FÜR GISELA L., eine Münchnerin mittleren Alters, ist jeder Spaziergang durch die Stadt ein Horrortrip: Will sie eine Strasse überqueren, sieht sie ein Auto zuerst weit entfernt und dann plötzlich sprunghaft nah. Gisela kann keine Bewegungen erkennen - ihre Welt ist eine Folge eingefrorener Szenen (wie im Stroboskoplicht der Disco). Selbst die einfachsten Dinge werden ihr zum Problem: Giesst sie Tee in die Tasse, sieht sie nicht, wie die Flüssigkeit kontinuierlich steigt - bis die Tasse unvermittelt überläuft. Gisela hatte 1978 einen Hirnschlag erlitten, der ein nur briefmarkengrosses Areal in der Grosshirnrinde, dem Cortex, zerstörte - offenbar die Region, wo Bewegungen analysiert werden.
Einem Patienten mit schwerer Epilepsie hat man die Nervenverbindungen zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte durchtrennt, damit die Anfälle sich nicht mehr über das ganze Hirn ausbreiten können. Steht der Mann jetzt vor dem Kleiderschrank, kann es passieren, dass er sich mit jeder Hand eine Hose greift. Und nachdem er die eine Hose angezogen hat, zwängt er sich auch noch die zweite über. Denn beim Griff in den Schrank sahen seine Augen zwar beide Hosen, die rechte Hand wusste aber nicht, was die linke tat. Ein solcher «Split-Brain»-Patient kann seine unsinnige Handlung nicht stoppen, denn es fehlt ihm die Möglichkeit, das Bewusstsein der beiden Hirnhälften unter einen einheitlichen Willen zu stellen.
Vollends rätselhaft erscheint uns «Blindsehen». Es gibt Menschen, deren visuelle Empfangsstation auf der Grosshirnrinde etwa durch einen Schlaganfall ausgeschaltet ist. Der Patient ist blind. Trotzdem wendet er den Kopf gezielt Lichtreizen zu, bezeichnet die Farbe von Gegenständen oft richtig und greift mehr oder weniger präzis nach Gegenständen. Nach seiner Meinung ist dies alles aber purer Zufall, denn er nimmt keinerlei optische Information bewusst wahr. Das Phänomen hat die Forscher zur Einsicht gebracht, dass es neben den bekannten Nervenverbindungen des Sehsystems im Hirn noch zusätzliche Wege für die visuelle Verarbeitung geben müsse.
So sind es nicht zuletzt Defekte und Krankheiten, die uns das noch immer rätselhafte Sehsystem besser begreifen lassen. Aber auch nach einem Jahrhundert wissenschaftlicher Anstrengung steckt die Erforschung des Sehens erst in den Kinderschuhen. Was insofern nicht verwundert, als das Sehsystem wohl der umfassendste und komplizierteste Teil unseres Gehirns ist: rund die Hälfte der gesamten Grosshirnrinde dürfte in irgendeiner Form in die Verarbeitung visueller Informationen involviert sein. Vermutlich ist beim Menschen das Entstehen des Bewusstseins eng mit der Evolution des Sehsystems verknüpft. Aber die Frage, wie das Hirn das uns so selbstverständliche Bewusstwerden von Farben und Formen, das Wiedererkennen von Dingen und Gesichtern bewerkstelligt, bleibt weitgehend unbeantwortet.
AUF DER NETZHAUT. Recht gut versteht man inzwischen die Art und Weise, wie die optischen Signale durch die Augen in den Körper gelangen. Ähnlich dem Objektiv einer Videokamera sammelt die Augenlinse die auftreffenden Lichtpunkte und wirft sie als Bild auf die Netzhaut. Dort sitzen als Sinneszellen pro Auge 120 Millionen Stäbchen, die sehr lichtempfindlich sind und vor allem auf Hell-Dunkel-Signale reagieren. Daneben gibt es als Lichtempfänger noch sechs Millionen Zapfen, die je nach Typus entweder für rotes, grünes oder blaues Licht am sensibelsten sind. Auf schwaches Licht sprechen die Zapfen aber nur schlecht an, weshalb uns nachts alle Katzen grau erscheinen. In den Stäbchen und Zapfen wandeln Pigmente die Lichtteilchen (Photonen) auf chemischem Wege in elektrische Signale um. Die lichte Welt hört also an der Netzhaut auf - alles weitere Sehen geschieht im Dunkeln.
In der Netzhaut sitzen zudem die retinalen Ganglienzellen, Nervenzellen, deren Fortsätze als «Sehnerven» die elektrisch verschlüsselten Signale ins Hirn leiten. Deshalb ist die Netzhaut bereits Teil des Gehirns: in der embryonalen Entwicklung entsteht sie aus einer Ausstülpung des Gehirns. Pro Auge gibt es etwa eine Million Ganglienzellen; also mehr als hundertmal weniger als die Zahl der Stäbchen und Zapfen. Das weist darauf hin, dass bereits vor den Ganglienzellen eine erste Verarbeitung der optischen Information stattfindet. In der Tat gibt es zwischen Sinneszellen und Ganglienzellen verschiedene weitere Zellen, die jeweils die auf einen kleinen Ausschnitt der Netzhaut fallenden Lichtsignale nach bestimmten Kriterien evaluieren und das Resultat einer einzelnen Ganglienzelle mitteilen.
Die Gesamtheit der Sinneszellen auf der Netzhaut, deren optische Reizung zur elektrischen Aktivität einer einzigen Ganglienzelle führt, nennt man rezeptives Feld. Es gibt nun Ganglienzellen, die ein Signal nur ans Hirn weiterleiten, wenn ihr rezeptives Feld in der Mitte von einem Lichtpunkt getroffen wird, der Randbereich des Feldes aber dunkel bleibt (An-Zentrum-Zelle). Andere Ganglienzellen werden beim genau umgekehrten Fall aktiviert: kein Licht im Zentrum des entsprechenden rezeptiven Feldes, dafür Licht in der Peripherie (Ab-Zentrum-Zelle). Fällt Licht auf das gesamte rezeptive Feld, antworten beide Ganglienzelltypen nicht.
Dieses simple Prinzip erlaubt bereits eine Selektion: Schon im Auge wird eine Unterscheidung von Helligkeitskontrasten innerhalb einer uniformen Fläche möglich - das Auge (und damit das Hirn) ist vor allem an Unterschieden interessiert. Neben den rezeptiven Feldern mit An-Zentrum oder Ab-Zentrum gibt es in der Netzhaut vor allem der niederen Tiere auch rezeptive Felder, die ihre Ganglienzellen in Trab setzen, wenn sich innerhalb des Feldes eine Hell-Dunkel-Kante bewegt. Die Spezialisierung kann so weit gehen, dass die Bewegung in einer ganz bestimmten Richtung erfolgen muss. Für viele niedere Tiere ist die Information der Ganglienzellen nämlich bereits alles, was sie zum Überleben brauchen - die gesamte optische Wahrnehmung findet in der Netzhaut statt.
So kann ein Feuersalamander lediglich einen waagrechten Schattenbalken von einem senkrechten unterscheiden. Da er weiss, dass Würmer nicht senkrecht auf dem Kopf stehen, genügt ihm dieses Unterscheidungsmerkmal, um zu seiner Nahrung zu kommen. Frösche haben in ihrer Netzhaut ausschliesslich bewegungsempfindliche Ganglienzellen. Sie können deshalb Beute nur sehen, wenn sich diese bewegt, und würden inmitten eines Feldes toter Fliegen Hungers sterben. Weil die gesamte Bildverarbeitung bei den niederen Tieren in der Netzhaut erfolgt, haben sie im Laufe der Evolution immer raffiniertere rezeptive Felder erfunden. Auf der Netzhaut des Frosches hat man «Fliegendetektoren» entdeckt, rezeptive Felder, die ihre Ganglienzelle nur stimulieren, wenn sich auf dem Feld etwas Kleines, Dunkles unregelmässig schnell bewegt.
Die höheren Säugetiere und insbesondere der Mensch blieben indes auf der Stufe Netzhaut bei der relativ einfachen Hell-Dunkel-Bildverarbeitung und verlegten die visuelle Hauptarbeit ins denkende Hirn. Denn nur mit einem lernfähigen Sehsystem können schliesslich auch Dinge wahrgenommen werden, die nicht zum Repertoire des angeborenen Wissens gehören. Dank solch individuellem Lernen kann der Hund seinen Meister erkennen, wenn er seine Gestalt und Gehbewegungen sieht. Und für uns ist der Buchstabe A viel mehr als zwei Schrägstriche mit Balken.
IM KNIEHÖCKER. Was passiert mit dem elektrischen Signal, das die Ganglienzelle in den Sehnerv leitet? Es wird vom Sehnerv zum seitlichen Kniehöcker geführt, einem erdnussgrossen Zellnest, das auf jeder Hirnhälfte etwa auf halbem Weg zwischen Auge und Hinterkopf im Zwischenhirn, im Thalamus, eingebettet ist. Diese Kniehöcker sind Relaisstationen, wo die Sehreize auf andere Neuronen umgeschaltet und zur primären Sehrinde ganz hinten im Schädel geleitet werden. Dass die recht kompliziert gebauten Kniehöcker aber bloss zum Weiterleiten der Sehinformationen da sein sollen, ist unwahrscheinlich. Beim Kniehöcker treffen nämlich auch Signale aus dem Schlafzentrum des Hirns ein, und es könnte sehr wohl schon hier entschieden werden, ob die visuelle Information überhaupt der Hirnrinde zur Weiterverarbeitung zugeleitet werden soll. Vielleicht träumen wir deshalb gelegentlich mit offenen Augen.
Bei Fischen und Reptilien und auch noch bei den Huftieren wird die gesamte Information des linken Auges dem Kniehöcker der rechten Hirnhälfte zugeführt und umgekehrt (wie auch die Tast- und Schmerzempfindungen der einen Körperhälfte auf die gegenüberliegende Hirnseite geschaltet werden). Warum im Hirn ein solcher Seitenwechsel erfolgt, ist unbekannt. Je mehr sich nun das Tier vom simplen Sammler zum Räuber entwickelte, desto eher war es darauf angewiesen, sein Opfer genau ins Auge zu fassen. Es musste die Distanz zur Beute schätzen können, was nur exakt möglich ist, wenn das Ziel binokular, also mit beiden Augen anvisiert wird.
Die Augen wanderten im Laufe der Evolution deshalb im Gesicht von der Seite nach vorn. Und am Kniehöcker war nun eine andere Verdrahtung nötig, denn jetzt musste das linke Gesichtsfeld beider Augen zur rechten Hirnseite übertragen werden. Dass sich der binokulare Gesichtssinn bei den Primaten besonders stark entwickelt hat, mag auch damit zu tun haben, dass unsere Vorfahren auf den Bäumen lebten: Ein Affe, der beim Sprung die Entfernung zum nächsten Ast nicht richtig einschätzen konnte, hat seine Gene wohl kaum weitergegeben. Und da ein Auswerten binokularer Informationen an das Hirn besonders hohe Ansprüche stellt, war auch die Entwicklung einer mächtigen Grosshirnrinde - und damit der Werdegang zum «denkenden Seher» - programmiert.
Dem Wechsel vom umfassenden Seitenblick des Sammlers zum nach vorne gerichteten Jagdblick musste sich auch die Netzhaut anpassen. Scharfes Sehen ist nur möglich, wenn selbst eng beieinander liegende Bildpunkte noch unterschieden werden können. Deshalb hat unsere Netzhaut genau im Zentrum eine Zone des schärfsten Sehens (Fovea). Hier sitzen enggepackt nur die farbempfindlichen Zapfen - pro Quadratmillimeter Netzhaut 160 000 -, und jede Sinneszelle meldet ihre Lichtreize einer eigenen Ganglienzelle. Mit solchen kleinsten rezeptiven Feldern können wir noch zwei Punkte unterscheiden, die so nahe beieinander liegen wie der Durchmesser eines Frankenstückes in 150 Meter Entfernung.
Von der Netzhautmitte nach aussen werden die rezeptiven Felder dann immer grösser. Am Rand sind es vor allem Stäbchen, die zu Hunderten eine einzige Ganglienzelle bedienen. Dies ergibt zwar eine eher mickrige Sehschärfe, dafür aber hohe Lichtempfindlichkeit. Wir nehmen also am Rand des Sehfeldes schon geringste Veränderungen wahr. Darauf sind wir (und andere Vorwärtsblickende) auch dringend angewiesen, denn während Tiere wie der Hase eine seitlich auftauchende Gefahr früh sehen, haben wir im Seitenbereich einen erheblichen toten Winkel. Es gibt Fachleute, die meinen, dieser Verlust des Rundblickes habe die Primaten zu sozialen Wesen gemacht, weil dadurch ein gegenseitiges Füreinanderschauen lebenswichtig wurde.
IM CORTEX. Schliesslich treffen die visuellen Signale von den Kniehöckern auf der primären Sehrinde, dem primären visuellen Cortex, zuhinterst im Hinterhauptlappen ein. Auf einer Fläche von einigen Quadratzentimetern liegt hier auf jeder Hirnhälfte eine zwei Millimeter dicke Zellplatte mit 200 Millionen Nervenzellen. Es waren vor allem die Amerikaner David Hubel und Torsten Wiesel, die seit 1958 die Funktion dieser Stufe des Sehapparates untersuchten, indem sie der Netzhaut von Katzen und Affen bestimmte Lichtreize präsentierten und mit Mikroelektroden die Antworten einzelner Zellen des visuellen Cortex registrierten. Dank jahrzehntelanger Forschung ist der visuelle Cortex heute der am besten verstandene Teil des Gehirns. Im wesentlichen ist hier die visuelle Welt in gleicher geometrischer Anordnung abgebildet, wie sie auf die Netzhaut projiziert wird. Allerdings beansprucht die doch kleine Netzhautregion des scharfen Sehens nahezu die Hälfte des visuellen Cortex. Auch sind die Informationen aus linkem und rechtem Auge in der Eingangszellschicht des Cortex noch säuberlich getrennt.
Reagieren die Eingangszellen noch getreu auf die Hell-Dunkel-Informationen der Netzhautganglien, wird es in den nächsten Cortexschichten komplizierter. Hier gibt es Nervenzellen, die reagieren, wenn die Hell-Dunkel-Reize im Netzhautausschnitt die Form einer geraden Kante haben; andere Zellen werden nur aktiv, wenn die Kante einen ganz bestimmten Richtungswinkel zeigt; schliesslich gibt es auch Zellen für Farbe, binokulare Zellen (Zellen, die Reize aus beiden Augen brauchen) und Zellen, die auf Bewegungen ansprechen. Letztere sind in der Mehrzahl, was insofern verständlich ist, als Verschiebungen in der Aussenwelt viel wichtiger (und oft gefährlicher) sind als Unbewegtes. Die Dominanz der Bewegung hat uns auch den unruhigen Blick beschert: Unsere Augen können nicht fest auf einen bestimmten Punkt blicken, sondern zucken mehrmals pro Sekunde in kleinsten Bewegungen hin und her. Sehen heisst Bewegen. Bewegung macht das Hirn aber auch müde - es lässt zur Abwechslung die Landschaft rechts und links vom Wasserfall hochgleiten, wenn es vom ständigen Hinunterfliessen des Wassers genug hat.
So grossartig auch die Arbeit des primären visuellen Cortex ist, auf einem jeweils kleinen Hirnstück wird immer nur ein kleiner Ausschnitt der visuellen Welt empfangen, umgewandelt, analysiert. Das Zusammensetzen des Mosaiks zu Blumen, Hüten und Gesichtern muss anderswo passieren. Mittlerweile hat man in der Nachbarschaft des primären visuellen Cortex mindestens ein Dutzend mit ihm verknüpfte, übergeordnete visuelle Felder entdeckt. Wiederum ist in jedem dieser Felder auf der Fläche einer Briefmarke die vollständige Karte der Netzhaut repräsentiert, die Detailinformation wird aber nach bestimmten Kriterien vertiefter analysiert. Je weiter sich nun aber die Forschung in der Hierarchie der visuellen Wahrnehmung vortastet, desto dichter liegt der Nebel. Man vermutet auch im Scheitel- und im Schläfenlappen der Grosshirnrinde Dutzende zusätzlicher visueller Felder. Und in einer dieser Zonen findet dann wohl jene Analyse statt, die aus dem Gesicht irgendeiner Katze meine «Mizi» macht.
OPTISCHE TÄUSCHUNGEN. Steht die Wissenschaft bei der Aufdeckung der Sehwege im Hirn also noch ganz am Anfang, ist man den Geheimnissen der visuellen Wahrnehmung doch einiges näher gekommen, indem die Art und Weise des Sehens im alltäglichen Leben untersucht wurde. Besonders aufschlussreich sind optische Täuschungen. Viele Beispiele betreffen das dreidimensionale Sehen oder vielmehr jene Seherfahrungen, bei denen wir die dreidimensionale Welt auf Grund einer zweidimensionalen Abbildung interpretieren müssen. Denn ist es nicht erstaunlich, dass wir sehr oft ohne weiteres einen räumlichen Eindruck gewinnen, obschon die visuelle Information auf einem flachen Papier aufgezeichnet ist?
Klassisch geworden ist der «Necker-Würfel», jene Darstellung eines «durchsichtigen» Würfels, bei dem sowohl vordere als auch hintere Körperecken sichtbar sind. Unser Hirn interpretiert das zweidimensionale Bild rasch als dreidimensionalen Würfel. Da das Hirn aber keinerlei Hinweis darauf hat, welche Ecke vorne und welche hinten ist, wechselt die Interpretation laufend. Dabei können wir nicht gleichzeitig beide Varianten wahrnehmen. Treffender als «Ich glaube nur, was ich sehe», wäre der Satz: «Ich sehe nur, was ich glaube.»
Heikel ist auch die Wahrnehmung der Perspektive. Wir wissen aus Erfahrung, dass die parallelen Linien der Wände eines langen Korridors in der Distanz zusammenlaufen. Sehen wir deshalb am Ende des Korridors eine kleine Person, setzen wir die Figur automatisch in Relation zum scheinbaren Abstand der Wandlinien und wissen sofort, dass dies kein Spielzeugpüppchen, sondern ein ausgewachsener Mensch ist. In der wirklichen, dreidimensionalen Welt informiert uns die binokuläre Auswertung im Gehirn, ob ein Ding grösser wird, weil es sich uns nähert, oder ob sich in der Ferne ein Ungeheuer aufbläht. Bei dieser so wichtigen Analyse der Distanz nutzt das Gehirn auch die Stellung der Augenmuskeln als Information. Dass diese Meldung ihre Zeit braucht, können wir leicht testen, indem wir die Hand auf die Augen zubewegen: Tun wir dies langsam, scheint die Hand uns immer normal gross. Bewegen wir sie aber sehr rasch, wächst sie zu bedrohlicher Grösse.
Auch hat unser Hirn gelernt, selbst dort etwas zu sehen, wo es für das Auge nichts zu sehen gibt. Auf der Netzhaut gibt es eine Stelle ohne Sinneszellen, weil dort die Sehnerven durch eine Öffnung ins Hirn geführt werden. Diesen «blinden Fleck» kann jeder sofort finden, indem er mit einem Auge am ausgestreckten Arm eine Fingerspitze anvisiert und dann von diesem Ort aus einen zweiten Finger langsam seitwärts wegbewegt. Bleibt das Auge starr auf den ersten Finger gerichtet, verschwindet die zweite Fingerspitze plötzlich, wenn sie etwa eine Handbreit entfernt ist. Dass wir nun, selbst beim einäugigen Sehen, auf einem weissen Blatt Papier trotzdem kein Loch sehen, ist eine Kompensationsleistung des Gehirns.
LICHT FÜR DIE SEELE. Bei der enormen Subtilität des Sehvorganges ist es nicht verwunderlich, dass wir mit unseren Augen nur optimal arbeiten können, wenn die Lichtverhältnisse gut sind. Dies müsste auch die Arbeitgeber interessieren. Eine amerikanische Studie in einem metallverarbeitenden Betrieb hat ergeben, dass eine Erhöhung der Beleuchtungsstärke am Arbeitsplatz von 500 Lux auf 2000 die Leistung um 10 Prozent verbesserte, wobei die Leute 20 Prozent weniger Ausschuss produzierten und sogar 50 Prozent weniger Arbeitsunfälle bauten. Licht beeinflusst aber auch die Leistung, wenn die Augen gar nicht zum Arbeiten gebraucht werden. Ein deutsches Institut liess Sekretärinnen Text «blind» ab Diktiergerät schreiben. Wurde die Beleuchtung von 200 Lux auf 650 erhöht, reduzierte sich die Fehlerzahl um 6 Prozent, und die Anschlagleistung im Verlauf des Tages wurde gleichmässiger.
Das Augenlicht dient also nicht nur dem Sehen. Der deutsche Augenarzt Fritz Hollwich hat sich jahrzehntelang der Erforschung solch nichtvisueller Augenleistungen gewidmet. Frösche können zur besseren Tarnung die Hautfarbe der jeweiligen Umgebung anpassen. Werden dem Frosch jedoch die Augen verschlossen, funktioniert die Farbanpassung nicht mehr. Schaltet man nun durch eine Operation das Sehzentrum im Froschschädel aus und öffnet dem Tier wieder die Augen, ist der Frosch blind - die Farbanpassung funktioniert aber wieder. Des Rätsels Lösung: Der vom Auge ausgehende Sehnerv hat nicht nur Verbindungen zum Sehzentrum, sondern auch zur Hypophyse, zur Hirnanhangdrüse, die den Farbwechsel hormonell steuert.
Bei verschiedenen Tieren und auch beim Menschen konnten mittlerweile Nervenverbindungen vom Auge zum Hypothalamus und zur Hypophyse gefunden werden, zu jenen Schaltzentralen an der Hirnbasis, die den gesamten Hormonhaushalt kontrollieren und damit so unterschiedliche Dinge wie Wachstum, Körpertemperatur, Sexualität, Hunger und Durst, Wut und Freude regeln. Inzwischen hat man mit Licht die Hoden von Enten, Kaninchen und Ratten vergrössert, dem Hengst zu gesteigerter Männlichkeit verholfen und Hennen zu vermehrtem Eierlegen stimuliert.
Vor dreissig Jahren begann mit der Chronobiologie ein neuer Wissenschaftszweig. Am Max-Planck-Institut im bayrischen Andechs lebten Versuchspersonen wochenlang in einem «Bunker» ohne jeden Hinweis auf die Tageszeit. Dabei stellte sich ein körpereigener Aktivitätsrhythmus von etwa 25 Stunden ein. Wir verfügen offensichtlich über eine «innere Uhr», wobei neben dem Schlaf auch Konzentrationsfähigkeit und Hormonproduktion, ja selbst die Schmerzempfindlichkeit im ungefähren Tagestakt variieren.
Wie aber synchronisiert der Körper diese verschiedenen Zyklen und passt sie dem 24-Stunden-Tag der Aussenwelt an? Durch Studien an Mäusen und Ratten fand man den Schrittmacher im Hirn: kleine Zellhaufen im Hypothalamus, die sogenannten suprachiasmatischen Kerne. Sie erhalten Nervensignale direkt von der Netzhaut der Augen, wissen also, wann es «draussen» hell und wann es dunkel ist. Der Schrittmacher steuert auch die Zirbeldrüse, indem diese das Hormon Melatonin nur an den Körper abgibt, solange kein Licht gemeldet wird. Als «Hormon der Dunkelheit» lockt Melatonin uns in den Schlaf. Den Mäusen aber sagt es, wann die Zeit für die nächtliche Futtersuche gekommen ist. Da die Dauer des nächtlichen Melatoninbades auch ein Mass für die Jahreszeit ist, ruft so die Natur den Hirsch zur Brunft und schickt die Zugvögel termingerecht auf die Reise.
1980 machte der amerikanische Psychiater Alfred Lewy eine folgenreiche Entdeckung. Er hatte einen Patienten, der immer im Herbst depressiv wurde, im Frühjahr aber seine Krankheit völlig verlor. Lewy vermutete, der Mann leide unter jahreszeitlichen «Rhythmusstörungen» - zusätzliches Licht im Winter könnte ihm vielleicht helfen. Die Lichttherapie der saisonal abhängigen Depression (SAD) war geboren, und inzwischen sind viele Menschen nur mit ein paar zusätzlichen Stunden vor einer starken künstlichen Lichtquelle von ihrer SAD kuriert worden. Bereits werden in den USA mit Hilfe starker Lichtimpulse auch Schlaf- und Konzentrationsstörungen bei Schichtarbeitern, Astronauten und bei Leuten mit Jet-lag behandelt.
Bei allem Fortschritt aber bleiben das Wirken des Lichts und die Arbeit der Augen geheimnisvoll. Ein Mysterium, das schon vor zweitausend Jahren der römische Universalgelehrte Plinius Secundus ahnte: «Die Augen sind der kostbarste Teil des Körpers; durch die Verwendung des Lichtes unterscheidet er das Leben vom Tod. An keinem andern Körperteil zeigt sich deutlicher der Gemütszustand, denn man erkennt Mässigung, Milde, Mitleid, Hass, Liebe, Traurigkeit und Frohmut. Wahrlich, in den Augen wohnt die Seele.»
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.