Eine giftige Kröte, die in finsteren Löchern lauert – das, sagt Schopenhauer, ist der Neid. Der Apostel Paulus setzte den Neid gleich mit Hurerei, Geiz, Bosheit und Mord (Römer 1,29), und das Grimmsche Wörterbuch definiert ihn als «die gehässige und quälende Gesinnung, mit der man Vorzüge oder Erfolge anderer wahrnimmt». Bei so viel Abscheu gerät leicht in Vergessenheit, dass der Neid oft ein Antrieb zu vielbewunderten Taten ist, ja ein Motor der Volkswirtschaft – und sogar die Mutter aller sozialen Gerechtigkeit auf Erden (mindestens der zuweilen erreichten Annäherung an diese).
Neid: Der hiess einst anschaulich auch «Scheelsucht» (noch bei Thomas Mann); die Eifersucht ist sein Halbbruder: einerseits der aggressive Neid auf den erfolgreichen Nebenbuhler, andererseits die blosse Wahnvorstellung, es gebe einen solchen. Eine durchweg kämpferische Form des Neides nennen wir Rivalität, den Wettlauf um Erfolg und Ruhm – wie Leonardo und Michelangelo ihn ausgetragen haben, Thomas und Heinrich Mann. Schopenhauer schrieb sein halbes Leben lang als fast unbekannter Privatgelehrter gegen Hegel an, den Grosskophta der Schulphilosophie, den «ganz erbärmlichen Scharlatan», wie er ihn nannte, und kaum hätte Schopenhauer ohne diesen wütenden Neid die Kraft besessen, drei Jahrzehnte des Misserfolgs schreibend durchzustehen, bis endlich der Ruhm ihn einholte. «Neid ist dem Menschen natürlich», schrieb er; dennoch sei er ein Dämon, den wir ersticken sollten.
Warum eigentlich – wenn er uns doch «natürlich» ist und den Schreiber seinerseits zu grossen Werken trieb? Der Geschwisterneid seit Kain und Abel, der Fut terneid, der Neid auf den beförderten Kol legen, der blanke, bleiche, gelbe, grüne Neid – er ist überall. Bis zum Hass kann er sich steigern; auf Rache sinnt er oft; in der Schadenfreude findet er Genugtuung; sympathisch wirkt er nie. Doch was hilft’s! «Neiden und geneidet werden ist das meiste Tun auf Erden», schrieb der schlesische Dichter Friedrich von Logau vor dreieinhalb Jahrhunderten – und der Einfluss des Neides auf die Menschenwelt ist seither noch drastisch gewachsen.
Einst gab es nur dann und wann ein Murren unter den Zurückgesetzten – damals zum Beispiel, als Jesus alle Arbeiter im Weinberg mit einem Silbergroschen entlohnte: die, die sich zwölf Stunden lang geplagt, und die, die nur eine Stunde gearbeitet hatten (Matthäus 20). Und Jesus sprach: «Habe ich nicht die Macht, zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?» (Ein Standpunkt, der heute nicht als politisch korrekt passieren würde.) Und weiter: «Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?» In der Tat: Jedem hatte Jesus einen Silbergroschen versprochen, also keinen betrogen – jedoch mit dem, was er seine Güte nannte, die Scheelsucht der Frühaufsteher auf die Zuletztgekommenen provoziert.
Wer sich nicht so frontal benachteiligt sah, dem lag bis weit ins 19. Jahrhundert der Neid meist fern; mindestens fand die Missgunst kein Forum, sich zu artikulieren oder gar zu einer Macht zu werden. Die Armen und die Knechte hielten sich für den Teil einer völlig natürlichen Ordnung der irdischen Verhältnisse. Erst den Predigern des Sozialismus gelang es, unter den Schlechtweggekommenen massenhaft das Gefühl zu verbreiten, dass ihnen Unrecht geschehe, und damit in die politische Offensive zu gehen. Sie haben den Zustand herbeigeführt, den der Soziologe Helmut Schoeck 1966 in seinem Standardwerk «Der Neid» so beschrieb: Die Neider bekommen immer recht, sie erzwingen immer höhere Sozialhilfe und immer krassere Steuerprogression, und nur wer auf sie setzt, kann parlamentarische Mehrheiten erringen; ja die Beneideten haben gegenüber den Neidern eine Art Schuldgefühl entwickelt. Eben auf diese Weise ist im Abendland eine gewisse Annäherung an das undefinierbare Ideal der «sozialen Gerechtigkeit» entstanden, mit Konsequenzen, die man grossenteils bejahen könnte – nur dass die Zufriedenheit auf Erden dadurch offensichtlich nicht gestiegen ist. Je mehr die Lebensumstände sich annähern, umso empfindlicher reagieren wir auf die verbliebenen Unterschiede, sagt Schoeck, und ähnlich der amerikanische Volkswirtschafter John Kenneth Galbraith: «Wer könnte mit Sicherheit behaupten, der Hunger schmerze mehr als der Neid auf des Nachbars neuen Wagen?»
Wenn das wahr ist, dann würde ohne Neid die Autoindustrie zusammenbrechen, und nicht nur sie. Da wir ihm ohnehin nicht entrinnen können, bleibt uns eigentlich nur zweierlei – in unserm Verhalten: den Neid nicht zur Schau tragen und uns von ihm nicht zerfressen lassen; nach der hübschen Volksweisheit aus Köln: «Mer muss jünne künne», gönnen können muss man. Für die moralische Bewertung des Neides aber gilt: Da wir unseren heutigen Lebensstil weithin gerade ihm verdanken, sollten wir die Kraft haben, gelassen mit ihm umzugehen. Das Paradies, das Augustinus im «Gottesstaat» entwarf, ist auf Erden nicht zu haben, ja viele würden es nicht einmal haben wollen: mit einer Rangordnung nach Dienst und Lohn – jedoch so, «dass kein Niedriger den Höheren beneidet».