Am 22. Juni 1633 bezichtigte das Inquisitionsgericht in Florenz den Physiker Galileo Galilei der Ketzerei und verurteilte den fast Siebzigjährigen zu Kerkerhaft auf unbestimmte Zeit. Galileis Verbrechen: Er war überzeugter Anhänger der Lehre des polnischen Domherrn Kopernikus, der bereits hundert Jahre vorher zur Erkenntnis gelangt war, nicht die Erde sei das ruhende Zentrum im Weltall, sondern die Sonne. Dieses neue Weltbild stand im krassen Gegensatz zur jahrtausendlang akzeptierten Auffassung des Griechen Ptolemäus, der die Erde in den Mittelpunkt der Welt gestellt hatte. Liessen sich mit dem ptolemäischen Weltbild die Bahnen der Sonne und des Mondes noch einigermassen einfach beschreiben, waren für die Planetenbewegungen sehr komplizierte mathematische Konstruktionen nötig, denn von der Erde aus gesehen bewegen sich die Planeten extrem unregelmässig und zu gewissen Zeiten sogar rückläufig. Mit der Sonne nun im Zentrum vereinfachte sich die Himmelsgeometrie erheblich. Und nur schon der Umstand, dass jetzt nicht mehr der gesamte Sternenhimmel täglich um die Erde rasen musste, sondern sich lediglich die Erde auf den kosmischen Weg machte, dürfte rationale Zeitgenossen des Kopernikus begeistert haben.
Galileis grosses Verdienst war es, mit Hilfe erster Fernrohrbeobachtungen harte Fakten zum Disput geliefert zu haben: Die Venus zeigt Phasen wie unser Mond, was mit einer sonnennahen Bahn verständlich wird. Und die Entdeckung von vier Jupitermonden beendete die Exklusivität des Erdenmondes und die damit begründete Sonderstellung unseres Planeten. Galilei hatte seine Entdeckungen schon 1610 publiziert. Die Gelehrtenwelt wie auch das italienische Volk zeigten sich beeindruckt. Als rein astronomische Diskussion wären seine Argumente vermutlich auch in Kirchenkreisen über die Runde gekommen. Vom Ehrgeiz des überzeugten Wissenschafters getrieben, nahm er indes einen theologischen Fehdehandschuh auf.
Die Theologen argumentierten, die Bibel sage doch: «Und der Herr sprach: -Sonne, stehe still zu Gibeon.? Da stand die Sonne still, bis sich das Volk an seinen Feinden rächte.» Das Wort Gottes impliziere also, dass sich die Sonne normalerweise bewege, weshalb sie nicht im Mittelpunkt ruhen könne. Was Galilei zur unerhörten Aussage reizte, man solle die Bibel nicht allzu wörtlich interpretieren. Bereits von der Reformation arg bedrängt, wollte es sich die katholische Kirche nicht leisten, in ihrer theologischen Tradition jetzt auch noch von der «neuen Wissenschaft» in Frage gestellt zu werden. Der wohl berühmteste Prozess der Wissenschaftsgeschichte war programmiert. Er endete damit, dass Galilei demütig niederkniete und mit der Hand auf der Bibel der Lehre Kopernikus' und seinen eigenen Irrtümern und Ketzereien abschwor.
Am Schluss der Szene jedoch sei Galilei, von seiner wissenschaftlichen Überzeugung getrieben, aufgestanden und habe dem Richterkollegium zornig entgegengeschleudert: «Eppur si muove!» - Und sie bewegt sich doch! Der Satz ist zum Symbol für geistige Freiheit und wissenschaftliche Unabhängigkeit geworden. Nur hat ihn Galilei nach aller Wahrscheinlichkeit nie gesagt. Laut Zeitdokumenten war er nämlich bemüht, nicht aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgestossen zu werden, und nahm lieber die Last auf sich, seine wissenschaftliche Überzeugung im Herzen zu verschliessen, als sich offen der heiligen Kirche zu widersetzen. Woher also der legendäre Satz?
Bald nach Galilei etablierte sich in Europa aufklärerisches Gedankengut. Einzige und letzte Instanz, die über Wahrheit und Irrtum entscheidet, war jetzt die Vernunft; eine Unterwerfung des wissenschaftlichen Denkens unter das geistige Primat der Kirche erschien unakzeptabel. Weshalb auch der klägliche Abgang des grossen Galilei schwer zu ertragen war und postum mit dem heroischen Zitat aufgebessert wurde.
Ironischerweise hatten aus heutiger Sicht sowohl Galilei als auch die Kirche recht. Denn das Weltbild mit der ruhenden Sonne im Zentrum ist nicht wahrer als das mit der Erde im Zentrum. Beide Theorien liefern eine widerspruchsfreie Beschreibung der Himmelsbewegungen. Nur: Die Theorie Kopernikus' führt die verschiedensten Himmelserscheinungen auf eine einzige Ursache, nämlich die Bewegung der Erde, zurück und macht plausibel, was bei Ptolemäus lediglich ein mathematisches Konstrukt ist.
Der fiktive Mut Galileis ist manchem Nachgeborenen zum Leitbild geworden. So etwa den Freunden von Albert Einstein in Nazideutschland. Der Umsturz im physikalischen Weltbild durch Relativitätstheorie und Quantenphysik hatte etliche Zeitgenossen überfordert. Sogar so renommierte Physiker wie die beiden Nobelpreisträger Lenard und Stark ergriffen Position gegen die neue Physik. Sie setzten dem «jüdischen Machwerk» schliesslich eine «deutsche Physik» entgegen. Trotz heiklen politischen Umständen wehrten sich zahlreiche Kollegen für Einstein, allen voran Max von Laue und Werner Heisenberg. Zum Gedenken an das Galilei-Drama vor 300 Jahren stellte von Laue im September 1933 an der Physikertagung in Würzburg die Frage, worauf wohl die Lebenskraft des Satzes: «Und sie bewegt sich doch!» beruhe. Und er meinte: «Ob ich, ob irgendein Mensch es nun behauptet oder nicht, ob politische, ob kirchliche Macht dafür ist oder dagegen, das ändert doch nichts an den Tatsachen!»
Mut zur persönlichen wissenschaftlichen Überzeugung beschränkt sich nicht auf die Physik. Lang ist die Reihe von Verfolgungen im Zusammenhang mit der Darwinschen Evolutionstheorie oder mit bioethischen Fragen. Im amerikanischen Staat Tennessee wurde 1925 per Gesetz verboten, in den öffentlichen Schulen zu lehren, dass «der Mensch von einer niedrigeren Gattung von Tieren abstamme». Den Lehrer Scopes zerrte man deswegen vor Gericht.
Toleranz anderen Ansichten gegenüber ist auch heute keine Selbstverständlichkeit. 1991 konnte es passieren, dass an der Universität Zürich der australische Philosoph Peter Singer niedergeschrien und körperlich attackiert wurde, weil er es wagt, aktive Sterbehilfe bei schwerstbehinderten Säuglingen moralisch zu rechtfertigen. Galileis Richter sind immer noch unter uns.