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NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Flüchtige Kirschblüte

Warum eine Religion, wenn es viele gibt?

Von Hisako Matsubara

IM WESTEN HAT RELIGION immer etwas mit Gott dem Allmächtigen zu tun, mit dem zornigen Gott des Alten Testaments, dem Gott, der alles geschaffen hat, die Welt, die Sonne, den Mond und die Sterne, mit dem Gott der Liebe des Neuen Testaments, der gütig und allwissend über die Menschen wacht.

Wenn man Japaner fragt, welcher Religion sie zugehören, machen die meisten ein verlegenes Gesicht. Es ist eine Frage, auf die nur wenige eine brauchbare oder eindeutige Antwort geben können. Nur ein verschwindend kleiner Teil, irgendwo zwischen eins von hundert und eins von tausend, nennt sich christlich, Katholiken und Protestanten zusammengezählt. Und was ist mit den restlichen neunundneunzig Komma irgend etwas Prozent?

FÜR JAPANER HAT DAS WORT «Religionszugehörigkeit» einen seltsamen Klang. Es erinnert an Parteizugehörigkeit. Es deutet Einschränkung und Einengung an. Wie kann man sich, so sagen viele Japaner, einer bestimmten Religion verschreiben, lebenslang, wo es doch verschiedene Religionen gibt, die alle - in ihrer Art - eine Antwort auf die grossen Fragen von Leben und Tod suchen?

Im christlich geprägten Denken gibt es auf der einen Seite den Schöpfer und auf der anderen Seite das Werk. Es besteht eine klare Trennung - auch in der Wertskala. Der Schöpfer ist unfassbar, unsichtbar, das Göttliche in Person. Sein Werk dagegen ist Materie, fassbar, sichtbar und von niederer Art. Wir, die Menschen, sind im schmalen Raum dazwischen angesiedelt. Indem uns eine Seele gegeben ist, tragen wir einen Hauch des Göttlichen in uns. Da wir gleichzeitig Materie sind, kriecht Sünde in uns hinein.

Der alte japanische Glaube, den man Shinto nennt und zu dem sich die meisten Menschen in Japan irgendwann in ihrem Leben hingezogen fühlen, unterscheidet nicht Schöpfer und Schöpfung. Was Heraklit im alten Griechenland mit dem ihm zugeschriebenen Ausspruch panta rei - alles fliesst - gemeint haben mag, ist ein Gedanke, der in vielen früheren Kulturen vorhanden war, Kulturen, die längst untergegangen sind: panta rei - nichts hat Beständigkeit.

Im Shinto hat dieser Gedanke die Jahrtausende überlebt und an Stärke nichts eingebüsst. Im Shinto sind Schöpfer und Schöpfung nicht hierarchisch geordnet und getrennt, sondern untrennbar und eins. Alles, was ist, vergeht, aber gleichzeitig entsteht alles irgendwo neu. Darum sind im Shinto Schöpfer und Schöpfung eins. Aus dieser Einheit folgt, dass sich das Göttliche, obwohl unfassbar gross und unfassbar weit, auch in allen kleinen Dingen des Lebens manifestiert und in den Dingen, die uns umgeben.

Darum finden Japaner nichts dabei, beim Anblick von etwas, was sie anspricht und ihren Schönheitssinn reizt, die Hände zu falten und zu beten. Japaner verbeugen sich vor Bäumen und Blumen. Sie können voll Inbrunst zu den Kirschblüten aufschauen, die jeden Frühling nur wenige Tage lang blühen und dann, ohne ihre Leuchtkraft einzubüssen, abfallen und sterben, wie ein Kind, das plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Japaner betrachten auch Menschen, die Hervorragendes geleistet haben, als Träger jener alles bewegenden göttlichen Kraft und sind bereit, zu deren Gedenken einen Shinto-Schrein zu errichten.

In Schreinfesten erleben die Menschen die Gegenwart von Göttern und Göttinnen. Jeden Tag werden in Japan irgendwo einige gefeiert. Es sind Danksagungen an den Reichtum des Meeres, an die Fruchtbarkeit des Bodens, es sind Beschwörungen des Feuers, der Erdbeben, der Überschwemmungen, der Taifune. Es sind farbige Feste, in denen alte Göttergeschichten in Musik und Tanz wiedererzählt werden. Und während der ersten drei Tage des Jahres suchen rund 80 Prozent aller Japaner Shinto-Schreine auf, sogar oft mehrere hintereinander. Sie beten um Glück und Gesundheit, um die Erfüllung ihrer Hoffnungen, ums Gelingen aller Pläne.

WAS DEM SHINTO FEHLT, ist ein Buch, in dem alles geschrieben steht, an was man glauben muss oder nicht glauben darf. Eine heilige Schrift, wo man den Finger auf eine Textstelle legen und mit fester Stimme verkünden kann: «Hier steht's.» Als Religion leitet Shinto seine Stärke gerade aus seinem Mangel an Dogma ab. Ohne Dogma konnte er nahtlos, konfliktlos mit der Gesellschaft verschmelzen - durch die gesamte Geschichte hindurch, bis Japan sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nach langer, selbstgewählter Isolation dem Westen öffnete. Zusammen mit anderen westlichen Gedanken strömte nun die Vorstellung nach Japan hinein, jedes Volk, das sich behaupten wolle, müsse einen starken Monarchen haben, ein starkes Militär und eine Vorzeigereligion. Man muss sich erinnern, wie Europa zu jener Zeit war - nationalistisch, kolonialistisch und technologisch in raschem Aufschwung, polarisiert zwischen Modernität und den alten Herrschaftsformen.

Dem Vorbild des deutschen Kaiserreichs folgend, peinlich in ihrem Bestreben, den Westen zu imitieren, verpassten sich die Japaner deshalb eine Verfassung, in der sie den Tenno an die Spitze des Staates stellten. Sie statteten ihn mit nahezu absolutistischer Macht aus. Sie machten ihn zum Oberbefehlshaber aller Streitkräfte des Landes.

Und sie erklärten Shinto zur Staatsreligion.

Während der vorangegangenen tausend Jahre war dem Tenno-System eine ganz andere Rolle zugefallen. Eher unscheinbar, unberührt vom politischen Gerangel, völlig unmilitärisch, hatte der Tenno in Kyoto still hofgehalten - ein Symbol, vom Volk gerade wegen seiner Entrücktheit geachtet. Seine einzige politische Funktion hatte darin bestanden, den Shogunen seinen Segen zu geben, wenn sie sich als Herrscher des Landes legitimieren lassen wollten. Daneben oblag es dem Tenno, dessen Familie den Stammbaum mit einiger Phantasie bis in die Zeit der mythologischen Götter zurückführte, für Erhaltung der Traditionen zu sorgen.

Im Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde von den interessierten Monarchen das Gottesgnadentum noch eifrig gepriesen, und der Vatikan hatte gerade die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet. Darum fanden es die Japaner eine gute Idee, ihrem neuen Herrscher, dem Tenno, göttliche Attribute zu verleihen. Sie schrieben in ihre Verfassung hinein, der Tenno sei selber göttlich. Die Eroberungskriege, in die Japan sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte stürzte, der misslungene Aufbau des Grossjapanischen Reichs, die Dummheit, Shinto in den eroberten Ländern mit Gewalt einführen zu wollen, die Grausamkeiten, die während des Krieges im Namen des Tenno verübt wurden, und schliesslich die Niederlage von 1945 - all das hat vergessen lassen, dass Shinto vor jener Zeit und seinem Wesen nach eigentlich bis heute nichts anderes ist als eine alte, volksnahe Religion mit einem Pantheon von Göttinnen und Göttern, meist lustig und lebensfroh, und mit einem tiefen Bekenntnis zur Natur, undogmatisch, tolerant und offen, mit dem Glauben an die schöpferische Kraft aller Dinge.

WÄHREND SHINTO VOM KERN her heiter ist und das Leben bejaht, unter Betonung des Diesseits und des Diesseitigen, sieht der Buddhismus in der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Lebens das Wesen allen Seins. Dem buddhistischen Glauben zufolge ist der Lebensweg der Menschen ein Leidensweg, und die Erlösung liegt in der Überwindung von Verlangen, Gier, Neid und Ärger. Wer sich aus dem Würgegriff dieser negativen Regungen zu lösen vermag, wer lernt, sich zu beherrschen, wer nach Einsicht strebt und nach dem Wissen um die höheren Dinge, dem wird Erlösung gegeben.

Der Buddhismus der reinen Form stellt hohe Anforderungen. Er appelliert an die Bereitschaft der Menschen, ständig an sich zu arbeiten, und bietet als Lohn das Gefühl der inneren Ruhe, die Überwindung von Leid und Schmerz. Er verspricht als höchstes Ziel die Erleuchtung - jenen Zustand, den nur die erreichen können, die sich ganz von der Bindung an diese Welt befreit haben.

Die meisten Menschen konnten und wollten diese Anforderungen nicht erfüllen. So spaltete sich der Buddhismus früh - schon in den tausend Jahren, bevor er nach Japan gelangte, und den tausendfünfhundert Jahren seither - in viele Richtungen auf, Schulen genannt oder auch Sekten.

Am nächsten zur ursprünglichen Lehre des Buddha steht der Zen-Buddhismus. Im Zen ist die Meditation zentral. Keine selbstzerfleischende Meditation, wie sie in manchen christlichen Mönchsorden des europäischen Mittelalters geübt wurde, sondern eine Meditation, die auf die Stärkung von Geist und Körper zielt.

Dabei kann die Meditation viele Formen annehmen - von der Selbstversenkung in Stille und Regungslosigkeit bis hin zur Entfaltung künstlerischer Tätigkeiten. Der Zen-Geist ist spürbar in der Tradition der Tuschmalerei, des Bogenschiessens, des No-Theaters, der Teezeremonie, der Haiku-Gedichte, der Gestaltung der Gärten. Überall das Streben nach möglichst einfachen Linien und Formen. Überall die Suche nach dem Wesentlichen.

Sehr weit von der ursprünglichen Lehre des Buddha entfernte sich jene Bewegung, die als Jodo-Shinshu bekannt wurde. Dort wird das eigene Streben nach dem Guten, nach Erleuchtung und Erlösung als unzureichend angesehen, als etwas, was die Menschen vielleicht versuchen, aber nie erreichen können. Statt dessen, so lehrt Jodo-Shinshu, hängt alles von der Gnade ab, von der Gnade des Amida-Buddha. Er ist es, der Trost spendet. Er ist es, der liebevoll auf die Menschen herabschaut und auf sie wartet, wenn ihre letzte Stunde gekommen ist. Er ist es, der die Seelen ins Jodo, in das reine Land, geleitet. Amida Buddha als Erlöser.

Manche Elemente der Jodo-Shinshu-Lehre erinnern an Elemente des Christentums - an die beim Apostel Paulus so stark betonte Unfähigkeit der Menschen, sich aus eigener Kraft aus der Umklammerung der Triebe und Gelüste zu befreien, sowie an die das Neue Testament durchdringende Botschaft von Jesus als Erlöser.

AUF WELCHE ART GLÄUBIG und ob überhaupt, spielt keine Rolle, wenn im Mittsommer das Obon-Fest gefeiert wird, das Fest der Seelen. Dann leuchten abends überall auf den Berghöhen die Feuer auf, und in den Städten erlöschen die Neonreklamen. Wie zu alten Zeiten hängen in den Strassen Laternen. Sie sollen den Seelen den Weg weisen zu jenen, die noch leben und sich ihrer erinnern. Ganz Japan ist auf den Beinen. Drei Tage und drei Nächte dauert Obon, ein Fest voller Farbigkeit, voller Freude, voller Erinnerungen. Man spricht mit jenen, deren Stimmen verklungen sind. Man isst mit ihnen, lacht mit ihnen.

Am dritten Abend kommt der Abschied, jene Stunde, zu der die Seelen für ein weiteres Jahr in das Ferne Land zurückkehren. Die Menschen ziehen durch die Strassen der Dörfer und Städte, durch Felder und Wälder zu den Flüssen und zum Meer hin, von wo die Rückreise der Seelen beginnt. Auf Booten und auf Flossen, aus Reisstroh kunstvoll zusammengebunden, mit Segel und Laternen, werden die Seelen den Flüssen und dem Meer anvertraut, mit Gebeten begleitet, bis die Nacht sie verschlingt. ZWISCHEN ZEN UND JODO-SHINSHU und entlang den ausgefransten Grenzen gibt es noch viele andere Manifestationen des Buddhismus, die die Lehre Buddhas schon seit Jahrhunderten in ihrer eigenen Art interpretieren.

Dem westlichen Denken mag es fremd erscheinen, dass eine Religion wie der Buddhismus schon seit so langer Zeit problemlos in so viele Schulen und Richtungen gespalten ist. Und dies, obwohl der Buddhismus über heilige Schriften verfügt, über die Sutren. Was den Buddhismus auszeichnet, ist, dass nirgendwo eine dogmatische Annahme der in den Sutren niedergelegten Weisheit gefordert wird. Nirgendwo die Vorstellung, das, was vermittelt wird, sei endgültige und absolute Wahrheit, von Gott gegeben. Der Buddhismus kennt keinen Gott, sucht nicht nach dem Schöpfer. Es reicht ihm zu wissen, dass die Welt einen Anfang hat und irgendwann enden wird, so wie alles endet. Es reicht zu wissen, dass die Welt, die wir bewohnen, ein unendlich kleiner Teil eines unendlich grossen Ganzen ist, ein Staubkorn in einem Weltall voller Licht und voller Dunkelheit, zu gross für unseren Geist, um es voll zu erfassen. Der Buddhismus hat nichts Missionarisches, anderen «Wahrheiten» gegenüber ist er tolerant.

Kein Wunder daher, dass Japan ein Land war, in dem lange Zeit Religionsfrieden herrschte - keine Ketzer, keine Inquisition, keine Glaubenskriege. Die einzige Epoche, in der es zu Ausschreitungen und blutigen Verfolgungen wegen Glaubensfragen kam, fiel in jene Zeit, als christliche Missionare zum erstenmal, um 1550, nach Japan gelangten. Sie brachten Gott und den Teufel mit und sorgten dafür, dass überall dort, wo sie eine Anhängerschaft gewannen, bald alle Shinto-Schreine und buddhistischen Tempel in Flammen aufgingen. Begriffe wie Heidentum und Ketzerei, falscher Glaube und Teufelswerk zerrütteten das Vertrauen, das dem Christentum anfangs entgegengebracht worden war, und führten nach neunzig Jahren zur Verbannung der Missionare. Japan wandte sich vom Westen ab und schloss seine Türen für die nächsten zweihundert Jahre.

Heute verbrennen die Christen nicht mehr die Heiligtümer des Shinto und des Buddhismus. Sie unterhalten Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Altersheime. Sie achten auf ihren guten Ruf. Sie laden junge Leute ein, die, obwohl nicht christlich, sich gern aus Modegründen christlich trauen lassen. Ein Brautkleid mit Blumenbouquet ist fotogener als ein pummeliger Kimono. Die Orgelmusik klingt erhaben, und die Hochzeitsgäste freuen sich und haben das Gefühl, an einem exotischen Ereignis teilgenommen zu haben.

Die gleichen Paare werden später, wenn sie Kinder haben, in einem Shinto-Schrein um Segen bitten und ihre Wünsche den kleinen Votivtafeln anvertrauen. Wenn sie alt sind und die Zeit des Sterbens kommt, werden sie sich dem Buddhismus zuwenden und sich im Tempel ihrer Ahnen begraben lassen.

Hisako Matsubara, Los Altos, USA, ist Schriftstellerin.


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