EIN WETTANGEBOT an die Prognostiker unserer Welt: Wählen Sie eine Region oder eine Population - ein Land, eine Bevölkerungsgruppe, ein Volk, die ganze Welt; wählen Sie ferner einen Indikator für menschliches Wohlergehen - Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Einkommen, Kalorienaufnahme pro Tag, Benzinpreis, Telefone per Haushalt, Bildungsstand der 20jährigen; wählen Sie schliesslich einen Zeitpunkt in der Zukunft - in fünf Jahren, zehn Jahren, zwanzig Jahren: Julian L. Simon, Ökonomie-Professor der University of Maryland, wettet mit Ihnen einen Monatslohn darauf, dass der gewählte Indikator im Vergleich zum heutigen Zustand eine Verbesserung anzeigen wird.
Bangladesh, die Sahel-Zone, East L. A. - es kann nicht wahr sein, so mögen Sie nun still denken, unwillig murren, laut argumentieren. Tatsache ist, dass Julian Simon in den vier Jahren, seit er die Wette öffentlich anbietet, keinen gefunden hat, der sie annimmt.
Die Zurückhaltung hat vielleicht damit zu tun, dass Simon bereits einmal eine Wette auf die Zukunft gewonnen hat. Und zwar gegen keinen geringeren als den bekannten Unheilspropheten Paul Ehrlich, seines Zeichens Schmetterlingsforscher und Biologe der Universität Stanford. Ehrlich hatte 1968 «Die Bevölkerungsbombe» veröffentlicht, ein Buch, das mit folgenden Sätzen begann: «Die Schlacht um die Ernährung der Menschheit ist verloren. In den siebziger Jahren werden Hunderte von Millionen Menschen verhungern.» Das Buch wurde ein Bestseller und Ehrlich ein Medienstar, der dann in den siebziger Jahren seine Prophezeiung wiederholte, wo immer er konnte: Die Bevölkerungsexplosion führe zur Verknappung der natürlichen Ressourcen - Nahrungsmittel, Bodenschätze, Trinkwasser - und damit schon bald ins Zeitalter der globalen Katastrophen.
Julian Simon antwortete ihm mit dem Angebot einer Wette: Da sich die prophezeite Verknappung der natürlichen Ressourcen unweigerlich in einer Preissteigerung niederschlagen müsse, solle Ehrlich nach Belieben eine davon wählen - Korn, Öl, Holz usw. -, und er, Simon, wette auf einen niedrigeren Preis zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft.
Ehrlich schlug ein («bevor andere gierige Leute aufspringen», wie er damals sagte) und wählte, beraten von Rohstoffexperten, fünf Metalle: Chrom, Kupfer, Nickel, Tungsten und Zinn. 1980 wurde ein schriftlicher Wettvertrag auf zehn Jahre aufgestellt. Ausgangspunkt war der Marktpreis für ein bestimmtes Quantum der Metalle im Wert von 1000 Dollar. Würde der Preis für dasselbe Paket in zehn Jahren höher liegen, musste Simon die Differenz auszahlen. Sollte der Preis sinken, musste Ehrlich begleichen.
In Wahrheit ging die Wette natürlich um viel mehr als um den zukünftigen Preis einiger Metalle. Es war eine Wette zwischen Kassandra und Maître Pangloss, dem fröhlichen Lehrer Candides. Es ging um den Kampf zwischen den beiden entgegengesetzten Schulen im Denken um die Zukunft: der «Doomsters» gegen die «Boomsters», der pessimistischen Malthusianer (nach Thomas Malthus, der im «Essay on Population» von 1798 Hunger, Krieg und Krankheit auf Grund der Bevölkerungszunahme prophezeite) gegen die optimistischen «Cornucopians» (benannt nach dem Füllhorn Cornucopia). Bemerkenswerterweise finden sich heute im Lager der Malthusianer vor allem Biologen und Naturwissenschafter, während die Wirtschaftswissenschafter eher bei den Optimisten zu finden sind. Meist reden die Anhänger der beiden Schulen aneinander vorbei, denn wo Biologen geschlossene Ökosysteme sehen und ein Menschentier, das sein Habitat zerstört, sehen Ökonomen offene Marktplätze, auf denen kreative Köpfe Butterberge stapeln.
Doch nun hatten sich die beiden Lager in einer Wette verkrallt - und der optimistische Maître Pangloss gewann. Im Oktober 1990 waren die Preise aller fünf Metalle gesunken; zusammengerechnet und inflationsbereinigt auf rund die Hälfte des alten Preises (das rare Tungsten war gar nicht mehr auf dem Markt, da durch Kunststoff ersetzt). Ehrlich übersandte wortlos einen Scheck. Simon dankte höflich und offerierte ihm - und jedem anderen auch - sein neues, einleitend genanntes Wettangebot. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden übrigens bis heute nicht, weil Ehrlich sich weigert, mit Simon zusammenzutreffen. Selbst für Fernsehauftritte knüpft er seine Teilnahme an die Bedingung von dessen Absenz.
Woher nimmt Julian Simon seine Zuversicht? Man staune: aus der Vergangenheit. Auch dem jungen Ökonomen Simon hatte das globale Bevölkerungswachstum damals in den sechziger Jahren einen solchen Schrecken eingejagt, dass er sich seiner Eindämmung mittels marktwirtschaftlicher Anreize widmen wollte. Je genauer er allerdings den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Ressourcenverknappung erforschte, desto weniger wollte sich dieser zeigen. In der gesamten bisherigen Geschichte folgte nämlich auf die kurzfristige Verknappung eines Rohstoffes langfristig immer und immer wieder die Erschliessung neuer und oft besserer Ressourcen. Bekanntestes Beispiel ist die Geschichte der Energiequellen in England: die Verknappung von Brennholz im 16. Jahrhundert führte zur Kohle, die Angst um versiegende Kohlereserven im 19. Jahrhundert zum Erdöl (das seinerseits als Resultat der Verknappung des Wal-Öls entdeckt worden war), die Ölkrise des 20. Jahrhunderts zu Erdgas und Atomstrom.
Gestützt auf berühmte Vorgänger (Simon Kuznets, Colin Clark) begann Simon seine historisch-statistisch-ökonomische Forschung, deren Ergebnisse sich niederschlugen in Werken wie «The Economics of Population Growth (1977), «The Ultimate Resource» (1981) und «Population Matters» (1990).
Optimisten haben es nicht leicht heutzutage. Die Massen und die Medien lieben den Schauder der Katastrophe. Zweihunderttausend Menschen lauschten andächtig, als Paul Ehrlich am «Earth Day» von 1990 «Food-Riots in den Strassen Amerikas» prophezeite. Julian Simon dagegen muss die wenigen, die ihm überhaupt zuhören, in harter Arbeit überzeugen. ANDÄCHTIG LAUSCHT keiner, wie Julian Simon heute im Convention Center in Washington einen Vortrag hält: barer Unglaube und vor allem Fragen über Fragen prasseln ihm entgegen; allemal besser als Pfiffe und Buhrufe, auch die gab's schon. Sein kahler Kopf und grosse gestikulierende Hände werfen Schatten auf die Leinwand, auf die Simon Kurve um Kurve projiziert. Die Lebenserwartung des Menschen seit 8000 v. Chr.: scharf ansteigend seit 1750. Säuglingssterblichkeit in den USA 1915-1985: höher für schwarze als für weisse Amerikaner, aber bei beiden Gruppen beständig sinkend. Kupferpreise 1801-1981: sinkend. Weizenpreise 1800-1990: sinkend. Welt-Nahrungsmittelproduktion pro Kopf 1952-1990: um etwa ein Prozent pro Jahr steigend. Simon hat Langzeitkurven zu allem - zu Infektionskrankheiten und Arbeitsunfällen, zu Preisen, Löhnen und Arbeitsertrag, Transport und Information, zu landwirtschaftlichen Erträgen, nutzbarem Boden, Bodenerosion und Trinkwasserqualität. Die Kurven mögen schwanken, wild auf und ab ausschlagen - aber sozusagen jeder Trend des wirtschaftlichen und physischen Befindens des Menschen ist positiv, vorausgesetzt, man verfolgt ihn über genug lange Zeit. Immer mehr Menschen leben immer sicherer, gesünder, besser ernährt, komfortabler und vor allem länger als je zuvor in der Geschichte.
Die Schreckensnachrichten, die Verknappungsängste, die Unheilsprophetien - sie alle, sagt Simon, stützen sich fast immer auf die Kurzzeitknicke und -brüche dieser Kurven, auf den bedrohlichen Abwärtstrend, der sich dann später, aus der Langzeitperspektive betrachtet, als temporär, lokal oder beides erweist.
Sämtliche Rohstoffe sind über die Jahrhunderte und bis heute stetig billiger geworden - also «weniger knapp». Mit einer einzigen Ausnahme: immer teurer - oder anders gesagt: immer knapper - wurde einzig die menschliche Arbeitskraft (und zwar heute global, von der ersten bis in die vierte Welt). Die Ressource Mensch aber hat sich bekanntlich nicht gerade rar gemacht, sondern sich im Gegenteil explosiv vermehrt.
Simon zieht daraus ein überraschendes Fazit: nicht trotz, sondern gerade wegen des Bevölkerungswachstums leben so viele Menschen heute soviel besser denn je. Mehr Menschen - so Simons Axiom - schaffen Kurzzeitprobleme und damit just den bedrohlichen Druck, der dann durch die kreative Innovationskraft ebendieser «mehr Menschen» zu neuen und besseren Lösungen führt. (Simon tritt deshalb seit Jahrzehnten gegen alle Zwangsmassnahmen zur Bevölkerungskontrolle selbst in armen Drittweltländern ein, und er befürwortet in den USA eine liberale Immigrationspolitik. Beides sind extreme Standpunkte, die auch Gleichgesinnte nicht immer teilen.)
Für Julian Simon ist das Bevölkerungswachstum, das ja auf einer Verdreifachung der durchschnittlichen Lebenserwartung seit der Industriellen Revolution beruht, ein «Sieg über den Tod», ein «unglaublicher Gewinn», und er wundert sich immer wieder, dass sich darüber niemand zu freuen scheint. «Köpfe sind ökonomisch genauso wichtig wie Hände und Mäuler oder wichtiger»; die letzte und entscheidende Ressource, die er mit seinem Buchtitel «The Ultimate Ressource» meint, ist der Mensch und sein Erfindergeist, der die Kapazität des Planeten so endlos erweitern werde, wie er es schon bisher getan hat. Weshalb die natürlichen Ressourcen eben auch nicht im eigentlichen Sinne «endlich» seien - ein Paradox, das Simon in seinen Büchern auf immer neue Weise originell erhellt.
Die natürlichen Ressourcen - nicht endlich? Aber das widerspricht doch jedem gesunden Menschenverstand? «Gewiss, Wissenschaft hat des öfteren nichts zu tun mit gesundem Menschenverstand.»
Wir sitzen inzwischen auf der Holzterrasse seines kleinen Gartens, Simons liebstem Aufenthaltsort. Wann immer es das Wetter erlaubt, rollt er den PC auf die Veranda hinaus. Auf dem mit Rädern versehenen Gestell liegt ausserdem ein Feldstecher griffbereit, denn Simon ist ein alter Vogelbeobachter, und als erstes hat er mir das Loch gezeigt, das ein Specht in seinen Ahorn gepickt hat. So widerlegt er ganz nebenbei den oft gehörten Verdacht, wer immer vom Wohlergehen der Menschen spreche und sich äusserst skeptisch gegen die horrenden Artenverlustschätzungen einiger Biologen zeige, müsse ja wohl die Natur verachten. Auch sauren Regen, Ozonloch, Global Warming («erinnern Sie sich, vor zwanzig Jahren war es Global Cooling») sieht Simon vor allem als Schreckensmeldungen, die kommen und gehen; wissenschaftlich höchst umstrittene Phänomene, über deren mögliche Folgen sich selbst Experten uneinig sind.
Unter Bevölkerungsexperten ist Simons Position heute weitverbreitet. Nicht einfach die grosse Zahl der Menschen, sondern vor allem Krieg, Vertreibung, verfehlte Politik bewirken Armut und die grossen Probleme unserer Welt. Doch was hält Simon von der Gefahr, dass ganze Ökosysteme durch Überbelastung plötzlich irreversibel kippen könnten, dass wir also an einem Wendepunkt der Umweltbelastung stehen? «Das meinen die Menschen schon seit 2000 Jahren, immer sahen sie sich am Wendepunkt. Und doch haben durch die gesamte Geschichte die positiven Trends, bei allen schrecklichen Rückschlägen und Katastrophen, langfristig stets angehalten. Natürlich kann niemand beweisen, dass wir nicht an einem Wendepunkt stehen. Aber ist es wahrscheinlich? Nein.»
Warum sträubt sich unser Gefühl dagegen zu glauben, dass es immer weiter aufwärts mit uns gehen könnte? «Weil wir alle abergläubisch sind. Wenn etwas Gutes passiert, haben wir Angst, dass als nächstes etwas Schlechtes kommt - touch wood, sagen wir dann. Aber eines muss man klar sehen: wenn wir von Leuten mit dunklen Zukunftsvisionen sprechen, so sind das meist Intellektuelle. Menschen, die mit den facts of life zu tun haben statt nur mit den Ideen übers Leben, verstehen viele Dinge viel besser. Ein Bauer, ein Ladenbesitzer, ein Spengler - die können sich närrische Hypothesen und Theorien ganz einfach nicht leisten.»
Julian Simon, der unverbesserliche Optimist?
«Ich sage ja nicht, dass alles zum Besten steht. Kinder sind hungrig und krank, Menschen leben in physischer und geistiger Armut, ohne jede Chance. Ist eine rosige Zukunft garantiert? Natürlich nicht. Eine bessere Zukunft wird kommen, weil Menschen mit Muskeln und Hirn gegen grosse Schwierigkeiten kämpfen und sie wahrscheinlich meistern werden, wie sie sie in der Vergangenheit gemeistert haben.»
Nein, ein Maître Pangloss ist Julian Simon doch nicht. Er sieht sich als Realisten. Und in bezug auf das Zusammenleben der Menschen ist er sogar pessimistisch: «Wir können unsere materielle Umgebung ändern, aber nicht unsere psychologische. In puncto menschliche Beziehungen werden die Dinge allerdings nicht schlimmer, sie bleiben bloss, wie sie schon immer waren.»
Geradezu melancholisch ist Simon, wenn es um seine eigenen, seit zwanzig Jahren unpopulären Ansichten geht. Im Unterschied zu Kassandra, der bekanntlich keiner zuhörte und die doch immer recht behielt, hören den heutigen Unheilgurus alle zu, obwohl sich ihre düsteren Prophezeiungen noch nie erfüllt haben. «Derweilen werden die guten Nachrichten nicht mehr gemeldet. Wie traurig das ist.»
Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin in Washington.