NZZ Folio 07/00 - Thema: Mann und Frau   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Michel de Rivaz, Banknotenexperte

Von Peter Rüedi

ER IST EIN MANN von Welt. Michel de Rivaz studierte in Freiburg die Rechte, trat noch vor seiner Promotion in den Dienst der Schweizerischen Nationalbank ein und avancierte zum Direktor des Geschäftssitzes in Bern. Bald war er der Fachmann für alle Fragen, die mit der Gestaltung, dem Druck, schliesslich auch der Geschichte der Banknoten zusammenhingen; der Band «Ferdinand Hodler / Eugène Burnand und die schweizerischen Banknoten», vollends sein Buch «Die schweizerische Banknote 1907-1997» sind Monumente für eine ebenso begehrte und verbreitete wie verkannte angewandte Kunst. Oder vielmehr Grabsteine - angesichts der Tendenz zum bargeldlosen Zahlungsverkehr und der Aussicht auf den Euro. Nebenbei half de Rivaz als Berater die Nationalbank von Mauretanien aufbauen, und er präsidierte während vier Jahren das Comité des marchés financiers der OECD in Paris.

Kunstwerke mag er in den Banknoten nicht sehen, dafür seien die funktionellen Voraussetzungen zu kompliziert. Ein Anwalt der Künste ist er indes auch: als langjähriger Präsident der kantonalbernischen Kunstkommission, als Präsident der Kunstkommission der Nationalbank, als Gründer und Präsident der Adolf-Wölfli-Stiftung.

Der Mann mit dem weit gezogenen Horizont, 1920 in Sion geboren, ist allerdings vor allem auch Walliser. Und er ist es noch ein bisschen mehr, seit von seiner Tante Germaine 8400 Quadratmeter Reben in Saint-Séverin bei Conthey auf ihn kamen, «am Hang gelegen wie ein Parabolspiegel; da wächst ein honoriger Fendant, ein bisschen Pinot und Gamay». Der Walliser Normalfall also, den er als spätes Erbe vor zehn Jahren antrat (zusammen mit dem Sylvaner/Johannisberg bedecken die drei Sorten noch immer 91 Prozent der Rebfläche).

Chasselas, Pinot noir, Gamay überrollten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Wallis wie eine önologische Kolonisation und drängten die autochthonen oder schon im Mittelalter eingeführten Varietäten an den Rand der Ausrottung: den Landroten Cornalin, die Petite Arvine und den Amigne, die Rèze, den Savagnin blanc. Eine Rückkehr zu den Wurzeln wird allenthalben ausgerufen, ist aber eher zu ahnen als abzusehen. Solange 22 636 (!) Besitzer sich auf unzähligen Parzellen und, bei aller Dominanz der Massensorten, auf nicht weniger als 43 (!) Cépages verzetteln, flattern die Fähnchen im rasch umspringenden Wind der Moden (selbst der mit dem Walliser Terroir und Klima wenig kompatible Chardonnay schiesst neuerdings ins Kraut).

Da sind die drei Flaschen, die Michel de Rivaz der allgemein (und in der eigenen Produktion) nach wie vor wirksamen Schwerkraft der Verhältnisse entgegenhält, immer noch so etwas wie magische Abwehr-Fetische gegen den Unfug von gestern und den von heute. Ein trockener, frischer, diskreter Muscat 1995 von Pierre-Elie Rey & Fils (Cave St-Michel, Corin/Sierre), der auch nach einer halben Stunde im Glas alle Vorurteile von orientalisch mastigen Parfums widerlegt. Und ein Paar vermeintlicher Zwillingsbouteillen von Desfayes-Crettenand in Leytron, ein «Humagne blanc» und ein «Humagne rouge», beide 1998. Genetisch haben die beiden Sorten nichts gemein. Der Weisse, ein lagerfähiger, reicher, charaktervoller Wein, ist ein Ureinwohner des Wallis, mindestens seit 1313 nachgewiesen. Der Rote, rauchig, würzig, eigenständig und wild, kam im Mittelalter aus dem Aosta-Tal über die Pässe, wo er als Oriou lange die beherrschende autochthone Sorte war.

Der Tag verdämmert, der Gastgeber funkelt. Der Humagne sei der Wein für die Wöchnerinnen, «et pour les vieillards». Dem Arzt, der ihm lang vor dem 80. Geburtstag gnädig ein abendliches Glas einräumen wollte, hat er höflich, aber für alle Zeiten heimgeleuchtet: «C'est pas négociable avec un Valaisan.»


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