Dr. J. Walter Ammann, 1949 in Ennetbühl im Toggenburg geboren, hat an der ETH Zürich Bauingenieur studiert. Nach Tätigkeiten in privaten Ingenieurbüros und in der industriellen Forschung hat er im November 1992 die Leitung des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung Weissfluhjoch (SLF) angetreten.
Dr. Othmar Buser, 1932 in Zürich geboren, hat an der Universität Zürich Kernphysik studiert. Er ist seit 1965 im SLF tätig und hat sich dort jahrelang intensiv mit der Mikrostruktur des Schnees befasst. Unterdessen hat er sich den Computerhilfsmitteln für die Lawinenforschung zugewandt.
Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) wurde 1936 mit Sitz auf dem Weissfluhjoch (2760m .M.) gegründet und ist seit 1989 in die Eidgenssische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft integriert- Die Hauptaufgaben der 45 Mitarbeiter sind die Forschung und Wissensvermittlung auf den Gebieten Schnee und Lawinen sowie Dienstleistungen, von denen das Lawinenbulletin sicher das bekannteste ist.
Warum ist Schnee weiss?
Schnee ist eigentlich gar nicht weiss, sondern transparent, da ein einzelner Schneekristall aus durchsichtigem Eis besteht. Im sechseckigen Schneekristall wird das Licht aber gebrochen und in alle Richtungen reflektiert, so dass der Eindruck von Weiss entsteht.
Gibt es unendlich viele Formen von Schneekristallen?
Unendlich ist so gross, sagen wir lieber: sehr viele. Innerhalb der Vielfalt von Formen gibt es aber auch hier Gruppen, so wie bei den Pflanzen: keine Tanne sieht gleich aus wie die andere, und doch sind alles Tannen. Und so gibt es auch unter den Schneekristallen die schönen hexagonalen Sterne, aber auch sechseckige Plättchen, die sind weniger spektakulär, oder dann- noch simpler- die Eisnadeln. Aber auch die sind im Querschnitt sechseckig.
Warum sind sie alle sechseckig?
Weil für gefrierende Wassermoleküle 120 Grad der günstigste Winkel ist, aneinanderzulagern, und 120-Grad-Winkel aneinandergefügt ein Sechseck bilden.
Wie kommt es denn zu dieser Vielfalt von Formen? Wann gibt es eine Nadel, wann einen Stern?
Das hängt hauptsächlich vom Wasserdampfangebot in der Atmosphäre ab, von der Temperatur und davon, wie schnell die Wärme abgeführt werden kann, die bei der Umwandlung von Wasserdampf in Eis entsteht.
Wie entsteht Schnee?
Schneekristalle bilden sich in der Atmosphäre, wenn sich Wasserdampfmoleküle an einem Eiskeim ansetzen. Die Rede ist hier von Wasserdampf, einem durchsichtigen Gas, nicht vom nebligen Dampf, den wir aus der Waschküche kennen und der aus Wassertröpfchen besteht.
Gibt es im Schneekristall Leben wie im Wassertropfen?
Das glaube ich nicht. Ein Schneekristall ist praktisch zweidimensional, jedenfalls sehr, sehr dünn. Ein Wassertropfen ist sehr viel grösser.
Wieso gibt es grosse und kleine Schneeflocken?
Schneeflocken sind zusammenklebende Schneekristalle, und sie kleben desto besser aneinander, je wärmer es ist. Es darf allerdings nicht stürmen, da der Wind die Kristalle zerbricht. Verwechseln Sie aber nicht Schneeflocken und Schneekristalle: Die Grösse eines Kristalls hängt davon ab, wieviel Zeit er zum Wachsen hatte. Er erreicht maximal etwa 5 mm Durchmesser und braucht ein paar Stunden dafür.
Kann man einen einzelnen Schneekristall aufbewahren?
Theoretisch schon, aber das ist mühsam. Da geht man besser wieder einen neuen holen. Um ihn auf alle Ewigkeit zu bewahren, kann man ihn in Formaldehyd legen und einen Abdruck herstellen. In einem Museum in Grossbritannien kann man einen auf diese Weise konservierten Schneekristall aus dem letzten Jahrhundert bewundern.
Was ist Kunstschnee?
Kunstschnee sind gefrorene Wassertropfen, ein Griess aus Eiskörnern, nicht Schnee. Unter einer Schneekanone wird man klatschnass, die Wassertropfen gefrieren zum grössten Teil erst auf dem kalten Boden.
Wird nicht das Wasser unter dem hohen Druck durch die Expansion kläter und gefriert so?
Das denken viele, aber es ist falsch.
Wieso kann man aus Pulverschnee keinen Schneemann und keine Schneebälle machen?
Weil Pulverschnee kalt ist und kalter Schnee nicht aneinanderklebt.
Warum singt Pulverschnee, wenn man darber geht?
Das Geräusch entsteht, wenn die zerbrechenden Schneekristalle aneinanderreiben.
Schnee nimmt whrend des Fallens ja auch Dreck aus der Atmosphäre mit. Gibt er Aufschluss über die Situation in der Atmosphäre?
Genau dem Punkt wollen wir künftig mehr Aufmerksamkeit schenken. Man verspricht sich einiges davon.
Manchmal liegt farbiger Schnee. Woher kommt das?
Der gelbe Schnee ist von ganz feinem Saharastaub gefärbt, der sich je nach Windverhältnissen im Gefolge eines Sandsturms über der Sahara hier ablagert. Der rote Schnee hat seine Farbe, so habe ich mir sagen lassen, von blutroten Kugelalgen, die am Ort wachsen, wo der Schnee liegt.
Wie durchsichtig ist Schnee?
Das hängt von der Dicke der Schneedecke ab. Jedenfalls ist unter dem Schnee das Licht blau, weil Blau dickere Schichten durchdringt als alle anderen Farben, die im weissen Licht auch enthalten sind.
Wer nimmt die Schneemessungen vor?
Wir haben ein Netz von Beobachtern, die haben zum Beispiel in ihrem Garten einen Schneepegel stehen und schauen morgens nach, wieviel Schnee liegt. Je nachdem stechen sie mit einem Rohr eine Schneeprobe aus, wägen sie, um die Dichte festzustellen, und messen eventuell auch noch die Schneetemperatur.
Was ist, wenn es die ganze Nacht stark schneit, und ab 6 Uhr morgen beginnt es zu regnen, und um acht Uhr ist der ganze Schnee weggeschwemmt?
Dann hat es statistisch nicht geschneit. Was wir abfragen, ist: wieviel Schnee liegt morgens um 8 Uhr an der Messstelle? Das ist nach unserer Definition der Neuschnee, der nicht identisch mit der Niederschlagsmenge ist.
Ist die Lawinengefahr automatisch dann gross, wenn viel Schnee fällt? Hängt es nicht auch noch von anderem ab, von der Temperatur, der Konsistenz des Schnees usw.?
Der Hauptfaktor ist schon die Menge des neugefallenen Schnees. Wenn in den letzten zwei Tagen zwischen einem halben und einem ganzen Meter Schnee gefallen ist, ist die Gefahr sehr gross. Wesentlich ist aber auch der Schneedeckenaufbau. Fällt Schnee zum Beispiel auf eine Reifschicht, dann rutscht dieser Schnee rasch.
Besteht bezüglich Lawinengefahr ein Unterschied, ob der Schnee auf einer Skipiste liegt oder an einem unberhürten Hang?
Ja, mit dem zustäzlichen Druck wird die Dichte des Schnees verändert, die Luftporen im Schnee werden kleiner. Auf einer Piste ist die Schneedecke sehr gut verfestigt, da kann kaum mehr etwas passieren. Es wäre eine gute Lawinenprophylaxe, alle Hänge mit der Schneewalze zu stabilisieren, aber wohl zu aufwendig.
Wie untersucht man die Rutschfestigkeit des Schnees?
Wir haben verschiedene Methoden, angefangen beim einfachen Test mit dem Rutschblock: Man legt an einem Hang einen zwei mal anderthalb Meter grossen Schneeblock frei, so dass er quasi frei am Hang klebt. Dann wird der Schneeblock belastet, indem sich jemand mit Skiern darauf begibt. Wenn nichts passiert, wippt er mit den Knien. Passiert immer noch nichts, springt er, bis der Block wegrutscht oder eben auch nicht. Das ergibt dann eine erste, grobe Klassierung. Ferner haben wir experimentelle Tests, mit denen wir in einer Schneedecke die schwache Schicht feststellen und dann herausfinden, wieviel Kraft es braucht, die schwache Schicht ins Rutschen zu bringen.
Im Augenblick schneit es, und von Zeit zu Zeit hört man Detonationen. Offenbar werden Lawinen mit Sprengungen losgelöst. Wie geht das vor sich?
Eine Methode ist, dass man an vordefinierten Stellen mit Minenwerfern oder mit Rakrohr auf ein berechnetes Ziel am Hang schiesst. In einer anderen nimmt man die Sprengungen vom Helikopter aus vor, das bedingt aber, dass Flugwetter ist. In Perioden mit sehr massivem Schneefall möchte man aber so etwa alle zwölf Stunden Lawinen auslsen, damit nicht plötzlich ein Meter Schnee liegt. Je weniger Schnee oben liegt, desto kleiner ist die Lawine. Man will ja nicht, dass sie über eine Skipiste hinweggeht, sondern am Rand anhält. Eine dritte Variante sind fix installierte Sprengbahnen; da werden an einer Art Seilbähnchen im Rundlauf einzelne Sprengladungen in Position gebracht und dann ferngezündet.
Wie viele Lawinenopfer gibt es pro Winter in den Alpen?
In der Schweiz sind es im langjährigen Durchschnitt 26. Wir erfahren jährlich von etwa 100 Unfällen in der Schweiz, man rechnet aber mit einer zehnmal höheren Dunkelziffer. Tourenskifahrer, die sich selber retten konnten, behalten das gerne für sich, weil es kein Ruhmesblatt ist, sich von einer Lawine erwischen zu lassen.
Weshalb gibt es trotz Lawinenwarnungen immer noch so viele Unfälle?
Wir können nur grossräumige, generelle Warnungen durchgeben. An Ort und Stelle ist dann der einzelne Fahrer bzw. der Tourenführer verantwortlich.
Welches ist der schneereichste Ort in den Schweizer Alpen?
Wenn Sie damit meinen: schneereich im Verhältnis zur Höhenlage, dann wahrscheinlich das Säntisgebiet, die Walenseegegend, zum Teil das Glarnerland sowie die nördlichen Maggia-Täler.
Und wo schneit es wenig?
Relativ wenig Schnee haben das Engadin, das eher niederschlagsarm ist, und gewisse Gebiete im Wallis.
Viele Leute haben den Eindruck, es habe in ihrer Kindheit mehr geschneit als jetzt. Gab es vor 20 Jahren, vor 50 Jahren wirklich mehr Schnee?
Nein. Zwar waren die letzten paar Winter in den tieferen Lagen tatsächlich schneearm. Es hat während der ganzen Messreihe aber immer beides gegeben, sehr schneereiche und ganz schneearme Winter.
Was sind die Eisblumen am Fenster?
Eisblumen wachsen an einem Gefrierkeim am Fenster- an einem Schmutzpartikel, einer Unebenheit -, wenn es in der Stube feucht genug und draussen kalt genug ist und das Fenster nicht gut isoliert. Sie entstehen physikalisch wie Schnee. Sie haben noch Eisblumen unten in der Stadt?