ILDA JOSÉ DE SANTANA FERRAZ, BRASÍLIA (BR),
ist 47 Jahre alt, geschieden und Mutter von drei eigenen und zwei Adoptivkindern. Sie liebt es, in ihrem Taxi zu fahren, einem Santana Quanto, Jahrgang 1993, Zählerstand 305 166 Kilometer.
Brasília ist die Hauptstadt Brasiliens und hat 2 000 000 Einwohner, eine für brasilianische Städte bescheidene Zahl.
Ilda verdient im Monat 450 bis 550 Franken. Davon leben sie und ihr zwölfjähriger Adoptivsohn, der als einziger noch zu Hause lebt; zudem unterstützt sie damit ihre fünf Enkel. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung, auf die sie Anrecht hat, da ihr
Ex-Mann Widerstandskämpfer gegen das proamerikanische Regime in den 60er Jahren war; sie zahlt monatlich 50 Franken Miete. Um ihren Verdienst aufzubessern, arbeitet Ilda zu Hause als Schneiderin.
Taxameter: Grundgebühr 1.50 Franken, jeder weitere Kilometer 1.10 Franken.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Das habe ich nicht fix geregelt, es kommt drauf an, wie müde ich bin. Durchschnittlich arbeite ich etwa acht Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Manchmal auch die ganze Nacht. Ich bin einer Taxifirma angegliedert, arbeite aber selbständig.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Die ist bei mir gar nicht geregelt, ich zahle nichts ein. Ich muss einfach so lange arbeiten, wie es geht.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?
Richtige Ferien hatte ich noch nie. Nicht einmal an den verlängerten Wochenenden fahre ich weg, ich kann mir das schlicht nicht leisten. Nur letztes Jahr an Weihnachten habe ich eine Ausnahme gemacht und habe für eine Woche meinen Freund in São Paulo besucht.
Warum wurden Sie Taxifahrerin?
Weil ich gerne Auto fahre. Und weil es in diesem Beruf keine Routine gibt, jeden Tag lerne ich wieder neue Leute kennen.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Zwischen 150 und 200.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Nach Goiânia, das ist die Hauptstadt des Staates Goiás. Für die 220 Kilometer brauchte ich 4 Stunden.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Ich lese im Auto die Bibel, ich bin sehr gläubig.
Wer war bisher Ihr aussergewöhnlichster Gast?
Ein dreijähriger Junge, der mit seiner Mutter unterwegs war, wollte um nichts in der Welt in mein Taxi einsteigen, weil ich eine Frau bin. Seine Mutter hatte kurz davor einen Unfall mit dem Auto des Vaters gehabt, und der Junge vertraute Frauen am Steuer nicht mehr.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
1992 gab mir ein Tourist 10 Dollar. Zu dieser Zeit war das sehr viel Geld. Normalerweise runden die Fahrgäste auf, mehr als 5 Franken kommen pro Tag nicht zusammen.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Eigentlich nichts Aussergewöhnliches: Autoschlüssel, Ohrringe, Handys…
Wie reagieren Sie im Stau?
Bei uns in Brasília gibt es normalerweise keine Staus. Die Stadt wurde ja für den Autoverkehr geplant, die Strassen sind breit, und der Verkehr fliesst meistens reibungslos. Wenn er dennoch einmal steht, bleibe ich ruhig. Fahren macht mir wirklich Spass, und es muss viel passieren, bis ich wütend werde.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Ja, eigentlich mit jedem. Ein Thema bietet sich immer an: das Wetter. Die Hitze oder die Kälte, der Regen oder die Sonne.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Letztes Jahr musste ich 90 Franken bezahlen, weil ich um drei Uhr nachts über eine Kreuzung fuhr, als die Ampel auf Rot war.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Und wie viel kostet die Fahrt vom Flughafen dorthin?
Am liebsten fahre ich zur Praça dos Três Poderes, zum Platz der drei Gewalten. Er liegt zwischen Parlament, Justizpalast und Regierungspalast. Ich mag den Platz, weil er so gross ist und weil der Blick von dort so schön ist. Vom Flughafen kostet die Fahrt dorthin 15 Franken.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Nein, ich habe keine Angst und habe auch nie eine bedrohliche Situation erlebt. In Brasília passiert zwar oft etwas. Aber ich glaube an Gott, und der wird nicht zulassen, dass mir etwas passiert.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich mag es, wenn meine ganze Familie beieinander ist. Oder wenn wir alle zusammen auswärts essen gehen. Und ich gehe auch gern in Bars.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Als erstes würde ich meiner Familie helfen. Dann würde ich Reisen unternehmen, zuerst in Brasilien, dann auch im Ausland.
BRASILIEN
Einwohner: 170 000 000
BIP pro Kopf: CHF 6800
Benzin: 1 l CHF 0.75
Milch: 1 l CHF 0.95
Coca-Cola: 1 l CHF 0.70
Brot: 1 kg CHF 1.40
Reis: 1 kg CHF 1.30
Kinobillett: CHF 6
Zigaretten: 1 Packung CHF 1.10