Handball: «Eine Abart des Fussballspiels, wurde erstmalig in Deutschland gespielt» (Beckmanns Sportlexikon, 1933). Ziel: «In gemeinsamer Anstren gung möglichst oft den Ball im Tor des Gegners unterbringen» (Schweizerischer Handballverband, 2004). Wichtige Regel: «Bei Nicht-Erscheinen der Schiedsrichter können im regionalen Bereich auch Nicht-Schiedsrichter eingesetzt werden» (dito).
EIGENTLICH IST Handball ein Frauensport. Er wurde in den 1910ern von einem «Frauenturnwart» in Berlin ersonnen, weil der gute Mann seinen Schu(r)tzbefohlenen eine geschlechts spezifische Alternative zum allzu männ lichen Fussball bieten wollte. Nach kurzer Zeit war diese Art «Handarbeit» aber derart beliebt, dass auch Männer daran Gefallen fanden und die Sache selber in die Hand nehmen wollten. Als Anfang der 1930er in der Schweiz eine erste Handball-Landesmeisterschaft ausgeschrieben wurde, war von Frauen jedenfalls keine Rede. Es siegte der Turnverein Abstinenten Basel; die erste offizielle Damenmeisterschaft fand 1970 statt.
Ursprünglich war Handball ein Frei luft- und Sommersport. Doch längst wird er (ausser an Olympischen Spielen) im Winterhalbjahr ausgetragen und statt wie ehedem auf tiefen Wiesen in gut geheizten Hallen. Im Prinzip liesse sich eine Partie Handball auch in einem grösseren Wohnzimmer durchführen, denn die 14 Beteiligten nützen das reglementarisch vorgeschriebene Spielfeld überhaupt nicht aus. Vielmehr hält man sich wie bei einer Stehparty freiwillig auf engstem Raum auf: Die eine Mannschaft verteilt sich gleichmässig um den sogenannten Wurfkreis und harrt dort, Schulter an Schulter, der gegnerischen Machenschaften. Die Angreifer tänzeln vor dieser menschlichen Verteidigungsmauer herum und spähen angestrengt, ob sie zwischen all den Schuhen, Beinen, Armen und Gesichtern irgendwo das Tor erkennen können. Ist das endlich der Fall, so erfolgt, ähnlich einem Geistesblitz in einer etwas zähen Konversation, ein Wurf (ein Tor?) – und schon verschiebt sich die ganze Gesellschaft im Zuge eines «Gegenstosses» geschlossen zum gegenüberliegenden Wurfkreis, um dort mit vertauschten Rollen das Gleiche aufzuführen.
Was dem Laien also wie ein beliebi ges Ringelreihen vorkommt, ist für den Insider eine logische Abfolge streng festgeschriebener Abläufe. Handballfachleute reden von erster und zweiter «Angriffswelle», von defensivem «Anstechen», von «Sperren-Lösen» oder von vorsätzlichem «Falsch-Kreuzen». Derlei ist dazu angetan, den gegnerischen Abwehrriegel zu durchbrechen, die Torausbeute zu verbessern und den Unterhaltungswert des Handballs zu steigern. Der Beweis: Reichten dem TV Abstinenten Basel 1931 noch drei Treffer, um erster Schweizer Hand ballmeister zu werden (3:2 im Final gegen TV Kaufleute Zürich), so brauchte Pfadi Winterthur heuer pro Partie durchschnittlich 32,09 Tore zum Titelgewinn (total 1059).
Kritische Stimmen behaupten allerdings, der moderne Männerhandball sei mehr ein Full-Contact-Kampfsport als ein Spiel. Schliesslich sind Handballer heutzutage ja nicht bloss viel zu gross, sondern dank Krafttraining genauso erschreckend breit. Dieser Umstand führt in den beengten Verhältnissen am Wurfkreis zwangsläufig zu gefährlichen Begegnungen der derben Art. Da zerschellen elegante Rückraumschützen an feindlichen Teamstützen, da werden Kreisläufer zu Reisläufern, und sogar der theoretisch im Wurfkreis isolierte Torhüter sieht sich von zweibeinigen Flugkörpern angesprungen.
Für die Zuschauer sieht das mehr nach Taekwondo oder Wrestling aus. Doch die direkt Beteiligten haben mit dem erhöhten Crash-Aufkommen in ihrem schönen Sport kein Problem. Denn die meisten Handballer sind schmerzunempfindlich. Sie schlucken vor Matchbeginn nämlich keinen Trau benzucker mehr, sondern eine halbe Packung Ponstan.