NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Doppelt doppelbelastet

© Isabel Truniger, Zürich
Die Haushaltführung ist ein einziger Wettkampf um Timing und Koordination: Familie Schoppig. Linktext
Ein ausgeklügeltes Farbleitsystem sorgt für Übersicht bei der Einhaltung der religiösenVorschriften. Zu Besuch im traditionell jüdischen Haushalt der Familie Schoppig.

Von Daniele Muscionico

Berouria Schoppig ist ihre eigene Multi-Task-Force. Während sie mir ihren Haushalt erklärt, versorgt sie per Telefon Freundinnen mit lebenspraktischen Ratschlägen, drückt dem hungrigen Spielkameraden ihres Jüngsten eine Banane in die Hand, mahnt ihren Sohn, die Kippa aufzusetzen, bäckt einen Spinatkuchen und ruft den Metzger an, um die aktuellen Fleischpreise in Erfahrung zu bringen. Bei allem ist Frau Schoppig doppelt so energisch, wie sie wirkt, und sieht halb so alt aus, wie sie ist. Berouria Schoppig, geboren in Casablanca, Tochter einer dreizehnköpfigen Familie, managt einen Haushalt mit Ehemann und drei Kindern unter Berücksichtigung der Speisegesetze ihrer jüdischen Religion.

Damit Milch und Fleisch nicht miteinander in Berührung kommen, umfasst ihre ohnehin enge Küche insgesamt drei Küchen: eine für Milchiges, eine für Fleischiges und eine für die Zubereitung von Lebensmitteln, die pareve sind, neutral. Kartoffeln, zum Beispiel. Geschirr, Töpfe, Besteck, Küchen- und Handtücher, Putzutensilien besitzt sie in doppelter Ausführung, Trinkgläser allerdings nicht. Orthodoxe Juden, sagt sie, trennen auch die Gläser und haben, wenn es die Verhältnisse erlauben, für die Milch- und die Fleischküche verschiedene Räume. Ihren eigenen Haushalt bezeichnet sie als traditionell religiös.

Um in diesem Meer von Utensilien die Übersicht zu behalten, sind sie peinlich genau in immer denselben Schubladen und Kästen untergebracht, die mit verschiedenfarbigen Etiketten markiert sind: rote mit der Aufschrift «Meat», blaue mit der Aufschrift «Dairy», grüne mit «Pareve». Zudem versucht sie, die Gegenstände für ihre Küchen-in-der-Küche entweder in Rot und dann in Metall oder in Blau und dann in Holz zu kaufen, um sie ausserhalb von markiertem Territorium schneller unterscheiden zu können.

Die Haushaltführung von Frau Schoppig ist ein einziger Wettkampf um Timing und Koordination. Dass sie ihn allein antritt, ist keine Frage. Die Kinder, sagt sie, hätten nebst dem Fussballtraining, den Karate- oder den Musikstunden genug Pflichten neben der Schule. Zur Musikstunde und zum Sporttraining werden sie von ihr persönlich chauffiert. Ihre Kinder seien ausgelastet und damit von der Mithilfe im Haushalt entbunden, sagt die Mutter. Für den Ehemann gilt dasselbe. Er isst jeden Mittag zu Hause, auch dann, wenn sie nicht da ist, weil sie an drei Vormittagen in einer jüdischen Buchhandlung arbeitet. Dann ist sein Essen vorgekocht.

Berouria Schoppig ist die Schaltzentrale eines Haushalts, in dem das Vorkochen und das Vorbereiten, das Nachbereiten und das Putzen die Hauptbeschäftigungen sind. Vorkochen ist vor allem nötig, weil am Sabbat – von Freitag eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang bis Samstag eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang – nicht gekocht werden darf.

Am Donnerstag beginnt Frau Schoppig mit dem Backen der fünf Kilo Brot, der zwei bis drei Kuchen und den Desserts, was zwischen drei und fünf Stunden dauert. Am Freitag wird noch einmal vier Stunden vorbereitet, es werden acht Liter heisses Wasser für Tee und Kaffee in einen Thermostopf abgefüllt und die Wärmeplatten in Betrieb gesetzt, auf denen das vorgekochte Essen bis Samstagabend stehen wird. Am Samstagmittag sitzen dann bis zu zwanzig Personen um ihren Esstisch, Menschen, die Frau Schoppig eingeladen hat, damit diese den Sabbat nicht allein feiern müssen. Ein offenes Haus zu führen, ist ihr wichtig.

Dann das Putzen, intensiv vor allem vor Ostern, Pessach, wenn sieben Tage kein gesäuertes Brot gegessen werden darf. Zuvor muss die ganze Wohnung in mehrtägigem Einsatz auf Hochglanz gebracht werden, damit «kein Brösmeli» mehr aufzufinden ist. Die Tiefkühltruhe wird abgetaut, alle Schränke werden geputzt und mit Papier ausgelegt, und sämtliche Gegenstände, die mit gesäuertem Brot in Berührung kommen, werden in Kisten gesteckt und weggeschlossen. Dann werden für sieben Tage die beiden Kartons ausgepackt, die während des Jahres im Estrich lagern: sie sind ausschliesslich mit Pessach-Geschirr und -Besteck und Pessach-Töpfen gefüllt.

Was gekocht wird, muss ins Haus geschafft werden. Auch das erledigt Frau Schoppig meist allein. Damit sie wirklich nur koschere Lebensmittel einkauft, konsultiert sie eine Liste, die ihr die Gemeinde zur Verfügung stellt. Mit ihr frequentiert sie auch Migros oder Coop, wo sie dennoch jede Artikelnummer vergleichen muss. Denn es kann vorkommen, dass auf der Liste 500 Gramm eines bestimmten Brots erlaubt sind, ein Kilo aber verboten ist, weil die jüdischen Lebensmittelkontrolleure vielleicht festgestellt haben, dass die Kilo-Brote mit Eigelb bestrichen wurden. Und hätte es in einem Ei auch nur einen Tropfen Blut gehabt und ihre Familie hätte das Brot gegessen, man hätte ein Speisegesetz gebrochen. Frau Schoppig aber ist Hüterin des Herdes und der Tradition.

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