An der Ampel wartet ein weisser Chevrolet; «Try Jesus!» steht gross auf dem Nummernschild. «Kommen Sie am Sonntag in unsere Kirche», missioniert die Empfangsdame des Hotels. «Dort ist alles möglich. Wenn Sie möchten, können Sie vor versammelter Gemeinde Ihre ganze Lebensgeschichte erzählen.» Im dunklen Lokal in der Vorstadt weist mich der Barkeeper zurecht: «Sorry, no drinks.» Am späten Nachmittag werden gebrannte Wasser nur demjenigen serviert, der gleichzeitig eine Mahlzeit bestellt; die Kirche will es so.
Dass Religiosität in diesem Städtchen nicht bloss stilles Bekenntnis ist, hatte ich bald einmal bemerkt. Asheville ist auch die Stadt der Kirchen, unübersehbar. Fast an jeder Ecke steht eine, immer wieder Kirchen und jede in eigenem Stil: Kirchen aus Backstein, Kirchen aus Holz, frisch gestrichene, verlotterte, winzige Kirchen, monumentale Zentren der Begegnung, Kirchen für Reiche, Kirchen für Arme, Kirchen für die Weissen und Kirchen für die Schwarzen, Asheville liegt im «Bible Belt», der sich vom Süden in den Mittleren Westen erstreckt und mehr als ein Mythos ist: Obwohl der Anteil der Kirchgänger gemäss Statistik nicht grösser ist als in anderen Regionen der USA, durchdringt hier die Religion, vornehmlich konservativ-protestantischer Prägung, den Alltag umfassender als anderswo. Die Kirche ist die moralische Institution, die über den Lebenswandel wacht, das Wort der Bibel Gesetz.
1789 wurde in Asheville die erste Baptistenkirche gegründet, ein paar Jahrzehnte später folgten die Methodisten und die Presbyterianer. Heute zählt man in der Stadt rund 180 Kirchen; die genaue Zahl kennt keiner. Allein unter dem weiten Dach der Baptist Convention versammeln sich in Asheville und Umgebung 107 verschiedene lokale Gemeinschaften: von A wie Aron Baptist Church bis W wie Woodfin Baptist Church. Zu erklären ist diese Vielfalt zum einen mit der Struktur der evangelischen Freikirche: Da ihr jedes autoritäre kirchliche Regiment verdächtig war, überliess sie es den verschiedenen Gemeinschaften weitgehend, wie sie sich organisieren wollten. Zu den protestantischen Konfessionen kamen im Verlauf der Zeit mit neuen Einwanderern neue Glaubensrichtungen dazu: Römisch-Katholische, Griechisch-Orthodoxe, jüdische Gemeinschaften. Und dann die verschiedensten neueren Spielarten des Christentums. Da gibt es die Christian Church of Christ, die Church of God, die Church of God in Christ, die Church of God in Prophecy, die Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints.
Sonntag in Asheville, am Rand von downtown: Männer in Anzug und Krawatte und ebenso zeitlos gewandete Damen strömen zum Frühgottesdienst der First Baptist Church. Am Eingang der klotzigen, aus massiven Backsteinen im Art-déco-Stil gemauerten Kirche verteilen freundliche Herren das Programm des Gottesdienstes; Prospekte liegen auf: «How to find a Church Home?» Die Kirchenbänke haben sich knapp zur Hälfte gefüllt. Orgelmusik erklingt, Dollarscheine werden eingesammelt. Der in graue Roben gekleidete Kirchenchor singt; dann tritt Gastprediger Reverend Walter Shurden vor die Gemeinde. Anknüpfend an eine Zeitungskolumne über Baseball - darin es heisst: «Wenn dich einer anschreit, heisst das nicht, dass Du etwas falsch gemacht hast» -, schlägt Shurden in einer rhetorisch gekonnten Rede den Bogen zur menschlichen Existenz schlechthin und zur gegenwärtigen Situation der Kirche. Der Prediger sieht das Problem der Kirche darin, dass alle Leute von ihr bedient werden möchten und keiner mehr bereit sei, selbst zu dienen. Am Schluss des Gottesdienstes hat Reverend Terry Peel das Wort: «Im Gemeinschaftsraum servieren wir noch Kaffee und Tee. Sie sind alle herzlich eingeladen.»
Ein älterer Herr («Oh, Sie kommen aus Zürich, wie schön») erklärt mir, dass die First Baptist Church die bedeutendste Kirche am Ort sei und dass sich ihre Aktivitäten keineswegs nur auf Gottesdienste beschränkten. Die Kirche betreibt auch einen Hort für rund 200 Kleinkinder, eine Sonntagsschule; sie organisiert Sportanlässe, Aerobic-Kurse, Picknicks und jede Woche ein Nachtessen. «Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen», sagt Terry Peel. Wo sich der Staat zunehmend aus seiner sozialen Pflicht verabschiede, übernehme die Kirche als fürsorgerische Instanz die Funktion sozialer Integration. «Wir sind aber auch ein Ort, wo sich die Leute einfach treffen können.» Peel ist Vertreter der gemässigten Baptisten. Als solcher tritt er für eine Öffnung der Kirche ein und redet von neuen Aufgaben, die diese Institution zu übernehmen habe. Er plädiert für eine freie Interpretation der Bibel; es sei jedem freigestellt, wie er mit Gott kommunizieren möchte.
Eine ganz andere Doktrin wird in der nicht einmal eine Meile entfernten Baptist Church an der Merrimon Avenue vertreten. Reverend Billy Cline, der dem konservativen (so Cline) beziehungsweise fundamentalistischen Lager (so seine Gegner) zuzuordnen ist, pocht auf Wahrhaftigkeit der Bibel, auch in historisch und wissenschaftlichen Belangen. Die beiden Lager sind unversöhnlich, und seit Jahren tobt in der Baptistengemeinschaft ein erbitterter Glaubenskampf zwischen fortschrittlichen und konservativ-fundamentalistischen Kräften. Dabei geht es freilich nicht nur um theologische Diskussionen über die unbefleckte Empfängnis, sondern vor allem auch um aktuelle Zeitfragen wie Abtreibung, Homosexualität, Stellung der Frau. Vertreten die moderaten Baptisten dabei eine relativ liberale Haltung, möchten die fundamentalistischen Oberhirten das Rad der Zeit zurückdrehen: Keuschheit preisen sie als Ideal, sie verurteilen Abtreibung und Homosexualität und verlangen, dass sich die Frau in Kirche und Alltag dem Mann unterzuordnen habe.
«Es ist schrecklich, was alles im Namen der Religion ausgetragen wird. Eigentlich hat das alles sehr wenig mit Religion zu tun und viel mehr mit Politik. Es geht um Macht und Kontrolle», kommentiert Fred B. Bentley, Expräsident der North Carolina Baptist State Convention, die Auseinandersetzung. Nachdem im letzten Jahr ein Grossangriff der Fundamentalisten, welche die Führung in der Convention des Staates übernehmen wollten, abgewehrt werden konnte, scheint eine Spaltung jetzt unausweichlich.
Wer amerikanische Kirchen besucht, taucht tief in den Alltag ein, begegnet den unterschiedlichsten politischen Positionen und Kulturen. Im Sycamore Temple, der Pentecost-Kirche der Schwarzen: Noch bevor die Messe offiziell beginnt. diskutieren ein paar Frauen, einige in bunten Hüten, mit dem Sonntagsschullehrer. Derweil sich das nüchterne Gotteshaus langsam füllt, stimmen einige den Gospel an, ein Schlagzeug wird hereingetragen und aufgebaut - dann postiert sich der Pastor vor den Altar und singt: «Lord, I love you with all my body, all my mind, all my soul. Halleluja. Thank you, Jesus.» Wie eine Wand erhebt sich die bunte Schar aus den Holzbänken. Frauen breiten die Arme aus. Ein Knirps, schwarzer Anzug, weisse Krawatte, greift in die Tasten der Orgel, der Drummer schlägt den Rhythmus, der Bass kräuselt die Magengrube. Die Messe hat begonnen. Es wird heiss in der Kirche, die Damen fächeln sich frische Luft zu. Und Pastor Samuel Payne predigt. «Right, man», «you name it, pastor», wird jeder Satz von unten kommentiert. Der Pastor hebt die Stimme, die Gemeinde versammelt sich vor dem Altar zum lauten Gebet. Alle werden sie mit Weihwasser besprengt. Schwarze Musik lässt die Kronleuchter erzittern.
Die noch heute übliche Trennung der Kirche in «weiss» und «schwarz» hat Gründe - historische. Weil den Schwarzen untersagt war, im Gotteshaus der Weissen ihre Sonntagsschule abzuhalten, gründeten sie 1868 in Asheville ihre erste eigene Kirche. «Die schwarze Kirche verstand sich seit je als Befreiungsbewegung, früher gegen die Sklaverei, heute gegen den Rassismus», sagt O. T. Toms, Pastor der Mount Olive Baptist Church. Und ganz klar grenzt er seine Kirche von der konservativen Southern Baptist Church ab, die nie gegen Rassismus eindeutig Stellung bezogen habe. Wer einen schwarzen Gottesdienst besucht, bemerkt allerdings, dass es noch andere Gründe für die Trennung gibt: sinnliche. - Obschon auch die Mehrheit der weissen Amerikaner Religiosität eher emotional denn in spröden Feiertagsritualen auszudrücken beliebt.
Die amerikanische Schau Gottes erfülle sich in einem extremen, gleichsam orgiastischen Individualismus, schreibt Harold Bloom, Professor of Humanities in Yale und Professor für Englisch an der New York University, in seinem Buch über den amerikanischen Gott und seine Gläubigen. Laut einer neueren Umfrage glauben über 90 Prozent der Amerikaner, dass Gott sie liebt. Und im Akt der Erkenntnis treten sie ihm gegenüber, aufgewühlt, temperamentvoll und unbelastet von kirchlichen Kodizes und Traditionen. In besonderem Mass gilt dies freilich für die unzähligen neueren kirchlichen Gruppierungen, von denen in Asheville ebenfalls ein reichliches Angebot vorhanden ist.
Die christliche Gemeinschaft «Jubilee»! hat sich vor zwei Jahren in einer Einkaufsstrasse in der Innenstadt eingemietet und musste bald ein grösseres Lokal beziehen. Leitgedanken der Vereinigung sind, wie Reverend Howard Hanger sagt: «Hoffnung, Treue, Frieden, Liebe und Wahrheit.» Howard Hanger ist Jazzmusiker, Minister der United Methodist Church und als solcher beauftragt, mit neuen kirchlichen Ausdrucksformen zu experimentieren. Elemente des Buddhismus und des Hinduismus sollen mit dem Christentum verschmolzen werden. Die Organisationsstruktur ist nicht hierarchisch, sondern «zentrisch»; der Pastor nicht Autoritätsperson, sondern vielmehr eine Art Animator in einer «dynamischen Gruppe». Ein Jubileegottesdienst - das ist gemeinsam Tanzen, Musizieren, «Bodypraying», bei dem sich alle umarmen; und einmal im Jahr bringt jeder ein Tier mit - einen Hund, ein Pferd oder auch nur ein Regenwürmchen -, das dann in der Kirche getauft wird.
Es ist Mittwoch abend. Die Gemeinschaft kommt zusammen, um gemeinsam Brot und Suppe. einzunehmen. Zwei Dutzend sind es heute. In der Küche fassen sie sich an den Händen, bilden einen Kreis. «Wofür sind wir heute dankbar?», fragt Howard. Aus dem Rund tönt es zurück: «Ich bin dankbar dafür, dass ich die Steuererklärung endlich ausgefüllt habe;» «ich bin dankbar dafür, dass es heute geregnet hat.»
Später, über der Gulaschsuppe, erklärt ein Rentner: «In der Jubilee-Church kann jeder so sein, wie er ist. Man kann in Shorts zum Gottesdienst erscheinen; wir sind alle ungezwungen, und es dreht sich, im Unterschied zu den Baptisten, nicht alles um Politik.» Vor einem Jahr sei er von Chicago nach Asheville gezogen und habe hier sofort neue Freunde gefunden.
Nach dem Essen trägt ein Bärtiger mit funkelnden Augen ein Gedicht vor. Er äussert den Wunsch, das Abendmahl zelebrieren zu dürfen. Und zum Gebet reichen sich alle wieder die Hände. Umarmen sich, sagen, sie liebten sich - und gehen auseinander, hinaus in die menschenleere Stadt.