NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Der Sieben-Monats-Schläfer

Von Heini Hofmann

WEIL SEIN SCHWANZ in der ganzen Länge buschig behaart ist und er sich beim Fressen gerne aufs Hinterteil setzt, wobei er das Futter manierlich mit den Vorderpfoten hält, wird er oft irrtümlich für ein junges Eichhörnchen gehalten: der Siebenschläfer.

In Wirklichkeit ist er der grösste und zumindest dem Namen nach auch bekannteste unter den vier einheimischen Bilchen, wie die Schläfer auch heissen. Der Rücken dieses ausgesprochenen Baumtieres, das geschickt klettern und bis zu einem Meter weit springen kann, ist aschgrau gefärbt - weshalb es der Volksmund «graue Baumkatze» nennt -, mit bräunlichem Anflug und metallischem Glanz und zudem scharf begrenzt zur milchweiss-glänzenden Bauchpartie.

Der nächtlichen Orientierung dienen ausgeprägte Gesichts- und Tastsinne: grosse, dämmerungstüchtige Augen, fast nackte und in Fledermausmanier durch zitternde Muschelbewegungen vortrefflich ortende Ohren, dazu ein leistungsfähiger Geruchsinn sowie empfindliche Tastorgane, das heisst lange Schnurrhaare und mit Einzelhaaren versehene Tasthügel im Gesicht und an den Unterarmen.

Eine wichtige Voraussetzung für ein Leben, das sich vorwiegend auf Sträuchern und Bäumen abspielt, stellen die Kletterzehen dar, vorne vier und hinten fünf, und die mit kissenartigen Schwielen versehenen Füsse, die den Haltegriff im Geäst verbessern.

Bilche sind extreme Schlafmützen. So besitzt der Siebenschläfer seinen Namen zu Recht; denn ganze sieben lange Monate, von Oktober bis April, verfällt er in Dauerschlaf. Dieser Langzeitschlaf der Bilche ist vor allem in physiologischer Hinsicht phänomenal: Die Körpertemperatur, die im Wachzustand um die 35 Grad Celsius beträgt, kann in der Winterstarre bis auf ein halbes Grad über dem Gefrierpunkt absinken. Die Herzfrequenz reduziert sich stark, im Extremfall von 450 auf knapp ein Dutzend Schläge pro Minute. Auch die Atmung wird auf ein Minimum abgesenkt, wobei sogar atemfreie Pausen zwischengeschaltet werden, die beim Siebenschläfer einige Dutzend Minuten betragen können. Selbstverständlich geht das an den zierlichen Tierchen nicht spurlos vorüber: Der mittlere Gewichtsverlust vom Herbst bis in den Frühling beträgt fünfzig Prozent und mehr!

Bilche sind ab Sonnenuntergang bis vor Sonnenaufgang aktiv und nur gelegentlich am Tag. Und sie sind sehr ortstreu, was sie nicht hindert, auf kleinem Raum gelegentlich den Nestplatz zu wechseln. «Teilsozial» könnte man die Schläfer nennen; denn sie leben in lockeren Gruppen ohne feste Rangordnung. Oft schlafen sie zu mehreren dicht beisammen.

Schläfer sind allesfressende Nager. Ihre Nahrung ist mehrheitlich vegetabil, mit tierischer Beikost, wobei das saisonale Angebot den Menuplan bestimmt. Die kleinen Körperchen müssen sich grosse Fettreserven anfressen, da der Energiestoffwechsel im Winterschlaf fast ausschliesslich auf Fettverbrennung beruht.

Während der rattengrosse Siebenschläfer mit den dunklen Ringen um die schwarzen Augen eher tiefere Lagen bewohnt, wo er unterholzreiche Laub- und Mischwälder, aber auch Baumgärten und Parkanlagen bevorzugt, reicht der Lebensraum des etwas kleineren Gartenschläfers mit der schwärzlichen Gesichtszeichnung und dem nur am Ende buschigen Schwanz - trotz seinem irreführenden Namen - in Laub- und Tannenwäldern bis hinauf zur Baumgrenze.

Noch kleiner als der Gartenschläfer ist der Baumschläfer, erkennbar am dunklen Augenband und dem wiederum auf der ganzen Länge buschigen Schwanz. Da die Schweiz am Rande seines Verbreitungsgebietes liegt, das von Mittelasien bis Osteuropa reicht, ist er nur gerade im Unterengadin nachgewiesen worden.

Die Haselmaus, der zierlichste aller Schläfer, nicht grösser als eine Hausmaus und von gelbrötlicher Farbe, ist trotz ihrem Namen keine Maus, sondern ein mäuseverwandter Bilch. Die kleinen, gerundeten Öhrchen und die schwarzperligen Äuglein machen das Gesicht puppenhaft. Das Schwänzchen ist - anders als bei den Mäusen - kurzbuschig dicht behaart. Die Haselmaus bewohnt unterschiedliche Waldgemeinschaften, aber auch Gebüsche und Feldhecken, zumal Haselbestände. Ihre Kletterkünste sind affenartig. Haselnüsse werden in artistischer Manier - gewöhnlich ohne Abpflücken - geöffnet und geleert.

Bei Gefahr kennt sie, wie auch die andern Bilche, ausser dem üblichen Flüchten einen probaten Trick: regloses Verharren - und nach geraumer Zeit lautloses Sichdavonschleichen . . .


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