NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Mauern aus Schweigen

Geheimniskrämerei und Verschwörungstheorien.

Von Hansjakob Stehle

UMWITTERT VON MYSTERIÖSEM, von Heimlichem und Unheimlichem waren diese Mauern immer schon, die mitten in Rom den Vatikan umgeben. Dahinter regiert seit Jahrhunderten ein päpstlicher Monarch in einem Ministaat eine Maxikirche, die heute fast eine Milliarde Mitglieder in aller Welt zählt. Zwar erteilte Johannes Paul II. allem Obskuren eine Absage, als er sich einmal wünschte, dass seine Kirche allmählich ein «Haus aus Glas» werde. Aber auch Glas ist nicht immer durchsichtig. Milchige, matte oder auch einfach schmutzige Scheiben können den Einblick verhindern - oder nur die Sicht auf Sackgassen freigeben.

So erlebten es Kirchenhistoriker, die in den sechziger Jahren im vatikanischen Geheimarchiv forschen durften. Da stellte sich heraus, dass hinter einem Aktenregal ein zweites, dann ein drittes, viertes, ja am Ende ein vierzigstes stand - alle ohne Zwischenraum in einem langen Gang praktisch für immer versteckt, wenn nicht der Zufall . . .

Zufällig ist im Vatikan manche Peinlichkeit, aber auch manche Kostbarkeit entdeckt worden. Da war etwa der Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli (1914-1998) halb entsetzt und halb belustigt, als er einen seiner Besucher im Wartezimmer beim Öffnen einer versteckten Tapetentür ertappte. Diese war kurz zuvor bei einer Mauerreparatur entdeckt worden, und der Raum, der sich dahinter verbarg, seit über 400 Jahren vergessen, war nicht für fremde Augen bestimmt: das Badezimmer des lebenslustigen Renaissance-Kardinals Pietro Bembo, von Meister Michelangelo mit schönen, nackten Badenixen geschmückt und bis heute sogar vor der Kunstgeschichte verborgen. Ähnlich ging es mit vielen weniger heiklen, wirklichen oder scheinbaren Geheimnissen des Vatikans, der auch spät erst entdeckte, dass man so etwas wie eine offizielle Informationspolitik betreiben kann. Das Amtsblatt, die Tageszeitung «L'Osservatore Romano», existiert seit 1861, und über hundert Jahre später, 1966, entstand die Sala Stampa, das Presseamt des Heiligen Stuhls, das natürlich nichts Hintergründiges, doch wenigstens Aktuelles und Offizielles von Papst und Kirche mitteilt - wenn es «von oben» abgesegnet ist.

«Non risulta niente» - es hat sich nichts ergeben, war schon die Lieblingsantwort des ersten Vatikansprechers Federico Alessandrini, der im Unterschied zu seinen Nachfolgern einen direkten Telefondraht zum Schreibtisch Pauls VI. hatte und «ganz privat» manches verriet, wenn er mit Fragen bedrängt wurde. Seine Nachfolger liefern den nachrichtenhungrigen Medien mit besserer Technik nur scheinbar mehr Information. Der Vatikan war und blieb eben immer auch ein Markt für Geheimniskrämer, echte und falsche.

EINER DER RAFFINIERTESTEN und erfolgreichsten Desinformanten war der Italiener Virgilio Scattolini, der seine journalistischen Künste mit so einfühlsamer Phantasie zu nutzen verstand, dass seine Produkte im Zweiten Weltkrieg über angesehene Agenturen wie UPI und AP in seriösen Zeitungen und sogar in den Geheimdienstarchiven von Washington bis Moskau landeten. Obwohl er zuerst als pseudonymer Autor einer antiklerikalen Komödie und «unzüchtiger Romane» ins Gerede gekommen war, gelang dem 46jährigen 1935 ein Karrieresprung - in die Redaktion der Vatikanzeitung «L'Osservatore Romano». Wahrscheinlich hatte er sich auf eine Jugendbekanntschaft in Brescia berufen, wo auch der Kurienprälat Montini (der spätere Paul VI.) geboren war. Der sorgte dann dafür, dass Scattolini 1939 - pünktlich zu Kriegsbeginn - seinen Schreibtisch im Vatikan räumen musste, wobei viel Briefpapier mit päpstlichem Wappen und Stempelkopien verschwanden.

Von 1939 bis 1945 produzierte Scattolini in seiner kleinen Wohnung nahe der Engelsburg seinen «Notiziario», ein mit angeblichen Originalkopien von Geheimdokumenten gespicktes Informationsbulletin. Bis zu 500 Dollar monatlich zahlte die amerikanische Botschaft dafür und versorgte nicht nur Agenten, sondern auch Agenturkorrespondenten mit Scattolinis «Nachrichten».

Nach dem gemeinsamen Überfall Hitlers und Stalins auf Polen meldete Scattolini, der Papst sei dabei, ein antibolschewistisches Bündnis zu schmieden, an dem neben Spanien, Jugoslawien und Ungarn alle lateinamerikanischen und skandinavischen Länder teilnehmen wollten. Als Agenturmeldung war diese «Enthüllung» am 10. Oktober 1939 auch der NZZ einige Zeilen wert.

Hitlers Vatikanbotschafter Diego von Bergen, der auch zu Scattolinis Kunden gehörte, erschrak nicht schlecht, als er 1941 von angeblichen deutsch-vatikanischen Geheimabmachungen erfuhr, die der katholischen Kirche in der Nachhut von Hitlers Russlandfeldzug eine Missionierung der Sowjetunion ermöglichen sollten. Entsprechende «Berichte» liegen bis heute in deutschen Archiven, oft mit dem Vermerk «hat dem Führer vorgelegen». Am 22. September 1942 alarmierte ein von Scattolini initiiertes Geheimtelegramm den US-Geheimdienst in Washington mit der Nachricht, Pius XII. lasse einen Kardinal im deutschbesetzten Russland erkunden, wie sich nun die orthodoxe Kirche mit der römischen vereinigen lasse.

1945 gelang es Scattolini, seine Legende vom «Pakt zwischen Hitler und dem Papst» geschickt in eine ähnliche von der «Allianz zwischen Vatikan und Washington» zu verwandeln. Letztere überlebte sogar den kalten Krieg, wie der Journalist Carl Bernstein 1996 in einem Buch nachwies. Dass der Papst geradezu nach «heiligem Krieg» dürste und sein Substitut Monsignore Montini als US-Agent tätig sei, berichtete Scattolini auch einem sowjetischen Agenten, der unter dem Decknamen «Dora» in der Schweiz sass.

In Lugano erschien im Frühjahr 1948 in der dubiosen Arbeiterverlagsgesellschaft (SCOE) das zweibändige Gesamtwerk des römischen Meisterfälschers, «Documenti segreti della diplomazia vaticana» - gerade rechtzeitig, um als Munition im dramatischen italienischen Wahlkampf zwischen Christdemokraten und Kommunisten zu dienen. Diese Ausgabe besiegelte aber Scattolinis Schicksal. Im Sommer 1948 in Rom vor Gericht gestellt, musste er zugeben, seine Enthüllungen teilweise oder ganz erfunden zu haben; er wurde zu sieben Monaten und vier Tagen Gefängnis verurteilt. Bald nach der Haft ist er verbittert und verarmt gestorben.

SEINE PRODUKTE aber trieben munter weitere Blüten. Schon 1948/49 dienten sie nicht nur dem sowjetischen Propagandahistoriker M. M. Scheinmann für ein düsteres Buch über den «Vatikan zwischen den beiden Weltkriegen», sondern auch dem britischen Kirchenkritiker Avro Manhatten für ein 400-Seiten-Werk über die «Katholische Kirche im 20. Jahrhundert». Es erbringe den «Beweis, dass der Vatikan ein Hort der Verschwörung gegen den Fortschritt und den Weltfrieden ist», hiess es im Vorwort der Ostberliner Ausgabe; der Verlag Volk und Welt druckte das Manhatten-Scattolini-Machwerk 1958 auf deutsch, nachdem es seit 1947 schon in sechsundzwanzig Auflagen und neun Sprachen erschienen war. Noch 1972 wurde das Buch, das übrigens keine einzige Quellenangabe enthält, von Eduard Winter in einem wissenschaftlichen Werk über «Die Sowjetunion und der Vatikan» im Akademie-Verlag der DDR mehrfach zitiert. Winter stützte sich auf Scattolinis «Geheimdokumente» und liess nur sanft durchschimmern, sie hätten, «wenn sie nicht echt wären, nicht besser erfunden werden können».

Winter wurde 1896 in Nordböhmen geboren und war mit 35 Jahren schon auf einen theologischen Lehrstuhl der Deutschen Universität in Prag gelangt. Als Prag 1939 Hauptstadt eines «Reichsprotektorats» geworden war, nahm er Abschied von Priesteramt und Theologie, heiratete und reiste - als Geschichtsforscher getarnt - für die Prager Heydrich-Stiftung des SS-Geheimdienstes mehrmals nach Rom. Später gelang ihm der Sprung aus nazistischen in kommunistische Dienste - mit österreichischem Pass und hier wie dort mit Scattolinis «Vatikangeheimnissen» ausgerüstet. 1948 wurde er Universitätsrektor in Halle (DDR), dann wirkte er fünfzehn Jahre lang als Professor in Ostberlin und war Direktor des Instituts für Geschichte der Völker der Sowjetunion. Bis zu seinem Tod 1982 berief er sich auf die «Urkirche» gegen die Papstkirche, deren welthistorischen Niedergang er «auf Grund intensiver Quellenstudien» dargestellt habe. Und mit Scattolinis Hilfe, wäre dem noch beizufügen.

DOCH NICHT NUR TRÜBE, auch klare Quellen sprudeln im Vatikan und lassen sich anzapfen. Damit machte ein Prälat namens Eduardo Prettner-Cippico, der im Geheimarchiv der Kurie gearbeitet hatte, jahrzehntelang gute Geschäfte mit Kunden aus West und Ost. Und dies bis 1983, lange nach seiner gerichtlichen Verurteilung. Zu der war es ohnehin nur gekommen, weil Cippico 1948 aus dem - fast nie benutzten - Ein-Zimmer-Gefängnis des Vatikans mit einem Trick entkommen konnte. Er schloss die zwei Schweizergardisten, die ihn dort bewachten, ein und schritt an zwei ahnungslos salutierenden Schweizern vorbei und durch das St.-Anna-Tor in die Stadt.

Aufklärung oder gar Klarheit im Zwielicht ist trotz mancher Reform von der altersmüden Maschinerie des Vatikans kaum zu erwarten. Die Welterfahrung von Jahrhunderten, die sich hier wie nirgendwo angesammelt hat, ist zugleich die Ursache von Weltfremdheit. Eine so schöne Antiquität wie die Schweizergarde bleibt hilflos, wenn ihr Papst - wie es 1981 geschah - auf dem Petersplatz angeschossen wird. Obschon der Türke Ali Agca, der das Attentat auf Johannes Paul II. schon dreizehn Monate vorher in der Zeitung «Milliyet» angekündigt hatte, es dilettantischer nicht hätte inszenieren können. Agcas Komplize Celik behauptete noch 1993, die Drahtzieher sässen im Vatikan selbst, und der französische Geheimdienst, der den Vatikan drei Monate vor dem Attentat gewarnt hatte, weigerte sich, von Präsident Mitterrand gedeckt, dem Gericht in Rom seine Quelle zu nennen.

Und der Vatikan? Er verharrte im üblichen Schweigen, das aber manchmal auch vielsagend sein kann. So etwa im Fall des Mannes, der sich Werner von Stetten nannte. Als er Anfang der sechziger Jahre mit einem Transport spät heimkehrender Kriegsgefangener ins westliche Deutschland kam, stand dieser Name in seinen sowjetischen Entlassungspapieren. Er reiste sofort nach Rom und fand dank seiner perfekten Russischkenntnisse bald Arbeit als Übersetzer bei Radio Vatikan. Dass er Protestant war, bildete dafür kein Hindernis, so wenig wie für seine zukünftige Frau, die wie er bei den evangelischen Diakonissen in Rom wohnte und ebenfalls im Vatikan tätig war.

Eines Tages sagte Stetten zu seiner Frau, die ein Kind erwartete, er müsse «dienstlich» nach Rumänien reisen, wisse aber nicht, für wie lange. Er kam nie wieder zurück. Monate später, als die verzweifelte Frau des Verschwundenen immer heftiger nachfragte, riet ihr der damalige Kardinalstaatssekretär Jean Villot freundlich-kühl: «Es ist in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie in dieser Sache keinerlei Nachforschungen anstellen.»

Eine nicht untypische Antwort inmitten der geschlossenen Gesellschaft des päpstlichen Kleinstaates, der ebenso ein Spielfeld für falsche wie für wahre Enthüllungen ist. Mit wenig Mühe und viel Phantasie stürzten sich Skandalautoren immer schon auf Vatikanisches. So zum Beispiel der Brite David A. Yallop, der 1984 einen Bestseller produzierte mit der Behauptung, Johannes Paul I., der 1978 nur 33 Tage regierte, sei einem kurialen Mordkomplott zum Opfer gefallen. Die Wirklichkeit war weniger dramatisch, doch trauriger. Schon vor seiner Wahl zum Papst gesundheitlich schwer angeschlagen, ist Albino Luciano wahrscheinlich unter dem Stress und Druck des Petrusamtes zusammengebrochen. Als Kardinal Casariego aus Guatemala ihn besuchte, gestand er offen: «Ich bin hier allein, ich weiss nicht, mit wem ich reden kann. Überhaupt sind hier zwei Dinge nur schwer zu bekommen: ein ehrliches Wort und eine Tasse guten Kaffees.»

Der polnische Papst sorgte in mancher Hinsicht für Verbesserung. Er machte sogar Geheimarchive wie zum Beispiel jenes der Inquisition zugänglich, wenn auch nur die Bestände aus den Jahren vor 1903. Doch mit seiner unermüdlichen Reisetätigkeit wollte er der Kurienbürokratie entfliehen und unternahm letztlich wenig gegen ihre nicht nur altersbedingten Schwächen. In dieser Atmosphäre gewinnt jede Gruselgeschichte einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit. Hofklatsch und Intrigen, oft heuchlerisch verbrämt, spriessen wie eh und je und erregen mehr Aufsehen als alles Schöne, Gute und Wahre.

Das «Haus aus Glas, wo alle sehen können, was geschieht», dürfte ein frommer Wunsch des Papstes bleiben. Nicht einmal er selbst weiss immer, was im Vatikan geschieht oder nicht geschieht.

Hansjakob Stehle, Publizist, lebt in Rom und Wien. Sein letztes Buch, «Graue Eminenzen - dunkle Existenzen. Geheimgeschichten aus vatikanischen und anderen Hinterhöfen», ist 1998 im Patmos-Verlag, Düsseldorf, erschienen.


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