ZUM ENDE dieses Jahrhunderts ist die Ästhetik des Alltags im spätkapitalistischen Mitteleuropa nur noch Hure des Konsums; Gebrauchsgegenstände und das Kunstwollen haben ihre Identität verloren, die Suppenteller gehen auf den Strich, und die Stühle lügen, dass die Balken krachen. Das Wort Spätkapitalismus kündigt nicht das nahe Ende eines Systems an, das keines ist, es beschreibt den verzweifelten Wahnsinn, mit dem das Kapital bei galoppierender Zerstörung der Welt eine Überflussproduktion anpeitscht, die nicht mehr der Versorgung des Menschen dient, sondern nur noch der Rendite der eingesetzten Mittel. Krisen entstehen nicht mehr, wenn Produktion und Versorgung aus irgendwelchen Gründen nicht klappen, sondern wenn die mörderische Konsumation ins Stocken gerät.
Dank Werbung und Marketing konnte man den längst überfressenen Gänsen das Futter noch jahrelang in den Hals drehen, jetzt aber sind wir so weit, dass die armen Viecher einfach nicht mehr können. Mit geschwollenen Lebern und prallen Mägen stehen sie im Gehege, verweigern die Nahrung und sind damit die Hauptschuldigen einer Krise, die keiner verstehen will.
Warum also sind im Zeitalter des Spätkapitalismus die Formwelten von Kunst, Alltag und Sonntag aus allen Fugen geraten? Warum wird der Wirt in Oerlikon mit verlogener Rustikalität vermöbelt? Warum ist der Ausbau des Flughafens Kloten zwischen künstlichen Wasserfällen hinter unsinnigen Geländern, einem Labyrinth von Grosstopfpflanzen und viertklassigem Alibikunstgewerbe ein einziger Schrei entblösster Ratlosigkeit? Warum führt in Mode und Musik die galoppierende Schwindsucht von ödem Recycling das zynische Zepter und erklärt die von der Stange gekaufte zerrissene Hose oder abgetragene Jacke erfolgreich zum letzten Schrei? Warum feiert der Schmuddel von der Stange im verlogenen Primitivrock (der vor 30 Jahren ein wahrer Kettensprenger war) unter dem Namen Grunge seine plumpen Orgien der Massenverblödung, und warum hat jeder anständige Mensch im auslaufenden Jahrtausend die grösste Mühe, sich eine einfache Kaffeekanne oder einen vernünftigen Teller zu kaufen? Die Fragerei liesse sich über die Verzweiflung deutscher Bühnen- und Filmkunst bis zu den simpel-philosophischen Illustrationen der postmodernen Kunstwelt und den Uniformen der Heilsarmee weiterführen. Meier-Didaktowitz will weder auf den haarsträubenden Spannteppich in der Hotelhalle des Zürcher «Baur au Lac» eingehen noch auf die von Hoteliersgattinnen verursachte Renovationszerstörung fast aller Grand-Hotels der Schweizer Alpen. Er will sich hier und heute fragen, wieso der Formverlust nicht etwa Ausdruck individueller Fehlleistungen ist (noch vor wenigen Jahrzehnten konnte der ratloseste Wirt sein Lokal nicht so gemein verunstalten, wie es heute die Tagesordnung ist), sondern als Zeitgeist der Flöte des modernen Rattenfängers folgt, der diesmal Hugo Ratlos heisst und die Leute nicht einmal mehr zu Lust und Untergang führt, sondern nur im Kreis ums auch schon abgewetzte goldene Kalb.
Ohne weitere Umschweife führt Meier-Cunctator und -Speculator den Formverlust der spätkapitalistischen Welt zurück auf ihren Sinnverlust. Unsere Produktionskraft, deren Steigerung ein massgebender Sinnstifter war und eine Herausforderung an das Individuum, vom Erfinder über den Unternehmer zum Arbeiter, hat die Bedürfnisse, die echten und unechten, längst überstiegen. Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit müssen zwecks Erhaltung der sogenannten Hochkonjunktur die meisten Bedürfnisse geschaffen werden, damit die fortschreitend technisierte und rationalisierte Produktion ihren Absatz findet und das Kapital einen sinnvollen Einsatz. Noch nie in der Geschichte Mitteleuropas war das Produkt der guten Funktion und Rationalität so weit enthoben, dass es als entfremdetes fast ausschliesslich der Selbsterhaltung des Kapitals an sich dient.
Je weiter der echte Bedürfnisanteil der Produkte zurückging und sie zu Huren der Machterhaltung des Kapitals wurden, desto konsequenter wurde ihnen das Rückgrat der guten Funktion gebrochen, die der Form den aufrechten Gang erlaubte. Wenn nur noch der Schein das Sein bestimmt, weiss der Wirt in Schwamendingen nicht mehr, welchen Stuhl er wählen soll, weil das ganze Angebot eine einzige Lüge ist - von der mit falschem Russ geschwärzten Rustikalromantik bis zu den Dekorationsnetzen der Capri-Fischer, die in den Ausstattungshäusern der Erlebnisgastronomie auf 500-Meter-Rollen angeboten werden.
In der Überflussgesellschaft des versinkenden Jahrtausends, die das Leben des Homo sapiens befreien könnte vom Zweck des reinen Überlebens, trifft ihn der Uppercut der Frage nach dem Sinn des Daseins so fürchterlich, dass er stehend k. o. herumirrt: Es ist der Sinnverlust, der unserer Zeit die Identität nimmt und den Gegenständen die Form. In ihrer aufgesetzten Form, Zerspringt die Tasse fast vor Zorn.