817 jedoch dezidiert die Meinung, das Zeitalter der zoologischen Entdeckungen sei vorüber und eine unbekannte Affenart eine Illusion.
Um 1840 brachten die amerikanischen Missionare Savage und Wilson dann aber einen Schädel und Skelettknochen aus Afrika nach Hause, die zweifellos zu einer neuen Menschenaffenart gehörten - Gorilla gorilla war entdeckt. Es dauerte nochmals ein halbes Jahrhundert, bis ein Kolonialoffizier mit Hilfe von tausend Eingeborenen drei Gorillas in Netzen fangen und zwei der Tiere nach Hamburg spedieren konnte. Dass Gorillas keine Monster sind, sondern sanfte, soziale Tiere, und dass ihre angeblichen sexuellen Ausschweifungen der Phantasie der Berichterstatter entsprungen sein mussten, stellten erst George Schaller und Dian Fossey mit ihren Beobachtungen wildlebender Berggorillas ab 1959 klar.
In den folgenden Jahrzehnten wurden immer wieder Fabeltiere zu Wesen aus Fleisch und Blut. So belächelten Europäer lange Zeit die Berichte der Pygmäen über «Okhapi», eine Kreatur halb Giraffe, halb Zebra, die im kongolesischen Regenwald lebe - bis 1901 Sir Harry Johnston, Gouverneur von Uganda, der verblüfften Fachwelt in London das Fell, einen Schädel sowie eine detaillierte Beschreibung der «Waldgiraffe» präsentierte. Der Diplomat hatte das Vertrauen eines kongolesischen Pygmäenstamms gewinnen können und die Trophäen geschenkt bekommen. Das erste lebende Okapi (Okapia johnstoni) war in Europa 1918 zu sehen.
Auch unter Wasser schlummern zoologische Überraschungen. Im Jahr 1938 ging Fischern vor der Ostküste Südafrikas ein bizarrer Geselle ins Netz: ein Fisch, anderthalb Meter gross, stahlblau, mit paddelartigen Flossen an Brust und Bauch. Als der Fischexperte James Smith eine Zeichnung des seltsamen Fanges in den Händen hielt, war er wie vom Donner gerührt: Das Wesen aus der Tiefsee musste ein Quastenflosser sein, ein Fisch des Erdaltertums, von dem man glaubte, er sei vor 70 Millionen Jahren ausgestorben. 1952 erfuhren Zoologen von einheimischen Fischern auf den Komoren, dort kenne man die wissenschaftliche Sensation schon lange als «Kombessa». Es dauerte aber nochmals 35 Jahre, bis der deutsche Meeresbiologe Hans Fricke in Unterwasserhöhlen entlang der steilen Vulkanküste von Grande Comore lebende Exemplare von Latimeria chalumnae vor die Scheinwerfer seines Unterseebootes bekam.
Der belgische Zoologe Bernard Heuvelmans interessiert sich seit seiner Jugend für geheimnisvolle Tiere, und er widmete schliesslich sein Berufsleben der Grauzone zwischen Fakten und Fiktion. Er suchte in wissenschaftlichen Schriften, in den Berichten früherer Forschungsreisender, in alten Sagen und in den Erzählungen fremder Völker nach Hinweisen auf verborgene Lebewesen. Mit dem Buch «Sur la Piste des Bêtes ignorées» publizierte er 1955 eine erste Bilanz seiner weltweiten Recherchen. Die Publikation erreichte im Laufe der Jahre Millionenauflagen. Und Heuvelmans wurde zum Begründer der «Kryptozoologie» - der Wissenschaft der verborgenen Tiere. Seit 1982 gibt es die International Society of Cryptozoology (mit Sitz in Tucson, Arizona) und die Fachzeitschrift «Cryptozoology». Heuvelmans lebt heute als 83jähriger in der Nähe von Paris. 1999 hat er die freundschaftlichen Beziehungen zum Musée cantonal de Zoologie in Lausanne mit einer besonderen Geste honoriert: Er schenkte dem Museum sein kryptozoologisches Lebenswerk von 25 000 Dossiers, 1000 Büchern, 37 000 Photos sowie zahlreichen Relikten aus dem zoologischen Untergrund.
Die Kryptozoologie ist eine Welt für Sonderlinge. Als der renommierte Biochemiker Roy Mackal seinen Hang zum Rätselhaften entdeckte, machte er sich in den sechziger Jahren mit Sonar und Miniunterseeboot im Loch Ness auf die Suche nach dem Seeungeheuer. In den achtziger Jahren zog er durch die Likouala-Sümpfe im Kongobecken, wo laut Berichten der Pygmäen Mokele-mbembe haust, ein Tier, so gross wie ein Elefant, mit langem, agilem Hals und einem Krokodilschwanz. Mackal und seine Kollegen spekulierten, es könnte sich dabei wie beim Quastenflosser um ein lebendes Fossil handeln: einen Sauropoden aus der Zeit der Dinosaurier. Professor Mackal musste allerdings für seine unorthodoxe Leidenschaft büssen: Die University of Chicago warf das Enfant terrible aus dem biologischen Institut hinaus.
Ähnlich schlecht erging es dem Anthropologen Grover Krantz, dem die Washington State University wegen seines Interesses für «Bigfoot» die Professorenwürde verweigerte. Bigfoot (oder «Sasquatch» in der Sprache der Indianer) ist der kryptozoologische Renner Nordamerikas. Nachdem die Indianer schon lange von wilden, dicht behaarten Riesen erzählt hatten, fand der Strassenbauarbeiter Jerry Crew im Schlamm des Bluff Creek Valley 1958 eine Reihe menschenähnlicher Fussabdrücke, jeder 41 Zentimeter lang und 18 Zentimeter breit.
Crew sicherte seine Entdeckung mit einem Gipsabdruck und schuf mit diesem «Beweis» eine Mediensensation. Nun kam es in den Wäldern entlang der Pazifikküste laufend zu Begegnungen mit Bigfoots. Es tauchten weitere Gipsabdrücke auf, aber auch vermeintliche Haarbüschel, Kotproben und 1967 sogar ein verwackeltes Filmdokument des pelzigen Burschen. Kryptozoologen sind der Meinung, es handle sich bei Bigfoot um Gigantopithecus, einen Orang-Utan-ähnlichen Primaten aus dem eiszeitlichen China, der wie die Indianer den Weg über die Beringstrasse von Asien nach Amerika gefunden habe.
Bis ins Jahr 1832 zurück geht die Öffentlichkeitsarbeit für Yeti. Damals wollten nepalesische Jäger einen «abscheulichen Schneemenschen» entdeckt haben. Mittlerweile gibt es zahllose Berichte über verräterische Spuren und über Sichtungen des zottligen Zweibeiners. Unter Kryptozoologen kursieren Hypothesen, vom überlebenden Gigantopithecus bis zum Neandertaler, der sich vor vielleicht dreissigtausend Jahren durch Flucht in die einsamen asiatischen Bergtäler der Konkurrenz mit dem modernen Menschen entzogen habe. In den letzten Jahren will auch Reinhold Messner auf Klettertouren im Himalaja insgesamt vier Mal Yetis begegnet sein - seiner Meinung nach eine unbekannte Art aufrecht gehender Bären.
1986 publizierte Bernard Heuvelmans eine Checkliste von 138 vermuteten, aber noch nicht bestätigten Tierarten. Heuvelmans hoffte, Kryptozoologen und auch weniger spekulierfreudige Zoologen würden im Laufe der Jahre die rätselhaften Wesen mit wissenschaftlichen Mitteln entweder als echte animalische Neuheit bestätigen oder aber einer bereits bekannten Tierart zuordnen. Schon 1988 liess sich ein erster Posten der Liste abhaken, als Forscher in Madagaskar zwei neue Lemurenarten entdeckten, deren Existenz Heuvelmans auf Grund von Berichten über nicht identifizierbare Tierrufe vermutet hatte. Die mysteriöse mexikanische Grosskatze «Onza» hingegen wurde 1996 als kommuner Puma entlarvt, nachdem amerikanische Forscher einen in der Sierra Madre erlegten Onza molekulargenetisch untersucht hatten.
Dass die Wirklichkeit zuweilen auch üppige kryptozoologische Erwartungen übertrifft, zeigen die Beispiele aus Vietnam. Dort haben sich in den neunziger Jahren im Naturreservat Vu Quang gleich zwei grosse Säuger erstmals der verblüfften Fachwelt gezeigt: Sao La (Pseudoryx nghetinhensis), ein bisher unbekannter Hornträger mit langen spindelförmigen Hörnern, und Mang Lon (Megamuntiacus vuquangensis), eine besonders kräftige Spezies der Muntjakhirsche. Und als Dreingabe tauchten in den letzten Jahren in der versteckten Natur Vietnams noch eine zweite unbekannte Muntjakhirschart und ein weiterer neuer Hornträger auf.