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Meine Reise von Lunge zu Lunge
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Das Grippevirus ist ein Globalisierungsgewinnler sondergleichen: Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, Migrationsströme befördern den blinden Passagier rund um die Welt. Seine Wanderungen werden von Überwachungsstationen in 82 Ländern verfolgt.
Von Volker Stollorz
Schon mal Opfer der Grippewelle im Winter gewesen? Schlapp mit hohem Fieber im Bett gelegen? Das verdanken Sie dem Kontakt mit meinesgleichen. Gestatten: Influenza aus der Familie der Orthomyxoviren. Ein Kuss, ein Hustenanfall in der Bahn, und wir sind unterwegs, von Lunge zu Lunge. Dort halten wir uns auf wie ein Gast im Hotel, vermehren uns dabei milliardenfach. Ich darf wohl sagen, dass für uns Influenzaviren im globalen Dorf goldene Zeiten angebrochen sind. Jährlich legen wir als blinde Passagiere abenteuerliche Routen zurück. Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, anschwellende Migrationsströme: Nie war der Weg von Mensch zu Mensch leichter als heute.
Noch im 19. Jahrhundert war es beschwerlich, Parasit zu sein. Die Welt war dünn besiedelt, wer ausser Adligen und Seefahrern reiste schon weit herum? Meine Vorfahren waren darum genügsame Gesellen, die zumeist Schweine oder Vogelvieh infizierten. Glücklicherweise fanden sie irgendwann den Dreh, der uns zu Globalisierungsgewinnlern machte. Als verschiedene Arten meiner Vorfahren in einem Organismus zusammentrafen, lernten sie einzelne Chromosomen auszutauschen. Irgendwann entstand dabei per Zufall ein neuartiger zellulärer Enterhaken. Mit diesem Hämagglutinin in unserer Virushülle konnten wir menschliche Zellen effizienter infizieren.
Einer dieser sagenumwobenen Urahnen, im Fachjargon Reassortanten genannt, löste 1918 einen verheerenden Seuchenzug aus und verbreitete weltweit Schrecken. Sein Enterhaken war hoch infektiös, keine Immunabwehr eines Menschen hatte diesen tödlichen Parasiten je gesehen. Ausserdem wurde damals Krieg geführt - für uns herrschten ideale Reisebedingungen. Die halbe Menschheit soll infiziert gewesen sein, zwischen 20 und 40 Millionen Menschen haben wir in einem Winter dahingerafft.
Eine echte Katastrophe, übrigens auch aus unserer Sicht. Denn uns heutigen humanen Influenzaviren liegt wenig an globalen Pandemien mit Millionen von Toten, ehrlich. Denken Sie doch mal nach: Nur ein lebender Mensch ist ein gutes Hotel für uns Viren! Gerade haben Forscher nachgewiesen, dass die jährlich weltweit zirkulierenden humanen Influenzaviren nicht mehr zu gefährlichen Reassortanten mutieren können. Wir streben die friedliche Koexistenz mit menschlichen Wirten an, arbeiten hart daran, eine genetische Barriere aufzubauen zwischen uns und den tierischen Verwandten. Das hilft allen.
Erinnern Sie sich? Im Mai 1997 hatte in Hongkong einer dieser gefährlichen Reassortanten zum globalen Sprung angesetzt. Die «Hühnergrippe» war im chinesischen Grenzland entstanden, wo Mensch und Tier bis heute eng zusammenleben. Mein aggressiver Vetter, die Menschen nannten ihn Influenza H5N1, infizierte nachweislich zwar nur sechzehn Menschen, davon aber starben vier - eine Sterberate von 25 Prozent. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die schnelle Eingreiftruppe der US-Seuchenbehörde diesen üblen Gesellen nicht sofort enttarnt und bekämpft hätte. Die Experten vermuten, H5N1 sei damals an der Flucht über den Flughafen Hongkong gehindert worden, weil die Behörden entschieden hatten, über 1,3 Millionen Enten und Hühner in den Markthallen Hongkongs zu vergasen.
Mein Vetter beherrschte einen entscheidenden Trick nicht perfekt: die Reiseroute von Mensch zu Mensch. Mir fällt das leichter. Wenn in den Lungenbläschen eines Erkrankten Milliarden Viren herangereift sind, kommt meine Chance, die Welt zu sehen. Verehrte Leute, Sie kennen das: Sie stehen in einem überheizten Tram, dann niest jemand ohne Taschentuch. In winzigen Tröpfchen zusammengepfercht mit genetisch identischen Brüdern und Geschwistern, werde ich wie aus einem Kanonenrohr durch die Luft geschleudert. Das ist der entscheidende Moment unserer Reise. Niest der Mensch einsam im Bett, ist es vorbei mit unserer Existenz. Ein Huster im Tram dagegen - himmlisch!
Leider stosse ich bei meiner Reise von Lunge zu Lunge immer häufiger auf eine kampfbereite Immunabwehr - immer mehr Menschen lassen sich seit einigen Jahren gegen die Grippe impfen. In einem globalen Überwachungsnetz werden seit 1948 unsere Wanderungsbewegungen verfolgt, 110 Labors in 82 Ländern analysieren ständig Stichproben, katalogisieren meine Verwandten nach Herkunft. Jährlich gibt es für die Nord- und Südhalbkugel aktualisierte Impfstoffe, je nachdem, wer von uns gerade erfolgreich unterwegs ist.
Um den Impfstoff herzustellen, haben einige von uns grausame Zwangsarbeit zu leisten. In Hühnereier gespritzt, sollen sie sich vermehren. Und als wäre das nicht schon ekelhaft genug, werden sie nachher getötet und Menschen gespritzt, damit sich deren Abwehr auf den richtigen Feind einstellen kann. In diesem Jahr hat es meine Kollegen vom Stamm A/Moskau/10/99 (H3N2) und B/Hongkong/330/2001 erwischt, die als weltweit rund 230 Millionen Impfdosen enden.
Aus virologischer Sicht wäre es ja hinzunehmen, Kleinkinder und ältere Immungeschwächte zu impfen. Aber warum gesunde Arbeitsfähige, die nach einer Grippe einige Tage Bettruhe geniessen? Das Büro ist nun einmal unser liebster Kontakthof.
Ohnehin macht uns die Immunabwehr von Gesunden schwer zu schaffen. Läuft endlich einmal eine richtig schwere Grippeepidemie über Europa, sind alle Infizierten im nächsten Jahr immun gegen diesen Virustyp. Schon deshalb müssen wir ständig weltweit unterwegs bleiben. Um raffiniert abgewandelte Enterhaken aufzutreiben, wechseln wir ständig unsere Reiserouten und tauschen ab und zu Gene mit Kollegen aus. Virensex sozusagen.
In letzter Zeit allerdings ist unsere Familie extrem beunruhigt. Man munkelt, Forscher bastelten an einer Wunderimpfung, die gegen alle Reisenden vom Stamm Influenza wirken soll. «Flumist» heisst dieser Nasenspray, ein zum Glück noch nicht zugelassener Lebendimpfstoff. Mit seiner Hilfe sollen uns Killerzellen der Immunabwehr demnächst sogar im Inneren infizierter Zellen enttarnen können.
Wir möchten die Menschheit hiermit dringend warnen! Wenn dieser Impfstoff wirklich kommt, lassen wir humanen Influenzaviren uns wieder mit den tierischen Verwandten ein und besorgen uns dort wirksame Waffen gegen den Menschen!
Volker Stollorz ist Wissenschaftsjournalist in Köln.
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