NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Am Herd -- Appenzeller Landesmutter

© Serge Nyfeler
Linktext
Marlies Schoch, Wirtin auf der Hundwiler Höhe, macht die würzigsten Chäshörnli. Und sie hat sogar für Bundesrat Merz ein gutes Herz.

Von Andreas Heller

Ohne Fussmarsch geht es nicht. Der Weg führt durch dichten Tannenwald, über Kuhwiesen, Stock und Stein. Nach gut einer Stunde ist man oben, auf der Hundwiler Höhe. Allein der Ausblick auf Säntis und Bodensee lohnt den Aufstieg auf den 1309 Meter hohen Gipfel. Viele keuchen aber noch aus einem andern Grund den Berg hinauf: wegen des Berggasthauses und seiner Wirtin Marlies Schoch.

Seit 39 Jahren führt die ehemalige Lehrerin das Gasthaus auf der Hundwiler Höhe, die stattliche Frau mit den Pausbäckchen und den wachen Äuglein ist das Gravitationszentrum des Lokals. Wenn sie gerade nichts anderes zu tun hat, sitzt sie meist am hintersten Tisch der Gaststube, gleich neben dem Kachelofen. Von dort aus begrüsst sie ihre Gäste und dirigiert ihr Team. «Mirlinda, bring doch noch eine Flasche vom Roten», sagt sie zur Serviertochter. Es dauert nicht lange, da hat sich bereits eine kleine Schar von Stammgästen um sie versammelt.

Marlies Schoch hat stets ein offenes Herz für die ­Sorgen und Nöte ihrer Gäste. Am Morgen, berichtet die Wirtin, seien zwei Männer da gewesen, denen die Ehefrau weggelaufen sei. Das komme in letzter Zeit öfter vor. Ein anderer hat den Job verloren und ist froh, wenn er sich in der Bergbeiz ein wenig nützlich machen kann. Manche bleiben länger und beziehen eines der Gästezimmer – der Künstler Harald Naegeli quartierte sich gar für einen ganzen Winter ein. «Wenn man eine Wirtschaft hat, muss man die Menschen mögen», sagt die Wirtin.

Der Herr, der sich als letzter an den Tisch gesetzt hat, ist Gerichtspräsident in St. Gallen. Lautstark ärgert er sich über Bundesrat Merz und seine Libyenmis­sion. Da muss die Hausherrin, sie ist auch Ausserrhoder Kantonsrätin und Gemeinderätin in Hundwil, den Appenzeller Politiker doch etwas in Schutz nehmen: «Also, wie ich den Hans-Ruedi kenne, hat er es bestimmt nur gut gemeint…»

Neben der Politik und dem sozialen Engagement ist das Kochen eine weitere Passion der Wirtin. «Ich koche, was die Leute gernhaben», sagt sie. Einfache, bodenständige Gerichte, Appenzeller Spezialitäten, und auf Vorbestellung darf es auch einmal ein Schmorbraten oder ein Voressen sein. Fertigprodukte gibt es keine auf der Hundwiler Höhe. Mindestens zweimal in der Woche fährt Marlies Schoch mit dem Haflinger zu Tal, um frische Ware einzukaufen.

Unter den Appenzeller Spezialitäten haben es mir vor allem die Chäshörnli mit Bölle (Zwiebeln) angetan. Sie werden nicht einfach im Salzwasser gekocht, sondern in einer mit Knoblauch und Muskat gewürzten Bouillon. Darauf mischt sie Marlies Schoch mit einer speziellen Käsemischung und brät sie mit nicht zu wenig Butter in der Eisenpfanne.

Auf ein gutes, einfaches Essen muss keiner verzichten, der die Hundwiler Höhe bestiegen hat. Das Wirtshaus ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Und in all den Jahren, während deren Marlies Schoch dort oben wirtete, gab es noch keinen Tag, an dem sie allein geblieben wäre. «Ein Mensch ist immer gekommen», sagt sie. «Selbst beim grössten Hudelwetter.»

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.

Rezept: Chäshörnli mit Bölle
Von Marlies Schoch, Bergasthaus Hundwiler Höhe, 9064 Hundwil

Zutaten für 4 Personen:

400 g Hörnli
200 g Käse verschiedener Sorten (Appenzeller, Emmentaler, Sbrinz, Greyerzer)
Bouillon
2 Knoblauchzehen
1 grosse Zwiebel
50 g Butter
Muskat und Pfeffer

Hörnli in der Bouillon mit Knoblauch und einer Prise Muskat „al dente“ kochen. Die Hälfte der Butter in eine Bratpfanne geben, leicht erwärmen. Hörnli dazugeben. Mit dem grob geraffelten Käse vermengen, immer wieder umrühren, pfeffern und sanft braten bis der Käse schön flüssig ist.

Zwiebel in feine Tranchen schneiden und mit der andern Hälfte der Butter goldgelb bis dunkelbraun dünsten und über die Hörnli verteilen.

Beilage: Appenzeller Siedwurst und Apfelmus

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.