«Man kennt die Kindheit nicht», schrieb Rousseau 1762 in seinem «Emile». Mehr als zweihundert Jahre später meinen wir mehr zu wissen. Zumindest haben wir alle eine Vorstellung davon, was zu einer glücklichen Kindheit gehört: Kinder brauchen Geborgenheit, sie wollen behütet sein, sie dürfen nicht überfordert werden, sie benötigen unseren Schutz, und sie müssen eine Zukunftsperspektive erkennen können. Ein Blick zurück in die Geschichte, in unsere Geschichte, zeigt indessen, dass dies ein Ideal ist, das sich erst in neuerer Zeit entwickelt hat. Denn ein Beschützerinstinkt dem Kind gegenüber - eine reflexhafte Reaktion auf das, was Konrad Lorenz als «Kindchenschema» umschrieben hat - scheint nicht in der Natur des Menschen zu liegen. Beweis genug ist, dass bis heute tagtäglich die Rechte der Kinder millionenfach missachtet werden. Natürlich sind wir voller Entsetzen angesichts dessen, was in der Dritten Welt geschieht. Aber eines geht dabei leicht vergessen: Alles, was Kinder dort erleiden - Vernachlässigung, Ausbeutung, Grausamkeit, brutale körperliche Gewalt -, hat es auch in Europa gegeben, gerade während der industriellen Revolution.
Dass bei uns die Kinder früher in Massen starben, hat nicht nur mit medizinischem Unvermögen gegenüber Infektionskrankheiten zu tun. Und wenn auch unsere sozialen Netze inzwischen engmaschiger geworden sind, können wir in Europa längst nicht allen Kindern das garantieren, was wir für eine ihnen gemässe Kindheit halten. Gerade in einem Europa, das immer enger zusammenrückt, tut es auch not, ein Bewusstsein zu entwickeln und zu bewahren für jene am Rand, müsste der Blick dafür geschärft werden, wie wir mit unseren Kindern umgehen und welche Zusammenhänge diesen Umgang bestimmen. Wir sollten uns zum Beispiel vergegenwärtigen, dass den Preis für unseren billigen Schuh vielleicht ein Kind in Portugal zahlt, das arbeiten muss wie ein Erwachsener. Dass andere Kinder, deren Eltern zur Migration gezwungen sind, zwischen den Kulturen manchmal aufgerieben werden. Und dass unser Wohlstand durchaus keine Garantie dafür bietet, dass Kinder auch bei uns aufwachsen, wie wir es wünschten: eben geborgen, behütet, beschützt.