NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Erfolg dank Sinn fürs Gleichgewicht?

Von Ursula von Arx

ERNST BEYELER, geboren 1921 in Basel, bedient als Kunsthändler die Agnelli und Rockefeller dieser Welt; als Kunstsammler liess er von Stararchitekt Renzo Piano die Fondation Beyeler in Riehen bauen und machte so seine rund 180 Werke der klassischen Moderne der Öffentlichkeit zugänglich. Der Symbiose von Natur, Kunst und Architektur wegen wurde das Museum schon als der Welt schönstes gelobt. «Das freut einen», sagt Beyeler.

Ernst Beyeler, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Man wurde streng erzogen von den Eltern in jener Zeit, und dem hat man sich auch unterworfen. Ich hatte Respekt vor meinen Eltern.

Gab es Kunst zu Hause?

Mein Vater arbeitete bei den SBB, er hatte anderes im Kopf. Meine ersten Kontakte zur Kunst verliefen über die berühmten Phaidon-Bände, da sah ich Michelangelo und Cézanne. Es machte klick, wunderbare Welten waren zu entdecken. Bald nach dem Krieg reiste ich nach Rom, nach Paris und staunte. Kunst muss berühren, einen starken optischen und geistigen Eindruck hinterlassen. Kunst, die nur den Intellekt anspricht, hat mich nie so interessiert.

Nach der Matur haben Sie eine kaufmännische Lehre gemacht, an der Uni besuchten Sie Vorlesungen in Ökonomie und Kunstgeschichte.

Ja. Die kaufmännische Arbeit war gut und wichtig, doch sie zeigte mir, dass ich noch anderes wollte. Aber die rein akademische Beschäftigung mit Kunst befriedigte mich auch nicht.

Sie arbeiteten dann in einem Buchantiquariat an der Bäumleingasse 9 in Basel. 1947 übernahmen Sie das Geschäft, und es wurde daraus langsam die von New York bis Tokio bekannte Galerie für moderne Kunst. Das erste Mal als Galerist, wie kam es?

Japanische Farbholzschnitte waren für mich immer etwas ganz Besonderes. Ich hatte das Glück, an zwei Privatsammlungen heranzukommen, die zum Verkauf standen. Wir spannten also Tücher vor die Büchergestelle und zeigten japanische Farbholzschnitte, das war die erste Ausstellung.

Das Interesse daran haben Sie dann verloren?

Ich sah bald, dass man da wirklich Spezialist sein muss, dass es auch von Vorteil wäre, man könnte Japanisch. Denn es gibt sehr raffinierte Nachdrucke, da haben selbst grosse Kenner Mühe zu unterscheiden. Dann versuchte ich es mit persischer, südamerikanischer und auch mit afrikanischer Kunst. Das war alles interessant, aber ich merkte, dass ich mich am besten auf das 20. Jahrhundert konzentriere.

Wieso?

Ich bin ja auch ein bisschen ein Abenteurer und nicht ein beschaulicher, nostalgischer Geist. Natürlich kannte man in den Fünfzigern Picasso, Mondrian, Kandinsky, Klee, aber so richtig durchgesetzt hatten sie sich noch nicht. Das reizte mich. Kommt dazu, dass immer, wenn ich mit älterer Kunst zu tun hatte, ich schnell auf Experten aller Art angewiesen war. Da hatte ich lieber Kunst, die ich selber beurteilen und entdecken konnte. Ausserdem: Ein Spitzweg kann ja sehr reizvoll sein, aber ich meine doch, dass in unserem Jahrhundert ein Tor zu etwas weit Grösserem aufgestossen wurde, mit dem Kubismus, der Entdeckung, dass man Körper konzeptionell und nicht nur als Abbild gestalten kann, mit der Abstraktion, der Frage, wie man geistige Inhalte vermittelt.

War das Risiko am Anfang gross?

Es war schon harzig. Die Namen waren, wie gesagt, nicht so bekannt, aber trotzdem nicht ganz billig. Und Basel war auch nicht der Ort, an den die Leute, die sich für Kunst interessierten, zuerst dachten. Unser täglich Brot verdienten wir mit Grafik von Toulouse-Lautrec bis Picasso, vor allem Ärzte, Anwälte und Lehrer waren unsere Kunden.

Gibt es Käufer, bei denen Sie dachten, das ist aber schade um das Kunstwerk?

Bei erstklassigen Bildern schon. Doch allzu wählerisch darf man nicht sein, wenn so grosse Beträge im Spiel sind. Und manchmal wandern die Bilder dann doch noch ins Museum.

Was ist speziell an der Fondation?

Die Leute empfinden sie als Kraftstation, als eine Art Kapelle. Denn die Sammlung ist sehr kompakt, und es sind keine eigentlichen Abstürze dabei. Sie hat vielleicht ein bisschen Arche-Noah-Niveau, Wichtigstes aus diesem Jahrhundert wurde an Land oder besser aufs Schiff gezogen. Und dann natürlich die Wechselausstellungen, in denen auch die Gegenwartskunst einen hohen Stellenwert hat.

William Rubin, einst Direktor des Museum of Modern Art in New York, hat sich gewundert, dass Sie auch noch in den schäbigsten Hotels abstiegen, als es Ihnen finanziell schon sehr gut ging. Sind Sie sich selber gegenüber geizig?

Ich wurde eben zu Sparsamkeit erzogen, das geht einem nach. Meine Generation lernte noch, etwa im Militär, sich in einen Strassengraben zu legen und zu schlafen, damit hatte ich keine Mühe. Aber Rubin ist halt Amerikaner, und die sehen da natürlich sofort Wanzen, Spinnen, Ratten.

In Ihrer Freizeit rudern Sie.

Da muss man den Gleichgewichtssinn entwickeln, das ist auch wichtig im Beruf. Das Ding soll ja nicht kippen.


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