Medizinball: Meist mit Kork, Reh- oder anderen Tierhaaren gefüllter Rindslederball, 1 –5 Kilo. Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts aus den USA via England in Deutschland eingeführt, fand der Medizinball durch die Turnerbewegung rasante Verbreitung. Name: Rührt daher, dass der Medizinball seit je von Medizinmännern als Medizinersatz empfohlen wird.
«Im Hause, in der Stube, auf der Diele, im Flur, im Garten, auf dem Balkon, auf dem Sportplatz, im Schulhof – einfach überall kann man mit dem Medizinball spielen und üben!» schreibt der Bremer Turnlehrer Fritz Straube voller Begeisterung in «Der Medizinball – ein Lehrbuch für den Gebrauch des Medizinballs».
Dieses Standardwerk stammt zwar aus den 1930er Jahren, doch hat es (von den nationalpolitischen Untertönen abgesehen) nichts an Aktualität eingebüsst. In eingängigen Kapiteln wie «Medizinballarbeit ist Kampf», «Der Medizinball als Arzt» oder «Anmut und Schönheit durch Medizinballarbeit» zeichnet der Autor die überragende Rolle nach, die dem unvergleichlichen Sportgerät im deutschsprachigen Europa zufällt, seitdem der Offizier, Freikörperkulturkämpfer und Sportschriftsteller Hans Surén den ersten Medizinball 1917 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause brachte.
Der Mythos des Medizinballs hat natürlich viel mit seinem Namen zu tun. Wäre der schwere, fast etwas formlose «punching ball» nach seiner Überführung aus dem angelsächsischen Sprachraum damals zum Beispiel einfach «Grossball» oder gar «Schwerball» getauft worden, hätte er kaum derart Karriere gemacht. «Medizinball» suggeriert einerseits «Sport ist gesund», andererseits eignet aber jedem Ball auch die Idee von «Spass an der Freud», was sich wiederum kaum in andere Idiome übertragen lässt: «balle médicinale», «palla medicinale» … Kein Wunder, ist der Medizinball in der Deutschschweiz wichtiger als in der übrigen Eidgenossenschaft.
Eigentlich ist der Medizinball ja eine verkleidete Hantel. Seine Aufgabe besteht darin, gewissermassen en passant gewisse Muskelpartien zu trainieren, während die Trainierenden die ganze Zeit glauben, sie täten das zum Vergnügen. Grundsätzlich lässt sich mit dem Medizinball alles machen, wozu sonst gewöhnliche Spiel- oder Gymnastikbälle herhalten: werfen, fangen, stossen, tragen, treten, rollen, jonglieren, und das alles vorwärts, seitwärts, rückwärts, liegend, hüpfend, kniend et cetera. Sogar klassische Ballspiele sind damit möglich: Wer erinnert sich nicht an die lustigen Szenen damals beim Medizinal-Völkerball, wenn irgendein Mitschüler den wuchtig nach ihm geworfenen Ball zwar fing, um dann allerdings samt dem schweren Leder rückwärts in die Sprossenwand zu donnern?!
Ursprünglich war der Medizinball ein reines Naturprodukt. Heute machen die handgenähten, mit tierischen Haaren gefüllten Häute nach Angaben des Turnhallenausrüsters Alder & Eisenhut noch fünf oder zehn Prozent des Marktvolumens aus, weshalb der hiesige Original-Medizinball-Hersteller längst in Konkurs ging und Alder & Eisenhut aus Tschechien importieren muss. Der moderne Medizinball hingegen hat sein Outfit den Ansprüchen und der Ästhetik des dritten Jahrtausends angepasst. Er wird nicht mehr gefüllt, sondern aufgeblasen, er ist aus dem robusten, latexfreien Kunststoff Ruton hergestellt, hat eine griffige Oberfläche mit Lippenventil, ist hygienisch, pflegeleicht, recyclingfähig und sogar noch vielseitiger verwendbar: Früher ähnelte der Medizinball bloss äusserlich einem südindischen Seegrashocker, heute gilt der Mammut-Medizinball ganz offiziell als idealer Bürostuhlersatz.
Wie immer seine Zukunft ausschauen wird, sicher ist dem Medizinball auf alle Zeiten ein Stammplatz im Volksmund. Bewegungsfaule Männer und schwangere Frauen haben «einen Bauch wie ein Medizinball», schweres Essen hinterlässt das Gefühl, «als hätte ich einen Medizinball verschluckt», neulich fand laut einer Tageszeitung ein Wanderer «einen weissen Riesenbovist, gross wie ein Medizinball», und selbst die moderne deutsche Literatur mag, wie ein Blick auf eine Autoren-Internetseite zeigt, beileibe nicht ohne Medizinball-Metaphern auskommen: «Er packte seinen Kopf wie einen Medizinball und versuchte vergeblich, die schmerzende Masse seines alkoholgeschädigten Hirns in seinen Hals zu pressen.»