NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

Etikettenschwindler

Wein fälschen ist leichter als Banknoten nachdrucken.

Von Jens Priewe

Die Flasche schien in Ordnung. Das Etikett sass perfekt. Die Kapsel war unberührt. Der Schriftzug Penfolds leuchtete wie gewohnt in roter Antiqua-Schmuckschrift. Nichts deutete darauf hin, dass in der Flasche nur ein billiger, ordinärer Wein war.

Fast nichts. Ein unbedeutendes Detail erregte die Aufmerksamkeit des Melbourner Weinauktionators Stuart Langton, dem sechs Flaschen von Penfolds berühmtem 1990er Grange vor drei Jahren zur Versteigerung angeboten wurden: der Strichcode auf dem Rücketikett. Er war schwarz, und Langton erinnerte sich, dass die Firma Penfolds den Strichcode in Rot druckte. Er stutzte und rief, bevor er den Versteigerungsauftrag annahm, die Experten von Penfolds an. Die liessen ihn wissen, dass der Code bis und mit Jahrgang 1990 in Rot gedruckt worden war und erst seit 1991 schwarz sei.

Langton war alarmiert. Er nahm die Flaschen genau unter die Lupe und erkannte nun auch an anderen Zeichen, dass es sich bei dem berühmten Wein um eine dreiste Fälschung handeln musste. Nicht nur wich die Typographie an mehreren Stellen von der des Originaletiketts ab, auf dem Rücketikett, auf dem Penfolds Hinweise zur Trinkreife des Weins gibt, verrieten sich die Fälscher auch noch als orthographische Dilettanten. Sie empfahlen, den Wein nicht vor 2000 auszuschenken. Ausschenken heisst auf Englisch «pour». Auf dem Etikett aber stand «poor».

Der Grange ist Australiens teuerster Wein. Penfolds verkauft ihn für rund 100 Dollar - den jüngsten Jahrgang. Im Regal kostet er nicht unter 250 Franken. Bei Versteigerungen erfolgt der Zuschlag oft auf ein wesentlich höheres Gebot. Der Jahrgang 1990, der besonders gesucht ist, erzielt Preise um 500 Franken. Fälschern winken also gute Profite. Viele Privatkunden, die ein, zwei oder gar sechs Flaschen erwerben, haben gar nicht vor, ihn zu trinken. Sie wollen ihn nur als Vorzeigeobjekt im Keller haben. Der Besitz eines Grange zeugt von Kennerschaft, gutem Geschmack und dickem Geldbeutel. Andere kaufen ihn, um ihn nach ein paar Jahren mit Gewinn weiterzuverkaufen. Und unter denen, die ihn im Restaurant bestellen, ist mancher, der vor Geschäftsfreunden protzen will. Diese Mischung aus Statussucht, Geldgier und Devotionalienkult macht Weinfälschern das Leben leicht. Das Misstrauen der Kunden ist gering, der Profit hoch. Gewissensbisse müssen sie auch nicht haben. Schliesslich trifft es keine Armen, sondern meist nur Dumme.

Wein fälschen ist wesentlich einfacher als Banknoten nachdrucken. Etiketten lassen sich leicht kopieren. Flaschen sind in jeder gewünschten Form und Grösse lieferbar. Und Kapselhersteller werden offenbar auch dann noch nicht misstrauisch, wenn sie Namen wie Romanée-Conti, Pétrus oder Grange auf die Kapseln drucken sollen. «Ich fürchte, dass die Dunkelziffer gefälschter Weine erschreckend hoch ist», sagt Serena Sutcliffe, Vorsteherin der Weinabteilung im Londoner Auktionshaus Sotheby's. Dass so wenige Fälschungen auffliegen, hat auch damit zu tun, dass Kartons oder Holzkisten mit wertvollen Weinen oft erst nach Jahren geöffnet werden, wenn der Wein trinkreif ist. Für eine Reklamation ist es dann zu spät. Und beim Wiederverkauf erzielen Weine, die in ungeöffneten Original-Holzkisten liegen, paradoxerweise höhere Preise als die entsprechende Anzahl an Einzelflaschen.

Weinfälscher reiben sich die Hände. Der grösste deutsche Weinauktionator, Koppe & Partner in Bremen, schreibt ausdrücklich: «Originalverpackungen werden (. . .) nicht in Augenschein genommen.» Der Zürcher Weinversteigerer Franz Josef Wermuth beschaut sich die Kisten genau, öffnet aber ebenfalls keine Originalgebinde. Christie's in London öffnet Originalholzkisten nur, wenn der Wein von 1982 oder älter ist. Schärfer geht nur Christie's amerikanischer Ableger Zachy's vor. Dort wird der Inhalt einer Originalverpackung grundsätzlich überprüft, bevor der Wein zum Ausruf kommt - auch junge Jahrgänge.

Professionellen Fälschern geht es jedoch gar nicht um sechs oder zwölf Flaschen. Im Juni letzten Jahres fanden die Beamten des toskanischen Weinbetrugsdezernats 17 000 Flaschen vom 1994er Jahrgang des italienischen Luxusweins Sassicaia. Genauer gesagt: von einer Kopie dieses Weins. Er lagerte in einer schäbigen Gewerbehalle im Industriestädtchen Santa Croce unweit von Pisa, versandfertig verpackt in blau-weissen Originalkartons. Bei einem Vinothekenpreis von 130 Franken pro Flasche hätte für Fälscher, Hehler und Schieber ein hübsches Sümmchen herausgeschaut. Denn der Wein selbst war nicht viel wert.

Deswegen flog der Schwindel auch auf. Ein Weinhändler aus Brescia hatte den Marchese Nicolo Incisa, den Besitzer des Sassicaia-Weinguts, angerufen und ihm mitgeteilt, dass er eine Flasche erworben habe, deren Inhalt unmöglich ein Sassicaia sein könne. Der Marchese pflichtete, nachdem er sich eine Flasche hatte schicken lassen, dem Anrufer bei. Schon beim Anblick der Flasche war ihm klar geworden, dass es sich um ein Plagiat handelte. Das Etikett war eine Farbkopie, und es fehlte der Reliefdruck des Originals. Das Königsblau des Kompasses, der auf dem Etikett dargestellt ist, war merkwürdig blass, desgleichen die Farbe der Kapseln. Sie waren, wie sich später herausstellen sollte, in Spanien hergestellt worden. Der Staatsanwalt konnte zwar den Weg zurück nach Santa Croce verfolgen und die Flaschen sicherstellen. Doch die Täter sind bis heute nicht gefasst.

Skrupelloser ging eine französische Betrügerbande vor, die den berühmten 1990er Château Rayas fälschte, den wohl besten, auf jeden Fall teuersten Châteauneuf-du-Pape. Sie brach in die Lagerhalle des Weinguts ein, klaute 100 Kisten des Zweitweins La Pialade und versah ihn mit einem gefälschten Etikett des 90er Château Rayas. Nur Kennern wie dem amerikanischen Weinkritiker Robert Parker fiel auf, dass der Wein heller in der Farbe war als der echte Château Rayas und im Vergleich mit diesem zu wenig Depot aufwies. Eine genauere Prüfung förderte noch weitere Unstimmigkeiten zu Tage. Am Kapselkopf fehlte das Prägewappen, und auf dem Etikett tauchte als Erzeugername «S.C.E.A. Château Rayas» auf, obwohl das Weingut erst 1992 entsprechend umfirmiert wurde; das Etikett des 1990ers trägt noch die Bezeichnung «Propriétaire J. Reynaud». Ob den Käufern des Pseudo-Rayas der Betrug aufgefallen ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Einige werden den Wein ahnungslos genossen haben. Bei anderen liegt er wahrscheinlich noch im Keller und dämmert seiner vermeintlichen Reife entgegen, obwohl er längst Essig sein muss.

Die Falsifikate in den Verkehr zu bringen, bereitet keine grosse Mühe. Meist geschieht das über den grauen Markt. Das heisst: ausserhalb der «offiziellen» Beziehung zwischen Erzeuger und Alleinimporteur. Da die Vertriebswege auf dem grauen Markt verschlungen sind, regt sich selten Argwohn, wenn eine Partie Wein über einen unbekannten Händler angeboten wird. Aber die unbestimmte Herkunft allein ist noch kein Grund, Verdacht zu schöpfen. Oft ist der Preis das einzige Indiz dafür, dass mit dem Wein womöglich etwas nicht stimmt.

Mitte der neunziger Jahre tauchte zum Beispiel gefälschter Perrier-Jouët-Champagner auf dem grauen Markt auf. Er kostete ein paar Franken weniger als das Original, so kam der Betrug ans Tageslicht. Anfang der neunziger Jahren kursierten grössere Mengen getürkten Dom Pérignons, des Prestige-Cuvées von Moët & Chandon. Auch diesen Flaschen wurde zum Verhängnis, dass sie zu preiswert waren.

Selbst Grappa ist vor Fälschungen nicht sicher. Obwohl der Schnaps aus einem Abfallprodukt der Rotweinherstellung, dem Trester, hergestellt wird, stehen bestimmte Grappas bei Sammlern hoch im Kurs. Am gesuchtesten sind die des Piemontesen Romano Levi. Der 73-jährige Autodidakt zeichnet nämlich jedes Etikett für seine rund 20 000 Flaschen, die er jährlich abfüllt, mit eigener Hand.

Und Levi ist ein Künstler. Aus seiner Tuschfeder fliessen bald naive Blümchenbilder, bald vollbusige Phantasieweiber, bald hintersinnige persönliche Botschaften. Diese Autographen sind es, die seinen Grappa berühmt gemacht haben. Täglich drängen sich bis zu 500 Fremde am Metallzaun seines Anwesens in dem Dörfchen Neive, um ein Fläschlein zu ergattern. Bescheidene 35 000 Lire verlangt der Meister. Doch kann er gar nicht so schnell zeichnen, wie die Besucher zahlen möchten. Oft muss die Bettelgemeinde mit leeren Händen abziehen. In der Schweiz und in Deutschland zahlen Sammler bis zu 300 Franken pro Flasche. Viele merken dabei gar nicht, dass ihnen Falsifikate untergejubelt werden. «Lastwagenweise» werde das Zeug gefälscht und verschoben, schrieb die Tageszeitung «La Stampa» unter Berufung auf die Carabinieri.

Einen der Fälscher konnte die Polizei immerhin dingfest machen: den 68-jährigen Vittorio Tonini aus San Biagio di Callalta bei Treviso. Zum Verhängnis wurde dem Destillenbesitzer, dass er die gefälschten Flaschen mit einer ehrlich erworbenen Steuerbanderole samt Seriennummer beklebt hatte. Über die konnte die Finanzpolizei seinen Namen schnell ermitteln.

Mit Insider-Kenntnissen hätten auch private Kunden den Betrug aufdecken können: Ein D vor der Seriennummer auf der Banderole ist der Code für die Steuerverwaltung in Treviso, Levis echte Grappas tragen dagegen ein Y - den Code fürs piemontesische Turin. Doch auch ohne Blick auf die Banderole wären die meisten falschen Levi-Grappa für Private erkennbar gewesen. Es genügt nämlich, mit angefeuchtetem Finger über das Etikett zu streichen. Ist es wischfest, wurde es gedruckt und ist damit gefälscht.

Doch auch perfekte Etikettenimitationen garantieren keinen Erfolg. Zur Lachnummer wurde Anfang der achtziger Jahre der Versuch eines Kanadiers, mehrere Kartons gefälschter Mouton-Rothschild-Weine des gesuchten Jahrgangs 1975 in Amerika in Umlauf zu bringen. Die Etiketten mit dem Andy-Warhol-Motiv waren noch das Beste an der Fälschung. Weniger schlau war es, den Wein in Flaschen abzufüllen, auf deren Boden «Made in Canada» eingeprägt war, und sie in schäbigen Pappkartons statt in Holzkisten auszuliefern. Es war dann aber der Druckereibesitzer, der die Polizei informierte. Die Erklärung des Fälschers, er brauche die Etiketten zum Tapezieren seines Badezimmers, war ihm wenig plausibel erschienen.

Im Zeitalter der Informationstechnologie ist so viel Dilettantismus selten geworden. Jetzt lassen sich Etiketten mit einem gutem Scanner und einem Printer im eigenen Büro «klonen». Potentielle Fälschungsopfer haben sich bereits darauf eingestellt; Château d'Yquem und Château Pétrus verwenden seit 1988 Etiketten mit Wasserzeichen, und Marchese Incisa will für seinen Sassicaia künftig ein Etikett mit eingearbeitetem Silberfaden verwenden.

Gegen eine andere Art von Fälschern sind sie alle machtlos: gegen jene, die minderwertigen Wein in Originalflaschen hochwertiger Weine abfüllen. Vom teuren 1982er Château Pétrus tauchten mehrere solcher Exemplare auf. Die Fälscher hätten die Kapsel des Originals vorsichtig entfernt, den Korken mit einer Korkenspanne unbeschädigt aus der Flasche gehebelt, danach einen Pétrus aus dem kleinen 1984er Jahrgang in die Flasche geschüttet und diese dann mit dem alten Korken wieder sauber verschlossen, berichtet Château-Miteigentümer Christian Moueix. Lohn der Mühe: über 3000 Franken. So gross ist die Preisdifferenz zwischen einem 82er und einem 84er Pétrus pro Flasche. Das Austauschen von Wein scheint gerade bei alten Jahrgängen ein beliebter Sport kleinkrimineller Gentlemen zu sein. Fachleute staunen, wie viele Flaschen 1959er oder 1945er Château Pétrus auf Auktionen auftauchen. Moueix selbst hat gemäss der amerikanischen Weinfachzeitschrift «The Wine Spectator» erst zweimal in seinem Leben einen 59er Pétrus getrunken - so rar sei der Wein.

Doch so gross die Zweifel an der Echtheit zahlreicher Flaschen sind, so rar sind die Beweise. Besonders viele Fälschungen sind vom 1947er Château Cheval Blanc im Umlauf, einem der Mega-Weine des 20. Jahrhunderts. Entweder sind es immer dieselben ungetrunkenen Flaschen, die zirkulieren, oder aber es sind dieselben Flaschen mit immer neuem Inhalt - also «fakes», wie Falsifikate unter den Fachleuten genannt werden. Der amerikanische Weinkritiker Robert Parker zum Beispiel berichtet von einer Flasche Cheval Blanc «mit seitlich aufgeschlitzter Kapsel und schlecht fotokopiertem Etikett», die ihm 1996 von einem Weinhändler aus England zur Begutachtung zugeschickt worden sei.

Auch Franz Josef Wermuth hat einen 1947er Cheval Blanc schon «mit neutraler Kapsel und manipuliertem Korken» gesehen. Überhaupt sind dem Zürcher Weinhändler wiederholt fragwürdige Bordeaux angeboten worden, etwa ein alter Lafite mit viel zu kurzem Korken sowie ein angeblich auf dem Château neuverkorkter Mouton-Rothschild. Kenner wissen, dass Mouton alte Weine in der Regel nicht neu verkorkt.

Die spektakulärste Fälschung kam 1991 an den Tag. Der Inhalt einer Flasche 1787er Château Lafite, die aus der Sammlung des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson stammen soll, erwies sich in einer Laboranalyse als Wein, der teilweise aus dem Jahr 1962 stammte. Der Weinraritätenhändler Hardy Rodenstock hatte die Flasche an einen Münchner Fabrikanten verkauft. Allerdings bestehen Zweifel, ob der Verkäufer der Betrüger war. Fotos belegen, dass an der Flasche nach dem Verkauf herummanipuliert worden war.

Die Auktionshäuser versichern, gegen die Tricks der Fälscher gut gewappnet zu sein. Christie's beschäftigt in seinem Londoner Lager ein halbes Dutzend Experten, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als die Füllstände alter Flaschen zu prüfen und deren Echtheit zu garantieren. «Wir handeln nicht mit gefälschter Ware», da ist sich Anthony Hanson, der Direktor des Wine Department, sicher. «Ausserdem kennen wir 90 Prozent unserer Einlieferer genau.» Gleiches beanspruchen Sotheby's und andere Weinversteigerer für sich. Der Bremer Gernot Koppe etwa sagt: «Wenn uns plötzlich eine ganze Kiste 1961er Pétrus angeboten würde, dann fragen wir schon: Hallo, wo haben Sie denn die her?»

Geld ist stets das Hauptmotiv für die Fälscher. Ihre kriminelle Energie wird dadurch beflügelt, dass der Markt solche Weinen verlangt, egal ob echt oder falsch. Die legendären Altweinweinproben und Vertikal-Degustationen berühmter Gewächse wie Château Pétrus, Château d'Yquem und anderen, die in den achtziger und neunziger Jahren von ausgewiesenen Weinkennern veranstaltet wurden und ein weltweites Echo fanden, haben viele kleine Nachahmer gefunden.

Da lädt der weinsammelnde Rechtsanwalt aus Miami zur Rare-Bottle-Party ein und wartet mit einem 1947er Cheval Blanc auf. Ein Jahr später revanchiert sich der texanische Ölmillionär und präsentiert, um seinen Vorgänger zu toppen, denselben Wein in Magnumflaschen. Zwei Jahre später werden beide von einem chinesischen Geschäftsmann nach Singapur eingeladen, der eine 6-Liter-Impériale 1947er Cheval Blanc verspricht. Manchmal sitzen die Lieferanten der raren Flaschen mit am Tisch und prosten ihren Kunden zu - wenn nicht mit einem 1947er Cheval Blanc, dann zum Beispiel mit einem 1928er Latour, wie er vor ein paar Jahren in Chicago ausgeschenkt wurde. «Es war der schönste Wein der Probe», berichtet einer, der dabei gewesen war. «Er schmeckte wie ein junger kalifornischer Pinot noir.»

Jens Priewe ist Weinjournalist und lebt in München. Von ihm ist zuletzt im Verlag Zabert Sandmann «Wein - die praktische Schule» erschienen.


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